März 1953: Pompöse Trauerfeiern für Josef Stalin und Klement Gottwald in der Tschechoslowakei

Im März 1953 wurde in der Tschechoslowakei mit einer Woche Abstand zweimal getrauert. Im ersten Fall um einen Riesen, im zweiten Fall um einen Zwerg der internationalen Politszene. Am 5. März starb Josef Stalin und im ganzen Sowjetreich und allen Satellitenstaaten schien die Zeit stehengeblieben zu sein. Neun Tage später folgte ihm der „erste Arbeiterpräsident“ der Tschechoslowakei, Klement Gottwald, ins Jenseits. Wie die Trauerfeiern für die beiden Staatsoberhäupter hierzulande abgehalten wurden, ist das Thema unseres Geschichtskapitels.

Klement Gottwald (Foto: ČT 24)Klement Gottwald (Foto: ČT 24) „Im Todesfall eines Staatsmanns diese Musik verwenden!“ Diese Anweisung stand auf den Schildern mehrerer Tonbänder geschrieben, auf die der diensthabende Sendungsleiter des Tschechoslowakischen Rundfunks zugreifen konnte. Zum Einsatz kamen sie am 5. März 1953, als die Nachricht über Stalins Tod um die ganze Welt ging. Auch am 9. März, dem Tag der imposanten Bestattung des Diktators in Moskau, ertönte Chopin, Beethoven, Tschaikowski oder Dvořák im tschechoslowakischen Radio oder der „Trauermarsch unsterblicher Opfer“.

Klement Gottwald und StalinKlement Gottwald und Stalin Ganz nach der Tradition aus vielen Märchen, dass der Sitz eines Königs nach dessen Tod ganz in Trauerflor gehüllt werden sollte, hingen damals schwarze Fahnen an den öffentlichen Gebäuden in der ganzen Tschechoslowakei. In den Theatern und Kinos wurde nicht gespielt und auf dem Wenzelsplatz in Prag fand eine Trauerfeier statt. Der tschechoslowakische Premierminister Viliam Široký schwor dem toten Stalin:

„Im Gedenken an den großen Stalin schwören wir, die Formationen unserer kommunistischen Mutterpartei durch noch festere Bande zu verknüpfen, uns noch fester um das ZK der Partei und auch um den Genossen Gottwald zusammenzuschließen und noch mehr die Einheit und Untrennbarkeit unserer Partei zu überwachen, Das schwören wir dem großen Stalin. So wollen und werden wir sein Vermächtnis erfüllen. Das schwören wir!“

Zdeněk NejedlýZdeněk Nejedlý Der Pathos, der an jenen Tagen viel häufiger als sonst von allen Seiten ertönte, war aus dem seit Jahren gepflegten Personenkult der höchsten Politiker der kommunistischen Länder nicht wegzudenken. Stalin stand natürlich an erster Stelle. Zdeněk Nejedlý, seit 1952 der erste Vorsitzende der Tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaften, gab in einer Rundfunkansprache davon eine Kostprobe:

„Stalin ist gestorben. Wie bitte? Was soll das heißen? Diese Frage stellte sich jeder von uns. Wie kann es sein, dass Stalin gestorben ist? Der Mann, der seit über 30 Jahren die ganze Welt prägte und ohne den wir uns die Welt kaum vorstellen konnten. Der Mann, der als das Herz und der Kopf aller unserer Sehnsüchte galt und die Hoffnungen sowie das Streben der Menschheit verkörperte? Der Mann, dessen bloßer Name Liebe, Ergebenheit und Vertrauen in das große Werk des Aufbaus von heute und morgen weckte. Jener Mann, der uns den Sieg der neuen Welt über die alte und verdorbene garantierte – den Sieg der Welt der Gemeinschaftsarbeit und des Lebens im Sozialismus über die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen im Kapitalismus. Jener Mann, der unser Stern auf dem Weg nach vorne war, und auch die Sonne, die auf diesen Weg strahlte.“

Stalins BegräbnisStalins Begräbnis Zdeněk Nejedlý hatte, wie viele andere, noch mehr rhetorische Attribute parat, um den Radiohörern Stalins Größe näher zu bringen. Die Rede war zum Beispiel auch vom großen Leuchtturm der Menschheit, dem besten Freund, dem Ratgeber und Helfer, aber auch vom Verfechter und Garanten des Weltfriedens, der die Menschheit vor dem Gespenst des Dritten Weltkriegs bewahrt habe.

An Stalins Begräbnis durften natürlich nicht die Delegationen der obersten Vertreter der sozialistischen Bruderländer fehlen. Für Präsident Gottwald war es allerdings eine schicksalhafte Reise. Schon vor dem Abflug nach Moskau soll er sich nicht wohl gefühlt haben. Die Zeitung der kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, die Rudé právo, berichtete aber, Gottwald sei erst am 12. März, also zwei Tage nach seiner Rückkehr aus der Sowjetunion, erkrankt. Mit dieser Behauptung wollte man Spekulationen ausräumen, dem Präsidenten sei in Moskau etwas Böses zugestoßen. In der Bevölkerung wurde in der Tat gemunkelt, er sei in Moskau vergiftet worden. Worauf die Verbreitung dieses Gerüchts zurückzuführen war, sagte Jan Šach vom Militärhistorischen Institut in Prag gegenüber dem Tschechischen Rundfunk:

Jan Šach (Foto: Jan Sklenář, Tschechischer Rundfunk)Jan Šach (Foto: Jan Sklenář, Tschechischer Rundfunk) „Nicht nur der Öffentlichkeit, sondern auch den engsten Kreisen der Partei- und Staatsführung war Gottwalds wirklicher Gesundheitszustand nicht bekannt. Nur die wenigsten wussten, dass er ein Alkoholiker war, der die Empfehlungen der behandelnden Ärzte – der tschechoslowakischen sowie später der sowjetischen – nicht befolgte. Außerdem litt Gottwald unter einer ernsthaften sexuell übertragbaren Krankheit, die er sich in seiner Jugend zugezogen hatte. Sie wurde aber nie richtig medizinisch behandelt, weil er sich dafür schämte.“

Beide Krankheiten führten im Lauf der Zeit zu pathologischen Veränderungen am Herzen des Politikers. Diese sollen nach seiner Reise nach Moskau, von der ihm die Ärzte abgeraten hatten, zu Herzversagen und Tod geführt haben. Eine andere Ursache für die Verschlechterung von Gottwalds Gesundheit könnte nach Meinung von Jan Šach auch ein rätselhafter Fund gewesen sein:

Klement GottwaldKlement Gottwald „Im Herbst 1952 nahm Gottwald am 19. Parteitag der KP der Sowjetunion in Moskau teil und wollte bei dieser Gelegenheit auch einige die Tschechoslowakei betreffende Angelegenheiten mit Stalin besprechen. In dieser Zeit hat er in seinem Amtssitz, der Prager Burg, Abhöreinrichtungen gefunden. Die einheimischen Organe der Staatssicherheit hatten allerdings keine Erklärung für den Ursprung der Wanzen. Auch das wollte Gottwald mit Stalin besprechen, doch dazu kam es letztlich nicht mehr.“

Dafür hatte Gottwald offenbar einen realen Grund:

„Immer wenn er in die Sowjetunion reiste, hatte er Angst vor dem Besuch bei Stalin. Das war bereits so, als er 1948 gemeinsam mit Stalin Urlaub auf einer Datscha auf der Krim verbrachte. Gottwald hatte jedes Mal Angst, dass er während seines Aufenthalts in der Sowjetunion aus einem konstruierten Grund verhaftet werden könnte. Aus den kommunistischen Nachbarländern wusste er Bescheid über Politiker in ähnlichen Positionen, die in Ungnade Stalins gefallen waren und infolge dessen beseitigt worden waren.“

Gottwalds BegräbnisGottwalds Begräbnis Zurück zu den Tagen, als die Tschechoslowakei um ihren Präsidenten trauerte. Die Rudé pravo, das Organ der kommunistischen Partei, schrieb:

„Es sind schwere, äußerst schwere Stunden für das tschechoslowakische Volk gekommen. Kurz nach dem Ableben des großen Stalins wird es erneut von einem unsagbaren Unglück getroffen.“

Derselbe Tonfall beherrschte damals nicht nur die Presse und die Auftritte von Vertretern des politischen und öffentlichen Lebens. Gottwalds Tod hat auch die eifrige Produktion pathetischer Verse durch Profi- und Gelegenheitsdichter ausgelöst.

Jiří PernesJiří Pernes Zwei Tage nach seinem Tod wurde der verstorbene Präsident im Spanischen Saal auf der Prager Burg aufgebahrt. Alle Bilder und Spiegel im Gang zum Spanischen Saal wurden mit schwarzem Flor verhängt, die Wände hingegen mit rotem Stoff überzogen. Vor dem Sarg, in dem Gottwald in einer blauen Generalsuniform lag, konnten sich bis zum Begräbnistag am 19. März die herbeiströmenden offiziellen Delegationen sowie einfache Bürger verneigen.

Das Begräbnisszenario sowie die der landesweit veranstalteten Trauerfeiern kommentierte der Historiker Jiří Pernes im Tschechischen Fernsehen:

Gottwalds BegräbnisGottwalds Begräbnis „Gottwalds Begräbnis sollte wie eine Demonstration der Stärke und Entschlossenheit des kommunistischen Regimes auf die Bevölkerung wirken. Die Gründe liegen auf der Hand. Im Jahr 1953 erlebte die Tschechoslowakei eine tiefe politische, wirtschaftliche und soziale Krise. Das Begräbnis war unglaublich pompös und die Totenfeiern fanden im ganzen Land statt. In allen Städten und Dörfern wurden so genannte Trauerecken errichtet, in denen Kondolenzbücher ausgelegt und Kränze an Gottwald-Büsten niedergelegt wurden. Kurzum, es war eine ´flächendeckende´ Trauerfeier.“

Am 19. März bewegte sich der Trauerzug, bei dem der Sarg auf einer von Pferden gezogenen Geschützlafette transportiert wurde, von der Prager Burg durch die ganze Stadt. Vor dem Nationalmuseum auf den Wenzelsplatz wurde er mit einer Trauerkundgebung beendet. Klement Gottwald wurde als erster und einziger Präsident der Tschechoslowakei nach seinem Tod einbalsamiert und bis in das Jahr 1962 in der Nationalen Gedenkstätte auf dem Vítkov-Berg in einem gläsernen Sarg ausgestellt. Gottwald hatte gleich zu Beginn seiner politischen Karriere auf einen eigenen spezifischen Weg zum Sozialismus in der Tschechoslowakei verzichtet und sich dem Diktat aus Moskau unterworfen. Unter seiner Präsidentschaft wurden 230 Todesurteile für politische Gegner gefällt, Tausende wurden in Gefängnissen und Arbeitslagern eingesperrt.