Unter falschen Versprechen 1945 angeworben: rumänische Slowaken in den Sudetengebieten

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden mehr als drei Millionen Deutsche aus der Tschechoslowakei vertrieben, die Mehrheit davon aus dem Sudetenland. Dieser Name bezeichnete ursprünglich die Gegend entlang der nordböhmischen Grenze, später dann aber sämtliche Grenzgebiete Böhmens und Mährens. Praktisch zugleich mit der Vertreibung wurde die Neuansiedlung in den dortigen Städten und Gemeinden betrieben. Zu den Zuwanderern gehörten auch Slowaken aus Rumänien. Sie wurden aber mit falschen Versprechungen in das Land ihrer Vorfahren zurückgelockt.

SudetenlandSudetenland Goldgräber, die sich das verlassene Vermögen in den Sudetengebieten aneignen wollten, Arme, die während der deutschen Okkupation obdachlos geworden waren, und Enthusiasten, die der befreiten Republik helfen wollten – diese alle bildeten nach dem Zweiten Weltkrieg eine bunte Mischung der Neuansiedler in den tschechischen Grenzgebieten. Einige verweilten nur kurz, andere fanden in der rauen Berglandschaft ihr neues Heim. Es gab aber auch jene, die gegen ihren Willen ins Sudetenland gerieten. Dabei handelte sich aber nicht um Sträflinge, sondern um Tschechen und Slowaken aus den Ausland, die einer Aufforderung der tschechoslowakischen Regierung vom Juli 1945 folgten. Sie sollten in ihre alte Heimat zurückkehren und die verlassene Gegend besiedeln. Pavel Mörtl ist Publizist und Schriftsteller aus dem südböhmischen Budweis / České Budějovice:

Pavel Mörtl (Foto: Rajce.net)Pavel Mörtl (Foto: Rajce.net) „Neben den Angehörigen der tschechischen Minderheit in Jugoslawien reagierten auf diese Aufforderung auch die Tschechen im ukrainischen Wolhynien und vor allem Slowaken aus Siebenbürgen. Die rumänisch-stämmigen Slowaken lebten dort seit dem 19. Jahrhundert in zerstreuten, aber in sich relativ kompakten Siedlungen; insgesamt waren es etwa 30.000 Menschen. Die ersten Gruppen von ihnen tauchten bereits im Sommer 1945 in der Slowakei auf. Den Regierungszusagen nach sollten sie vor allem im Süden der Slowakei angesiedelt werden, von wo die Ungarn vertrieben werden sollten. Neben der Staatsbürgerschaft wurde ihnen auch Eigentum versprochen – entsprechend dem, was sie in Rumänien zurückgelassen hatten. Sie kamen also nur mit ein paar Koffern in die Tschechoslowakei und hofften nun, dass sie hier alles Notwendige bekämen.“

Benešov nad Černou (Foto: Archiv der Stadt Benešov nad Černou)Benešov nad Černou (Foto: Archiv der Stadt Benešov nad Černou) Die Zusagen waren konkret für jede einzelne Familie ausformuliert worden. Die entsprechenden Verträge wurden von Emissären der Regierung in Prag in die jeweiligen rumänischen Dörfer gebracht. Doch nach ihrer Ankunft in der Tschechoslowakei mussten die Aussiedler einen Nachtrag unterschreiben, dass sie sich bereit erklärten, im Falle der Notwendigkeit als landwirtschaftliche Hilfskräfte wo auch immer eingesetzt zu werden. Der Grund: Die Aussiedlung der Ungarn aus der Slowakei verlief holprig und wurde kurze Zeit später praktisch eingestellt. Vor Ort also standen keine freien Häuser für Neuansiedler zur Verfügung. Růžena Šulanová hat den großen Umzug als Kleinkind erlebt. Ihre Familie landete schließlich im südböhmischen Benešov nad Černou, dem früheren Deutsch Beneschau.

Město Albrechtice (Foto: Archiv der Gemeinde Město Albrechtice)Město Albrechtice (Foto: Archiv der Gemeinde Město Albrechtice) „Das war der erste Massentransport aus Rumänien. Der Sonderzug brachte uns in die ostslowakische Stadt Košice. Dort wurden die Familien verteilt. Nach etwa einer Woche wurden wir nach Albrechtice in Schlesien geschickt. Zwei weitere Familien kamen mit uns dorthin – und jede von ihnen wurde in einem Zimmer untergebracht. Wir waren dabei sechs Geschwister, und in einer der anderen Familien gab es sogar elf. In Albrechtice verbrachten wir dann etwa ein halbes Jahr. Besonders mein Vater war dort unglücklich, die Beamten waren sehr grob zu ihm. Dann bekamen meine Eltern die Nachricht, dass es in Benešov einen freien Bauernhof gäbe. Deswegen kamen wir hierher und schufteten in der Landwirtschaft. Mit Rumänien hatten wir keinen Kontakt mehr. Ich lebe seitdem ohne Unterbrechung hier.“

Cheb 1948 (Foto: Archiv der Stadt Cheb)Cheb 1948 (Foto: Archiv der Stadt Cheb) In den Jahren 1946 und 1947 wurden die rumänischen Slowaken in Transporten direkt ins Sudetenland gebracht, angeblich ohne dies zu wissen. Der Überlieferung nach fuhren die Züge ohne Halt durch die Slowakei, damit niemand aussteigen konnte. Das Ziel dieser Züge war meist Cheb / Eger in Westböhmen. Anna Trajáková, im Dorf Šarany in Westrumänien geboren, kam hingegen erst 1948 mit ihren Eltern in die frühere Heimat ihrer Familie:

„Zunächst kamen wir Aussiedler alle in die Großstadt Arad, dort blieben wir in einer Kaserne. Es dauerte einen Monat, bis wir endlich abreisen konnten. Der Zug brachte uns nach Cheb, wo die Familien auf einzelne Zielorte verteilt wurden. Meine Schwester und mein Schwager lebten jedoch schon in der Nähe von Krumau. Sie holten uns hier in Cheb ab und brachten uns zu sich nach Hause. Der Bürgermeister half dann meinem Vater bei der Suche nach einem freien Haus. Es gab dort viele verlassene Häuser, aber sie waren meist zerstört. Dann fanden wir aber ein Haus. Ich bin dort aber nicht lange geblieben, da ich bald heiratete. Mein Vater arbeitete im Wald und mein Mann auch.“

Bau des Lipno-Stausees (Foto: Tschechisches Fernsehen)Bau des Lipno-Stausees (Foto: Tschechisches Fernsehen) Bestimmte Familien zogen jedoch durch das ganze Sudetenland und wechselten mehrere Ortschaften, bis sie ein ständiges Heim fanden. Als aber zu Beginn der 1950er Jahre die „Sperrzone“ entlang des Eisernen Vorhangs geschaffen wurde, wurden manche Familien wieder vertrieben. Dieselbe Folge hatte später auch der Bau des Lipno-Stausees in Südböhmen.

Vor allem blieb ein Versprechen unerfüllt: dass die Aussiedler ein Haus mit Grundstück entsprechend ihrem früheren Besitz in Rumänien bekommen würden. Die Häuser, die den rumänischen Slowaken im Sudetenland zugeteilt wurden, waren oft völlig unbewohnbar, ohne Türen, Fenster und jegliche Ausstattung. Die Betroffenen wurden daher unruhig, einige nahmen die Sache nun in die eigenen Hände. Manchmal taten sich mehrere Familien zusammen und gingen auf die zuständigen Ämter, um akzeptable Unterkünfte zu fordern. Es kam sogar soweit, dass sich eine ganze Ortschaft von etwa 15 Familien in Bewegung setzte und zu Fuß in die Slowakei aufbrach. Velký Jindřichov / Groß Heinrichschlag hieß diese Ortschaft. Das Gleiche passierte auch in Černé Údolí / Schwarztal. Dort musste sogar die Schule geschlossen werden, denn es blieben nur sieben deutsche Kinder aus den noch nicht vertriebenen Familien zurück. Die Behörden sahen sich nun gezwungen, einige Zugeständnisse zu machen, erläutert Pavel Mörtl.

Sudeten (Foto: Bruntal.net)Sudeten (Foto: Bruntal.net) „Um den Neuansiedlern den Betrieb einer eigenen Landwirtschaft zu ermöglichen, bekamen sie nun oft zwei Höfe mit den entsprechenden Maßen. Des Weiteren wurde für sie eine finanzielle Unterstützung eingeführt im Wert von bis zu 5000 Kronen pro Monat, das war damals eine relativ hohe Summe. Die dritte Maßnahme bestand im Angebot, ein Haus zu einem günstigen Preis kaufen zu können, also um etwa 30 bis 50 Prozent reduziert. Dem unterschriebenen Vertrag nach hätten sie dabei ein entsprechendes Anwesen kostenlos bekommen sollen, als Ersatz für das, was sie in Rumänien hinterlassen hatten.“

1947 war der Höhepunkt der Zuwanderungswelle erreicht und die wirtschaftliche Lage hatte sich gebessert: Die Regierung ließ daher Lebensmittel, Kleidung, Möbel, landwirtschaftliche Geräte und weitere Sachen ins Sudetenland schicken.

Stanislav Sasina (Foto: Archiv der Zeitschrift Benešovské ozvěny)Stanislav Sasina (Foto: Archiv der Zeitschrift Benešovské ozvěny) Die rumänischen Slowaken blieben trotzdem sehr lange misstrauisch gegenüber ihrer neuen Umgebung und bildeten eine geschlossene Gemeinschaft. In manchen Ortschaften Südböhmens waren sie sogar in der Mehrheit. Sie hielten an ihren Bräuchen, ihrer Sprache und vor allem an ihrer Religion fest. Dies wurde nach der Machtübernahme durch die Kommunisten im März 1948 zu einem Problem: Das Abhalten von Religionsunterricht wurde verboten. Benešov nad Černou erlebte 1953 sogar einen kleinen Aufstand.

„Pfarrer Stanislav Sasina, der 1948 nach Benešov gekommen war, hielt seine Gottesdienste und betätigte sich völlig zur Zufriedenheit der Bewohner. Da er aber die Kommunisten nicht mochte, streuten diese unter den Gläubigen das Gerücht, dass der Pfarrer ein Agent sei und die Aussiedler über die Grenze bringen wolle. Als die rumänischen Slowaken aber erfuhren, dass er verhaftet werden sollte, versteckten sie ihn in einem Haus. Die Geheimpolizei kam, und die Bewohner versammelten sich in der Kirche. Auf die Frage der Polizisten, wo der Pfarrer sei, begannen die Frauen laut die Freiheit für ihn zu fordern. Der Erzählung nach standen die Männer hinter ihnen und muhten wie Kühe. Nur die Frauen haben wohl das Wort ergriffen“, so Pavel Mörtl.

Die Polizei musste schließlich Verstärkung rufen, um die Masse zu beruhigen. Pfarrer Sasina war tatsächlich noch eine gewisse Zeit in Benešov tätig, er wurde aber später wie andere Geistliche auch verhaftet und ins Gefängnis gesteckt. Solche Vorfälle führten dazu, dass die rumänischen Slowaken in Südböhmen noch stärker zusammenhielten. Erst die nächste Generation begann, Kontakte mit ihrer Umgebung anzuknüpfen.