"Der alte Prochazka" - Kaiser Franz Joseph I. und die Tschechen

In der vergangenen Woche wurde an den 175. Geburtstag des österreichischen Kaisers Franz Joseph I. erinnert - mit einem Festakt in der kaiserlichen Sommerfrische Bad Ischl, aber etwa auch mit der Enthüllung einer Kaiserbüste in Frantiskovy Lazne / Franzensbad. Nachdem die Habsburger in der Tschechoslowakei lange Zeit ausgemachtes Feindbild waren, ist inzwischen eine größere Gelassenheit im Blick auf die Vergangenheit eingekehrt. Über die Getreuen des Kaisers und die heutige Sicht auf Franz Joseph I. in Tschechien berichtet Thomas Kirschner im nun folgenden Forum Gesellschaft.

Kaiser Franz Joseph IKaiser Franz Joseph I Die Unterdrückung der böhmischen Stände nach der Schlacht am Weißen Berg, die Gegenreformation, das lange Ringen um die eigene Sprache und Kultur im 19. Jahrhundert - historische Niederlagen und empfundene Ungerechtigkeiten haben im tschechischen Geschichtsbewusstsein zählebige Spuren hinterlassen. Auf der Seite der Gegner stand dabei zumeist auch das Herrscherhaus, die Habsburger. Inzwischen sind die Tschechen aber dort angekommen, wo sie sich schon immer gesehen haben: in der Mitte Europas. Von einem sichereren Standpunkt aus fällt auch der Blick in die Vergangenheit leichter. Das gilt auch für Sicht auf die Habsburger, bestätigt der Brünner Historiker Jiri Pernes:

"Die Rolle der Habsburger ist inzwischen in Tschechien rehabilitiert. Sie werden nicht mehr als die gesehen, die a priori alles falsch gemacht haben, sondern man ist zu einem differenzierten Blick fähig."

Für eine positivere Bewertung der Monarchie setzen sich auch die tschechischen Monarchisten ein. Mit ihrer Partei "Koruna ceska" ("Böhmische Krone") werben Sie für die Wiedererrichtung eines böhmischen Königreiches - allerdings nicht als absolutistisches Nostalgieländchen, sondern als konstitutionelle Monarchie, etwa nach britischem oder schwedischem Vorbild. Ein König, so der Grundgedanke, könne das Land besser repräsentieren als ein aus der Parteipolitik stammender Präsident. Natürlicher Thronanwärter: Otto von Habsburg, der Großneffe von Kaiser Franz Joseph I. Unter dessen Regierung habe die tschechische Gesellschaft im 19. Jahrhundert ihren stärksten Aufschwung genommen, erinnert Vaclav Srb, der Vorsitzende der Monarchistischen Partei.

Jiri PernesJiri Pernes "Die letzten Dezennien des 19. Jahrhunderts waren die Zeit der größten Entwicklung der tschechischen Gesellschaft, des tschechischen Bürgertums und auch der tschechischen Kunst und Wissenschaft - denken wir nur an den Bau von Nationaltheater und Nationalmuseum. Und das alles ist unablösbar mit der Herrschaft von Franz Joseph I. verbunden, die 68 Jahre dauerte und eine ganze Epoche unserer Geschichte markiert."

Am 18. August 1830, vor 175 Jahren, wurde derspätere Kaiser Franz Joseph I. in Schönbrunn geboren, mit 18 Jahren bestieg er nach der Revolution von 1848 und der Abdankung seines Onkels Ferdinand den Thron. Fast sieben Jahrzehnte, bis zu seinem Tod im November 1916 verwaltete Franz Joseph I. als pedantischer Beamter die Schicksale seines Reiches. Nach absolutistischen Experimenten zu Beginn der Regierung brachte die franzisko-josephinische Epoche auch den Beginn der demokratischen Entwicklung in den Kronländern der Donaumonarchie, betont Vaclav Srb:

"Jeder, der sich vorurteilsfrei mit der Geschichte beschäftigt, muss anerkennen, dass die Böhmischen Länder mindestens seit 1867, also eigentlich in den letzten 50 Jahren der Regierungszeit Franz Josephs, zu einer konstitutionellen Monarchie gehörten. Seit 1907 gab es das allgemeine Wahlrecht. Das heißt, die Tschechen haben die Grundsätze des demokratischen Lebens, die Tätigkeit der politischen Parteien, die Interessensvertretung im Parlament gerade unter der Monarchie gelernt."

Vaclav Srb (Foto: Autor)Vaclav Srb (Foto: Autor) Die Bedeutung der Regierungszeit Franz Josephs für die tschechische Gesellschaft unterstreicht auch der Historiker Jiri Pernes vom Brünner Institut für Zeitgeschichte, der zurzeit ein Buch über Franz Joseph und die Tschechen vorbereitet.

