„Nicht alle Tschechen sind xenophob“

Was ist wirklich tschechisch? Und vor allem: Wer ist wirklich tschechisch? Tatsächlich gehören zu Tschechien auch eine halbe Million Menschen, die ihre Wurzeln außerhalb des böhmisch-mährischen Kessels haben. Dazu waren früher einmal Deutsche, heute vor allem Griechen, Ex-Jugoslawen, Vietnamesen oder eben Menschen aus mehrheitlich muslimischen Ländern. Eine davon ist die Gymnasiastin Eman Ghaleb aus Teplice / Teplitz. Bekannt geworden ist sie zunächst als Vermittlerin zwischen den einheimischen Nordböhmen und arabischen Kurgästen. Später wurde sie wegen ihrem Kopftuch noch bekannter hierzulande. Der Tschechische Rundfunk hat exklusiv mit der jungen Frau gesprochen. Im folgenden Beitrag haben wir die interessantesten Passagen zusammengestellt.

Eman Ghaleb (Foto: ČT24)Eman Ghaleb (Foto: ČT24) Tschechien hat wohl kein größeres Markenzeichen als Bier. Für viele Menschen hierzulande gehört das einfach zum Tschechisch-Sein. Nicht aber für Eman Ghaleb:

„Ich denke nicht, dass Schweinsbraten mit Kraut und Bier tatsächlich Symbole des Tschechisch-Seins sind. Tschechien ist viel bunter und schöner. Damit will ich nicht sagen, dass Bier eklig ist. Vor allem, da ich es noch nie probiert habe.“

Das liegt nicht nur am muslimischen Glauben der jungen Frau, auch wenn ihre Abneigung zum Bier viel damit zu tun hat:

Foto: Dáša Vaňková, Archiv des Tschechischen RundfunksFoto: Dáša Vaňková, Archiv des Tschechischen Rundfunks „Ich habe noch nie Bier getrunken. Es reizt mich auch nicht besonders, da verpasse ich sicher auch nichts. Meiner Meinung nach kann ein Leben ohne Alkohol tatsächlich funktionieren. Ich kenne ja auch viele Tschechen, denen Bier und Schweinefleisch nicht unbedingt schmecken. Das sind aber nur Details, und man kann ohne weiteres gleichzeitig Tschechin und Muslima sein. Oft sitze ich mit meinen Freunden zusammen, die trinken dann Bier, ich halt etwas ohne Alkohol.“

Eman Ghaleb ist gebürtige Jemenitin. Ihr Vater kam irgendwann Anfang der Nuller Jahre ins nordböhmische Teplice und arbeitet dort seitdem als Arzt. Eman war damals noch ein Kind, mittlerweile hat sie den Großteil ihres Lebens in Tschechien verbracht. Fühlt sie sich aber auch irgendwie tschechisch?

„Natürlich fühle ich mich tschechisch. Ich lebe ja hier, seit ich fünf bin, und das ist meine Heimat. Ich kenne es ja anderswo überhaupt nicht. Und beim Fußball, Hockey oder aber an irgendwelchen Feiertagen durchlebe ich das wie jeder andere Tscheche auch.“

Foto: Hijabis4ever, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0Foto: Hijabis4ever, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 Und natürlich würde sie für die Nationalmannschaft jubeln, fügt Eman hinzu. Vor allem wegen ihres Kopftuchs hinterfragen viele in Tschechien jedoch Emans Tschechisch-Sein:

„Das passiert oft. Zum Beispiel auf der Straße sind viele dann überrascht, wenn ich akzentfrei Tschechisch spreche. Ich sehe halt ein bisschen anders aus, ziehe mich etwas anders an und habe einen ungewohnten Namen. Das empfinden viele als Hürde, mich tatsächlich als Tschechin anzunehmen. Die Menschen glauben oft an Stereotype, die ihnen eine Definition eines echten Tschechen vorgeben.“

Gehört der Islam zu Tschechien?

In einer letzten großen Umfrage zu dem Thema gaben zwei Drittel der Tschechen an, dass der Islam eine Bedrohung sei. Das war 2014, also noch vor der Migrationskrise. Tschechien und der Islam scheinen also nicht wirklich zusammenzugehören. Was bedeutet das aber für Eman, die ja bekennende Muslima ist, sich aber gleichzeitig sehr tschechisch fühlt?

