Nachdenklich stimmende Töne

Beim Festival „Prix Bohemia“ werden jedes Jahr die besten Radioproduktionen ausgezeichnet.

Über 80 Produktionen öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten aus Deutschland, Polen, Rumänien, Ungarn, der Slowakei und Tschechien wurden diesmal dem Festival präsentiert. Dieses fand in der vorletzten Märzwoche im mährischen Olomouc / Olmütz statt. Die eingereichten Beiträge waren aufgeteilt in drei Kategorien: Radio-Doku, Hörspiel und Reportage. Die letztgenannte Kategorie war als internationaler Wettbewerb konzipiert.

An drei Festivaltagen trafen sich die Mitglieder einzelner Jurys zum Anhören der Programme. Mit dabei waren aber auch viele Interessenten, insbesondere Studenten der Olmützer Palacký-Universität. Die Hochschule hatte auch ihre Räumlichkeiten für diverse Veranstaltungen des Festivals geöffnet. Am Galaabend des abschließenden vierten Festivaltags wurde im erzbischöflichen Palais bilanziert.

Foto: Khalil Baalbaki, Archiv des Tschechischen RundfunksFoto: Khalil Baalbaki, Archiv des Tschechischen Rundfunks In der Kategorie „News Report/Reportage“ wetteiferten zwölf Beiträge aus sechs Ländern. Die vier Produktionen, die Tschechien ins Rennen schickte, waren zuvor aus insgesamt 22 Beiträgen ausgewählt worden.

Der Juryvorsitzende und international anerkannte Tontechniker Andrzej Brzoska vom Polnischen Rundfunk (Polskie Radio) lobte die hohe Beteiligung am Wettbewerb. Die Themen waren breitgestreut und reichten von der Schießerei im Mandalay Bay Hotel in Las Vegas über „Wunder der Medizin“ bis zur „Minderheit der Lausitzer Sorben in Sachsen“. Laut Brzoska waren die Reportagen sowohl sehr informativ, als auch voller authentischer Töne sowie stiller Emotionen.

Reportage unter Obdachlosen

Den ersten Preis gewann Anita Bak vom ungarischen Rundfunk MTVA. Ihre Reportage „From Forest to Home – History of the Sherwood Homeless Community“ porträtiert eine Gemeinschaft von Obdachlosen in einem Wald bei Budapest.

Im Bereich Hörspiel lehnt sich der siegreiche Beitrag an eine mittlerweile historische Vorlage an: „Der Leichenverbrenner“ ist ein Horrorroman von Ladislav Fuks aus dem Jahr 1967. Das Thema wurde wiederholt schon anderweitig verarbeitet. Am berühmtesten ist der gleichnamige Film von Regisseur Juraj Herz. Bei seiner Premiere wurde der Streifen 1969 von der Staatssicherheit beschlagnahmt. In den folgenden 20 Jahren wurde er in den Tresor gesperrt. Im vergangenen Jahr ist die „Grotesque noire“ über die Verwandlung eines Menschen in eine Bestie im Tschechischen Rundfunk als Hörspiel einstudiert worden. Regisseur war Aleš Vrzák. Er hat dafür in der entsprechenden Kategorie den ersten Preis erhalten.

Als wahre Herausforderung erwies sich die Kategorie „Radio-Doku“ für 41 Autoren und Autorinnen aus Tschechien. Sieben von ihnen kamen ins Finale. Mitglieder der Fachjury waren Leslie Rosin, Feature-Redakteurin beim WDR, Julie Kárová, Dramaturgin des internationalen Filmfestivals „Jeden svět“, das im April zum 18. Mal in Prag stattfinden wird, weiter Silvia Lahner, Abteilungsleiterin „Kultur“ bei ORF 1 sowie der Komponist, intermediale Künstler und Sounddesigner Martin Klusák. Den Vorsitz der Jury hatte die Dramaturgin des Tschechischen Rundfunks für Radio-Dokus, Eva Trojan Nachmilnerová:

Eva Trojan Nachmilnerová (Foto: Tomáš Vodňanský, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Eva Trojan Nachmilnerová (Foto: Tomáš Vodňanský, Archiv des Tschechischen Rundfunks) „Bei den Radiofeatures dominierten diesmal überraschenderweise die Themen ‚Tod und Sterben‘ sowie das ‚psychische Krankheiten‘. Die sieben Finalbeiträge haben von einer breiten Auffassung des Begriffs ‚Radiodokument‘ gezeugt. Das spiegelt sich letztlich auch in den drei preisgekrönten Produktionen. Für die Jury war allerdings die Entscheidung diesmal äußerst schwierig. Bei der Suche nach einem Kompromiss sind einige von uns an persönliche Grenzen gekommen. Es ging dabei um Fragen der Verantwortung des Autors und die Grenzen journalistischer Arbeit. Ein Teilnehmer der öffentlichen Diskussion über die Radio-Dokus hat dies auf den Punkt gebracht: Beim Zuhören habe er sich die Frage gestellt, was ein Autor noch veröffentlichen dürfe und was er besser für sich behalten solle.“

Den ersten Preis in der Kategorie „Radiodokument“ ging an das Feature mit dem Titel „Berka hat sich entschieden zu sterben“.

