Zwei Studenten des Jahres 1939

Im November wurde in den Medien, bei Diskussionen und Veranstaltungen an den 15. Jahrestag der Samtenen Revolution von 1989 erinnert. Ganz in Vergessenheit geraten sind dabei die Ereignisse des 17.Novembers 1939. Damals haben die deutschen Okkupanten die tschechischen Hochschulen geschlossen, neun Studentenführer erschossen und über 1.000 ins KZ deportiert. Im nun folgenden Kapitel aus der tschechischen Geschichte stellt Ihnen Katrin Bock das Schicksal von zwei Studenten des Jahres 1939 vor.

Demonstration am 28. 10. 1939Demonstration am 28. 10. 1939 Im Trubel um die Veranstaltungen zum 17. November 1989 und dem Ende des kommunistischen Regimes in der Tschechoslowakei ging der 65. Jahrestag der Ereignisse von 1939 völlig unter, darum will ich im heutigen Kapitel noch einmal zwei Akteure des Jahres 1939 zu Wort kommen lassen. Getroffen habe ich sie bei einem Gedenkakt vor dem Hlavka- Studentenwohnheim, in dem der von den deutschen Sicherheitsbeamten am 28. Oktober 1939 angeschossene Student Jan Opletal gewohnt hatte. Nur rund 100 Menschen nahmen an der Gedenkveranstaltung teil. Die meisten von ihnen waren weit über 80 Jahre alt. Damals, im Herbst 1939, waren sie Studenten, so auch der heute 87jährige Jakub Cermin und der ebenfalls 87jährige Josef Jira.

Am 28. Oktober 1939, dem 21. Jahrestag der Gründung der selbständigen Tschechoslowakei, fanden im Protektorat Böhmen und Mähren Demonstrationen gegen die deutschen Okkupanten und für eine unabhängige Tschechoslowakei statt. In Prag waren vor allem die Studenten aktiv. Eine erste Demonstration fand am Vormittag im Prager Zentrum statt. Für den Nachmittag war eine weitere geplant. Josef Jira erinnert sich:

Das Begräbnis von Jan Opletal in PragDas Begräbnis von Jan Opletal in Prag "Gegen halb zwei nach dem Mittagessen sind wir Studenten zusammen wieder auf die Strasse gegangen. Wir wollten auf den Wenzelsplatz kommen, wurden aber in andere Richtungen gedrängt - jeder war wo anders. Ich wurde Richtung Karlsplatz gedrängt, Jan Opletal Richtung Friedensplatz. Das war so ein Gedrängel und Gedrücke, in der Masse wurden wir herumgeschoben und die Polizisten auf den Pferden haben uns vom Wenzelsplatz abgedrängt. Deutsche Zivilisten hatten so spezielle Pistolen, die man nicht hörte, und in dem Gedränge wurde Jan Opletal wohl in der Zitna-Gasse getroffen, aber er ging noch hierher ins Wohnheim zurück."

Jan Opletal wusste zunächst nicht, dass er von einer Kugel schwer getroffen war.

"Er sagte nur, dass ihn irgendwas gepiekst hat. Er hatte einen wohl siebenfachen Darmdurchschuss. Sein Hemd, das uns sein Vater überlassen hat, war durchschossen und voll Blut."

Jan Opletal kam in ein Krankenhaus, wo ihn seine Kommilitonen besuchten - auch Opletal studierte Medizin. Am 11. November kam die Nachricht:

15.10. 1939, das Begräbnis von Jan Opletal15.10. 1939, das Begräbnis von Jan Opletal "Wir dachten, er kommt wieder raus. Und am 11. November war er plötzlich tot. Er ist an einer Blutvergiftung gestorben. Hätte es damals schon Penizillin gegeben, wäre er wohl nicht gestorben. Dann mussten wir schnell das Begräbnis vorbereiten. Erst wollten das unsere Polizisten nicht erlauben, aber die mussten ja immer die Befehle der Gestapo befolgen."

Josef Jira wohnte damals im gleichen Wohnheim wie Jan Opletal. An diesen kann er sich gut erinnern:

"Ich hab im 4. Stock gewohnt und er auch, im Doppelzimmer. Das war ein kluger Kopf, ein exzellenter Student. Er war erst zwei Jahre später auf die Uni gegangen wie wir. Zuerst diente er in der Armee, wo er auch bleiben wollte, aber er hat es nicht in die Militärakademie geschafft. Dann begann er Medizin zu studieren. Er studierte konzentriert und systematisch. Er hat auch aus anderen Sprachen Skripts übersetzt. Sein Mitbewohner hat immer gesagt, dass er beim Lernen ein Handtuch über den Kopf hat, damit ihn niemand und nichts stört. Na ja, die Kugel sucht sich ihr Ziel nicht aus."

