Ein letztes Mal nach Tschechien... Berliner Bestatter offeriert Discount-Beisetzungen in Nordböhmen

23-11-2004

Tschechien zieht viele Touristen aus Deutschland an. Grund dafür sind nicht zuletzt auch die aus deutscher Sicht immer noch ausgesprochen günstigen Preise. Warum da nicht auch die letzte Reise nach Tschechien machen? Ein Berliner Bestattungsunternehmer bietet Discount-Beerdigungen im Nachbarland an und bringt die Zunft gegen sich auf. Ein Novemberthema im Forum Gesellschaft, vorbereitet von Thomas Kirschner.

Hartmut Woite weiß, wie man geschäftsfördernd provoziert. "Sargdiscount" heißt die Internetseite seines Berliner Bestattungsunternehmens, und Kunden aus dem Netz lockt er mit Spezialnachlässen. Der Anspruch: die billigste Bestattung weit und breit zu bieten. Das Angebot beginnt ab 888,- Euro. Bei der regulären Berliner Konkurrenz ist knapp das Doppelte fällig. Möglich wird das vor allem durch die Zusammenarbeit mit dem Krematorium Vysocany im nordböhmischen Hrusovice.

"Die preiswerteste Beisetzung, die Sie bei mir bekommen können, wäre ein anonymes Urnengrab in Tschechien. Das würde bedeuten, dass wir von Berlin aus den Verstorbenen nach Tschechien bringen, in das kleine Krematorium von Vysocany. Auf dem dazugehörenden Friedhof wird die Urne anonym unterm grünen Rasen beigesetzt, und Sie bekommen von mir etwas Asche und Erde zurück."

Grab und Beerdigung in Deutschland und damit die teuren Friedhofsgebühren fallen bei diesem Angebot weg. Als Andenken an den Verstorbenen wird nur ein kleiner Anteil der Asche ausgehändigt. In speziell gefertigten Gedenkskulpturen kann man sie daheim aufbewahren und im Zweifelsfall bei einem Umzug leicht mitnehmen. Eine zeitgemäße Form der Bestattung in einer Welt, die immer mobiler wird, meint Hartmut Woite. Gerade die Mobilität ist es aber, die der Generalsekretär des Bundesverbandes deutscher Bestatter, Dr. Rolf Lichtner, dem Berliner vorwirft.

"Wir haben in Deutschland ausreichend Friedhofsfläche, um unsere deutschen Bürger auch in Deutschland zu bestatten. Wir als Bundesverband deutscher Bestatter halten nichts davon, dass wir in Leichentourismus mit Massentransporten Verstorbene in andere Länder bringen, nur weil es dort preiswerter ist. Das ist eine Entsorgungsmentalität, die wir auf keinen Fall billigen können."

Leichentourismus, das ist ein Vorwurf, den sich Woite auf keinen Fall gefallen lassen will. Und so weist er darauf hin, dass auch der Weg von anderen deutschen Bestattern nicht immer zum nächstgelegenen Krematorium führt.

"Man darf nicht davon ausgehen, dass irgendetwas pietätlos ist, bloß weil wir nach Tschechien fahren. Meine guten Kollegen aus Berlin fahren bis nach Forst, das sind rund 190 km von Berlin, weil das Krematorium in Forst preiswerter einäschert. Ich fahre vielleicht 70 km weiter, und mir sagt man nach, ich betreibe Leichentourismus. Die Kollegen, die ins Umland fahren - das finden sie ganz normal. Das wird nur mir vorgeworfen, weil ich eben die Grenze überschreite."

Von Pietät und Menschenwürde spricht auch der Generalsekretär des Bundesverbandes der deutschen Bestatter, Dr. Rolf Lichtner, der allerdings eine andere Auffassung von diesen Begriffen hat. Dass die Grenze eine Rolle spielen könnte, weist er aber weit von sich.

"Ich sehe weder in der Kremierung noch in der Bestattung in Tschechien ein Problem, wenn es sich der Verstorbene zu Lebzeiten so vorgestellt hat oder die Angehörigen es so wünschen. Ich sehe nur dann ein Problem, wenn es missbräuchlich dazu genutzt wird, dass über weite Strecken nur eines vermeintlichen Preisvorteils wegen Verstorbene nach Tschechien oder in andere Länder der EU geschafft werden, damit dort dann nur aus Kostengründen eine Bestattung fernab der Heimat stattfindet. Das ist etwas, was wir nicht billigen und wogegen wir uns auch wehren. Selbstverständlich ist in kleinen Grenzverkehr das tschechische Krematorium durchaus eine Alternative zu einem in Deutschland betriebenen. Aber im Vordergrund steht die Würde des Menschen, nicht der Preisvorteil bei der Kremierung."

