„Mährisches Manchester“ – die Unternehmerdynastie Offermann

15-02-2020

Das mährische Brno / Brünn hat eine aufregende industrielle Vergangenheit. Denn über 150 Jahre lang boomte hier die Textilindustrie und ließ ein ganzes Stadtviertel emporwachsen. Mehr nun im zweiten Teil unseres historischen Spaziergangs durch das frühere „mährische Manchester“ mit der Schriftstellerin Kateřina Tučková.

Textilfabrik von Johann Heinrich Offermann (Foto: Archiv der Stadt Brünn)Textilfabrik von Johann Heinrich Offermann (Foto: Archiv der Stadt Brünn) Tučková gab 2014 ihr Buch „Die Fabrik – Textilbarone aus dem mährischen Manchester“ heraus. Darin schildert die gebürtige Brünnerin die Geschichte der Familie von Johann Heinrich Offermann. Die Erzählung spannt sich über fünf Generationen.

Der Familienvater stammt vom Niederrhein, wo die Tuchherstellung tief verwurzelt ist. Er kommt in den 1770er Jahren nach Mähren. Offermann gelingt es schon kurz, nachdem er sich in Brünn niedergelassen hat, in einer eigenen Manufaktur die Tuchproduktion anzukurbeln. Doch 1793 stirbt er und hinterlässt seine Frau Maria Elisabeth mit zwei Kindern.

Die Witwe kann allerdings damals als Frau nicht gesetzliche Erbin der Manufaktur werden. Ebenso nicht ihre zwei Söhne, die noch zu klein sind. Faszinierend sei, dass Offermanns Frau dennoch einen großen Verdienst hat um den Aufstieg des Betriebs, dies aber wieder in Vergessenheit geraten sei, sagt Kateřina Tučková:

Kateřina Tučková (Foto: Tschechisches Fernsehen)Kateřina Tučková (Foto: Tschechisches Fernsehen) „Um das Erbe für ihre Söhne bis zu deren Volljährigkeit zu retten, berief sie den Bruder ihres verstorbenen Mannes aus Monschau. Er sollte als vermeintlicher Manufakturchef und Vormund der Kinder die Aktivitäten der tatkräftigen und einfallsreichen Schwägerin verschleiern. Im Sommer 1805 schlug das französische Heer hier in Brünn sein Lager auf und wartete auf die anstehende Schlacht. Sie fand erst Anfang Dezember beim nahen Austerlitz statt. In der Zwischenzeit lungerten französische Soldaten in den Straßen herum und verbreiteten die sogenannte ‚französische Krankheit‘ in der Stadt, also die Syphilis. Dass der Winter bevorstand, verstand Maria Elisabeth Offermann trefflich auszunützen. Sie vereinbarte mit den Generälen, dass die Manufaktur Offermann das Tuch für warme Militäruniformen herstellt. Darüber hinaus richtete sie eine Feldküche ein, die einen Teil des französischen Heeres mit Suppen verpflegte. Als Gegenleistung bauten die Soldaten zwei neue Flügel an das Firmengebäude an. So konnte die Belegschaft auf rund eintausend Arbeiter aufgestockt werden.“

Engagierte Witwe

Alte Textil-Musterkarte (Foto: Archiv der Mährischen Galerie in Brünn)Alte Textil-Musterkarte (Foto: Archiv der Mährischen Galerie in Brünn) Damals ist Maria Elisabeth bereits wieder verheiratet, und zwar mit dem früheren Konkurrenten ihres ersten Ehemanns. In ihrem Leben schließt sie insgesamt drei Ehen, in denen sie 15 Kinder zur Welt bringt.

