Willkommen an der Moldau? Kaiser Franz Joseph und seine Besuche in Prag

Der Habsburger Kaiser Franz Joseph hat während seiner Regentschaft mehrmals Böhmen besucht. Wie häufig das war, lässt sich indes heuzutage nicht mehr genau feststellen. Die offiziellen Reisen wurden damals aber ausführlich dokumentiert. Der Historiker Jozo Džambo vom Münchner Adalbert-Stifter-Verein hat in den Archiven geforscht und sich ein Bild über die Besuche von Franz Joseph I. in Prag gemacht. Im Herbst vergangenen Jahres hielt Jozo Džambo einen Vortrag im Prager Nationalen Technik-Museum zum Thema dieser kaiserlichen Visiten. Bei dieser Gelegenheit hat Radio Prag mit dem Historiker gesprochen.

Kaiser Franz Joseph I.Kaiser Franz Joseph I. Herr Džambo, wie oft hatte Kaiser Franz Joseph I. Prag besucht? Weiß man über seine Visiten?

„Man weiß von großen Besuchen. Das waren acht Besuche, die zwischen 1854 und 1907 stattgefunden haben. Von kleineren Besuchen, die vor 1854 stattgefunden haben, weiß man wenig, vor allem von den Reisen vor 1854, als er inkognito reiste.“

Sie haben Ihren Vortrag „Willkommen an der Moldau“ genannt. Wie wurde der Kaiser während seines ersten offiziellen Besuchs in Prag begrüßt?

Prag im Jahre 1850Prag im Jahre 1850 „Ich habe den Titel ´Willkommen an der Moldau? ´ mit einem Fragezeichen versehen. Der erste Besuch war für den Kaiser und auch vor allem für die Prager ein großes Ereignis. Es war damals für die Bewohner etwas Neues, denn der Kaiser kam mit der Gattin, Kaiserin Sissi, und das war ein Ereignis ersten Ranges. Aber die späteren Besuche zeigten, dass es Probleme gab. Bei jeder dieser Reisen konnte man den Worten des Kaisers entnehmen, dass es zwischen Wien und Prag so zu sagen ´in der Luft´ mehrere Probleme gab.“

Kaiser Franz Joseph I. mit Kaiserin SissiKaiser Franz Joseph I. mit Kaiserin Sissi Wie kann man sich also den ersten sehr festlichen Besuch des Kaisers in Prag vorstellen?

„Das Besondere an diesem Besuch war, dass der Kaiser von der Kaiserin begleitet wurde. Er war frisch vermählt. Die Bevölkerung interessierte sich genauso stark für den Kaiser wie für die Kaiserin. Dies ist jedoch nichts Neues, denn jede königliche oder kaiserliche Vermählung weckt ein großes Interesse unter der Bevölkerung. Das war auch damals der Fall. Ich habe den Eindruck, dass die Kaiserin damals mehr Aufmerksamkeit unter den Prager geweckt hatte.

BrünnBrünn Ist der Kaiser damals mit der Bahn gekommen?

„Er reiste zuerst nach Brünn. Denn er ist übrigens in Mähren auch zum Kaiser gekrönt worden. Die Visite war eine Art Huldigung an die Stadt Brünn und an Mähren. Aus Brünn reiste er dann nach Prag. Zwischen den Pragern und den Brünnern gab es damals eine Art Wettbewerb darum, wer den Kaiser besser empfangen wird. Ich glaube, dass sich die Bewohner der beiden Städte als gute Gastgeber bewährt haben.“

Sind Einzelheiten über den Empfang in der Prag bekannt?

Jozo DžamboJozo Džambo „Man hat damals natürlich die Häuser und Straßen entsprechend geschmückt. Aber man hat auch unterwegs solche vornehme Stände errichtet, wo sich Vertreter der Industrie und des Handels präsentierten. Man wollte dem Kaiser zeigen, dies sind die Errungenschaften unserer Industrie und unseres Handels. Der Kaiser konnte diese Ausstellungen nur kurz beim Vorbeifahren sehen. Für die Leute war es wichtig, dass sie ihre Erfolge dem Kaiser vorstellten.“

Weiß man aus damaligen Tagespresse, ob Franz Josef Prag gefallen hat? Er musst bestimmt etwas zu diesem Thema gesagt haben.

