Revolutionär taucht unter: Warum Che Guevara vier Monate in der Tschechoslowakei verbrachte

25-06-2016

Es ist eine wenig bekannte Episode aus dem Leben von Che Guevara: 1966 verbrachte der argentinische Revolutionär mehrere Monate in der Tschechoslowakei. Inkognito lebte der damals 37-Jährige in einem Haus des Innenministeriums – so gut getarnt, dass nicht einmal die Gastgeber von seiner Identität wussten. Von Fidel Castro persönlich erfuhr der tschechoslowakische Geheimdienst Jahre später, wen er da eigentlich beherbergt hatte. Mehr zum Aufenthalt von Che und zur Bedeutung von Prag als Drehscheibe für südamerikanische Guerillakämpfer im folgenden Kapitel aus der Tschechischen Geschichte.

Che Guevara (Foto: ČT24)Che Guevara (Foto: ČT24) Ein Haus auf dem Land südöstlich von Prag: Das war die Zuflucht für Che Guevara im Frühjahr 1966. Reichlich frustriert von der erfolglosen Mission im Kongo und gesundheitlich schwer angeschlagen traf Che Guevara im März auf dem Flughafen Prag-Ruzyně ein:

„Er war in der Position eines Menschen, der auf der Suche ist, wie es weitergeht. Das heißt, dieser Aufenthalt in Prag war für ihn so eine Art Zwischenspiel, eine kurze Zeit, in der er Kraft und Orientierung gewinnen wollte.“

Sagt Prokop Tomek. Der Historiker vom Militärhistorischen Institut in Prag hat die Akte „Venkov“ ausgewertet. Sie befasst sich mit dem „konspirativen Haus“ des Innenministeriums in Ládví-Kamenice. Nach einigen Wochen in einer Prager Wohnung blieb Che Guevara dort bis Juli 1966. Die Recherchen sind schwierig, denn namentlich taucht der Revolutionär in der Akte nicht auf:

Ehemaliges konspiratives Haus des Innenministeriums in Kamenice-Ládví (Foto: Ernesto_Rafael, Panoramio.com) Ehemaliges konspiratives Haus des Innenministeriums in Kamenice-Ládví (Foto: Ernesto_Rafael, Panoramio.com) „Sein Aufenthalt wurde nicht von der der tschechoslowakischen Abteilung für Auslandsspionage abgewickelt, obwohl sich Guevara am Ende sogar in einem ihrer Gebäude aufhielt – ohne ihr Wissen. Organisiert wurde sein Aufenthalt vom kubanischen Geheimdienst, respektive von den Mitarbeitern in der kubanischen Botschaft in Prag. Unsere Behörden informierten sie nicht.“

Enge Beziehungen zwischen Kuba und der Tschechoslowakei

Laut Tomek befürchtete Guevara, dass die Geheimdienste der Tschechoslowakei vom CIA infiltriert seien und blieb daher lieber inkognito. Prag kannte er bereits, von Besuchen während seiner Amtszeit als kubanischer Wirtschaftsminister Anfang der 1960er Jahre. Die Tschechoslowakei und Kuba knüpften damals enge Beziehungen:

Prokop Tomek (Foto: Jana Chládková, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Prokop Tomek (Foto: Jana Chládková, Archiv des Tschechischen Rundfunks) „Als Wirtschaftsminister war Guevara offiziell zweimal in der Tschechoslowakei. Zudem arbeitete eine ganze Reihe tschechoslowakischer Berater in Kuba, Experten aus verschiedenen Bereichen wie der Geologie, Berater der Wirtschaftsführung, mit denen er angeblich viele Gespräche führte.“

Während die Staatsbesuche dokumentiert sind, waren die Informationen über seinen Aufenthalt im Jahr 1966 lange dürftig. Aufzeichnungen von Guevara sind nicht überliefert; die Aussagen von Familienmitgliedern und Weggefährten sind oft ungenau. Als vor einigen Jahren die Unterlagen des tschechoslowakischen Geheimdienstes freigegeben wurden, bekamen Historiker erstmals Einblick in die gesamte „Aktion Manuel“:

„Dabei handelte es sich um Hilfen der tschechoslowakischen Auslandsspionage für den kubanischen Geheimdienst von 1962 bis Ende der 1960er Jahre. Sie dienten zur Vorbereitung und zum Transfer kubanischer und lateinamerikanischer Partisanen, kommunistischer Funktionäre und ganzer Gruppen über Prag nach Südamerika.“

Prag in den 1960er Jahren (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag)Prag in den 1960er Jahren (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag) Nach Schulungen und ausgestattet mit falschen Papieren sollten die Entsandten in weiteren Ländern Lateinamerikas für die kommunistische Revolution kämpfen. Dass die Kubaner ausgerechnet die Tschechoslowakei zum Transitland erkoren, lag auch am liberaleren Klima vor dem Prager Frühling. Prokop Tomek:

„Das Land gehörte zwar zum Ostblock, aber der Lebensstil war ein wenig näher am westlichen Europa. Ab 1964 gab es zum Beispiel Möglichkeiten zu Reisen. Aus der Tschechoslowakei konnte man allmählich in den Westen, und umgekehrt kamen auch die Menschen aus dem Westen hierher, es gab mehrere Fluglinien. Von Rumänien aus wäre es zum Beispiel komplizierter gewesen, in den Westen oder nach Südamerika zu gelangen. Hier dagegen war es unauffällig, man war sozusagen auf etwas neutralerem Boden.“

Prager Flughafen in den 1960er Jahren (Foto: Archiv des Václav-Havel-Flughafens in Prag)Prager Flughafen in den 1960er Jahren (Foto: Archiv des Václav-Havel-Flughafens in Prag) Anfang der 1960er war die Flugverbindung nach Prag eine der wenigen Möglichkeiten, um Kuba unauffällig zu verlassen. Mitarbeiter des kubanischen Geheimdienstes wie auch eine Abteilung der Auslandsspionage kümmerten sich vor Ort um die praktischen Angelegenheiten:

„Der Geheimdienst hat ihnen bei der Optimierung der falschen Papiere und Pässe geholfen – oder auch mit Kleidung. Wenn es etwa Partisanen aus kubanischen Bauerndörfern waren, dann waren sie oft auffällig gekleidet und mussten so hergerichtet werden, dass sie unerkannt zum Beispiel über Paris weiterfliegen konnten. Insgesamt haben die Aktion über 1000 Menschen durchlaufen, und einige lebten eben in diesem Haus.“

Fast enttarnt beim Biertrinken im U fleků

Bierstube U Fleků (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag)Bierstube U Fleků (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag) Vor neugierigen Blicken waren die ausländischen Gäste in der Villa des Innenministeriums gut geschützt – das Haus ist umgeben von einem Obstgarten, die Ortschaft ist hügelig, bewaldet und schwer einzusehen. Manche Agenten sollen die örtliche Wirtschaft „Valnovka“ aufgesucht haben, die bis heute besteht. Che Guevara unternahm auch Ausflüge nach Prag, und obwohl er maskiert und kaum zu erkennen war, kam es bei einem Stadtrundgang mit dem Geologen Petr Květoň, den er noch aus Kuba kannte, einmal fast zur Enttarnung. In der legendären Bierstube U fleků soll Che Guevara in einen Streit mit anderen Gästen geraten sein:

„Es kam zu einer Schlägerei und die Öffentliche Sicherheit wurde gerufen. Mit seinem Begleiter ist er über den Hof geflüchtet, und hat es geschafft zu verschwinden. Diese Information habe ich nicht direkt von diesem Geologen, er ist schon vor Jahren gestorben. Er hat diese Geschichte einem Bekannten erzählt, und zwar zu einer Zeit, als man von Guevaras Aufenthalt noch nichts wusste. Deshalb ist es ziemlich wahrscheinlich, dass etwas dran ist.“

Fidel Castro (Foto: Marcelo Montecino, CC BY-SA 2.0)Fidel Castro (Foto: Marcelo Montecino, CC BY-SA 2.0) Dass sich Guevara monatelang auf ihrem Staatsgebiet verborgen hatte, erfuhren die tschechoslowakischen Behörden erst 1970 – drei Jahre nach dem Tod des Revolutionärs in Bolivien. Prokop Tomek:

„Der Geheimdienst hatte ziemlichen Ärger, als Fidel Castro dort eine Gedenktafel für Che Guevara anbringen wollte. Es kam die Anfrage, wo sich dieses Haus befände, wo er sich versteckt hatte. Und in diesem Moment hat der tschechoslowakische Geheimdienst überhaupt erst erfahren, dass Che Guevara hier war – erst durch diese Anfrage direkt von Castro.“

Che GuevaraChe Guevara Der Geheimdienst lehnte ab – schließlich diente das Haus nach wie vor als Unterschlupf für Agenten und Untergetauchte. In einem internen Schreiben der Auslandsspionage vom Februar 1971 heißt es:

„Wie Sie schon früher erfahren haben, hat Genosse Fidel Castro sein Interesse bekundet, den Standort des Hauses in Prag zu ermitteln, in dem Genosse Che Guevara vor seiner Abreise nach Lateinamerika mehrere Monate verbracht hat. Angesichts des Charakters dieses Objekts und der Unangemessenheit, diese Tatsache publik zu machen, empfehle ich von unserer Seite aus keinerlei Initiative zu ergreifen und im Falle einer direkten Anfrage der kubanischen Freunde unsere Position angemessen zu erläutern.“

Tamara Bunke (Foto: Public Domain)Tamara Bunke (Foto: Public Domain) Dass eine derart prominente Person wie Che Guevara den Behörden verborgen bleiben konnte, ist für Prokop Tomek aufschlussreich:

„Das gibt doch Auskunft darüber, dass dieses System hier bei weitem nicht so perfekt war, wie viele Leute heutzutage glauben. Ganz offensichtlich hatte der Sicherheitsapparat nicht alles unter Kontrolle, und das betrifft diese liberalere Zeit in den 1960er Jahren.“

Che Guevaras Aufenthalt an sich ist für den Historiker dagegen eine relativ bedeutungslose Episode – schließlich gab es keinerlei Kontakte zur Politik. In den Medien allerdings setzten wilde Spekulationen ein, als der Standort des Hauses in Ládví vor einigen Jahren bekannt wurde. Zum Liebesnest wurde es erklärt, weil die deutsch-argentinische Agentin Tamara Bunke ebenfalls Unterstützung vom tschechoslowakischen Geheimdienst erhalten hat. Ein Aufenthalt zeitgleich mit Guevara ist allerdings nicht nachweisbar, selbst das Verhältnis zwischen den beiden wurde nie bewiesen. Prokop Tomek:

„Die Prager Hefte“ (Foto: Verlag Emece)„Die Prager Hefte“ (Foto: Verlag Emece) „Ich denke, um Che Guevara gibt es einfach dieses Phänomen der Mythenbildung in verschiedenen Kombinationen. Mich persönlich überrascht es schon, dass so viele Forscher, Filmteams und Journalisten auch aus dem Ausland hier waren, die sich damit beschäftigt haben. Man sieht daran, dass er fast 50 Jahre nach seinem Tod immer weiterlebt. Dieser Mythos interessiert die Leute immer noch – und vielleicht ist das auch finanziell lukrativ. Er ist wohl einfach eine Person mit Potential.“

Sein Kapitel zum Mythos beigetragen hat auch der frühere argentinische Botschafter in Prag, Abel Posse. Er verfasste in den 1990ern den Roman „Die Prager Hefte“. Darin lässt er Guevara auf Kafkas spuren wandeln und beschwört seinen „Geist in den Glasfenstern des Café Slavia“. Und auch ein kommerzielles Museum in Prag versucht seit einiger Zeit sein Glück mit dem Revolutionär. In der Galerie „Spectrum“ beim Wenzelsplatz ist eine „konspirative Wohnung von Che Guevara“ zu besichtigen: ein bizarres Sammelsurium aus Resopalmöbeln und Stalinbildern – versehen immerhin mit dem Hinweis, das Ganze sei vollkommen fiktiv.

 

Prokop Tomeks Aufsatz „Dům, kde nebydlel jenom Guevara“ (Das Haus, in dem nicht nur Che Guevara wohnte) erscheint im Herbst in der Zeitschrift „Paměť a dějiny“.

25-06-2016