Amerikaner in Prag

31-08-2004

Die amerikanische Kultur hat in Prag gut sichtbare Spuren hinterlassen: Von der englischen Sprache bis hin zu speziell auf die Immigranten eingestellten Dienstleistungen ist hier alles zu finden. Christoph Amthor stellt Ihnen in dem nun folgenden Bericht die amerikanischen Prager und ihr Leben in der Stadt vor.

PragPrag Wer ein paar Schritte durch die Prager Innenstadt geht, wird vor allem eine Sprache in gebührender Lautstärke vernehmen: Englisch. Es sind aber nicht nur Touristen, die dem Leben dieser Stadt einen internationalen Stempel aufgedrückt haben. Denn Prag ist seit den Neunzigern auch ein Ort der Immigranten. Mehr als andere nutzen Amerikaner die vorhandenen Möglichkeiten, um hier ein Jahr oder länger zu verbringen. Einige zehntausend leben in Tschechien, die meisten davon in der Hauptstadt. Prag ist eine Art amerikanischer Brückenkopf in Richtung Osten geworden. Die Aufbruchstimmung in den Neunzigern mag auf Viele eine ähnliche Anziehung ausgeübt zu haben wie Paris vor gut hundert Jahren. Einige von ihnen, wie etwa Christine, haben sich auf den Umzug nach Prag gründlich vorbereitet und kommen mit bestimmten Vorstellungen:

"Ich habe Marketing studiert und ich wollte in einem Land leben, das eine kapitalistische Gesellschaft aufbaut, ich habe mir alle Länder in Mittel- und Osteuropa angesehen, die Kultur, die Leute, das Essen, und habe entschieden, dass die Tschechische Republik der richtige Platz für mich ist."

Gerade durch die berufliche Tätigkeit entstehen auch Kontakte mit den Einheimischen, wobei sprachliche Barrieren kein Hindernis darstellen müssen.

"Die meisten unserer Freunde sind Tschechen, denn die Amerikaner ziehen weg, man verbringt Zeit damit, Freunde zu finden, und dann ziehen sie weg, es ist ermüdend."

Aber nicht jeder hat seinen Aufenthalt so gut geplant. Katrina etwa war zuerst als Rucksacktouristin gekommen und wohnt mittlerweile seit zwei Jahren hier:

"Ich bin gekommen, weil ich für eine Weile von Zuhause weg wollte, und das war irgendwie der einfachste Ort, wohin ich gehen konnte, in Westeuropa hätte ich wegen der EU nicht arbeiten können. Ich bin durch Europa gereist und habe eine Woche in Prag verbracht, und ich habe mir gedacht, dass dies die schönste Stadt ist, die ich je gesehen habe. Es sah wie ein toller Ort aus, um dort ein Jahr zu verbringen, und dann bin ich schließlich länger geblieben!"

Es war ein Sprung ins Unbekannte, der sich gelohnt hat. Eine Arbeit zu finden, war nicht besonders schwer, da die Schulen gerade Muttersprachler als Englischlehrer gebraucht haben. Katrina ist nun an einer britischen Schule angestellt. Das Leben in Prag sei mit dem in Los Angeles nicht zu vergleichen, weiß sie zu berichten:

Prager KarlsbrückePrager Karlsbrücke "Einer der größten Unterschiede, der mir aufgefallen ist, besteht darin, dass ich mich hier wirklich sicher fühle. Das Schlimmste, was wirklich passieren kann, ist, dass mir jemand das Portemonnaie stiehlt, aber ich würde es noch nicht einmal bemerken, bis ich zuhause bin!"

Das Leben sei hier sehr viel einfacher, nicht so hektisch, man könne etwa in Ruhe auf den Straßen umher gehen, statt unterwegs immer in sein Auto gesperrt zu sein. Wie aber ist das Verhältnis der Tschechen zu ihr als "Ex-Pat", wie sich die im Ausland lebenden Amerikaner selbst bezeichnen.

"Ich glaube, es ist im Ganzen gut, und ich denke, dass es einen großen Unterschied macht, dass ich ein paar Brocken Tschechisch gelernt habe und immer versuche, ein bisschen zu sprechen. Ich glaube, dass die Leute viel freundlicher sind, wenn sie feststellen, dass man nicht bloß ein Tourist ist, der für drei Tage kommt, sondern dass man ihre Kultur zu würdigen weiß."

