Vom Porzellanmaler zum Fabrikanten

Der schwierige Weg eines armen jungen Manns aus Nordböhmen zu seinem Traumberuf in der Mitte des 19. Jahrhunderts – das ist das Thema des Buchs „Aus Böhmen in die Welt“. Marlies Sonnemann hat es verfasst und ist dabei von den Erinnerungen ausgegangen, die der Dresdner Heinrich Theodor Hochmann (1829-1903) verfasst hat. Vor einiger Zeit hat Marlies Sonnemann ihr Buch in Prag vorgestellt. Dabei entstand das folgende Gespräch.

Marlies Sonnemann (Foto: Martina Schneibergová)Marlies Sonnemann (Foto: Martina Schneibergová) Frau Sonnemann, Ihr Buch „Aus Böhmen in die Welt“ geht von authentischen Erinnerungen eines Porzellanmalers aus. Dieser Maler stammte aus Böhmen, siedelte aber später nach Sachsen um und pendelte ab dann zwischen Böhmen und seiner neuen Heimat. Wie haben Sie diesen Bericht überhaupt entdeckt?

„Diesen Bericht habe ich über einen Klassenkameraden von mir bekommen. Er ist ein Urenkel des Verfassers. Im Keller fand er ein altes Heft, das keiner lesen konnte, weil es in alter deutscher Schrift verfasst war. Das Heft hat er mit mitgebracht. Ich habe es dann gelesen und mit dem Computer aufgeschrieben. Ich fand die Geschichte von Heinrich Theodor Hochmann unglaublich und dachte: Da muss ich mich mal drum kümmern. Dann habe ich angefangen zu forschen.“

Heinrich und Mathilde HochmannHeinrich und Mathilde Hochmann Sie konnten also die Schrift lesen. Haben Sie schon früher mit Archivmaterial gearbeitet?

„Gearbeitet habe ich damit nicht, aber ich habe Deutsch studiert. Da hat man dann eine Beziehung dazu. Man liest sich auch ein bisschen ein. Allerdings sind die Kanzleischriften kompliziert, da muss man dann schon Hilfe suchen.“

Sie haben sich dann auf die Spuren des Porzellanmalers gemacht. Umfassen seine Erinnerungen nur eine bestimmte Etappe aus seinem Leben?

„Ja, in seinen Erinnerungen beschreibt er seine Kindheit und Jugend, die er in Böhmen in Arnsdorf bei Haida (tschechisch Arnultovice u Nového Boru, Anm. d. Red.) verbracht hat. Das endet in dem Moment, da er aufgrund schwieriger Entwicklungen doch noch Porzellanmaler wird und als junger Mann nach Dresden auswandert.“

Bei der Lesung haben Sie erwähnt, dass Hochmann aus armen und eigentlich sehr schwierigen Verhältnissen stammte. Seine Mutter war katholische Böhmin und sein Vater sächsischer Protestant. Hat ihm das innerhalb der breiteren Familie auch Probleme bereitet?

Foto: Martina SchneibergováFoto: Martina Schneibergová „Das war extrem schwierig. Er galt als uneheliches Kind. Damals war die katholische Kirche ja sehr dagegen. Das Problem war, dass die beiden kein Geld hatten, um in Böhmen zu bleiben. Man musste eine bestimmte Summe aufbringen, wenn man verheiratet sein und als Bürger eingemeindet werden wollte. Diese finanziellen Mittel hatten die beiden nicht, daher sind sie praktisch an religiösen und wirtschaftlichen Verhältnissen gescheitert.“

Trotz all dieser Schwierigkeiten konnte Hochmann aber doch einen Wunschberuf erlernen. Wie kam es dazu?

„Ich habe darüber ein Kapitel geschrieben und darin begründet, wie er das geschafft hat. Er war einfach zäh. Er hat an seinem Wunschbild festgehalten. Er wollte Porzellanmaler werden, musste aber erst Strumpfwerker lernen – auch unter extrem schwierigen Verhältnissen. Die Lehrmeister damals waren sehr problematisch, niemand hat sie kontrolliert. Die Gesellen lebten in den Haushalten der Meister; dort konnten sie ausgenützt und schlecht behandelt werden. Und trotzdem hat er es dann geschafft. Zunächst versucht er, noch einmal bei den Glasmalern einzusteigen und zu lernen. Dort wurde er aber wieder ausgenutzt und betrogen. Einer der Meister hat ihm nicht genügend Lehrgeld ausgezahlt, der andere hat ihm falsche Versprechungen gemacht. Letztlich ist er dann einfach ausgewandert nach Neustadt an der Tafelfichte (tschechisch Nové Město pod Smrkem, Anm. d. Red.) in Nordböhmen. Dort fand er bei einer ganz bekannten Firma eine Stelle. Man stellte ihn einfach ein, obwohl er keine offizielle Ausbildung hatte. Dort konnte er sich dann etablieren und weiter hinzulernen, auch gesellschaftlich. Mit diesen Kenntnissen ist er schließlich nach Dresden ausgewandert. Dort hat er zeitweise als Porzellanmaler gearbeitet, bis er heiratete. Dann stieg er mit in das Geschäft seiner Frau ein.“