Foto: Idea go, FreeDigitalPhotos.netFoto: Idea go, FreeDigitalPhotos.net „Tatsächlich ist das etwas schwieriger mit der Identität. Nicht, dass meine Generation sich nicht zugehörig fühlen würde zur tschechischen Gesellschaft. Man wird aber immer noch als irgendwie fremd wahrgenommen. Das liegt einfach am Aussehen oder dem Namen. Ein weiteres Problem ist dann immer diese Kollektivschuld. Wenn es einen Terroranschlag auf der Welt gibt oder etwas anderes Negatives mit Islam-Bezug passiert, dann wissen wir nicht wirklich, wie wir damit umgehen sollen. Warum sollten wir uns für etwas entschuldigen, woran wir nicht schuld sind? Gerade das schafft Grenzen und sorgt dafür, dass sich junge Leute von der Mehrheitsgesellschaft entfernen. Sie haben Angst vor einer Kollektivschuld und damit vor der Zukunft.“

Auch darin, dass sie ihr Kopftuch in der Öffentlichkeit trägt, sieht Eman keinen Identitätsbruch:

Foto: Pixabay / CC0Foto: Pixabay / CC0 „Für viele Muslime ist der Glaube heutzutage Privatsache. Einige werden jetzt sagen, dass es da einen Widerspruch gibt, vor allem bei den Frauen. Die tragen ja ein Kopftuch, für viele ist gerade das ein Zeichen des Islam. Aber das Kopftuch gehört zu einer viel weiter gefassten Identität der Frau. Für mich zum Beispiel ist das Privatsache, und ich sehe das Kopftuch nicht als Zeichen meines Glaubens oder meines angeblichen Widerstands gegen europäische Werte. Diese werden dadurch ja sowieso nicht angegriffen. Gott sei Dank kann sich in Europa jeder so anziehen, wie er will, aber auch glauben und meinen, was er will. Europa entwickelt sich durch Vielfalt. Ich kenne viele Muslime aus mehrheitlich islamischen Ländern, die sich diese Offenheit für die eigene Gesellschaft wünschen. Dass diese ebenso auf Toleranz, Respekt und Freiheit aufgebaut ist. Das Unglück der islamischen Länder ist eher nicht der Islam, sondern vielmehr die Mentalität der Menschen dort. Dahinter steht die Bildungsferne und moralische Verkommenheit, die seit der Kolonialzeit Einzug gehalten hat in diesen Ländern.“

Anfeindungen und Toleranz

Teplice (Foto: Vojtěch Šafránek, CC-BY-3.0)Teplice (Foto: Vojtěch Šafránek, CC-BY-3.0) Doch zurück zum Islam konkret in Tschechien. Eman selbst wollte in ihrer Heimatstadt Teplice zwischen Muslimen und Tschechen vermitteln. Immerhin kommen viele Menschen aus arabischen Ländern als Kurgäste in die Bäderstadt. Die Gymnasiastin übersetzte und erklärte den vornehmlich arabischen Besuchern, wie sie sich verhalten sollten. Bei der tschechischen Seite hatte sie weniger Glück, vor einiger Zeit wurde sie öffentlich in sozialen Netzwerken angefeindet. Dennoch hat sie ein positives Bild von den Tschechen:

„Mir ist das schon passiert, und mir wird das auch in Zukunft wahrscheinlich passieren. Die Menschen hier sind nicht an Muslime gewöhnt und machen sich ihr Bild über uns durch bestimmte Nachrichten. Und das selbst dann, wenn diese Meldungen erfunden sind. Das führt zu kollektiven Schuldzuweisungen, ich kann das aber verstehen. Wenn der Mensch Angst hat, dann versucht er sich zu wehren. Und manchmal schlägt das halt in Hass um. Ich hatte immer Angst davor, alle Tschechen irgendwann einmal in einen Topf zu werfen. Ich wollte nie sagen, dass die Tschechen xenophobe Rassisten sind, weil das ja nicht wahr ist. Negative Erfahrungen kann ich tatsächlich an einer Hand abzählen. Positive hatte ich da schon viele mehr. Es sind immer Einzelpersonen, die radikal sind, bei den Muslimen ist das ja genauso. Gerade die sind aber für den schlechten Ruf aller verantwortlich.“

Eman findet die Tschechen sogar ausgesprochen tolerant, und das auch in einer kleinen Stadt wie Teplice. Vielleicht sogar im Vergleich mit anderen Städten in Tschechien und Europa:

„Dauernd hört man, dass die Tschechen nicht tolerant seien. Dass Tschechien rassistisch und xenophob sei. Das ist nicht wahr. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass das Land tolerant ist, vor allem aber die Stadt, in der ich lebe. In den Medien erscheint Teplice oft als eine Art neues Molenbeek, als ein neues Ghetto in Europa. Dem ist aber nicht so, und die Leute hier sind toleranter als in Prag. Man hat sich hier aneinander gewöhnt, es herrscht eine freundliche Atmosphäre.“