Zucker, Marmor und Revolution

12-01-2019

Der Karibikstaat Kuba war schon immer ein Sehnsuchtsort für viele Tschechen. Deshalb bestanden bereits Verbindungen zwischen den beiden Ländern, bevor es sie offiziell gab. Daran änderten auch die kapitalistischen und kommunistischen Gemütsschwankungen im Laufe der Geschichte nichts. Ein Rückblick zu 60 Jahren kubanische Revolution.

Auf der einen Seite Palmen, Rum und Zigarren – auf der anderen Bier, Blasmusik und mitteleuropäisches Nieselwetter. Kuba und Tschechien könnten nicht verschiedener sein. Ganz zu schweigen von der heutigen politischen Ausrichtung. Es gibt aber eine Sache, die ab dem 19. Jahrhundert für enge Beziehungen zwischen den beiden Ländern sorgte. Der Historiker Josef Opatrný ist der führende Lateinamerika-Experte in Tschechien und weiß, worum es geht:

„Um den Zucker. Kuba war Ende des 19. Jahrhunderts der weltweit größte Produzent von Rohrzucker. Böhmen wiederum belegte einen Spitzenplatz bei der Herstellung von Rübenzucker. Irgendwann begannen dann böhmische Firmen, Maschinen zur Zuckerherstellung nach Kuba zu liefern. Ob nun Zuckerrohr oder Zuckerrübe, die Geräte zur Produktion sind dieselben. Man musste nur die Messer austauschen.“

Unabhängigkeitserklärung Kubas 1902 (Foto: Wikimedia Commons, Public Domain)Unabhängigkeitserklärung Kubas 1902 (Foto: Wikimedia Commons, Public Domain) Man spricht also schon miteinander, bevor es beide Länder überhaupt auf der Weltkarte gibt. Kuba wird 1902 unabhängig. Das aber nur eigentlich, denn in Wirklichkeit lenken die USA mit ihrer sogenannten Kanonenbootpolitik die Geschicke des Landes. Die Devise heißt: amerikanisches Eigentum auf der Insel zu schützen. Wobei das aber nichts anderes bedeutet, als dass Washington die Kontrolle über die Ressourcen der Insel behalten will. Gerade das hält man in Prag für ein großes Problem, als die Tschechoslowakei 1918 selbst unabhängig wird. Denn schon seit den Anfängen der gemeinsamen Beziehungen im 19. Jahrhundert fürchtet man sich vor zu viel USA auf Kuba:

„Die böhmischen Agrarzeitungen schrieben voller Angst darüber, wie es denn aussehen würde, wenn die USA den spanisch-amerikanischen Krieg gewinnen würden, der Ende des 19. Jahrhunderts tobte. Da hieß es, dass die Amerikaner massiv in die kubanische Zuckerwirtschaft investieren und alle Konkurrenten vernichten würden.“

Josef Opatrný (Foto: Ondřej Tomšů)Josef Opatrný (Foto: Ondřej Tomšů) Ab den 1920er Jahren schließlich werden aus den – zwar guten und lukrativen – informellen Kontakten zwischen Havanna und Prag waschechte diplomatische Beziehungen. Diese blühen, und die wirtschaftliche Zusammenarbeit wird immer intensiver. Allerdings sei sie manchmal ziemlich einseitig gewesen, wie Josef Opatrný beschreibt:

„Damals gab es das sogenannte europäische Zucker-Kartell, das seinen Sitz in Prag hatte. Kuba nahm regelmäßig an den Sitzungen der Organisation teil, und so vertieften sich die Kontakte. Schon in den 1930er Jahren führte die Tschechoslowakei alles Mögliche nach Kuba aus, ob nun Brauereitechnik oder landwirtschaftliches Gerät.“