"Die tschechische Gesellschaft ist unter der Regierung Franz Joseph I. erwachsen geworden. Als er im Jahre 1848 den Kaiserthron bestieg, ist die tschechische Gesellschaft erst ins politische Leben eingetreten; sie war noch unreif und musste erst ihren Weg suchen. Und zum Ende seines Lebens, zwei Jahre nach seinem Tod, haben die Tschechen die Habsburgermonarchie bereits nicht mehr gebraucht und konnten ihren eigenen tschechoslowakischen Staat ausrufen. Die Regierungszeit Franz Josephs sehe ich daher als so eine Art freundlichen Brutkasten für die tschechische Demokratie."

Auf die Spuren Kaiser Franz Josephs trifft man in Prag mittlerweile immer häufiger. In nicht wenigen Gasthäusern hängt das Bild des Monarchen mit dem mächtigen Backenbart - weniger allerdings ein Bekenntnis zur Monarchie als ein Verweis auf den notorischen Wirtshaussitzer Josef Schwejk, der seinen Stammplatz unter einem fliegendreckbeschmutzen Kaiserbild hatte. Solche Art von Nostalgie lehnen die tschechischen Monarchisten allerdings ab, betont der Parteivorsitzende Vaclav Srb.

"Natürlich ist der ´Schwejk´ für Monarchisten eine zumindest problematische Lektüre. Im Schwejk-Kult sehen wir auch einen Kult des Defätismus und des Verrats. Ich erkenne das Genie Haseks an und schätze vor allem seine Erzählungen. Nichtsdestotrotz: wenn Franz Joseph I. im Zusammenhang mit Schwejk als humoristisch-seniles Requisit vorgeführt wird, dann nehmen wir das natürlich nicht sehr positiv wahr."

Josef SchwejkJosef Schwejk Auch der Spott der Tschechen ist aber nicht ganz frei von respektvoller Zuneigung zu dem greisen Monarchen, der bereits zu Lebzeiten ins Mythische entrückt war. Zuneigung klingt auch aus dem Spitznamen, den die Prager dem Kaiser gegeben haben - für sie ist Franz Joseph schlicht "der alte Prochazka". Entstanden ist der Name der Legende nach bei einem Besuch Franz Josephs in Prag im Jahre 1901, wo er eine Moldaubrücke eröffnet hat. "Prochazka na moste" titelten die tschechischen Blätter am folgenden Tag - Spaziergang auf der Brücke. Der Doppelklang liegt für Tschechen auf der Hand, denn Prochazka ist zugleich einer der verbreitetsten Familiennamen in den böhmischen Ländern: Der Kaiser als ganz gewöhnlicher Mensch. Vaclav Srb von der Monarchistischen Partei weist aber darauf hin, dass auch noch Züge im tschechischen Alltagsleben auf Franz Joseph zurückreichen.

"Franz Joseph war, und das wird auch von Befürwortern der Republik anerkannt, geradezu das Musterbild des pflichtbewussten und fleißigen Beamten - ein treuer, bescheidener und asketischer Diener seines Staates, der in seinem Reich einen, wenn sie so wollen, ´Biorhythmus´ eingeführt hat, eine Arbeitszeit, die sich hier in Tschechien als wohl letztem der ehemaligen Kronländer bis heute gehalten hat. Also frühes Aufstehen, Arbeitsbeginn in der Fabrik und auch in vielen anderen Bereichen um sechs Uhr. In den anderen Kronländern ist das, soweit ich weiß, nicht erhalten geblieben."

Nach der grundsätzlichen Ablehnung Habsburgs in der Ersten Republik sei es daher nun an der Zeit, auch die Rolle Kaiser Franz Josephs I. in der Geschichte der böhmischen Länder zu würdigen, meint Vaclav Srb.

"Ich bin überzeugt, dass in Prag früher oder später ein Platz oder eine Metrostation nach Franz Joseph benannt werden wird - vielleicht bekommt ja sogar der Hauptbahnhof wieder seinen ursprünglichen Namen zurück. Auch wenn wir Monarchisten mit Blick auf den gegenwärtigen Zustand des Bahnhofs ganz froh sind, dass er den Namen des Kaisers nicht trägt."

Immerhin: Die Renovierung des Prager Hauptbahnhofes ist bereits projektiert. Ob er dann allerdings tatsächlich wieder als Kaiser-Franz-Joseph-Bahnhof in alt-neuem Glanz erstrahlt, das scheint doch eher fraglich.