Lange Nacht der Kirchen: Ein heiliges Floß, Jesulein und Reformation

06-06-2017

Eine Nacht, die viele Erlebnisse bietet – das ist die Lange Nacht der Kirchen. Kirchen, Kapellen, Klöster und Gebetsräume öffnen in Tschechien zum achten Mal ihre Tore für die breite Öffentlichkeit. Die Besucher können dabei nicht nur einen Blick in die vielen Sakralbauten Prags werfen, sondern auch und vor allem verschiedene Konfessionen kennenlernen.

Kristýna Poláčková (Foto: Archiv von Kristýna Poláčková)Kristýna Poláčková (Foto: Archiv von Kristýna Poláčková) Die Lange Nacht der Kirchen ist ursprünglich aus Österreich nach Tschechien gekommen. Und genauso wie bei den Nachbarn im Süden, findet sie auch hierzulande am 9. Juni statt. Kristýna Poláčková von der Prager Erzdiözese organisiert die Nacht:

„Die Lange Nacht der Kirchen gibt es in Prag nun zum achten Mal, in Tschechien sogar bereits das neunte Mal. Im ersten Jahr kam die Veranstaltung aus Österreich nach Brünn, wo sie das zuerst realisiert wurde. In den nachfolgenden Jahren haben sich der Aktion Städte in der ganzen Republik angschlossen.“

Die Zahl der teilnehmenden Gotteshäuser wächst von Jahr zu Jahr, ebenso wie das Interesse der Besucher:

„Dieses Jahr haben sich 300 Kirchen in der Prager Erzdiözese angemeldet, in der ganzen Tschechischen Republik sind es 1400 Kirchen. Voriges Jahr sind fast 500.000 Menschen zur Langen Nacht in die Kirchen gekommen. Allein in Prag waren es 113.000 Besucher.“

Kirche Maria vom Siege (Foto: Dezidor, CC BY 3.0)Kirche Maria vom Siege (Foto: Dezidor, CC BY 3.0) Insgesamt über 5000 Programmpunkte und Veranstaltungen sind vorgesehen. Und zwar in all den Kirchengemeinschaften, die Mitglieder des Ökumenischen Kirchenrats sind.

Prager Jesulein

Eine der berühmtesten Kirchen in Prag ist die barocke Kirche Maria vom Siege im Karmelitenkloster auf der Kleinseite. Dieser Name sagt vielleicht nicht jedem etwas. Wenn man aber verrät, dass dort die Statue des Prager Jesulein ausgestellt ist, wissen sicher schon mehrere Prag-Kenner Bescheid. Pater Tomáš Glogar ist Prior des Karmelitenordens:

„Die Kirche wird alljährlich von tausenden Touristen und Pilgern aus der ganzen Welt besucht. Die Menschen kommen hierher und hinterlassen hier ihre – manchmal auch unsichtbaren – Spuren.“

Otmar Oliva (rechts) am Taufbecken (Foto: ČT24)Otmar Oliva (rechts) am Taufbecken (Foto: ČT24) Von diesem Gedanken ließen sich die Organisatoren für die Lange Nacht der Kirchen inspirieren:

„‚Mensch und Raum‘ heißt der erste Teil des Programms. Jeder Besucher kann hier eine farbige Spur hinterlassen, die bestätigt, dass er hier war und sich von diesem Raum beeinflussen ließ. Es ist ein Zusammenspiel zwischen dem prächtigen Raum und dem modernen Menschen, der ihn betritt, um ihn anzuschauen und zu bewundern.“

Der zweite Teil des Programms hat etwas mit modernen Artefakten im Interieur der Kirche Maria vom Siege zu tun. 2015 hat der Bildhauer Otmar Oliva einen neuen Altar, einen Ambo, ein Kreuz und ein Taufbecken für die Kirche aus Bronze gegossen:

Jesulein-Statue (Foto: VitVit, CC BY-SA 4.0)Jesulein-Statue (Foto: VitVit, CC BY-SA 4.0) „Wir möchten hier eine Guss-Werkstatt öffnen. Man kann eine kleine Jesulein-Statue, nicht aus Bronze, sondern aus Zinn abgießen. Also ein Symbol, das seit dem 17. Jahrhundert zu dieser Kirche gehört.“

Begleitet wird die Nacht von Orgelmusik.

