Nový Jičín und die Schicksalsjahre: 1918 und 1938

Im nordmährischen Nový Jičín / Neutitschein ist eine Ausstellung zu sehen mit dem Titel „Von Kaiser zum Bolschewiken“ (Od císaře pána k bolševikovi). Im Mittelpunkt stehen dabei die schicksalhaften Achterjahre in der Region, zu der auch das sogenannte Kuhländchen gehört. Im Folgenden mehr zu den Schlüsseljahren der Ersten Tschechoslowakischen Republik, also 1918 und 1938.

Martin Vitko (Foto: Archiv von Martin Vitko)Martin Vitko (Foto: Archiv von Martin Vitko) Die Ausstellung in Nový Jičín umfasst eine Zeitspanne von 50 Jahren. In dieser gab es gleich vier schicksalhafte Achterjahre: 1918, als die Tschechoslowakei gegründet wurde; 1938, als Hitler durch das Münchner Abkommen die Sudetengebiete besetzte; 1948, als die Kommunisten an die Macht kamen; und 1968, als die Sowjets die Tschechoslowakei besetzten. Das Ziel der Schau definiert Kurator Martin Vitko so: den Besuchern politische Umwälzungen ins Gedächtnis zu rufen, die die Geschichte der Tschechoslowakei in so kurzer Zeit maßgeblich beeinflusst haben. Vítko ist Historiker und beim Museum von Nový Jičín (Muzeum Novojičínska) beschäftigt:

„Die Entstehung der Tschechoslowakei war auch ein historisches Schlüsselereignis für die Geschichte der Stadt Nový Jičín, früher Neutitschein, und ihre Umgebung. Das Besondere war, dass hier seit gewisser Zeit eine zahlenmäßig starke Gruppe Deutscher lebte. In größeren Städten bildeten sie die Mehrheit und hatten über mehrere Generationen führende Positionen inne. Auch 1918 fühlten sie sich noch als Bürger der Habsburger Monarchie. Am 28. Oktober, kurz vor Ende des Ersten Weltkriegs, kam es dann zur Ausrufung des eigenständigen tschechoslowakischen Staates. Mit diesem identifizierten sich die Deutschen aber nicht. Außer dem Verlust ihrer führenden Rolle befürchten sie noch weitere negative Folgen.“

Ausstellung „Von Kaiser zum Bolschewiken“Ausstellung „Von Kaiser zum Bolschewiken“ Das traf allerdings allgemein auf die deutschsprachige Bevölkerung in der neuen Tschechoslowakei zu, wie Martin Vitko einräumt:

„Klar war dies kein Spezifikum von Nový Jičín. In Prag und den anderen Landesteilen mit tschechischsprachiger Mehrheitsbevölkerung wurde der Umsturz eindeutig positiv wahrgenommen. Die hier lebenden Deutschen wollten die neugegründete Republik aber nicht akzeptieren. Die Staatsführung entschied sich letztlich, das neue Staatsgebilde mittels Gewaltanwendung ins Leben zu rufen. In unserer Region gelang das erst Ende 1918 mithilfe von Freiwilligenkorps. In diese bewaffneten Verbände traten viele tschechische Einwohner von Nový Jičín und Umgebung sowie aus der benachbarten Stadt Příbor ein.“

Freiwilligenkorps gegen Deutsche

Nový Jičín 1918 (Foto: Archiv des Museums von Nový Jičín)Nový Jičín 1918 (Foto: Archiv des Museums von Nový Jičín) Die tschechoslowakischen Militärkräfte wurden zudem im nachfolgenden Jahr in den Gebietskonflikten mit Polen, Ungarn und Österreich eingesetzt. Über die Grenzziehung wurde letztlich bei der Friedenskonferenz von Saint-Germain entschieden. Um die Durchsetzung der Hoheitsrechte in der Region Nový Jičín hätten sich eben die hiesigen Freiwilligenkorps verdient gemacht, so der Historiker:

„Es war sicher kein extrem blutiges Vorgehen, aber gewisse Gewalt wurde angewendet. Ohne Gewehrschüsse wäre aber die Macht des Staates unter den herrschenden Umständen nicht sichergestellt werden können. Es gab dabei zwar einzelne Exzesse von Einzelpersonen wie zum Beispiel Plünderungen. Im Grunde geschah dies aber nicht in großem Ausmaß. Bei derartigen Ereignissen kommt es leider häufig zu bedauerlichen Vorfällen.“

Die Ereignisse der Achterjahre sind in der Ausstellung auf zahlreichen Texttafeln beschrieben und durch die Kopien von wichtigen Dokumenten und Fotoaufnahmen veranschaulicht. Außerdem wurden vier große Diorama-Schaukästen aufgestellt, jeder zu einem der Achterjahre. Martin Vitko beschreibt, was der Kasten zu 1918 zeigt:

1918 - Angehöriger der Freikorps in Nový Jičín (Foto: Jitka Mládková)1918 - Angehöriger der Freikorps in Nový Jičín (Foto: Jitka Mládková) „In diesem Diorama sehen wir die Figur eines uniformierten Mannes. Es soll sich um ein Mitglied des Freiwilligenkorps in der Stadt Příbor handeln, das kurz zuvor aus der k. u. k. Armee heimgekehrt ist. Bei Führungen erzählen wir den Besuchern immer eine Story: Dieser Mann habe im Krieg den Hals noch nicht voll bekommen und gehe daher für den tschechoslowakischen Staat kämpfen. Tatsächlich waren Ende 1918 die tschechoslowakischen Legionäre aber noch nicht wieder heimgekehrt. Jene in Russland kämpften noch gegen die Bolschewiki. Und auch diejenigen Legionäre, die sich bis zum offiziellen Kriegsende am 11. November 1918 in Frankreich und Italien aufhielten, konnten erst etwas später die Kämpfer der Freiwilligenkorps unterstützen beziehungsweise ersetzen.“

Spezielle Uniformen für die Freikorps wurden laut Vítko damals nicht gefertigt. In Příbor / Freiberg in Mähren habe sich aber eine Textilfabrik für Militärbekleidung mit einem Vorrat an gebrauchten Uniformen der k. u. k. Armee befunden. Nach kleinen Korrekturen habe man sie den zwei Bataillonen zur Verfügung gestellt.

Hut-Hersteller Hückel in Nový JičínHut-Hersteller Hückel in Nový Jičín Aufgrund der Anweisungen des tschechoslowakischen Militärinspektorats in Moravská Ostrava / Mährisch Ostrau besetzten die Truppen in der Folge nicht nur Nový Jičín. Auch die Städte Fulnek, Odry / Odrau und Bílovec / Wagstadt wurden eingenommen. Eines der Bataillone beteiligte sich im Januar 1919 auch an den Kampfhandlungen gegen Polen in der Grenzregion von Těšín / Teschen.

Die Teilung der Region

Der Tschechoslowakischen Republik waren nur 20 Jahre Existenz beschert. In dieser Zeit gelang es nicht, die hierzulande lebenden Deutschen in die politischen und gesellschaftlichen Strukturen einzubinden. Ende der 1920er Jahre kam es zur Weltwirtschaftskrise. Das hatte fatale Folgen besonders für die Leichtindustrie, die sich gerade in den sudentendeutschen Gebieten befand. Zu spüren bekam dies zum Beispiel auch der traditionsreiche Hut-Hersteller Hückel, der weltweit exportierte. In den mehrheitlich deutschsprachigen Regionen hinterließ die Wirtschaftskrise tiefe Gefühle des Unrechts. Das war ein Nährboden für nationalistische und nationalsozialistische Parolen und Gedanken. Ultrarechte gab es auch in Nový Jičín. Martin Vitko:

Ernst Schollich (Foto: Wikimedia Commons, Public Domain)Ernst Schollich (Foto: Wikimedia Commons, Public Domain) „Die führende Persönlichkeit der nationalistischen Bewegung unter den hiesigen Deutschen war zweifelsohne Ernst Schollich. Er gehörte zu den alteingesessenen Bewohnern der Stadt. Lange war er Bürgermeister gewesen und ab 1920 auch Abgeordneter der Deutschen Nationalpartei (DNP, Anm. d. Red.) im tschechoslowakischen Parlament. Mitte der 1930er Jahre trat Schollich der Sudetendeutschen Partei (SdP, Anm. d. Red.) Konrad Henleins bei. 1939 wurde er Mitglied der NSDAP und wenige Monate später auch SS-Sturmbannführer. Sympathisanten des deutschen Nationalsozialismus ließen sich allerdings in jeder größeren Stadt unserer Region finden.“

Am 30. September 1938 unterzeichneten die Regierungschefs von Deutschland, Frankreich, England und Italien (also Hitler, Daladier, Chamberlain und Mussolini) das Münchner Abkommen. Damit wurde die Tschechoslowakei gezwungen, die Sudetengebiete an Deutschland abzutreten. Zu diesen Gebieten gehörte auch ein Großteil der Region um Nový Jičín, konkret das sogenannte Kuhländchen. 1930 lebten in dem zwölf Kilometer schmalen und 22 Kilometer langen Landstreifen zwischen Altvatergebirge und den Beskiden rund 100.000 Deutsche.

10. Oktober 1938 in Nový Jičín (Foto: Jitka Mládková)10. Oktober 1938 in Nový Jičín (Foto: Jitka Mládková) „Die Gegend um Nový Jičín war danach durch eine künstliche Grenzlinie zerteilt. Sie trennte die Gebietsteile mit der überwiegend deutschsprachigen Bevölkerung ab, die dem Münchner Vertrag zufolge Deutschland zufielen. Der restliche Teil gehörte dann ab März 1939 zum sogenannten Protektorat Böhmen und Mähren. Interessant ist, dass die Teilung des Kuhländchens ursprünglich nicht vorgesehen war. Für diese setzte sich aber die dortige einflussreiche Elite der Deutschen ein. In Nový Jičín stellten die Deutschen rund zwei Drittel der Bevölkerung. Ähnlich war es in den nahe gelegenen Städten wie Fulnek und Odry. Nur Příbor galt eher als eine tschechische Stadt.“

Hakenkreuzflaggen und Flucht

10. Oktober 1938 deutsche Besatzer in Nový Jičín (Foto: Jitka Mládková)10. Oktober 1938 deutsche Besatzer in Nový Jičín (Foto: Jitka Mládková) In der Ausstellung veranschaulicht das Diorama zu 1938 Naheliegendes. Martin Vitko:

„Auf das Jahr 1938 bezogen wollten wir an das Geschehen am 10. Oktober erinnern. An diesem Tag empfingen die deutschen Stadtbewohner die reichsdeutschen Truppen wie ihre Befreier. Zu sehen ist das auf den Kopien authentischer Aufnahmen, diese zeigen die mit Hakenkreuzen beflaggte Stadt und jubelnde Menschenmassen. Die meisten glaubten, dass für sie unter Hitlers Schirmherrschaft die Zeit der Wiedergutmachung für erlittenes Unrecht gekommen sei.“

In der Folge ging in den abgetrennten Gebieten des Kuhländchens die Zahl der Tschechen nach unten. Nový Jičín hatte im Jahr 1930 insgesamt 14.000 Einwohner, davon rund 4200 Tschechen. Acht Jahre später war es nur noch die Hälfte.

10. Oktober 1938 in Nový Jičín (Foto: Jitka Mládková)10. Oktober 1938 in Nový Jičín (Foto: Jitka Mládková) „Staatsbeamte, Lehrer, Berufssoldaten und andere verloren ihre Arbeit. In der Überzeugung, dass sie nichts Gutes zu erwarten haben, verließen sie die besetzte Gegend und suchten woanders eine neue Bleibe. Das war bei Verwandten oder an einem Ort, wo sie eine Arbeitsstelle fanden. Eine Vertreibung in größerem Ausmaß gab es nicht. Jene Tschechen, die zurückblieben, hatten es jedoch nicht leicht.“

Mit dem Kriegsende wendete sich das Blatt. Das tschechisch-deutsche Zusammenleben wurde durch Vertreibung beendet.