Für ein ehrliches Prag

13-12-2018

In Prag lauert er an jeder Ecke – der Touristen-Nepp. Janek Rubeš will die Besucher der tschechischen Hauptstadt genau davor warnen und dreht mit einigen Kollegen Videos über die dreistesten Maschen. In „Honest guide“ – so heißt die Internet-Serie – solle es aber auch um die schönen Seiten Prags gehen. Strahinja Bucan weiß mehr.

Illustrationsfoto: ŠJů, Wikimedia Commons, CC BY 4.0Illustrationsfoto: ŠJů, Wikimedia Commons, CC BY 4.0 Vielleicht ist es Ihnen auch schon passiert bei einem Prag-Besuch oder bei einem Trip in eine andere Touristenhochburg. Ortsunkundig fahren Sie ein paar Meter mit dem Taxi, gezahlt haben Sie am Ende aber so viel wie Ihr Flugticket. Janek Rubeš kennt die Masche:

„Der Taxi-Betrüger verhält sich gegenüber einem Touristen ganz anders als gegenüber einem Tschechen. Den schickt er nämlich gleich weg und lügt ihm eins vor, dass er schon belegt sei. Beim Touristen haben die dann zwei Tricks. Entweder sagen sie, dass der Preis sich nach dem Taxameter richtet, wobei dieses natürlich gezinkt ist. Oder der Taxifahrer gibt einen festen Preis vor – also die Strecke vom Altstädter Ring zum Wenzelsplatz für beispielsweise 1000 Kronen, obwohl sie eigentlich nur 200 kosten würde. Die Betrüger erkennt man daran, dass sie im Stadtzentrum stehen und warten, also am Wenzelsplatz, an der Pařížska-Straße, am Altstädter Ring oder auch am Hauptbahnhof. Ein richtiger Taxifahrer steht nie wirklich lang, der muss nämlich fahren und fortlaufend Kunden sammeln, um überhaupt etwas zu verdienen.“

Janek Rubeš sucht eine Wechselstube (Foto: YouTube Kanal Honest Guide)Janek Rubeš sucht eine Wechselstube (Foto: YouTube Kanal Honest Guide) Wenn Sie sich danach am Bankomaten neues Geld holen wollen, dann kommt das weitere böse Erwachen. Janek Rubeš warnt vor einem ganz ungünstigen Service:

„In der letzten Zeit sind hier viele Bankomaten aufgetaucht, auf denen bloß die Aufschrift ‚ATM‘ steht. Die verletzten aus anderen Gründen zahlreiche Gesetze, beispielsweise Denkmalschutzbestimmungen, das ist aber jetzt nicht das Thema. Wenn man da eine ausländische Bankkarte reinsteckt, bekommt man ein ganz anderes Angebot als mit einer tschechischen Karte. Der Automat bietet da nämlich Summen von 10.000 bis 40.000 Kronen an, und nicht wie normal 200 bis 2000 Kronen. Das machen die Betreiber aus dem Grund, damit sie bei den hohen Beträgen durch den Wechselkurs absahnen können. Hinter diesen betrügerischen Bankomaten steckt im Grunde dieselbe Firma wie hinter den Wechselstuben-Fallen. Die Stadt macht aber nichts dagegen, da auf den ersten Blick alles sauber und legal ausschaut.“

Auf dem Altstädter Ring kann man auch Trdelníky kaufen (Foto: Barbora Němcová)Auf dem Altstädter Ring kann man auch Trdelníky kaufen (Foto: Barbora Němcová) Das sind nur zwei von ganz vielen Prager Touristen-Fallen, mit denen sich Janek Rubeš beschäftigt hat. Der Journalist will in seiner Online-Serie „Honest guide“ – zu sehen ist sie unter anderem auf Youtube – auf den üblichen Nepp aufmerksam machen. So stritt er sich nicht nur mit Wechselstubenbetreibern oder Taxifahrern. Er kämpfte auch gegen falsche buddhistische Mönche und blinde Bettler, die auf einmal doch ganz gut sehen konnten. Außerdem ging er schon für umgerechnet fast 100 Euro zum Mittagessen zu einer Bude am Altstädter Ring und verkostete unzählige sogenannte Trdelníky, also die angeblich typisch tschechische Variante eines Baumkuchens. Eine Sache entsetzte Janek Rubeš aber noch mehr. Es ist die Entwicklung der Stadt selbst:

Janek Rubeš (Foto: Ian Willoughby)Janek Rubeš (Foto: Ian Willoughby) „Prag ist eine Stadt mit zwei Gesichtern. Als ich und meine Kollegen als Touristen getarnt alle typischen Stationen durchgemacht haben, da haben wir das hässliche Gesicht gesehen. Ich habe gemerkt, dass ich diese Stadt überhaupt nicht kenne. Ich war schockiert, wie sich Prag und einige ihrer Bewohner benehmen. Und davon wäre jeder andere Prager auch unangenehm überrascht.“

Die Prager haben ihre Stadt aufgegeben

Janek Rubeš ist in Prag aufgewachsen. Bevor er jedoch mit seinen Videos für Touristen angefangen hat, ist ihm der Zirkus um ihn herum eigentlich gar nicht aufgefallen:

Franziskaner-Klostergarten (Foto: Kristýna Maková, Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag)Franziskaner-Klostergarten (Foto: Kristýna Maková, Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag) „Ich bin im Zentrum zur Schule gegangen, aber all das habe ich früher nie gemerkt. Wir waren damals ganz normale Jungs, die am Nationaltheater mit dem Skateboard ihre Tricks gemacht oder im Park Františkánská zahrada Verstecken gespielt haben. Ich wollte diese Sachen um mich herum einfach nicht wahrnehmen, ich habe sie schlicht ignoriert. Erst seit einigen Jahren gehe ich mit wirklich offenen Augen durch die Stadt.“

Das mache er seit etwa drei Jahren, als er begonnen habe, seine Videos über die tschechische Hauptstadt zu drehen, so Rubeš. Angefangen hat es mit Filmchen unter dem Motto „Praha vs. prachy“, also Prag gegen das Geld. Dort beschäftigte sich Rubeš mit Projekten und Dingen in der Stadt, wo Unmengen an Geld verbrannt werden. Natürlich gehörte dazu auch der Touristen-Nepp. Deshalb kam irgendwann die Idee, den Prag-Besuchern auf Englisch die Stadt zu erklären, also die Dos und Don‘ts – und das war dann die Geburtsstunde des „Honest guide“. Dabei hat er gemerkt, dass die Prager Teile ihrer Stadt eigentlich schon abgetreten haben:

Matrjoschka-Puppen (Foto: Hendrik Schöttle, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)Matrjoschka-Puppen (Foto: Hendrik Schöttle, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0) „Der Königsweg ist eine Art Stadt in der Stadt. Es gibt da nur wenige normale Dinge für Einheimische. Dort findet man nichts anderes als diesen Trdelník, der nichts mit Tschechien zu tun hat, russische Matrjoschka-Puppen oder Fellmützen mit Sowjet-Symbolen. Den Touristen kommt das scheinbar normal vor, mir aber nicht. Im Stadtzentrum kann man wirklich alles verkaufen – bis vor kurzem auch Tassen oder Souvenirs mit dem Abbild Hitlers oder Stalins. Glücklicherweise haben gerade diese Läden schon dichtgemacht. Nichtsdestotrotz finde ich es unglaublich, dass nur 200 Meter von der jüdischen Stadt entfernt Hitler-Masken verkauft wurden.“

Dass die Altstadt der Moldaumetropole ein ganz eigener Mikrokosmos ist, will Janek Rubeš auch in seinen Videos zeigen. So kann man bei „Honest Guide“ unter anderem sehen, wie beispielsweise auf dem Wenzelsplatz ein ganz eigenes System entstanden ist von Wechselstuben, überteuerten Geschäften und traditionellen böhmischen Restaurants, die wenig mit echter tschechischer Küche zu tun haben. Das richtige Prag ist davon kilometerweit entfernt, und natürlich ganz anders:

Foto: StockSnap, Pixabay / CC0Foto: StockSnap, Pixabay / CC0 „Mich macht das alles aus einem ganz bestimmten Grund wahnsinnig. Die Touristen kommen hierher und denken, dass genau das das wahre Prag ist. Das ist es aber nicht. Wir Prager trinken unseren Kaffee mittlerweile in den benachbarten Stadtbezirken wie Vinohrady und gehen kaum noch ins Zentrum. Mich stört, dass in Prag alles auf die Touristen ausgerichtet ist. Ich will ja hier noch leben. Ich finde es schade, dass wir unsere Stadt eigentlich schon aufgegeben haben.“

Falsche Akzente in der Stadtpolitik

Janek Rubeš wirft der Stadtverwaltung vor, zu wenig für die Bürger zu tun. Das liege vor allem an den Prioritäten, die falsch gesetzt würden:

Prager Burg mit der Karlsbrücke (Foto: Ondřej Tomšů)Prager Burg mit der Karlsbrücke (Foto: Ondřej Tomšů) „In Prag kämpft man ständig um die Kulturdenkmäler. Immer geht es nur um den Erhalt der Karlsbrücke oder der Prager Burg. Ich als Prager brauche das aber nicht zum Leben. Ich brauche den kleinen Laden um die Ecke oder die Kneipe, in der ich mich mit meinen Jungs auf ein bezahlbares Bier treffen kann. Dafür macht die Stadt aber nichts. Natürlich verstehe ich, dass man die Baudenkmäler hier schützen muss. Der richtige Weg ist aber sicher nicht, dass um diese Juwelen herum Läden mit Trdelník und Hitler-Masken aus dem Boden sprießen. Man müsste vielmehr etwas für die leider schon wenigen Menschen machen, die noch hier im Stadtzentrum leben.“

Vor einigen Monaten erst waren Kommunalwahlen und die Stadt hat eine neue Führung. Der Piraten-Politiker Zdeněk Hřib will Prag als Oberbürgermeister moderner machen. Janek Rubeš hat jedoch wenig Hoffnung, dass sich mit der neuen Spitze aus Piraten und konservativen Bürgervereinigungen irgendwas zum Besseren wendet:

Foto: Daniel Case, Wimedia Commons, CC BY-SA 3.0Foto: Daniel Case, Wimedia Commons, CC BY-SA 3.0 „Ich habe schon lange nicht mehr erlebt, dass alle um mich herum so für einen Prager Oberbürgermeister in die Bresche springen. Unter anderem für seinen Vorschlag, dass im Stadtzentrum nur noch Recycling-Biobecher verkauft werden dürften. Ich habe dann von meinen Freunden eine auf den Deckel bekommen, dass ich ihn dafür kritisiert habe. Ich finde aber, es geht überhaupt nicht um irgendwelche Trinkbecher. Mich stört, dass man die ganzen Sachen drum herum nicht angeht. Niemand macht etwas dagegen, dass Leute bestohlen werden in Wechselstuben oder anderweitig betrogen werden. Die Biobecher sind da wirklich egal. Außerdem ist es völlig gleich, aus welchem Material sie sind, wenn sie so oder so auf der Straße herumliegen“.

Sieht er vielleicht in irgendeiner Stadt in Europa ein gutes Rezept gegen den Massentourismus? Nein, antwortet Janek Rubeš auf diese Frage. Das gibt es in seinen Augen nicht. Laut dem Journalisten geht es auch nicht darum, die Touristen ganz aus den Städten zu werfen, man sollte den Tourismus jedoch anders machen. Deshalb zeigt der „Honest guide“ auch die schönen Seiten der Stadt:

Foto: Offizielle Webseit Honest GuideFoto: Offizielle Webseit Honest Guide „Natürlich geht es in vielen Folgen des ‚Honest guide‘ um Betrügereien, und die haben auch die höchsten Klickzahlen. Tatsächlich steht bei nur einer Handvoll der Videos der Touristen-Nepp im Vordergrund. Wir wollen ja eigentlich die schönen Seiten der Stadt zeigen. Und das ist auch für uns viel angenehmer.“

Apropos Zuschauerzahlen. Laut Janek Rubeš gehen die mittlerweile in die Millionen. Und manchmal würde es ihm passieren, dass man ihn auf der Straße erkennen würde, meint der Journalist mit einem Lachen.

13-12-2018