„Gedenken sollte nicht zur Show mutieren“

Wer hatte größeren Anteil an der Befreiung der Tschechoslowakei? Die Rote Armee oder doch US-amerikanische GIs? Seit Kriegsende ist die Erinnerungskultur stetig im Wandel. Welche Formen sie bisher hatte und wie es heute um sie steht, damit hat sich Darina Volf beschäftigt. Ein Gespräch mit der Münchner Historikerin über Monumente, Erinnerungs-Events und die Bedeutung von Oral History.

Darina Volf (Foto: Archiv der Ludwig-Maximilians-Universität München)Darina Volf (Foto: Archiv der Ludwig-Maximilians-Universität München) Frau Volf, nach Kriegsende 1945 waren die politischen Verhältnisse in der Tschechoslowakei noch nicht wirklich konsolidiert. Gab es aber damals schon erste Ansätze einer Erinnerungskultur?

„In den ersten Jahren nach Kriegsende war die Erinnerungskultur sehr diffus. Eine klare geschichtspolitische Linie im Umgang mit dieser Erinnerung gab es noch nicht. Es wurden jedoch schon erste Gedenktafeln errichtet und erste Feierlichkeiten veranstaltet. Die politischen Eliten hatten aber noch keine klare Meinung zum Beispiel zu der Frage, welcher Tag denn gefeiert werden sollte. Im Gespräch war neben dem 8. oder 9. Mai auch der 5. Mai, also der Tag des Prager Aufstandes.“

Ab der Machtübernahme der Kommunisten 1948 bis eigentlich zur Wende 1989 setzte sich ein bestimmtes Narrativ in der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg durch. Wie könnte man dieses charakterisieren?

„Während der kommunistischen Herrschaft gab es eine sehr starke Zentralisierung und Vereinheitlichung der Geschichtspolitik. Im Mittelpunkt dieses Narrativs stand natürlich die Erinnerung an die Rote Armee, die zum einzigen Befreier der Tschechoslowakei stilisiert wurde. Alle anderen Erinnerungen, die nicht in dieses Narrativ gepasst haben, gerieten in den Hintergrund. Dazu gehörten zum Beispiel die Erinnerung an die Befreiung Westböhmens durch die Amerikaner oder auch die Erinnerung an das Attentat auf Reinhard Heydrich. Dieses wurde vom westlichen Widerstand und der Londoner Exilregierung angeordnet und passte deshalb nicht in das Narrativ, bei dem der kommunistische Widerstand im Mittelpunkt stand. Allerdings gab es auch in dieser Zeit von 1948 bis 1989 einige Änderungen. Diese betrafen die Erinnerung an die US-Armee im Westböhmen. Im Zuge des Prager Frühlings 1968 wurden Gedenktafeln an die US-Armee, die in den 1950er Jahren entfernt worden waren, dann wieder angebracht. Das war jedoch nur eine kurze Phase, denn in den 1970er Jahren wurden sie dann wieder abmontiert.“

9. Mai - der Tag des Sieges9. Mai - der Tag des Sieges Welche Träger dienten denn damals der Erinnerungskultur, waren es nur Filme und Denkmäler?

„Es gab viele Denkmäler und natürlich auch Filme. Maßgeblich für die Erinnerung waren aber die großen Feierlichkeiten zum 9. Mai. Diese wurden zentral in Prag geplant, sowie sehr stark vereinheitlicht.“

Seit dem Fall des Kommunismus werden auf einmal andere Akzente in der Erinnerungskultur gesetzt. Welche sind das?

„Das deutlichste Zeichen für den Wandel der Erinnerungskultur war die Verschiebung des Staatsfeiertages vom 9. auf den 8. Mai, womit auch die Rückkehr zu Europa markiert wurde. Es gab aber auch andere Ereignisse, die wieder an die Oberfläche getreten sind. Dazu gehörte das Gedenken an die Befreiung durch die Amerikaner in Westböhmen. Interessant ist hierbei, dass die Gedenktafeln in Städten, die von der US-Armee befreit wurden, bereits im Dezember 1989 nach der Wende wieder angebracht wurden. In Pilsen wurde ein Denkmal für die US-Armee errichtet. Dort gibt es auch die größten Feierlichkeiten, die derzeit in Tschechien zum Gedenken an das Kriegsende veranstaltet werden. Dagegen trat die Erinnerung an die sowjetische Armee in den Hintergrund und beschränkte sich sehr oft vor allem in den 1990er Jahren auf Kranzniederlegungen oder kleinere Veranstaltungen, die aber nicht für die Öffentlichkeit waren. Zum Teil wurden auch Denkmäler für die sowjetische Armee geschändet, entfernt oder an weniger prominente Plätze verlegt.“

„Allerdings sieht man zum Beispiel bei Umfragen, dass die Bevölkerung weiterhin Interesse daran hat, auch an die sowjetischen Soldaten zu erinnern. Wichtig wäre, diese Ereignisse zu trennen.“

Vor allem nach der Krimkrise 2014 wird in Tschechien diskutiert, ob man bei den Ereignissen 1945 überhaupt von einer Befreiung sprechen darf. Deutlich wurde das damals im Zuge der Reise von Präsident Miloš Zeman zu den Gedenkfeiern nach Russland. Diese wurde scharf kritisiert und die Befreiung durch die Rote Armee 1945 als Fortsetzung einer Okkupation dargestellt. Was bedeutet dieser Diskurs für die Erinnerungskultur?

