Frisches Wasser für die Auen an der Thaya

An der tschechisch-österreichischen, genauer gesagt südmährisch-niederösterreichischen Staatsgrenze erstreckt sich grenzübergreifend ein Naturraum. Er besteht aus zwei Nationalparks, deren Namen sich von einem Fluss ableiten – Dyje auf Tschechisch und Thaya auf Deutsch. Doch am Unterlauf des Flusses sind derzeit schwere Baumaschinen im Einsatz. Was dahintersteckt, dazu im Folgenden mehr.

Thaya unterhalb der Burg Raabs (Foto: Tiefkuehlfan, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)Thaya unterhalb der Burg Raabs (Foto: Tiefkuehlfan, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0) Die Thaya hat zwei Quellflüsse – die sogenannte Mährische und die Deutsche Thaya. Unterhalb der Burg Raabs auf der österreichischen Seite vereinigen sie sich. Im Weiteren fließt der Fluss zum großen Teil auf südmährischem Gebiet. Nur in kürzeren Abschnitten bildet die Thaya unmittelbar die Grenze. In einem solchen entsteht aber derzeit ein gemeinsames Projekt der Nationalparks „Podyjí“ und „Thayatal“. Die Hauptpartner des Projektes sind jeweils die Wasserverwaltungsunternehmen auf beiden Seiten der Grenze: also „Povodí Moravy“ und „via donau, die Österreichische Wasserstraßen-GmbH“.

„Dyje / Thaya 2020“ heißt das Projekt, und es wird seit August dieses Jahres verwirklicht. Die Kosten trägt zu 85 Prozent die EU über ihr Interreg-Programm. Ziel ist es, zwischen Pohansko bei Břeclav / Lundenburg und der Thaya-Mündung in die March drei vormalige Altarme wieder an den Hauptfluss anzubinden. Durch die Wiederanschlüsse – einen auf der tschechischen und zwei auf der österreichischen Seite – wird sich die Thaya um mehr als einen Kilometer verlängern. David Veselý ist zuständiger Projektmanager bei Povodí Moravy:

Zusammenfluss von Thaya und March (Foto: RomanM82, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)Zusammenfluss von Thaya und March (Foto: RomanM82, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

David Veselý (Foto: ČT24)David Veselý (Foto: ČT24) „Alte Flussarme bleiben oft als Vertiefungen zurück, in die durch das Erdreich zunächst Grundwasser eindringt. Nachdem sie vom Hauptstrom abgeschnitten sind, unterliegen sie sehr schnell einer Veralterung. Wenn die Anbindung an das Fließgewässer gekappt ist, folgt in der Regel eine Verlandung durch Sedimentbildung aus angeschwemmtem Erdreich und organischem Material oder durch Holzbruch. Dadurch verringert sich die Wassertiefe. Parallel dazu breitet sich sich die Ufer- und Wasservegetation aus, sie lässt das Gewässer immer mehr verschwinden. In dieser Phase kann der Altarm eines Flusses nur noch drei bis fünf Jahre bestehen. Dann ist die komplette Verlandung und damit auch der Wasserschwund erreicht.“

Gegen die Verlandung von Altarmen

Thaya (Foto: cipko13, Panoramio, CC BY 3.0)Thaya (Foto: cipko13, Panoramio, CC BY 3.0) Für die Auenlandschaft mit wertvoller Fauna und Flora in den beiden Nationalparks ist dies eine negative Entwicklung. Deswegen wurde ab Mai 2016 das Projekt „Dyje/Thaya 2020“ geplant. Auf österreichischer Seite wurde nun am 1. August mit der Umsetzung begonnen. Auf tschechischer Seite verzögerte sich der Start um rund zwei Wochen – weil noch immer bestimmte Vogelarten brüteten. Beim Erstellen des Projektes mussten viele anspruchsvolle Aufgaben gelöst werden.

„Es handelt sich um ein ziemlich kompliziertes Projekt. Wenn man einen abgeschnittenen Flussarm wieder an den Hauptfluss anschließen will, muss das Flusswasser mithilfe einer entsprechenden Anlage sozusagen gebremst werden. In unserem Fall geschieht dies durch einen breit angelegten Staudamm aus Steinen, der eine Bogenform haben wird. Das Wasser fließt dann über das niedrige Wehr. Hinter ihm soll es sich in zwei Flussbetten teilen. Mittels des hinter dem Wehr errichteten Dammschlitzes, so nennen dies die Österreicher, kann der Widerstand beider Flussbette in der erwünschten Weise ausgeglichen werden. Einer der Wasserströme soll in der Folge auch in den neu angebundenen längeren Flussarm fließen, so wie wir das haben wollen“, so David Veselý.