Am 15. November 1939 fand die Trauerfeier für Jan Opletal in Prag statt. Tausende von Studenten nahmen an dieser teil. Auch Josef Jira:

"Hier in dem Wohnheim war ich noch 15. November und habe den Kranz auf dem Begräbnis getragen. Am 16. November fuhr ich mit einer Delegation des Wohnheims nach Naklo in Mähren, wo das Begräbnis von Jan Opletal auf dem Friedhof stattfand, von dort bin ich dann am Abend wieder nach Prag gefahren, mit dem Schnellzug. Gegen Mitternacht sind wir in Prag angekommen, um halb vier haben sie uns hier im Wohnheim überfallen. Zu viert sind wir aus Mähren wieder zurückgefahren, in Olomouc sind wir über die Schienen gerannt und in den fahrenden Zug gesprungen - das war sozusagen unser Schnellzug ins KZ, aber das haben wir damals noch nicht gewusst. Wir sind in den letzten Wagon gesprungen und waren froh, dass wir nach Hause fahren und um halb vier morgens haben sie uns geweckt und abgeführt. 22 Jahre war ich damals alt."

Jakub Cermin am 17.11.2002 (Foto: CTK)Jakub Cermin am 17.11.2002 (Foto: CTK) Jakub Cermin war damals ein 22jähriger Jurastudent und wohnte im Svehla-Wohnheim, dem Studentenheim der Agrarpartei:

"Um drei Uhr morgens hörten wir ein Donnern an der Tür, Hände hoch - Geschreie und so weckten sie uns Studenten. Noch im Schlafanzug versammelten sie uns im Kinosaal des Wohnheims. Dann durften wir uns anziehen und wurden ins Gefängnis nach Ruzyne gefahren. Dort haben sie uns Studenten alle im Reitstall versammelt und uns erklärt, dass die Hochschulen für drei Jahre geschlossen werden, dass Vertreter von uns Studenten erschossen wurden und wir alle in ein KZ transportiert werden - das war mein 17. November 1939."

Über 1.000 Studenten landete damals in den frühen Morgenstunden des 17. Novembers im Reitstall des Gefängnisses im Prager Stadtteil Ruzyne, auch Josef Jira:

"Wir waren viele, aus vier oder fünf Wohnheimen in Prag, von unserem Wohnheim waren wir 200, alles zusammen so ungefähr Tausend. Dann haben sie noch Studenten aus Brünn gebracht. Im Reitstall haben sie uns geteilt in die bis 20 Jahre und die älteren. Wir wussten nicht, was mit uns passieren wird, auch nicht die, die jünger als 20 waren. Wir haben erst im KZ erfahren, dass sie die jüngeren noch am gleichen Tag nach Hause geschickt haben."

Jan OpletalJan Opletal 1.200 tschechische Studenten wurden in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert. Dort bewohnten sie vier Blöcke. Die Studenten hatten eine gewisse Sonderstellung im Lager, wie Jakub Cermin sich erinnert:

" Zum einen wurden wir alle zusammen untergebracht, was eine große Erleichterung war und dann hat sich der Protektoratspräsident Hacha für uns eingesetzt. Wir wurden alle entlassen - genau nach drei Jahren, am 17.11.42 war auch der letzte von uns Studenten aus dem KZ entlassen. Wir wurden gruppenweise entlassen, die ersten 80 oder so zu Hitlers Geburtstag am 20. April, dann zum Totengedenktag noch mal welche und so weiter. Hacha hat auch erreicht, dass wir Päckchen erhalten durften, mein Bruder hat mir immer welche geschickt. Es soll auch einen Befehl gegeben haben, dass wir nicht geschlagen werden dürfen - und das haben wir eigentlich auch gemerkt."

Nach und nach kehrten die Studenten aus dem KZ nach Hause. Während sie im KZ interniert waren, waren viele ihrer Kommilitonen nach England geflohen, wo sie in den tschechoslowakischen Einheiten der Armee dienten und dazu beitrugen, dass der 17. November 1941 zum internationalen Tag der Studenten erklärt wurde. Dies hat den internierten Studenten geholfen das Leben zu retten - Hitler konnte sich nicht mehr erlauben, die tschechischen Studenten ermorden zu lassen.

Nach der Machtergreifung der Kommunisten in der Tschechoslowakei 1948 missbrauchten diese die Ereignisse des Novembers 1939 für ihre Zwecke. Die Helden waren nun Kommunisten, über die Studenten und deren nichtkommunistische Führer, die am 17. November hingerichtet wurden, wurde geschwiegen. Viele der Studenten des 17. Novembers wurden wegen ihrer politischen Überzeugung in den 1950er Jahren zu jahrelangen Gefängnisstrafen verurteilt oder konnten ihre Berufe nicht ausüben. Erst nach 1989 wurden sie rehabilitiert.