Lebendige Jahrtausendzeugen: Baumdenkmäler in Tschechien

Das Tschechien ein Land der Denkmäler ist, das weiß jeder, der schon einmal hier war, und sei es nur für wenige Tage als Tourist. Burgen, und Schlösser, verträumte Kapellen und historische Marktplätze - überall trifft man auf die steinernen Zeugen der Vergangenheit. Und vergisst darüber allzu leicht, dass es eben nicht immer nur toter Stein sein muss, der als Denkmal Geschichte bewahrt: Gut 25.000 denkmalgeschützte Bäume gibt es in Tschechien. In ihren Kronen rauschen bis heute Sagen und Legenden.

IllustrationsfotoIllustrationsfoto An der Spitze steht die Eiche, die Buche und natürlich die Linde, der slawische Nationalbaum - es sind meist mächtige, jahrhundertealte Solitäre, aber auch Baumgruppen und Alleen, die in Tschechien als Baumdenkmäler ausgewiesen und geschützt werden. Oft sind historische Ereignisse mit den Bäumen verknüpft, sicher noch häufiger aber Sagen und Legenden. Milan Orálek aus dem mährischen Valašské Meziříčí hat solche Geschichten und Legenden für die Denkmalbäume rund um seinen Heimatort gesammelt:

IllustrationsfotoIllustrationsfoto „In einem kleinen Haus bei einer Eibe lebte einmal ein Ehepaar, das hatte keine Kinder. Deshalb hat es einen Pflegesohn aufgenommen. Mit dem sind sie aber nicht richtig zurecht gekommen. Nach vielen Jahren haben sie schließlich doch noch ein eigenes Kind bekommen. Also haben sie das Land in zwei Hälften geteilt: eine Hälfte hat das eigene Kind bekommen, eine Hälfte der Pflegesohn. Aber es gab Streit ums Geld, und das hatten die alten Leute unter der Eibe vergraben. Und auch der Pflegesohn hatte sein Geld auf seiner Seite der Eibe vergraben. Schließlich ist er vom leiblichen Sohn verjagt worden, aber er ist zurückgekommen, um seinen Schatz auszugraben. Dabei hat ihn aber der Schlag getroffen und man hat ihn tot unter der Eibe gefunden. Der Schatz aber, der wurde bis heute nicht entdeckt. Aber es heißt, dass um Mitternacht eine feurige Kugel an der Eibe über der Stelle steht, wo der Schatz liegt – und vielleicht sind es ja sogar zwei Schätze, wie es in der Sage heißt.“

Gut vierzig solcher Geschichten hat Milan Orálek allein aus der Umgebung von Valašské Meziříčí zusammengetragen. Wie aber wird ein Baum zum Baumdenkmal? Zuständig ist die Tschechische Agentur für Natur- und Landschaftsschutz, und die stützt sich auf den Paragraphen 114 des Naturschutzgesetzes aus dem Jahr 1992. Zu einem Baumdenkmal können demnach Bäume erklärt werden, die von einem besonderen Wuchs oder Aussehen sind, die ein ungewöhnliches Alter haben oder eine landschaftliche Dominante sind, und außerdem solche Bäume, die mit einem Kulturdenkmal ein Ensemble bilden, also etwa mit einer Kapelle, einer Kirche, einem Wegekreuz oder einer Quellfassung. Und nicht zuletzt können natürlich auch die Bäume als Denkmal geschützt werden, mit denen sich eine Sage oder ein historisches Ereignis verbindet. Nicht immer muss man dafür bis in legendenumwobene Vorzeiten zurückgehen, meint Milan Orálek:

IllustrationsfotoIllustrationsfoto „Wir haben uns dafür eingesetzt, dass auch solche Bäume zu Denkmälern erklärt werden, an die sich etwa ein Unglück oder eine Tragödie knüpft. So haben wir zwei Linden bei Vařákovy Paseky als Denkmal ausgewählt. Das ist eine Ansiedlung, die noch am 3. Mai 1945 von slowakischen Faschisten niedergebrannt wurde – das war die gleiche Einheit, die kurz vorher Paština in Brand gesteckt hat. Da gibt es zwei Linden, die nach den jüngsten Opfern benannt sind, nach Růžena Šopová und Karel Vařák.“