An der Wende vom 18.zum 19. Jahrhundert setzt im südmährischen Brünn ein Boom des Textilgewerbes ein. Am Stadtrand schießen Manufakturen wie Pilze aus dem Boden. Im Lauf des 19. Jahrhunderts entwickelt sich die Stadt zu einem Standort für die Textilbranche von europäischem Format und darüber hinaus. Schmal, Schoeller, Redlich, Strakosch, Löw-Beer, Teuber, Stiassni, Offermann und andere Unternehmerfamilien sind daran beteiligt. Kateřina Tučková über die neue aufstrebende Machtelite:

„In erster Linie sahen sie sich als Bürger von Österreich-Ungarn, und ihre Muttersprache war Deutsch. Doch darüber hinaus, wie nicht zuletzt auch aus ihrer Korrespondenz hervorgeht, fühlten sie sich als eingefleischte Brünner. Einen Teil ihres Gewinns, den sie als Großunternehmer erzielten, verwendeten sie daher zur Förderung unterschiedlicher Projekte im öffentlichen Raum.“

Carl Offermann (Foto: Archiv der Stadt Brünn)Carl Offermann (Foto: Archiv der Stadt Brünn) Eine bedeutende Rolle spielt der von Brünner Unternehmern gegründete Mährische Gewerbeverein. Zu der Zeit steht bereits die zweite beziehungsweise dritte Generation der Familie Offermann in den führenden Positionen ihrer Textilfabriken. Um das Jahr 1815 übernimmt Carl Offermann nach dem Erreichen der Volljährigkeit die Leitung der Firma, die sich bald zum größten Brünner Unternehmen der Branche entwickelt.

„Carl Offermann hat sich um die Kultivierung der Grünanlagen in der Stadt verdient gemacht. In den 1840er Jahren ließ er den ‚Augarten‘, übrigens der älteste Stadtpark in den Böhmischen Ländern, zu einem englischen Park umgestalten. Heute ist er unter dem tschechischen Namen Lužánky bekannt. Ungefähr zur selben Zeit ließ Offermann den Petrov-Hügel mit Bäumen bepflanzen. Im dem so entstandenen Park (benannt nach Kaiser Franz I., heute Denisovy sady, Anm. d. Red.), erinnert seit 1818 ein Obelisk an Napoleons Niederlage bei Waterloo von 1815. Unter den Offermanns der nachfolgenden Unternehmergeneration waren auch Förderer des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens“, so Tučková.

Großzügiger Mäzen

Theodor Offermann (Foto: Archiv der Stadt Brünn)Theodor Offermann (Foto: Archiv der Stadt Brünn) Zu den großzügigsten Mäzenen gehört Theodor Offermann. Auf seine Initiative hin wird 1869 in seiner Heimatstadt der öffentliche Personennahverkehr eingeführt. Brünn wird damit erst die fünfte Metropole in Europa mit solch einer Errungenschaft. Es ist zunächst eine Pferdestraßenbahn, die den heutigen Mährischen Platz (Moravské náměstí) mit der damals noch selbständigen Gemeinde Königsfeld / Královo Pole verbindet. Aus Theodor Offermanns Mitteln entsteht auch das neue Mährische Gewerbemuseum:

„Es war in der Tat Theodor Offermann, der 90 Prozent der Kosten für den Bau des Mährischen Gewerbemuseums im Neo-Renaissancestil bezahlte. Bei der Eröffnung 1883 fiel ihm die Aufgabe zu, das Band durchzuschneiden. Seine feierliche Erklärung wurde dann in der Mährischen Zeitung zitiert. Frei nacherzählt, sagte er: Es sei eine unermessliche Ehre für ihn gewesen, die Last der Baukosten für die Kulturstätte tragen zu dürfen, die der Ausbildung und Erbauung des gesamten mährischen Volkes dienen werde.“

Bereits ein Jahr zuvor entsteht in Brünn auch das imposante Gebäude des Deutschen Theaters. Es liegt am städtischen Ring, wo früher die Stadtmauer gestanden hat. Der Entwurf stammt von der renommierten Wiener Architektenkanzlei Helmer und Fellner. Am Bau ist eine Reihe von Brünner und Wiener Unternehmern, Künstlern und Handwerkern beteiligt, und die Arbeiten dauern nur 18 Monate lang. Die Kosten belaufen sich auf rund 500.000 Gulden. Bei seiner Eröffnung im November 1882 ist das Deutsche Theater europaweit das erste Gebäude seiner Art, das vollständig elektrifiziert ist. Dabei entspricht es bereits den Anforderungen des neuen österreichischen Baugesetzes, das auf die Brandkatastrophen der Theaterhäuser in Nizza, Prag und Wien von 1881 reagiert hat. Die Elektroinstallation wird 1882 unter der Aufsicht von Francis Jehl durchgeführt. Er ist Assistent des weltbekannten Erfinders Thomas Alva Edison, der auch die Stromversorgung des Gebäudes projektiert hat. Kateřina Tučková:

