Von Mythen umrankt: die Herren von Rosenberg

Im Jahr 1611 starb der böhmische Adelige Petr Vok. Er gehörte dem sehr angesehenen Geschlecht der Rosenberger an. In seinem letzten Lebensjahr hatte er sich auf geschickte Weise gegen den Einfall der Passauer Truppen nach Böhmen gewehrt, was ihm zum Ruhm gereichte. Allerdings hinterließ Petr Vok keine Kinder und deswegen starben mit ihm die Herren von Rosenberg aus. In diesem Jahr wird in Tschechien seines Todes gedacht, 2011 wurde sogar zum Rosenberger Jahr erklärt. Jaroslav Pánek ist Professor der tschechischen Akademie der Wissenschaften. Er gilt als Fachmann für böhmische Geschichte in der frühen Neuzeit und Kenner der Rosenberger.

Jaroslav PánekJaroslav Pánek Herr Professor Pánek, 2011 wird in Tschechien und vor allem in Südböhmen als das Jahr der Rosenberger begangen. Bei den Rosenbergern handelt es sich um ein berühmtes Adelsgeschlecht. Dennoch wird es sicher nicht vielen unserer Hörer ein Begriff sein. Wie, wann und wo ist dieses Adelsgeschlecht entstanden?

„Die Rosenberger gehörten vom 12. bis zum 17. Jahrhundert zu den wichtigsten Adelsfamilien des Königsreichs Böhmen. Die Anfänge dieser Familie sind ähnlich wie bei den anderen Adelsfamilien in Böhmen: Sie waren Adelige am Hof der Přemysliden, am Anfang der Fürsten, dann der Könige. Das Besondere bei den Rosenbergern war ihre Entwicklung zu Hochadeligen, insbesondere weil sie seit Anfang des 13. Jahrhunderts ein großes Herrschaftsgebiet in Südböhmen aufbauten. Das Herrschaftsgebiet war so stabil, dass es kein ganz selbstständiges Territorium, sondern relativ autonom war – und das ist einmalig in der böhmischen Geschichte. Diese Stabilität und das Ausmaß des Herrschaftsgebietes mit etwa 70.000 bis 100.000 Untertanen – das war im 16. Jahrhundert eine große Ausnahme in allen Ländern der böhmischen Krone. Die Rosenberger existierten über vier Jahrhunderte. Das sind zwölf Generationen. Am Anfang waren sie Adelige am Hof, am Ende waren sie Fürsten auf dem Niveau der Reichsfürsten im Heiligen Römischen Reich.“

Petr VokPetr Vok 400 Jahre sind eine lange Zeit. Welche Epoche lässt sich denn als der Höhepunkt für die Rosenberger bezeichnen, und wann spielten sie die größte Rolle in der Geschichte Böhmens?

„Es gab mehrmals Höhepunkte in der Entwicklung, und manchmal kam es auch zu einem Verfall. Für die Mediävisten ist die größte Periode das 15. Jahrhundert, die Zeit von Oldřich oder Ulrich II. von Rosenberg. Er war ein Verteidiger des Katholizismus in Böhmen in der Zeit der Hussitenkriege. Für die frühe Neuzeit ist es im 16. Jahrhundert die zwölfte, die letzte Generation der Rosenberger, die Zeit von Vilém von Rosenberg und Petr Vok.“

Gerade die letzte Phase im Geschlecht der Rosenberger mit den beiden Brüdern Vilém und Petr Vok ist interessant – auch aus deutscher Sicht. So fällt zum Beispiel der Einfall der Passauer nach Böhmen in die Herrschaftszeit von Petr Vok...