Foto: Martina SchneibergováFoto: Martina Schneibergová Und er hat auch an der Kunstakademie studiert…

„Das war für mich auch eine Überraschung. Ich bin die Akten durchgegangen, und da steht wirklich, dass er ein Semester an der Kunstakademie studiert hat. Dabei war es gar nicht leicht, dafür die Genehmigung zu erhalten. Er muss also auch sehr gut gewesen sei, sonst hätten sie ihn nicht genommen. Ein Semester hat Hochmann dort studiert. In der Zeit wohnte er bei einer Witwe, die schon mehrere Kinder hatte, zur Untermiete. Diese Witwe hat er schließlich geheiratet. In der Folge hat er allmählich die Malerei aufgegeben arbeitete in ihrem Geschäft mit.“

Der Untertitel des Buchs lautet „Vom Porzellanmaler zum Fabrikanten“. In welchem Bereich war er tätig?

„Das ist eigentlich eine Geschichte, die man heute gar nicht mehr so recht versteht. Die Frau, die er heiratete, stellte in einer Wohnung in Dresden Watte her. Dafür verarbeitete man die Reste von Stoffen, die Watte verkaufte sie auf einem Altmarkt in Dresden. Als beide gemeinsam das Geschäft ausbauten, sind sie dazu übergegangen, Steppdecken herzustellen. Sie haben also die Watte weiter verarbeitet. Zum Schluss war er dann Watte- und Steppdeckenfabrikant. Die Firma war ordentlich ins Handelsregister eingetragen. Als ich das erste Mal in das Staatsarchiv ging, fragte ich nach ihm. Für mich wurde nachgeschaut – und tatsächlich stand im Handelsregister eine Firma unter seinem Namen. Ich dachte, das kann gar nicht sein. Aber es stellte sich heraus, dass er diese Firma wirklich geführt hat. Dazu gibt es in den Dresdner Akten auch viele Unterlagen.“

Heinrich Theodor HochmannHeinrich Theodor Hochmann Ist auch weiterhin Porzellanmaler gewesen?

„Die erste Zeit hat er nebenbei noch als Porzellanmaler gearbeitet. Heinrich Theodor Hochmann war auch mit Malern befreundet. Das Bild auf der Titelseite des Buchs stammt von einem Dresdner Maler. Als seine Frau starb, hat er sich als Rentier zurückziehen können, ist dann viel gereist und hat unterwegs gemalt. Er hat es also nie aufgegeben, aber nur noch zum Vergnügen gemalt.“

Wissen Sie, ob er später noch in sein Heimatdorf zurückkehrte?

„Ja. Das schreibt er auch. Er hat später seine frühere Heimat Böhmen besucht. Eine Heimat, die ihm – seinen Worten zufolge – mit der Zeit immer lieber wurde. Er hat sie später wohl auch einmal mit seinem Schwiegersohn besucht. Die Verbindungen nach Böhmen hat er also aufrechterhalten.“

Worin besteht die größte Bedeutung der Erinnerungen von Heinrich Theodor Hochmann?

„Ich denke, dass es kaum solche authentischen Erinnerungen aus dieser Zeit gibt. Stifter hat zwar über das Leben armer Leute geschrieben, aber das hier ist aus eigener Anschauung. Außerdem dürfte über das Leben der Deutschböhmen im 19. Jahrhundert im heutigen Tschechien nicht viel bekannt sein. Dabei sind Flucht und Vertreibung ja ein Thema. Außerdem gibt es jetzt neue Möglichkeiten, einander kennenzulernen. Da könnte so ein Buch das Wissen erweitern. Ich könnte mir auch vorstellen, dass sich in der Schule gerade junge Leute für solche alten Geschichten interessieren.“

Foto: Sax VerlagFoto: Sax Verlag Mich würde noch interessieren, ob Sie Hochmanns Nachkommen getroffen haben?

„Ja sicher. Ich bin mit ihnen auch befreundet, ich kenne seine Familie mütterlicherseits. Und eine Ururenkelin interessiert sich sehr dafür. Sie ist auch schon mit ihren Kindern in den Ort gefahren, in dem er gelebt hat. Es geht also weiter…“

Wie lange haben Sie an dem Buch gearbeitet?

„Ungefähr acht Jahre. Ich meine, man macht das ja nicht kontinuierlich. Aber ich bin oft nach Tschechien gefahren und habe mir angesehen, wo Hochmann gelebt hat. Ich war in allen Museen und war auch auf Friedhöfen. Direkte Nachkommen habe ich dort aber nicht getroffen.“

Was hat Sie an dieser Persönlichkeit so fasziniert?

„Gute Frage! Eigentlich die Geschichte. Als ich die Geschichte gelesen habe, habe ich erst einmal gedacht: Nein, das gibt es gar nicht, das kann nicht sein. Es waren eigentlich diese Zeitumstände. Ich habe unter anderem Sozialkunde studiert und bin von daher auch an sozialen Geschichten sehr interessiert. Außerdem komme ich ursprünglich aus Dresden, daher bestehen heimatliche Verbindungen. Deswegen bin ich losgezogen und habe geforscht.“