„Dieser Diskurs wird geführt. Allerdings sieht man zum Beispiel bei Umfragen, dass die Bevölkerung weiterhin Interesse daran hat, auch an die sowjetischen Soldaten zu erinnern. Wichtig wäre, diese Ereignisse zu trennen. Es ist schwierig, wenn man die Ereignisse von 1945 bewertet, indem man das, was danach passiert ist, als Bewertungsmaßstab nimmt. Solche Deutungen sind problematisch, weil sie die Leistung der Befreiung, die ohne Zweifel große Opfer gefordert hat und eine große Bedeutung hatte, einfach in den Hintergrund stellt.“

„Fest der Freiheit“ in Pilsen (Foto: Barbora Hakenová)„Fest der Freiheit“ in Pilsen (Foto: Barbora Hakenová) In einem Ihrer Texte sprechen Sie in Bezug auf die Erinnerung an das Heydrich-Attentat und das sogenannte „Fest der Freiheit“ in Pilsen von einer „Illusion des authentischen Nacherlebens“. Was meinen Sie damit?

„Die Erinnerung konzentrierte sich in den frühen Jahren vor allem auf das Gedenken. Dies hing auch damit zusammen, dass zu dieser Zeit noch viele Zeitzeugen lebten. Meines Erachtens gibt es heutzutage einen Wandel hin zu Erinnerungsformen, die das Authentische stärker nacherleben, nachempfinden und in den Vordergrund stellen. Dies können Filme und auch Feierlichkeiten sein. Zum Beispiel etwa durch das Verteilen von sogenanntem ‚Befreiungsgulasch‘, das hat es ja schon gegeben. Es gibt heutzutage Online-Spiele, die damit werben, dass man regelrecht am Heydrich-Attentat teilhaben kann. Das sind Formen, die sich an das heutige Publikum richten und versuchen, die Atmosphäre dieser Zeit für die heutige Gesellschaft zu vermitteln.“

„Sehr wichtig ist aber, ein richtiges Maß zu finden zwischen der Attraktivität solcher Veranstaltungen für die Öffentlichkeit auf der einen Seite und der Vermittlung der Ernsthaftigkeit und der Bedeutung dieser Ereignisse auf der anderen Seite. Das Gedenken sollte aber nicht zu einer Show mutieren.“

Ist diese neue Art der Erinnerung Ihrer Meinung nach sinnvoll, oder birgt sie auch gewisse Gefahren?

„Neue Formen sind im Prinzip zu begrüßen. Wir können nicht erwarten, dass man mit Kranzniederlegungen die junge Generation ansprechen kann. Da eignen sich solche neuen Formen sehr gut, um die Erinnerung an diese Dinge wach zu halten. Sehr wichtig ist aber, ein richtiges Maß zu finden zwischen der Attraktivität solcher Veranstaltungen für die Öffentlichkeit auf der einen Seite und der Vermittlung der Ernsthaftigkeit und der Bedeutung dieser Ereignisse auf der anderen Seite. Das Gedenken sollte aber nicht zu einer Show mutieren, bei der keiner mehr so richtig weiß, warum welche Feierlichkeiten stattfinden. Zum Beispiel gibt es zeitgenössische Modenschauen. Diese dürfen aber auf keinen Fall in den Mittelpunkt gestellt werden. Denn wichtig ist die Erinnerung an die Befreiung und die großen Opfer, die das gefordert hat. Diese wurden damals gebracht, damit Europa in Frieden leben kann. Das sollte nicht in den Hintergrund gedrängt werden.“

In Tschechien ist die sogenannte Oral History sehr stark. Das unter anderem durch das Projekt Pamet naroda, bei dem Stimmen von Zeitzeugen gesammelt werden. Dor besteht aber die Prämisse, sowohl an die Nazi-Besatzung als auch an den Kommunismus zu erinnern, wobei die Stimmen zum Kommunismus überwiegen. Drohen, durch ein Hervorheben der kommunistischen Verbrechen, die Erinnerungen an die Gräuel des Zweiten Weltkriegs nicht ins Hintertreffen zu geraten?

„Solche Zeitzeugeninterviews müssen sehr stark kontextualisiert werden. Es gibt eben diese zwei Diktaturen. Für einige Leute bietet sich damit sogar die Gelegenheit, von der Täterrolle in die Opferrolle zu schlüpfen. Menschen, die in der Zeit des Nationalsozialismus mit der Besatzungsmacht zusammengearbeitet haben und in den 1950er Jahren dafür verhaftet wurden, stellten sich als Opfer der kommunistischen Willkür dar. Sie rückten damit auch ihre Taten in der Zeit des Nationalsozialismus in den Hintergrund. Allein durch den zeitlichen Abstand ist es kaum überraschend, dass vor allem die Erinnerungen an den Kommunismus gesammelt werden. Allerdings muss man auch sehen, dass der Zeitraum der kommunistischen Diktatur viel länger war und der heutigen Generation näher liegt. Solche Erinnerungsformen sollten daher nie für sich stehen, sondern im Kontext gezeigt und durch andere Erinnerungsformen ergänzt werden müssen.“