Vladimír Remek – vor 30 Jahren der erste Europäer im All

Sojus 28 hieß die Mission und Vladimír Remek war der Mann. Er war kein Russe und auch kein Amerikaner, sondern Tschechoslowake – kam also nicht aus einem der beiden Länder, die die Raketen besaßen. Doch ab 1978 nahmen die Sowjets auch Raumfahrer aus ihren Bruderstaaten mit. Aus Anlass des Jubiläums schlagen wir heute das interplanetare Kapitel der tschechoslowakischen Geschichte auf.

Vladimír Remek (Foto: ČTK)Vladimír Remek (Foto: ČTK) Seine bisher wichtigste Ansprache hat er aus dem Weltall gehalten – das ist selbst für einen Abgeordneten des Europaparlaments ungewöhnlich. Sicher, Vladimír Remek war damals noch kein Europaabgeordneter, sondern vielmehr ein Abgeordneter des Ostblocks. Aber bis heute ist damit verbunden, dass er quer durch die politische Landschaft bewundert wird, ja ihm sogar ein Denkmal aufgestellt wurde. Auch das ist nicht gerade gewöhnlich für einen Europaabgeordneten, zumal, wenn er Kommunist ist – wie Remek.

Es ist der 2. März 1978, der ihn berühmt gemacht hat. Es ist der Tag, an dem Remek an Bord von Sojus 28 als erster Tschechoslowake ins All flog. Kalt ist es an dem Tag am sowjetischen Weltraumbahnhof in Baikonur: minus zehn Grad. Vladimir Remek und sein russischer Flugpartner Alexej Gubarev sind die Treppe durch den Einstiegsschlauch hochgestiegen und sitzen im Cockpit. Das Ziel: die sowjetische Raumstation Saljut 6. Dauer der Mission: sieben Tage.

Remek und Gubarev überprüfen alle Funktionen des Raumschiffs. Alles in Ordnung melden sie. Und dann sind auf einmal noch 20 Minuten Zeit bis zum Start. Remek erinnert sich:

„Das ist die schlimmste Zeit. Man hat plötzlich Zeit für Gedanken. Je länger es dauert, desto bewusster wird einem die Bedeutung des Augenblicks und dass alles Mögliche passieren kann. Lieber wäre man schon auf dem Weg nach oben. Im Grunde hat sich vor mir mein Leben ab der Kindheit im Kopf abgespult.“

Schon als Junge wollte Remek, im Übrigen ein echter Tschechoslowake als Sohn eines slowakischen Vaters und einer tschechischen Mutter, Raumfahrer werden. Ihn hatte der Flug des ersten Weltraumpiloten, des Russen Gagarin begeistert. Bis der Traum in Erfüllung ging, musste aber Remek lange warten. 1966 ging er erst einmal an die Offiziersschule der Luftstreitkräfte im slowakischen Košice / Kaschau. Dann sah er die Jahre ins Land ziehen. Erst als er an den Traum nicht mehr glaubte, wurde er 1976 zum Kosmonauten-Anwärter. Doch erst zwei Tage vor dem Flug traf die Wahl auf ihn, es hätte auch sein Landsmann Oldřich Pelčák sein können. So in etwa verlief die Lebensgeschichte von Remek bis zum 2. März ´78…

Doch dann sind es nur noch Sekunden bis zum Start.

 

„In der Sowjetunion ist heute um 16 Uhr und 28 Minuten die Rakete Sojus 28 mit internationaler Besatzung gestartet. An Bord befinden sich der leitende sowjetische Kosmonaut Alexej Gubarev und der tschechoslowakische Weltraum-Forscher Vladimír Remek“, verkündete der tschechoslowakische Rundfunk in einer Sondersendung kurz darauf.

Viele Jahre später bezeichnete die Europäische Raumfahrtbehörde Remek als ersten Europäer im All. Dem heutigen Abgeordneten in Straßburg gefiel dies so sehr, dass er sich mittlerweile auch auf seiner Webseite so nennt. Die Version von 1978 klang aber natürlich anders - Vladimír Remek in einer Live-Schaltung von Bord der Sojus:

„Liebe Mitbürger, Genossen und Genossinnen, zum ersten Mal in der Geschichte spricht ein Bürger der ČSSR zu Ihnen aus dem Weltall. Mein Wunsch ging in Erfüllung, ich bin nun Kosmonaut. Dafür möchte ich allen, die dies ermöglichten, aus ganzem Herzen danken, vor allem dem Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Sowjetunion und dem Genossen Leonid Breschnew.“

 

Vladimír Remek und Alexej Gubarev (Foto: ČTK)Vladimír Remek und Alexej Gubarev (Foto: ČTK) Warum wurde aber gerade Remek, einem Tschechoslowaken, das Privileg zuteil, die Russen als erster in den Weltraum zu begleiten? Bis heute ist diese Frage nicht ganz beantwortet. Für den ersten Anwärter im Ostblock wurde ja eher die DDR gehalten – sie war der Musterschüler der Sowjets, und sie war auch in das Weltraumprogramm „Interkosmos“ eingebunden. Die gängigste These sagt, dass Moskau zehn Jahre nach der Niederschlagung des Prager Frühlings Abbuße leisten wollte. Remek zumindest hält dies für Unsinn:

„Unter Schuldgefühlen für den Einmarsch in der Tschechoslowakei haben die sowjetischen Führer sicher nicht gelitten. Vielleicht hat auch die Politik eine Rolle gespielt. Ich glaube aber, sehr wichtig war, dass die Tschechoslowakei zu den traditionell stärksten Partnern des Weltraumprogramms Interkosmos gehört hat und auch insgesamt eine starke Position in der Weltraumforschung hatte. Unsere Leute haben unter anderem im UN-Raumfahrtsausschuss gearbeitet. Und nicht zuletzt haben wir uns beim Vorbereitungstraining nicht als die Schlechtesten erwiesen.“

Nach Remek als nächstes durfte aber immer noch kein DDR-Bürger in den Weltraum abheben. Im Juni desselben Jahres war erst einmal der polnische Kosmonaut Miroslaw Hermaszewski dran. Erst danach, im August 1978, fiel die Wahl endlich auf die DDR: Sigried Jähn wurde der erste Deutsche im All. Ein paar Jahre später, nämlich 1982, nahmen die Sowjets dann sogar den Franzosen Jean-Loup Chrétien auf eine Weltraummission mit - der erste Westeuropäer also.

„Im Kosmos ist alles eigenartig. Vor allem wirkt unser Planet nicht sonderlich groß. Im Bild erscheint mir gerade unser kleines Land, die Tschechoslowakische Republik, umgeben von Bergen.“

Remek ist bisher der einzige Bürger dieses Landes und der nachfolgenden Tschechischen Republik geblieben, der sich aus einer Raumkapsel die Erde ansehen durfte. Nach seiner triumphalen Rückkehr aus dem All am 10. März 1978 diente er dann lange Jahre als Armeepilot weiter. Das Ende des Kalten Krieges und die exorbitanten Kosten verhinderten indes, dass Vladimír Remek noch einmal an einem Raumfahrtprogramm mitarbeiten konnte. 1990 wurde das Interkosmos-Program beendet. Im selben Jahr nahm Remek die Leitung des Museums für Luft- und Raumfahrt in Prag auf. Doch bis heute fasziniert den mittlerweile 59-Jährigen die Weite des Weltalls. Auch wenn er sich nur indirekt einmischen kann, als Europaparlamentarier tut er es. Zum Beispiel, indem er über das europäische Satelliten-Navigationssystem Galileo mitdiskutiert und seine Hand dafür im Parlament erhebt.