Russische Doku zum Einmarsch 1968 – der Mythos der „Bruderhilfe“

Für die Tschechen ist der Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die damalige ČSSR ein schlimmes Trauma. Eine russische Dokumentation hat nun den Mythos angeblicher „Bruderhilfe“ wiederbelebt. Da die Doku in einem staatlichen Sender ausgestrahlt wurde, hat der tschechische Außenminister sogar den russischen Botschafter in Prag einberufen und sich offiziell beschwert. Was sagt also diese Doku, und was entgegnen tschechische Historiker?

Foto: Rossija 1Foto: Rossija 1 Die russische Fernseh-Doku beschäftigt sich ganz allgemein mit der Geschichte des Warschauer Paktes. Es geht also um den militärischen Zusammenschluss der Ostblockstaaten, der eine Reaktion war auf die Nato. Eingebettet darin behandeln die Autoren den Einmarsch von Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei 1968. Mit dieser Invasion, wie Tschechen den Akt nennen, wurde der sogenannte Prager Frühling niedergeschlagen – die Reformbewegung unter den tschechoslowakischen Kommunisten und in der damaligen Gesellschaft des Landes. Das Besondere an den damaligen Ereignissen ist, dass die Tschechen und Slowaken nur passiven Widerstand leisteten.

Auf dem Prager Wenzelsplatz sei mit Maschinengewehren auf die Truppen geschossen worden, behauptet jedoch einer der damaligen Sowjetsoldaten in der russischen Fernseh-Doku. Weiter heißt es dort, der Widerstand hätte sich ausschließlich auf Prag konzentriert.

Es sind unter anderem diese Behauptungen, die den tschechischen Außenminister Lubomír Zaorálek so aufgebracht haben. Gegenüber dem russischen Botschafter Sergej Kiseljow sprach er von Geschichtsfälschung:

„Diese Geschichtsfälschung ist grobschlächtig und verlogen. Zu behaupten, im Zentrum Prags sei gekämpft worden, aber der Rest des Landes habe die Okkupation durch die Truppen des Warschauer Paktes akzeptiert, ist eine Frechheit, auf die man reagieren muss.“

Finanziert vom Kreml

Lubomír Zaorálek (Foto: Filip Jandourek, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Lubomír Zaorálek (Foto: Filip Jandourek, Archiv des Tschechischen Rundfunks) Botschafter Kiseljow soll laut Zaorálek darauf hingewiesen haben, dass die Doku nicht die offizielle Haltung des Kremls wiedergebe. Weiter würden die Entschuldigungen der früheren sowjetischen beziehungsweise russischen Präsidenten Michail Gorbatschow und Boris Jelzin für den Einmarsch von 1968 gelten. Auch die Aussage Wladimir Putins von 2006 habe Bestand, der derzeitige Machthaber hatte damals in Prag von einer moralischen Verantwortung Russlands für die Invasion gesprochen.

Der tschechische Außenminister hält aber den Kanal Rossija 1, auf dem die Doku ausgestrahlt wurde, für abhängig vom Kreml. Es sei der Kanal mit den höchsten Einschaltquoten. Finanziert vom russischen Staat. Außerdem zog Zaorálek eine Parallele:

„Ich habe dem Herrn Botschafter gesagt, dass die Doku auch deswegen so beunruhigend sei, da wir dieses Jahr hier in Tschechien bei den Feiern zum Ende des Zweiten Weltkriegs vor 70 Jahren betont haben, dass man nicht einfach die Deutung von Ereignissen ändern könne, nur weil sich die Beziehungen zwischen Russland und der EU beziehungsweise Tschechien verschlechtert hätten. Vielmehr müsse man die Rolle der Sowjetarmee im Zweiten Weltkrieg respektieren. Und genauso müsse man auch mit der Geschichte von 1968 umgehen. Andernfalls seien wir erneut auf dem Weg in die Hölle.“

Doch nicht nur Politiker sind aufgebracht. Auch tschechischen Historikern sträuben sich die Haare, nachdem sie die russische Doku angesehen haben. Oldřich Tůma von der Akademie der Wissenschaften in Prag hält den Inhalt des Films selbst aus russischer Perspektive für Unsinn:

„Im Film werden wirklich die dümmsten Argumente wiedergegeben, die die Sowjetpropaganda im Jahr 1968 in die Welt setzte. Damals hatte das einen gewissen Sinn gehabt, man musste versuchen, den Einmarsch irgendwie zu rechtfertigen. Aber schon in den 1980er Jahren schrieben die Historiker in der Sowjetunion in einem komplett anderen Ton über die Invasion.“