Vom Zucker zum Luxus

Dann kommt das Jahr 1938 – die Tschechoslowakei hört zunächst auf zu existieren, und bald zieht Nazi-Deutschland ganz Europa in den Abgrund. Auf der anderen Seite des Atlantiks bleibt es hingegen verhältnismäßig ruhig. Zwar ist Kuba unter dem Diktator Batista alles andere als ein Hort der Freiheit, dennoch finden gerade Juden aus der Tschechoslowakei dort Rettung vor der Vernichtungspolitik Hitlers:

Eine der Synagogen Havanas (Foto: NYC2TLV, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)Eine der Synagogen Havanas (Foto: NYC2TLV, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0) „Auf Kuba entstand eine relativ große Kolonie von Juden aus der Tschechoslowakei, die auf der Insel Asyl gefunden hatte. Nach Kriegsende verstreute sich diese Community dann in aller Welt, viele gingen in die USA. Einige kehrten auch in die Tschechoslowakei zurück. Insgesamt hinterließen die Juden auf Kuba aber eine tiefe tschechoslowakische Spur.“

Unter anderem das ermöglicht eine nahtlose Fortsetzung der Beziehungen zwischen Kuba und der Tschechoslowakei nach dem Zweiten Weltkrieg. Und sie bleiben weiterhin sehr gut, obwohl die politischen Differenzen ab 1948 immer größer werden. Denn Kuba mit seinem Casino-Kapitalismus steht nunmehr eine sozialistische Tschechoslowakei gegenüber. Die Produkte letzterer sind aber immer noch beliebt bei den Menschen auf der Karibikinsel, wie auch Opatrný bemerkt:

Fidel Castro (Foto: Warren K. Leffler, Archhiv Library of Congress, Wikimedia Commons, Public Domain)Fidel Castro (Foto: Warren K. Leffler, Archhiv Library of Congress, Wikimedia Commons, Public Domain) „Beispielsweise schrieben die Wirtschaftsdiplomaten in ihren Berichten an die Ministerien: ‚Vorsicht, wir können keinen Schund nach Kuba liefern. Das Land ist hochentwickelt, und die Menschen dort sind gewöhnt an Luxusgüter.‘“

Hilfeleistungen für ein neues Kuba

Im Januar 1959 übernimmt Fidel Castro die Macht in Havanna. Eigentlich hätte man das in der Tschechoslowakei positiv sehen können, man bleibt jedoch reserviert:

„Im Jahr 1959 entstand das erste Strategiepapier des tschechoslowakischen Außenministeriums zum Umgang mit Lateinamerika. Kuba wurde da als ein Sonderfall behandelt. Das lag meiner Meinung nach daran, dass man die Ausrichtung von Castros Politik noch nicht kannte. Man wusste also nicht, ob er sich wirklich auf die Seite der Sowjetunion und des Ostblocks schlägt oder ob er nicht eigentlich von den USA installiert wurde.“

Dennoch erkennt man im geplanten Umbau Kubas vom Agrar- zum Industriestaat ein enormes Potential. Denn tschechoslowakische Produkte haben einen sehr guten Ruf auf der Insel:

Foto: Rumlin, Panoramio, CC BY 3.0Foto: Rumlin, Panoramio, CC BY 3.0 „Zwei oder drei Jahre nach der Revolution kam Kuba erstmals in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Und da sollten die Planer aus der Tschechoslowakei helfen. Castro und Che Guevara wollten ja das alte Kuba ausradieren, also das Kuba der US-Touristen und das Kuba als Zuckerdose der USA. Das Land sollte stattdessen eine industrielle Großmacht werden. Und nach den Vorstellungen der neuen Führung sollte die Tschechoslowakei dort Traktorenwerke und Automobilfabriken bauen.“

Ein Produkt aus dem fernen böhmischen Kessel interessiert die Revolutionäre von der Bewegung des 26. Juli aber ganz besonders:

„Kredite der Sowjetunion an Kuba wurden von Castro für Waffenkäufe genutzt. Und diese Waffen kamen hauptsächlich aus der Tschechoslowakei. So hieß es beispielsweise nach dem Jahr 1961, dass diese Waffen die tschechoslowakische Unterstützung an Kuba bei der Invasion in der Schweinebucht gewesen seien.“

Kubanischer Rum (Foto: Anagoria, Wikimedia Commons, CC BY 3.0)Kubanischer Rum (Foto: Anagoria, Wikimedia Commons, CC BY 3.0) Der radikale wirtschaftliche Umbau und das US-Embargo gegen das mittlerweile kommunistische Land haben aber ihren Preis. Die Revolution funktioniert nur auf Pump, und Havanna kann seine Schulden schlicht nicht zurückzahlen. Die Staatsspitze um Fidel Castro greift dann auch gegenüber der Tschechoslowakei zu kreativen Mitteln:

„Die wirtschaftlichen Beziehungen waren immer getrübt durch die Warnungen tschechoslowakischer Ökonomen, dass Kuba sich all die Waren nicht leisten könne. In den 1970er Jahren schickte zwar die Tschechoslowakei immer noch Konsumgüter in die Karibik, doch Kuba bezahlte diese jedoch nicht mit Geld. Stattdessen bekam der Partner in Europa edlen Marmor für die Prager Metro und Konserven mit exotischem Obst.“

Abgesehen davon sind Tabak, Rum und Medikamente in der Tschechoslowakei gern gesehene Waren, mit denen Kuba seine Schulden abbezahlen soll.

Revolutionsdiplomatie und Eiszeit

Che Guevara (Foto: Alberto Korda, Museo Che Guevara, Havanna, Public Domain)Che Guevara (Foto: Alberto Korda, Museo Che Guevara, Havanna, Public Domain) Aber auch aus einem anderen Grund muss die Tschechoslowakei die Kontakte zu Kuba auf einem guten Niveau halten. Denn Prag gilt als heißer Draht zwischen Moskau und Havanna. Das unter anderem wegen des tschechoslowakischen Diplomatennetzwerks auf der anderen Seite des Atlantiks:

„Die Tschechoslowakei war eine Art sowjetische Vorhut in Südamerika. Denn Prag hatte auf dem Kontinent mehr Diplomaten als der gesamte restliche Ostblock zusammen.“

Außerdem bietet die Tschechoslowakei südamerikanischen Revolutionären und Guerillakämpfer einen sicheren Unterschlupf, auch Che Guevara verbringt einige Wochen inkognito in Prag.

Luftaufnahme der Raketenstellung nahe San Cristóbal während der Kubakrise (Foto: National Archives, John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Public Domain)Luftaufnahme der Raketenstellung nahe San Cristóbal während der Kubakrise (Foto: National Archives, John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Public Domain) Nach der Kuba-Krise und dem Abzug sowjetischer Raketen von der Insel herrscht eher schlechte Stimmung zwischen Fidel Castro und den Machthabern im Ostblock. Kuba nähert sich darauf China an. Eine erneute Wende kommt ab den 1970er Jahren, nachdem Castro offen den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei unterstützte. Verbitterung löst das laut dem Historiker Opatrný aber nicht aus in der tschechoslowakischen Bevölkerung, denn Kuba bleibt für die Menschen damals das einzige exotische Land in Reichweite.

Nach der Wende ist es unter anderem der erste demokratische Präsident der Tschechoslowakei, Václav Havel, der kein gutes Haar am Castro-Regime lässt. Dies sei mit seinem schlechten Verhalten dem tschechoslowakischen kommunistischen Regime wohl am ähnlichsten, meint Havel in einer Rede. Somit kommt es mit der Samtenen Revolution von 1989 auch zu einer eine Eiszeit zwischen Prag und dem offiziellen Havanna. Kontakte bleiben jedoch bestehen, nun vor allem aber zu kubanischen Dissidenten.

12-01-2019