Aus Jablonec nach Neugablonz und zurück

07-08-2014

Das nordböhmische Jablonec nad Nisou / Gablonz an der Neiße ist mit dem allgäuischen Kaufbeuren durch eine Städtepartnerschaft verbunden. Die beiden Gemeinden haben viel gemeinsam, denn ein Stadtteil von Kaufbeuren heißt Neugablonz. Die Interviews sind anlässlich eines Besuchs von Bewohnern aus Jablonec in Kaufbeuren vor einigen Wochen entstanden.

Rathaus in Kaufbeuren (Foto: Martina Schneibergová)Rathaus in Kaufbeuren (Foto: Martina Schneibergová) Die Städtepartnerschaft zwischen Jablonec nad Nisou und Kaufbeuren wurde offiziell vor fünf Jahren geschlossen. Kontakte zwischen den Bewohnern hatte es aber auch schon zuvor gegeben. Denn zu Kaufbeuren gehört auch Neugablonz. Dieser Stadtteil entstand nach dem Krieg als eine Siedlung von Vertriebenen, die vorwiegend aus dem nordböhmischen Gablonz und seiner Umgebung stammten. László Kasztner ist Geschäftsführer des Vereins zur Pflege der Städtepartnerschaften in Kaufbeuren. Über die Bedeutung der Kontakte zu Nordböhmen sagte er:

„Für mich liegt die größte Bedeutung darin, dass wir uns 2009 entschlossen haben, solange die Erlebnisgeneration unter uns ist, dass wir die Städtepartnerschaft schließen. Das war für uns das entscheidende Argument. Wir wollten nicht weitere 20 Jahre warten, bis niemand mehr leben und die Menschen die Vorgänge der Jahre 1945 bis 1946 nur noch aus den Geschichtsbüchern kennen würden. Wir wollten, dass unter uns auf deutscher sowie tschechischer Seite Menschen sind, die diese Jahre erlebt haben und die auch ganz bewusst sagen, dass sie diese Städtepartnerschaft eingehen wollen.“

László Kasztner (Foto: Martina Schneibergová)László Kasztner (Foto: Martina Schneibergová) Haben sich inzwischen auch Beziehungen zwischen Familien aus Bayern und Tschechischen gebildet?

„Wir wussten 2009, dass ungefähr 20 Jahre lang schon zwei Schulen aus Kaufbeuren, das damalige staatliche Gymnasium und die Berufsfachschule für Glas und Schmuck, Kontakte zur Kunstgewerbeschule in Jablonec hatten. Wir wussten, dass viele Verwandtschaftskontakte schon lange bestanden und dass auf Privatinitiativen Busreisen organisiert wurden. Wir haben also nicht beim Null angefangen, sondern konnten auf vielen Initiativen aufbauen. Das hat uns auch Mut und Hoffnung gegeben.“

Ich habe gehört, dass es auch rege Kontakte zwischen dem Isergebirgsmuseum in Neugablonz und den Galerien und Museen in Nordböhmen gibt. Sie arbeiten an Ausstellungsprojekten zusammen. Wie können Sie als Verein diese Kulturaktivitäten unterstützen?

Straßennamen in Neugablonz (Foto: Martina Schneibergová)Straßennamen in Neugablonz (Foto: Martina Schneibergová) „Die Ausstellungen oder Konzerte laufen auf der Basis der Hauptamtlichen, also der Personen, die dies beruflich machen. Die Städtepartnerschaft läuft auf der Ebene des Ehrenamtes, also der Freiwilligkeit. Wir können da Ideen einbringen, wir können die Veranstaltungen im weitesten Sinne über die Medien unterstützen. Zum jetzigen deutsch-tschechischen Konzert haben wir beispielsweise versucht, verschiedene Persönlichkeiten einzuladen, und sie sind tatsächlich auch gekommen. Wir haben eine unterstützende Funktion und wollen, dass die Menschen einen Schritt auf die Partnerstadt, auf ihre ehemalige Heimat zutun - und wir als Verein unterstützen sie nur.“

Wenn man die Straßennamen in Neugablonz liest, die von den verschiedenen Orten im Isergebirge abgeleitet wurden, oder wenn das Museum besucht, hat man den Eindruck, dass die Bewohner von Kaufbeuren möglicherweise über Tschechien mehr wissen als die Bewohner anderswo in Deutschland. Stimmt das?

Elisabeth Vietze (Foto: Martina Schneibergová)Elisabeth Vietze (Foto: Martina Schneibergová) „Nein, das glaube ich nicht. Ich meine, dass viele Leute aus Kaufbeuren, die nach Jablonec reisen und dort den Markt oder die Kirche sehen, erst dann bemerken, dass es fast dasselbe auch in Neugablonz gibt. Aber ich glaube nicht, dass die Menschen darüber nachdenken, warum die Reichenberger Straße so heißt. Sie ahnen vielleicht, dass das etwas mit Gablonz zu tun haben könnte. Aber mehr wahrscheinlich nicht.“

Für eine gute Partnerschaft zwischen den beiden Städten hat sich auch die Neugablonzerin Elisabeth Vietze eingesetzt, sie war 13 Jahre lang Stadtratsmitglied. Sie sie 1958 nach Kaufbeuren gezogen, erzählt sie:

„Ich bin aus Württemberg nach Neugablonz gekommen, weil meine Verwandten und vor allem Leute aus meinem Heimatort dort waren. Das Schäflein wollte zur Herde. Ich bin hier sehr glücklich, weil alles ähnlich wie damals bei uns zu Hause ist: die Wälder, die Werke, die Knödel und anderes Essen. In Bayern bin ich glücklich.“

LabauLabau Wo sind Sie geboren?

