Computerkurse: Senioren auf dem Weg in die virtuelle Welt

25-02-2010

Kaum noch Berufe, in denen man nicht mit dem Computer arbeiten muss. Und für Jugendliche ist ein Leben ohne Computer schlicht nicht vorstellbar. Alte Menschen haben da oft das Gefühl, nicht mehr von dieser Welt zu sein, außen vor zu stehen. Aber einige wollen das nicht hinnehmen, kaufen sich einen Rechner und suchen sich einen Kurs. Christian Rühmkorf hat in Prag solch einen Computerkurs für Senioren besucht.

„Alle zu Hause können mit dem Computer umgehen und ich nicht. Da war ich dann ein Outsider. Die haben mich für blöd gehalten. Das ist heutzutage einfach ein Nachteil, wenn man mit einem Computer nichts anfangen kann.“

Mirka ist 64 Jahre alt und Rentnerin. Vor zwei Jahren hat sie sich ein Notebook zugelegt und bei der gemeinnützigen Organisation Elpida in Prag einen Grundkurs für Senioren besucht. Danach folgte ein Kurs für Fortgeschrittene. Jetzt kann Mirka im Internet surfen, sich Rezepte ausdrucken, Fahrpläne nachschauen und ihre Digitalfotos bearbeiten.

„Ich schreibe auch Mails. Hier haben sie mir dann beigebracht, wie man einen Anhang verschickt. Mit meinen Freundinnen schreibe ich jetzt Mails und wir schicken uns Fotos zu.“

Mirkas erwachsene Söhne und auch die Enkelin sitzen täglich vor dem Computer. Aber Geduld, ihr etwas zu erklären, hat niemand von Ihnen.

Foto: www.elpida.czFoto: www.elpida.cz „Hier habe ich am meisten gelernt, weil die Kursleiter das einfach gut erklären können. Zu Hause haben sie keine Geduld und können mir das einfach nicht erklären. Das ist ihr größter Fehler.“

Auch der 68-jährige Milan, der mit im Kurs sitzt, hatte eines Tages das Gefühl, außen vor zu sein:

„Ich bin damals in das Computergeschäft Alza gekommen, und da stand diese lange Reihe von Computern. Und ich konnte damit überhaupt nichts anfangen. Ich habe mir das kurz angeschaut und bin dann schnell wieder gegangen. Aber ich habe mir gesagt, dass ich das ändern muss.“

Nicht selten ist Scham der Auslöser dafür, einen Computerkurs zu belegen. Scham und das Gefühl, bei etwas Wichtigem nicht mehr mithalten zu können, meint auch Kursleiter Richard Pešek:

Foto: www.elpida.czFoto: www.elpida.cz „Die Senioren kommen hier her mit einem Gefühl der Minderwertigkeit. Die älteren Menschen sagen oft: ´Mein Enkel, der hämmert den ganzen Tag auf dem Computer rum von morgens bis abends. Er kann das und ich komme mir total dumm vor´.“

In den Senioren-Kursen geht alles Schritt für Schritt: Der Leiter begleitet den ersten Kontakt mit dem Gerät und erklärt einige Begriffe und Funktionen auch zehn Mal, wenn es nötig ist. Nach dem Grundkurs gibt es dann vielfältige Spezialisierungsmöglichkeiten. Seit 2002, als die ersten Kurse eingerichtet wurden, haben hier rund 15.000 Senioren den Computer nutzen und schätzen gelernt. Seit einiger Zeit besuche eine Dame den Kurs, die alles geradezu aufsauge, erzählt Kursleiter Pešek:

„Sie hatte 14 Jahre lang ihren Mann gepflegt. Letztes Jahr ist er gestorben. Dann wollte sie sich ein Notebook kaufen. Ihre Familie hat ihr das ausreden wollen. Was sie denn damit wolle, das könne sie sowieso nicht mehr begreifen. Sie hat sich da aber nicht reinreden lassen. Jetzt macht sie schon den Fortgeschrittenenkurs und neulich kam sie zu mir und sagte: ´Ich habe schon aufgehört zu kochen. Ich sitze vor dem Ding und nehme meine Umgebung überhaupt nicht mehr wahr. Das ist jetzt wirklich ein Freund geworden, der mich beschäftigt, und mir geht es gut.“

Vom Computer in den Bann gezogen werden und pausenlos vor dem Bildschirm hängen, das kann also auch Senioren passieren. Dennoch gelte zumeist: Der Geist wird auf Trapp gehalten und die neuen Kommunikationsmöglichkeiten mindern die Einsamkeit, sagt Richard Pešek.

Und was die Einsamkeit betrifft, da gibt es auch noch eine tschechische Besonderheit aus der Zeit des Kommunismus:

„Es gibt hier eine Gruppe von Senioren, deren Familienangehörige emigriert sind. Für diese alten Menschen wird nun der Computer mit seinen Möglichkeiten zu einem unglaublich wertvollen Hilfsmittel, um mit dem Rest der Familie in regelmäßigem Kontakt zu bleiben. Die Mutter schreibt eine Mail und ihre Tochter antwortet schon in einer halben Stunde, obwohl sie auf der anderen Seite der Welt lebt.“

Illustrationsfoto: Europäische KommissionIllustrationsfoto: Europäische Kommission Und noch etwas ist typisch in dem Land, wo jeder Zweite ein kleines Wochenendhäuschen besitzt, berichtet Richard Pešek:

„Es sind immer wesentlich mehr Senioren, die im Winter die Kurse besuchen. Denn wenn im Frühling das Wetter besser wird und die Sonne herauskommt, dann ziehen viele von ihnen für die Sommermonate in ihr Wochenendhäuschen, auf ihre Datscha und kommen erst im Herbst wieder zurück nach Prag. Das ist der Grund, weshalb gerade die Winterkurse viel stärker genutzt werden.“

Aber seit gut einem Jahr nimmt das Interesse an den Kursen insgesamt ein wenig ab.

„Denn früher kamen vor allem Senioren, die überhaupt keine Ahnung hatten. Jetzt kommen die etwas jüngeren Jahrgänge dran und die haben meistens schon mal einen Computer gesehen.“

Angst, dass er seinen Job verliert, hat Richard Pešek trotzdem nicht. Auf dem Gebiet gebe es ja fast täglich Neues. Das sieht Kursteilnehmer Milan genauso: „In dieser Sache wird man ja nie zum Profi.“

Illustrationsfoto: Europäische KommissionIllustrationsfoto: Europäische Kommission Aber am Ende hat Kursleiter Pešek für Milan, Mirka und die anderen Senioren noch eine kleine Überraschung:

„Weil ja dieses Jahr Olympia ist, wollten wir da nicht außen vor bleiben und haben gemeinsam mit der Zeitschrift Vital eine Computer-Olympiade ausgeschrieben. Da geht es aber eher um den Spaß an der Sache und nicht um eine pedantische Prüfung Ihrer Kenntnisse. Sie bekommen einen kleinen Computer-Test und am Ende gibt es natürlich ein paar Sachpreise zu gewinnen.“

Zwar kein Gold, Silber oder Bronze, aber zum Beispiel einen USB-Stick. Und mit einem USB-Stick umzugehen, das will auch ja erst einmal gelernt sein. Die Lektion erwartet die Senioren aber erst noch. Beim nächsten Mal.

25-02-2010