Gut 25.000 Denkmalbäume gibt es in Tschechien. Und vielleicht hat ja auch Franz Schubert an eine mährische Linde gedacht, als er das Lied von dem Lindenbaum komponierte, der „Am Brunnen vor dem Tore“ steht. Schließlich kommt Schuberts Vater aus Neudorf, dem heutigen Vysoká, unweit von Šumperk / Mährisch Schönberg. Viele der Baumdenkmäler sind berühmte Attraktionen, und manchmal reicht ihr Ruf sogar noch über ihre ohnehin schon jahrhundertelange Lebenszeit hinaus. So etwa bei der Königin-Johanna-Eiche im Schlosspark von Blatná. Unter ihr soll Johanna ihren späteren Ehemann, König Georg von Podiebrad getroffen haben – und das um die Mitte des 15. Jahrhunderts. In den 1980er Jahren ist sie gefallen, das Hochwasser 2002 hat die letzten Spuren von ihr ausgetilgt.

Jakub Krčín (Foto: Martina Stejskalová)Jakub Krčín (Foto: Martina Stejskalová) Bis heute zu sehen ist dagegen die Krčín-Eiche oder auch Teufelseiche bei Třeboň, die einen besonders breiten Stamm hat. Sie trägt den Namen von Jakub Krčín, geboren 1535, einem der berühmtesten Erbauer der großflächigen Fischteiche, die das Landschaftsbild rund um Třeboň prägen. Die gewaltigen Erdarbeiten an den Teichen mussten die Bauern der Umgebung leisten, erzählt Marie Hrušková, Verfasserin eines Buches über Baumdenkmäler in Tschechien. Krčín war ihnen ein umbarmherziger Herr:

„Er hat die Leibeigenen und die unfreien Bauern tyrannisiert, die dort an den Dämmen schuften mussten, und von nicht wenigen von ihnen bergen die Dämme auch die Knochen. Und dafür haben ihn die Bauern natürlich gehasst.“

Und sie konnten doch nicht anderes tun, als zu wünschen, dass Krčín der Teufel holen möge. Das ist dann auch geschehen:

„Zuletzt hatte Krčín schon nicht mehr die Herrschaft geführt, sondern war nach Sedlčany übersiedelt. Aber kurz nach seinem Tod hat man aus den Dämmen, die er hat bauen lassen, überall rund um Třeboň plötzlich schreckliche Geräusche gehört – ein Bersten und Reißen und schreckliche Stürme haben gewütet. Die Leute haben gesagt: den Krčín, den hat der Teufel geholt, und jetzt jagt er ihn durch die Dämme.“

Mit der neunschwänzigen Peitsche soll der Teufel den umbarmherzigen Baumeister quer durch und über alle Dämme gehezt haben, die dieser gebaut hatte, und das waren nicht wenige. An einer schweren Eisenkette musste Krčín das höllische Gefährt in einer wilden Jagd ziehen – bis auch dem Teufel ein Irrtum unterlief und er auf den Damm des einzigen Teiches in der ganzen Umgebung gefahren ist, der nicht von Krčín stammte.

„Als das Gespann des Teufels auf diesen Damm fuhr, ist auf einmal die Kette gerissen und der Teufel hat die Macht über Krčín verloren. Aus dem geborstenen Kettenglied aber ist eine Eiche gewachsen, und deshalb hat sie so einen ungewöhnlichen, ausgreifenden Stamm.“

Erzählt Marie Hruškova. Der jahrhundertealte Baum steht genau auf dem Damm des aufgelassenen Teiches Hradeček. Wie alt er genau ist und ob er wirklich aus Krčíns Zeiten stammt, das lässt sich aber kaum feststellen, so lange der Baum noch steht. Das bestätigt auch Bohumil Reš von der Agentur für Natur- und Landschaftsschutz:

„Das Alter kann man bei den wirklich alten Denkmalbäumen nur schwer feststellen. Zählen lässt sich das nicht. Es heißt, dass einige Eiben bis zu 2000 Jahre alt sind, aber das stimmt nicht. Bei genaueren Messungen ist man so ungefähr auf 500 Jahre gekommen. Man sagt, dass die Karlslinde in Klokočov im Erzgebirge ungefähr 1000 Jahre alt ist, genauso die Körner-Eiche in Dalovice bei Karlsbad, aber ich glaube die Wahrheit liegt so bei 600, 700 Jahren. Genauso die Oldřich-Eiche aus Peruc sicher nicht aus den Zeiten von König Oldřich – das ist ganz sicher noch eine Generation an Bäumen dazwischen.“

Auch wenn nicht alle Legenden stimmen – alt, unvorstellbar alt, sind die meisten Baumdenkmäler oder Denkmalbäume aber ganz bestimmt. Und damit lebendige Zeugen einer längst vergangenen Zeit.