„In Pěnčín / Pintschei. Pintschei war damals ein Ortsteil von Labau / Huť. Wir haben hier eine Ortsgemeinschaft mit 110 Menschen und treffen uns jeden Monat einmal. Wir haben vor kurzem ein Wörterbuch unserer Isergebirgischen Mundart, die Paurisch genannt wird, zusammengestellt. Es ist sehr schön und amüsant. Wer Verwandte hat, den sollte es interessieren. Ich habe es meinen Enkeln zu Weihnachten geschenkt, damit sie ihre Wurzeln nicht vergessen.“

Isergebirgsmuseum in Kaufbeuren-Neugablonz (Foto: Martina Schneibergová)Isergebirgsmuseum in Kaufbeuren-Neugablonz (Foto: Martina Schneibergová) Sie sprechen aber auch wunderbar Tschechisch, wie kommt das, dass sie beide Sprachen beherrschen?

„Ich bin hier 13 Jahre lang in die Volkshochschule gegangen, um die Grammatik zu vervollständigen. Ich bin an der Sprachgrenze geboren, die nächsten Orte waren tschechisch. Wir haben Tschechisch gelernt, um mit den Nachbarn reden zu können. Sie sprachen Tschechisch sowie Deutsch, und wir sprachen auch Tschechisch.“

In Neugablonz besteht ein Isergebirgsmuseum, das in den letzten Jahren verstärkt mit den Galerien und Museen in Tschechien zusammenarbeitet. Eva Haupt leitet dieses Museum:

Eva Haupt (Foto: Martina Schneibergová)Eva Haupt (Foto: Martina Schneibergová) Frau Haupt, wer sind meistens die Besucher des Isergebirgsmuseums?

„Es sind natürlich viele Gruppe von Heimatvertriebenen, die ihre Erinnerungen wieder wachrufen wollen und die sich interessieren. Es sind aber auch viele Menschen, die mit dem Isergebirge gar nichts zu tun haben: Vereine, die sich für den Schmuck interessieren und die dann zu uns kommen. Wir haben auch viele Schulklassen, da wir ebenso ein Stadtteilmuseum für Neugablonz sind.“

Suchen Sie weiterhin nach Dokumenten und Exponaten für das Museum?

„Ja, nach Objekten suchen wir auf jeden Fall immer weiter, wir interessieren uns vor allem für Alltagsobjekte sowie Dokumente. Denn unsere Aufgabe ist es auch, zu sammeln und zu bewahren, selbst wenn wir die Objekte nicht direkt ausstellen können.“

Foto: Martina SchneibergováFoto: Martina Schneibergová Im Museum kann man sich auch Erinnerungen von Zeitzeugen anhören. Wissen Sie, in wieweit sich auch die Nachkommen der Gablonzer für die Heimat ihrer Eltern oder Großeltern interessieren?

„Das ist eine schwierige Frage. Manche von den Vertriebenen sind traurig, dass sich ihre Kinder oder Enkelkinder nicht für ihre Wurzeln interessieren. Ich weiß, dass andere wiederum mit ihren Kindern in Böhmen waren und ihnen die alte Heimat gezeigt haben und dass dies ihnen sehr gut getan hat. Es ist unterschiedlich.“

Foto: Martina SchneibergováFoto: Martina Schneibergová Die Beziehungen zwischen Neugablonz und dem nordböhmischen Jablonec werden hier auch erwähnt. Besuchen auch Tschechen, die aus dem Isergebirge stammen, das Museum?

„Ja, wir haben auch Besuche aus Tschechien, und das freut mich ganz besonders. Das Jakob-Brucker-Gymnasium in Kaufbeuren hat beispielsweise ein Austauschprogramm mit tschechischen Schülern, die dann auch zu uns kommen. Wir haben zudem Einzelbesucher aus Tschechien.“

Im Treppenhaus des Museums hängen zahlreiche Plakate für tschechische Ausstellungen. Es scheint, dass Sie mit tschechischen Institutionen eng zusammenarbeiten. Stimmt es?

„Ja schon, und das finde ich sehr wichtig. Wir haben vom Museum in Jablonec eine Schwarzglasschmuck-Ausstellung übernommen, jetzt hatten wir eine Ausstellung aus Liberec hier. Ich hoffe, dass wir die gute Zusammenarbeit auch fortsetzen können.“

Foto: Martina SchneibergováFoto: Martina Schneibergová Zu sehen ist hier auch das Plakat für die Ausstellung über das verschwundene Sudetenland. Wurde sie im Museum auch gezeigt?

„Ja, die Ausstellung von Antikomplex war hier auch zu sehen. Es gab inzwischen einige grenzüberschreitende Projekte, die wir in die Wege gebracht haben. Mit Frau Dr. Habanová von der Galerie in Liberec habe ich noch mehrere Ideen, wie wir zusammenarbeiten können. Ich finde das schön, dass wir so gute Kontakte haben.“

Reisen Sie öfter nach Jablonec oder Liberec?

„Wir versuchen, mindestens einmal im Jahr dort zu sein. Letztes Jahr war ich zweimal dort, um Gespräche über die Ausstellung ´Junge Löwen im Käfig´ zu führen. Es ist sehr angenehm, dort zu sein, ich bin sehr gern dort.“

07-08-2014