Neben den vielen Vorzügen des Prager Lebens gibt es aber auch andere Seiten, und gerade die sonst zu Recht gerühmte böhmische Küche erweist sich hier als tückisch:

"Was ich am wenigsten mag ist vermutlich das Essen, ich bin nämlich Vegetarier. Wenn ich also in tschechische Restaurants gehe, gibt es immer Smazeny Syr, und obwohl ich mich darauf eingestellt habe, denke ich, dass jeden Augenblick mein armes Herz daran zerbrechen kann!"

Wer in Prag lebt und an der tschechischen Sprache scheitert, wird trotzdem nicht auf seine Teilnahme am öffentlichen Leben verzichten müssen. Neben englischsprachigen Cafés, Bars oder Sportvereinen gibt es sogar Vereine, die parallel in zwei Sprachversionen existieren: einmal in Tschechisch und einmal in Englisch. Davon hat auch Kristina profitiert:

In PragIn Prag "Ich habe mich immer sehr viel gesellschaftlich engagiert, und ich halte es für einen wichtigen Teil des Lebens. Als ich hierher gezogen bin, habe ich angestrengt gesucht, etwas zu finden, was ich machen könnte, um Menschen zu helfen. Aber weil ich nicht fließend Tschechisch konnte, war es wirklich schwierig. Dann habe ich eine Annonce für die englischsprachige Gruppe von Amnesty International gefunden und ich habe mir gedacht, das könnte nicht nur gut sein, um Leute zu treffen, sondern auch um etwas Sinnvolles mit meiner Zeit anzufangen."

Zu einer der altehrwürdigen englischsprachigen Institutionen in Prag gehört auch das "Globe", eine Kombination aus Buchladen und Café. Auch wenn es inzwischen von einem Deutschen, Michael Homann, betrieben wird, war das zunächst noch in Holesovice ansässige Literatur-Café aus dem Jahr 1993 eine rein amerikanische Gründung. Damals wie heute trafen sich dort die Adepten amerikanischer Kultur in Prag, wie Homann erklärt:

"Das war der erste englischsprachige Buchladen, natürlich eine große Anlaufstelle für alle Amerikaner, die hier waren, und allerdings auch für Tschechen, weil die ja einen sehr großen Amerikafaible haben. Die Amerikaner haben sie ja sozusagen zweimal befreit, einmal von den Deutschen und dann ´89 von den Kommunisten."

Homann ist als Unternehmer beileibe kein Neuling. So etwa hatte er zehn Jahre lang Theater gemacht und genauso lange auch ein Taxiunternehmen betrieben. Nachdem er dieses verkauft hatte, machte er im März 2003 sein Hobby zum Broterwerb, indem er das Globe kaufte. Den Hauptanteil der Gäste bilden auch heute noch Amerikaner, Homann spricht desweiteren von etwa zehn Prozent deutschen und zwanzig Prozent tschechischen Besuchern.

"Und es kommen immer mehr Iren, das merkt man, es ist ja bekannt, die Iren kommen gerne nach Prag wegen Bier und Frauen, aber hier kommen sie auch wegen Büchern. Also, sie werden nicht extra wegen Büchern kommen, aber sie kaufen eben auch Bücher!"

Ja, wenn die Iren nicht irren, dann hat Prag auch so Einiges an kulturellen Reizen zu bieten! So hat sich letztendlich eine nützliche Symbiose eingespielt: Während die Amerikaner in Prag vor der kulturellen Gettoisierung bewahrt werden, bewahren sie umgekehrt Prag vor einer Provinzialisierung. Doch es besteht kein Anlass, eine völlige Amerikanisierung der tschechischen Hauptstadt zu befürchten. Denn kaum etwas ist dem tschechischen Selbstverständnis so wichtig wie die eigene Sprache, und ihre Buchstaben mit dem Häkchen darüber werden die Tschechen so schnell nicht aufgeben, auch wenn die Amerikaner noch so oft darüber verzweifeln!

31-08-2004