Zusammenfluss von Thaya und March (Foto: Stanislaw Doronenko, Wikimedia Commons, CC BY 3.0)Zusammenfluss von Thaya und March (Foto: Stanislaw Doronenko, Wikimedia Commons, CC BY 3.0) Die Thaya mündet ungefähr 20 Kilometer flussabwärts von Pohansko in die March. An diesem Punkt treffen drei Staatsgrenzen aufeinander – die tschechische, slowakische und die österreichische. Dieser Ort, der auch Thaya-Dreieck heißt, ist eines der größten Auengebiete in Europa. An der Thaya sowie an der March gibt es aber auch Abschnitte, die durch menschliche Eingriffe insbesondere im Laufe des 20. Jahrhunderts stark beeinträchtigt wurden. Dass die Thaya auch bei Pohansko vieles von ihrer charakteristischen Mäanderstruktur verloren hat, geht auf eine fehlerhafte Entscheidung in den 1970er Jahren zurück. David Veselý:

„Es handelte sich damals um eine Vorgabe der Staatsführung. Die Wasserwirtschaftler sollten das Flussbett der Thaya begradigen. Durch die entsprechenden Maßnahmen wurde die Fließgeschwindigkeit des Wassers deutlich erhöht. Schon früher war der Wasserfluss am Ober- und Mittellauf der Thaya durch Änderungen beeinträchtigt worden. In den 1970er Jahren wollte man durch die Regulierung des Thaya-Unterlaufs das große Hochwasserrisiko beseitigen, wie es offiziell begründet wurde. In der Folge fehlte aber das Wasser in der Natur. Die Zielsetzung erwies sich daher als falsch.“

Unnötige Flussbegradigung

Grenzfluss Thaya (Foto: GuentherZ, Wikimedia Commons, Public Domain)Grenzfluss Thaya (Foto: GuentherZ, Wikimedia Commons, Public Domain) Nachdem die Thaya begradigt war, verlief die offizielle Grenze aber nicht mehr entlang der Flussmitte. Weil internationale Vorschriften dies so wollen, musste die Tschechoslowakei daher mit Österreich einen neuen Staatsvertrag über den Grenzverlauf aushandeln. Dieser wurde im Dezember 1973 unterzeichnet. Die Frage der Trockenheit wurde hingegen damals laut Veselý nicht als ernsthaftes Problem empfunden.

Vielmehr spielte in den 1970er Jahren noch ein anderer Faktor eine wichtige Rolle. Da mit dem neuen Flusslauf ebenso der Grenzverlauf „begradigt“ war, wurde auch die Überwachung einfacher. Heute hat das keine Bedeutung mehr, angesichts von EU und Schengen-Raum.

Und welche Aussichten verbindet man mit den aktuellen Bauarbeiten? Der tschechische Projektmanager befürchtet zumindest nicht, dass es in Zukunft zu dramatischen Überflutungen an der Thaya im Grenzabschnitt zwischen Tschechien und Österreich kommen dürfte:

Thayaschleife in Drosendorf (Foto: Castagna, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)Thayaschleife in Drosendorf (Foto: Castagna, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0) „Die Arbeiten werden an einer höchst spezifischen Fließstrecke der Thaya durchgeführt. Der Fluss ist dort durch ein niedriges Wasserhaltevermögen gekennzeichnet. Zu einer Überschwemmung auf dem umliegenden Gebiet kommt es ungefähr einmal in zwei oder drei Jahren. Der Natur schadet dies nicht, im Gegenteil, es kommt ihr zugute. Das Wasser kann sich nach wie vor ausbreiten, aber nur in einem eingegrenzten Landstreifen einige hundert Meter entlang des Flusses. In den flussabwärts liegenden Auenwäldern wird es entweder im Boden versickern oder aber es bilden sich vorübergehende Wasserflächen. Dadurch entsteht ein wichtiges Wasserreservoir. Dieses dürfte auch den bewirtschafteten Flächen außerhalb des Schutzdammes dienen.“

Thaya (Foto: Michal Klajban, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)Thaya (Foto: Michal Klajban, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0) Zu guter Letzt sei noch gesagt: Mit der Anbindung der Mäander an die Thaya wird sich weder das Flussbett, noch der Grenzverlauf verändern. Allerdings sei ein Gewässer kein starres Gebilde.

„Der Fluss erfüllt in der Natur eine bestimmte Funktion. Dazu muss man ihm aber auch eine natürliche Entwicklung mit kleineren Variationen ermöglichen. Das verbindet sich mit der Frage nach unserer Sichtweise auf die Bedürfnisse des Menschen an der Natur. Damit müssen wir uns nach und nach beschäftigen“, meint David Veselý.

Die Bauarbeiten am Unterlauf der Thaya sollen im Frühjahr 2020 abgeschlossen werden. Es bleibt zu hoffen, dass dort die Schäden an der Natur aus der Vergangenheit möglichst nachhaltig repariert werden.