Rudolf II.Rudolf II. „Das gehört zu den traurigeren Kapiteln der deutsch-tschechischen Beziehungen, die sonst sehr reich und sehr erfolgreich sind. Aber das war nicht von den Rosenbergern verursacht. Es war vor allem die Zeit der großen Krise – man spricht auch vom Bruderzwist im Hause Habsburg. Es gab Kämpfe zwischen Rudolf II. und Erzherzog Matthias. In dieser Zeit, als der große Kaiser Rudolf schon krank und wahnsinnig war, versuchte er - nach vielen Verlusten - seine Lage zu verbessern. Mit dem Einfall eines ausländischen Kriegsvolkes wollte er wieder zu mehr Macht zu kommen. Das war sehr unglücklich. Einige Monate lang plünderte und mordete das Passauer Kriegsvolk in Südböhmen. Petr Vok war in dieser Situation der einzige unter den böhmischen Aristokraten, der es schaffte, das Passauer Kriegsvolk dafür zu bezahlen, dass es in einen anderen Krieg zogen – so wie es bei diesen Söldnern nötig war. Das Wichtigste war nicht die Organisation, sondern: Petr Vok hatte ziemlich viel Geld. Er nutzte dafür den Rosenberger Silberschatz – das waren geprägte Münzen. Diese Münzen konnten zum letzten Mal vor dem Dreißigjährigen Krieg den Frieden in Böhmen wiederherstellen. Dafür wurde Vok zu seiner Zeit und auch später sehr geschätzt. In diesem Sinne stellt er am Ende seines Lebens eine Friedensfigur dar.“

Einfall der PassauerEinfall der Passauer Eine taktische Meisterleistung?

„Ja, das war eine gute Tat. Es gab sicher auch andere Adlige in Böhmen, die davon sprachen, aber niemand war bereit, aus seiner Tasche zu bezahlen. Das war aber nicht nur im 17. Jahrhundert so – das kommt auch in anderen Zeiten vor.“

Um die Rosenberger ranken sich mehrere Legenden. Können Sie vielleicht die eine oder andere von ihnen unseren Hörern etwas näher bringen?

„Die interessanteste Legende ist meiner Meinung nach die historische Realität: die südböhmische Landschaft, die Teichwirtschaft damals, die Schlösser und Städte im Stil der Renaissance – das alles ist zugleich Mythos und Realität. Aber es gibt auch wirkliche Legenden. Eine der interessantesten ist mit dem Einfall der Passauer verbunden. Sie entwickelte sich in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, als die Menschen insbesondere in Südböhmen, aber auch anderswo im kriegerischen Europa, einen Kontrast zwischen der Friedenszeit und der Zeit des Krieges beobachten konnten. Damals entstand auch mit Hilfe des Historikers Bohuslav Balbín, eines Jesuiten, die Legende der weißen Frau. Sie sollte am Anfang von Petr Voks Leben einen Silberschatz im Schloss Třeboň / Wittingau versteckt haben. Am Ende seines Lebens fand Petr Vok diesen Schatz und konnte dadurch die hohe Summe an die Passauer zahlen. Diese Friedenslegende ist mit Petr Vok verbunden. Aber meiner Meinung nach ist die Realität interessanter. Auch die Realität war sehr positiv und war kein Mythos, sondern hat die Wahrheit beschreiben.“

Schloss in Český Krumlov (Foto: CzechTourism)Schloss in Český Krumlov (Foto: CzechTourism) Petr Vok ist 1611 gestorben. Sein Tod vor 400 Jahren bietet den Anlass für das Rosenberger Jahr, das 2011 begangen wird. Welches sind denn die wichtigsten Veranstaltungen zu diesem Jubiläum?

„Es wird nicht nur in Südböhmen Veranstaltungen geben. So ist eine große repräsentative Ausstellung vorgesehen, über den Weg der Adelsfamilie der Rosenberger durch die Geschichte, aber auch über ihre Tradition bis heute. Sie wird zuerst von Mai bis zum Sommer auf der Prager Burg und später auch noch auf dem Schloss in Český Krumlov / Krumau gezeigt. Wichtiger als die Ausstellungen, die nur ein paar Monate dauern, sind aber die Publikationen. Zum ersten Mal wird ein Katalog der Denkmäler und Kunstwerke erscheinen, die mit den Rosenbergern verbunden sind. Außerdem werden Publikationen über die Lebensgeschichte von Petr Vok und Vilém von Rosenberg sowie eine große Geschichte der Rosenberger herausgegeben. Es sind sogar Reiseführer geplant, mit denen sich Touristen auf die Spuren der Rosenberger und besonders Petr Voks begeben können, zum Beispiel durch das Rheinland oder die Niederlande bis England. Es gibt zudem eine Gedenkmünze und in Třeboň soll eine Briefmarke zum Thema präsentiert werden.“