Sowjetische Soldaten sind überrascht

Sergej Kiseljow (Foto: Archiv der Stadt Ostrava)Sergej Kiseljow (Foto: Archiv der Stadt Ostrava) Der Prager Militärhistoriker Jaroslav Laník wies in einem Interview für das Tschechische Fernsehen auf einen weiteren Aspekte der Geschichtsklitterung hin:

„Man muss sagen, dass die Doku völlig die Erinnerungen der damaligen sowjetischen Soldaten verschweigt, und die klingen ganz anders. Als die Truppen die Tschechoslowakei besetzten, erwarteten ihre Angehörigen brudermordende Straßenkämpfe und Nato-Truppen, die auf sie warteten. Die Soldaten waren aber überrascht, dass die Lage hier komplett anders war.“

Tatsächlich werden in der Doku auch sowjetische Propagandaaufnahmen von 1969 genutzt. Zudem äußert sich der letzte Generalstabschef der Truppen des Warschauer Paktes, Wladimir Lobow. Die Nato habe sich darauf vorbereitet, nach Prag und in die Tschechoslowakei einzumarschieren, die Truppen wären schon bereitgestanden, sagt Lobow. In der Doku wird so der Mythos von der Bruderhilfe durch die anderen Ostblockstaaten wiederbelebt. Historiker Tůma macht jedoch klar, dass diese Sicht in das Reich der Legenden gehört:

„Während des Prager Frühlings haben die westlichen Länder versucht, sich möglichst neutral zu verhalten. Sie wollten den Sowjets keinen Vorwand liefern, eine Intervention zu rechtfertigen. Auch nach dem Einmarsch änderte sich die Politik gegenüber dem Ostblock nicht sonderlich. Es gab nur mündlichen Protest. Es gibt keine einzigen Dokumente über mögliche Pläne für eine Intervention oder eine andere Art des Eingriffs in der Tschechoslowakei.“

Tatsächlich war es der sowjetische Staats- und Parteichef Leonid Breschnew, der beunruhigt war über den Demokratisierungsprozess in der Tschechoslowakei des Frühjahrs 1968. Mehrfach verhandelte er darüber mit dem tschechoslowakischen Parteivorsitzenden Alexander Dubček. Breschnew hielt die Gespräche aber wohl für erfolglos, und der Kreml sprach sich für eine militärische Lösung aus. Letztlich forderten neben der Sowjetunion auch Bulgarien, Ungarn, Polen und die DDR im sogenannten „Warschauer Brief“ die Führung in Prag zu einer Kurskorrektur auf.

Provokation des sowjetischen Geheimdienstes

Foto: Rossija 1Foto: Rossija 1 In der Nacht zum 21. August 1968 kam es dann zum Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes. Im Rundfunk riefen tschechoslowakische Politiker zur absoluten Gewaltlosigkeit auf. Die sowjetischen Soldaten sollten lediglich von der Sinnlosigkeit ihres Tuns überzeugt werden. Frauen und Mädchen zogen ihre feinsten Kleider an und hängten ihre Handtaschen an die Panzerläufe, um die Soldaten zu irritieren. Um die Besetzer in die Irre zu führen, wurden Straßenschilder abmontiert oder übermalt.

Doch die Macher der Doku sprechen von bewaffneten konterrevolutionären Kräften. Historiker Oldřich Tůma:

„Zwar haben die Invasoren an einigen Orten Waffenlager gefunden, aber diese stammten von der Volksmiliz. Die Waffen wurden zum Beispiel in Industriebetrieben gelagert und gehörten der sogenannten bewaffneten Faust der Arbeiterklasse und mit Sicherheit nicht irgendwelchen Konterrevolutionären. Über die ein oder zwei Fälle, in denen tatsächlich schon vor dem 21. August 1968 Waffen gefunden wurden, ist wiederum bekannt, dass es sich um eine Provokation des sowjetischen Geheimdienstes gehandelt hat.“

Während des Prager Frühlings hatte sich die Vereinigung ehemaliger politischer Häftlinge K 231 ganz besonders für die Demokratisierung eingesetzt. In dem russischen Film wird unterstellt, die Vereinigung habe aus „verurteilten ehemaligen Nazis, SS-Leuten und Kollaborateuren“ bestanden. Auch das hat den tschechischen Außenminister Zaorálek zur Parallele mit dem derzeitigen Vorgehen rund um die Ukraine bewogen. Denn die heutige Propaganda des Kremls behauptet, auch der Umsturz in der Ukraine sei ein Machwerk von Faschisten gewesen.