„Er war immer ein Diplomat. Und seine Äußerungen waren immer zurückhaltend und wohl wollend. Natürlich hat sich manchmal der Kaiser auch kritisch geäußert – beispielsweise zur Situation an der Universität oder zu anderen Problemen. Ich glaube aber, dass es immer mit geschliffenen Worten passierte. Es passierte einige Mal, dass der Kaiser sehr resolut war. Er konnte schon sehr kritisch sein. Wir müssen aber dazwischen unterscheiden, was er gegenüber der Öffentlichkeit sagte, was in den Medien veröffentlicht wurde und was im Hintergrund bei Privatgesprächen erklang. Dies erfahren wir aber relativ selten. Man kann sich davon aber eine Vorstellung machen, wenn man seine Briefe liest. Dort erfährt man, dass er einiges anders beurteilte, als in der Öffentlichkeit gesagt wurde.“

Svatopluk-Čech-BrückeSvatopluk-Čech-Brücke Mit Franz Josef Besuchen sind auch einige Prager Bauten verbunden, von denen einige bis heute erhalten geblieben sind.

„Die Besuche wurden zu einem bestimmten Anlass geplant: Wenn beispielsweise ein Grundstein für einen Bau gelegt oder eine Brücke zu Ende gebaut wurde. Natürlich wurde eine Brücke nicht wegen dem Besuch des Kaisers erbaut, sondern wenn der Bau fertig war, hat man dann den Kaiser eingeladen, um an der Schlusssteinlegung teilzunehmen. Die Leute vom Protokoll haben immer schon ein passendes Datum für den Besuch gefunden. 1907 nahm der Kaiser beispielsweise an der Eröffnung der Svatopluk-Čech-Brücke teil. Dies war auch der letzte Besuch des Kaisers in Prag, denn der für 1908 geplante Besuch wurde nicht verwirklicht. Das war die Reaktion des Kaisers darauf, dass die Tschechen an der Huldigung für den Kaiser zum 60. Jubiläum seiner Herrschaft nicht teilnahmen.“

Kirche St. Kyrill und Method in KarlínKirche St. Kyrill und Method in Karlín Im Prager Staddteil Karlín / Karolinenthal steht die Kirche St. Kyrill und Method. An der Grundsteinlegung nahm Franz Josef teil. Wurde die Kirche damals aus einem besonderen Grund den beiden Slawenaposteln geweiht?

„Bei der Grundsteinlegung war 1854 auch Kaiserin Elisabeth dabei. Die heiligen Kyrill und Method stellten nicht nur wichtige Persönlichkeiten der Kirchengeschichte dar, sondern hatten für alle slawischen Völker auch eine kulturelle und politische Bedeutung. Es war kein Zufall, dass die neue Kirche eben diesen Heiligen geweiht wurde.“

Eine der Sehenswürdigkeiten, die mit Franz Josef verbunden sind, ist das Radetzky-Denkmal, das der Kaiser 1858 in Prag enthüllt hatte. Dieses Denkmal kann man nicht mehr sehen. Unter welchen Umständen wurde es damals errichtet?

„Radetzky war für den Kaiser eine sehr wichtige Persönlichkeit, denn als junger Mann hat er an seiner Seite gekämpft. Für Kaiser bedeutete das Denkmal eine Erinnerung an seine Jugendjahre und seine Militärkarriere. Ich meine, dass es für ihn eine Herzensangelegenheit war. Es gab Fälle, wo der Kaiser sehr zurückhaltend war. Aber im Fall vom Radetzky-Denkmal war er mit Herz und Seele dabei, meine ich.“

Es gibt in Prag wieder Bemühungen darum, das Denkmal zu erneuern.

„Das wissen Sie in Prag bestimmt besser als ich, ob sich das Menschen wünschen oder nicht. Aber falls das Denkmal wieder stehen würde, würde ich kommen, um sich das anzusehen.“

 

Dieser Beitrag wurde am 8. Oktober 2011 gesendet. Heute konnten Sie seine Wiederholung hören.