Illustrationsfoto: Wojciech Krakowiak, Pixabay / CC0Illustrationsfoto: Wojciech Krakowiak, Pixabay / CC0 Der 48-jährige Berka war erfolgreicher IT-Unternehmer und Web-Designer. Er schrieb in einem eigenen Internetblog über die Herausforderungen seines Berufs. Auf Facebook veröffentlichte Berka im März vergangenen Jahres einen Eintrag mit der Überschrift „Eine neue Herausforderung“: Dort hieß es, er lebe seit 20 Jahren mit der Überzeugung, nie alt und krank werden zu wollen. Beim geringsten Anzeichen einer schweren Krankheit sei er jederzeit bereit gewesen, sein Leben zu beenden. Letztlich seien in der Tat gewisse Krankheitssymptome aufgetaucht, sie erweckten bei ihm den Verdacht auf eine unheilbare Krankheit mit einer Lebenserwartung von höchstens vier bis fünf Jahren. Auch die Ärzte hätten eine solche Diagnose nicht ausschließen können. Weiter schrieb er:

Martina Pouchlá (Foto: ČRo - Brno)Martina Pouchlá (Foto: ČRo - Brno) „Um das Risiko auszuschließen, auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen zu sein beziehungsweise einen unangenehmen Kräfteverlust zu erleben, habe ich mich entschlossen, in diesem Jahr mein irdisches Dasein zu beenden.“

Und zwar noch bevor die Herbststürme kämen, so Berka.

Freitod eines Unternehmers

Auch Martina Pouchlá las Berkas Mitteilung auf Facebook. Die studierte Journalistin und Soziologin war den eigenen Worten nach erschüttert. Nach längerem Überlegen und Erwägen entschloss sie sich zu ihrer ersten Radio-Doku, und das über dieses Thema. Bisher hatte sie Beiträge aus den Bereichen Kirche oder Wissenschaft und Technik verfasst.

Martina Pouchlá sprach darauf im Lauf von fünf Monaten wiederholt mit Berka. Er lebte mit seiner Freundin auf dem Lande. Von den rund zehn Stunden an Gesprächsaufnahmen beschloss sie, nur einen Bruchteil für ihre Radio-Doku zu verwenden. Das habe ausgereicht, um Berkas Einstellung zu Leben und Tod zu erfassen, sagt sie. Seine Denkweise bezeichnet die Autorin als vollkommen anders.

Illustrationsfoto: MBqIllustrationsfoto: MBq „Beim Schneiden der Aufnahmen habe ich sehr darauf geachtet, dass mein Gesprächspartner möglichst wenig Details seiner Vorbereitung auf den Tod erwähnt. Das Dokument über ihn sollte keineswegs als Anleitung erscheinen. Deshalb habe ich darüber viel mit unserer Dramaturgin, mit einer Psychologin sowie mit meinen Freunden diskutiert, aber auch mit einem Experten, der sich allgemein mit Fragen der Ethik im Journalismus befasst. Es ist schwer mit Sicherheit zu sagen, ob der Beitrag als Anleitung wirkt oder nicht. Es heißt, dass schon allein das Thema Selbstmord an sich problematisch sei. Ich habe mich sehr bemüht, das Thema auf ideeller Ebene zu halten.“

Paradoxerweise wollte Berka nichts an seiner Entscheidung ändern, selbst als weitere medizinische Untersuchungen seine Diagnose nicht bestätigten.

Jury (Foto: Khalil Baalbaki, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Jury (Foto: Khalil Baalbaki, Archiv des Tschechischen Rundfunks) „Die Vorstellung, dass ich im Herbst Schluss mit dem Leben mache, ist für mich verlockend. Ich habe mich an sie gewöhnt.“

So Berka. Seinen Plan setzte er im September vergangenen Jahres in die Tat um. Die ideelle Herangehensweise der Autorin wurde dadurch nicht beeinflusst, obwohl sie ihre Doku erst einen Monat später vollendete.

Die Auszeichnung des Beitrag mit dem ersten Preis begründete die Jury folgendermaßen. Zitat:

„Die Autorin und Regisseurin Martina Pouchlá (vom Tschechischen Rundfunk Brünn, Anm. d. R.) hat ihre Radio-Doku sowohl einem Mann gewidmet, der eine schwerwiegende Entscheidung getroffen hat, als auch den Menschen, die ihn gern hatten und sich damit nun abfinden müssen. Die Jury zeichnet die sehr ausgefeilte und minimalistische Bearbeitung des Themas aus. Die Autorin hat sich mit einer Tragödie befasst, die ethische Fragen aufwirft. Das Thema hinterlässt bei der Jury sowie den Zuhörern eine gewisse Verlegenheit und vielleicht auch gemischte Gefühle.“