Kirche auf dem Wasser

Im letzten Jahr auf Schienen, in diesem Jahr auf dem Wasser. Die Organisatoren haben sich eine Überraschung für die Besucher der Langen Nacht in Prag ausgedacht. Kristýna Poláčková verrät mehr:

„Nach dem letzten Jahr, als wir eine fahrende Kirche in einer Straßenbahn hatten, haben wir dieses Mal eine Kirche, die Anker geworfen hat. Wir haben von der Moldau-Verwaltung ein Floß gemietet.“

Die Anlegestelle des Floßes František soll am Hotel Four Season in der Nähe der Karlsbrücke zu finden sein.

Band Příliš mnoho saxofonů (Foto: YouTube Kanal der Band)Band Příliš mnoho saxofonů (Foto: YouTube Kanal der Band) „Ab halb sechs wird dort Pater Tomáš Roule mit seinen Gästen debattieren. Zum Beispiel mit Dominik Kardinal Duka, der Benediktinerinnen-Schwester Francesca und dem Filmregisseur Jiří Strach. In der Mitte werden Musiker auftreten, die Band heißt Příliš mnoho saxofonů, auf Deutsch Zu viele Saxofone. Es kommen ca. zwölf Saxofon-Spieler und sie werden ab 20 Uhr für eine halbe Stunde spielen.“

500 Jahre Reformation

Einer der geladenen Gäste ist auch Peter Morée von der Evangelischen Theologischen Fakultät der Karlsuniversität. Der Kirchenhistoriker soll über das 500. Reformationsjubiläum sprechen, das in diesem Jahr gefeiert wird:

Martin Luther (Foto: Public Domain)Martin Luther (Foto: Public Domain) „Ich möchte gerne etwas über Luther sagen. Über seine Bedeutung und der lutherischen Reformation für Böhmen. Aber umgekehrt auch über die Bedeutung der böhmischen Reformation oder der böhmischen Kirche für Luther.“

Luthers Haltung zu Hus und zur böhmischen Reformation habe eine interessante Entwicklung durchgemacht, sagte der Historiker.

„Luther war am Anfang sehr reserviert, am Ende hat er sie mit großer Liebe betrachtet. Es war ein Weg, der nicht einfach war. Er ist gut dokumentiert, und zwar nicht nur in Texten, sondern auch in Bildern. Eine wichtige Rolle, auch später in der Geschichtsschreibung der reformatorischen Kirchen im 17. und 18. Jahrhundert, spielt das Bild des Schwans für Luther. Und der Schwan wird immer zusammen mit einer Gans dargestellt. Die Gans symbolisiert Jan Hus. Daraus lässt sich deuten, dass der Schwan eine größere oder erwachsenere Gans ist. Etwas Neues ist das nicht, sondern eine Ergänzung dessen, was schon im 15. Jahrhundert in Böhmen passierte.“

Soweit der Kirchenhistoriker. Die Lange Nacht der Kirchen findet in Tschechien an diesem Freitag, den 9. Juni statt. Kristýna Poláčková:

„Die Nacht beginnt um sechs Uhr mit Glockenläuten. Alle Kirchen, die sich angemeldet haben, starten so ihr Programm. An manchen Orten können die Veranstaltungen aber schon früher beginnen. Die Kirchen zeigen, was bei ihnen typisch ist. Sie laden die Leute zu Besuch ein, sie zeigen, was die Gemeinschaft macht. Man bemüht sich dabei, den Leuten das Christentum näher vorzustellen.“

06-06-2017