Hartmut Woite dagegen hat keine Scheu, über den Preis zu sprechen und diesen auch plakativ in den Vordergrund zu stellen - eine unübliche Haltung in einem Gewerbe, das auf Dezentheit setzt und in der Ausnahmesituation, in der sich die trauernden Kunden befinden, Preisvergleiche und scharfe Verhandlungen auch kaum fürchten muss. Gern gibt er sich als kundenfreundlicher Rebell in seinem Berufsstand.

"Auf beiden Seiten, als Kaufmann und als Bestatter, ist es für mich ein Anliegen den Angehörigen einen Weg aufzuzeigen, mit dem sie gut leben können. Ich möchte auf keinen Fall - und das gibt es in Deutschland - dass sie einen Kreditvertrag bei einer Bank zu unterschreiben, um dann die Beisetzung über Jahrzehnte hinweg abzuzahlen. Ich glaube, das ist eine sehr pietätlose Art und Weise, auch mit den Angehörigen umzugehen. Wenn sie nachher eine schöne Beisetzung mit Blumen und Musik wollen, bin ich natürlich gerne bereit dazu. Aber die Grundkosten, die kann ich doch gering halten."

Die Einäscherung in Tschechien hat allerdings noch einen ganz anderen Nebeneffekt, der für viele Angehörige interessant ist, wie Hartmut Woite erläutert.

"Deutschland kennt ein Bestattungsgesetz, dass jeder Verstorbene beigesetzt werden muss. Ob das in der Erde oder mittels einer Feuerbestattung geschieht, ist gleich. In Tschechien besteht ein solches Bestattungsgesetz zumindest für Aschen nicht, so dass wir in Tschechien wesentlich mehr Freiheiten und Möglichkeiten haben. Zum Beispiel kann ich dort den Angehörigen die gesamte Urne, also die Aschenkapsel, aushändigen."

Eine Aufbewahrung der Asche daheim in der Vitrine oder eine Privatbestattung im heimischen Garten ist in Deutschland auch auf diesem Wege weiterhin illegal, worauf der Berliner Bestatter die Trauernden auch hinweist. Möglich aber ist zum Beispiel, die Asche noch in Tschechien vom Heißluftballon aus dem Wind zu übergeben. Und letztlich, so räumt Woite achselzuckend ein, kann ohnehin niemand kontrollieren, was die Angehörigen mit der Asche machen.

Einer kann die Auseinandersetzungen zwischen Hartmut Woite und seinen Zunftkollegen nicht verstehen: Michal Füleky, der Leiter des Krematoriums in Hrusovany bei Chomutov / Komutau, rund 30 km von Chemnitz. Das in zartem rosa gehaltene Gebäude wurde erst vor einigen Jahren in Betrieb genommen und liegt inmitten von gepflegten Gartenanlagen. Grenzüberschreitende Zusammenarbeit sei doch etwas ganz normales, so Michal Füleky

"Mit Herrn Woite arbeiten wir schon einige Jahre zusammen. Der Gedanke an eine Zusammenarbeit mit Deutschland entstand schon mit der Eröffnung des Krematoriums. Da haben wir uns gesagt, dass wir sowieso bald EU-Mitglied werden, also wollten wir versuchen, auch in diesem Bereich schon über die Grenzen hinweg zusammenzuarbeiten. Das ist kein neuer Gedanke, sondern heute schon ganz üblich, zum Beispiel zwischen Deutschland und Frankreich."

Michal Füleky würde die Kontakte nach Deutschland auch gerne weiter ausbauen. Er kann sich für Hrusovany sogar Beisetzungen von deutschen Verstorbenen in regulären, namentlich gekennzeichneten Grabstellen vorstellen.

"Das wäre für uns kein Problem. Die Schwierigkeit liegt wohl am ehesten in der Entfernung, schließlich müssten die Angehörigen herkommen. Deshalb wird derzeit meist eine anonyme Beisetzung gewünscht, an der Angehörige nicht teilnehmen. Aber wir könnten genauso gut eine Bestattungszeremonie durchführen, natürlich auch auf Deutsch und mit Musik und so weiter - das wäre kein Problem."

Ein Zeichen des zusammenwachsenden Europa, aber auch eine durchaus provokante Vorstellung in einer Gegend, in der es deutsche Friedhöfe noch aus der Vorkriegszeit gibt. Aber vorerst bleibt abzuwarten, ob in Deutschland überhaupt Interesse an einem Grabstein in der Fremde besteht.

23-11-2004