Edisonsche Glühbirne in einer verglasten Vitrine am zentralen Treppenhaus im Theater (Foto: Tschechisches Fernsehen)Edisonsche Glühbirne in einer verglasten Vitrine am zentralen Treppenhaus im Theater (Foto: Tschechisches Fernsehen) „Einer der Nachkommen des Ururgroßvaters der Familie Offermann ließ auf seine Kosten ein Dampfkraftwerk etwas abseits des Theatergebäudes errichten. Mit seinen sieben Dynamos und einer Leistung von 81 Kilowatt speiste es außer dem Theater auch einige nahegelegene Straßen mit Strom. Dazu wurde ein über 300 Meter langes unterirdisches Kabel gelegt, das Edisons Firma zu diesem Zweck in den USA hergestellt hatte. Die Trafostation war als Geschenk für die Stadt von ihrem Förderer gedacht. Im Innern war das Theater von rund 2000 Edisonschen Glühbirnen erleuchtet. Eine Birne wurde in ein verziertes Gehäuse aus Kupfer eingeschlossen und in den letzten Baustein des Hauses eingelassen. Heutzutage kann man sie in einer verglasten Vitrine am zentralen Treppenhaus im Theater sehen. Auf dem nahen Malinovský-Platz steht eine Statue von Tomáš Medek, die ein Geflecht von vier großformatigen Glühbirnen darstellt.“

Statue von Tomáš Medek auf dem Malinovský-Platz (Foto: Millenium187, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)Statue von Tomáš Medek auf dem Malinovský-Platz (Foto: Millenium187, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0) Das Standbild wurde dort zu Ehren von Thomas Alva Edison 99 Jahre nach seinem Besuch in Brünn enthüllt. Im September 1911 machte der Erfinder auf seiner Reise von Wien nach Prag einen Abstecher in die Stadt. Der Presse zufolge war er mit der Beleuchtung des Theaters zufrieden. Diese diente noch bis in die 1970er Jahre ihrem Zweck.

Verlorengegangenes Erbe

Die Brünner Textilfabriken aus dem 19. Jahrhundert wurden von mehreren Unternehmergenerationen der jeweiligen Familien bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts weitergeführt. Heute bestehen aber nur noch wenige von ihnen. Noch in der Zwischenkriegszeit gab es in der Stadt knapp 40 große Textilunternehmen, die mit ihren Produkten selbst den britischen Firmen Konkurrenz machten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden schrittweise alle Privatfirmen verstaatlicht. Durch den Zusammenschluss etlicher Fabriken in und außerhalb von Brünn entstanden mehrere sozialistische Großunternehmen. Eines hieß „Mosilana“ und umfasste rund drei Dutzend ehemalige Privatfirmen. Nach der politischen Wende von 1989 in der Tschechoslowakei und der Öffnung des heimischen Marktes geriet die Textilproduktion in der Stadt zunehmend unter den Druck ausländischer Konkurrenz. Letztlich kam der Zusammenbruch. Zurück blieben leere Fabriken ohne Maschinen. Der Großteil von ihnen ist mittlerweile abgerissen worden. Beim Spaziergang durch ihre Heimatstadt stellt die Schriftstellerin Kateřina Tučková vor einem stummen Zeugen der Geschichte mit Bedauern fest:

„Mosilana“ (Foto: Tschechisches Fernsehen)„Mosilana“ (Foto: Tschechisches Fernsehen) „Das hier ist eines der letzten Gebäude einer früheren Textilfabrik in Brünn, das man noch retten könnte. Es musste mehrmals wegen Insolvenz verkauft werden, befindet sich aber immer noch in Privathänden. Sein Schicksal bleibt somit unsicher. Nach und nach verschwinden also die letzten Spuren des einstigen Ruhms als ‚mährisches Manchester‘ aus dieser Stadt.“

Für Tučková ist das ein Beispiel dafür, dass es hierzulande nicht immer gelingt, historische Industriebauten für neue Projekte zu nutzen.

15-02-2020