Lev Prchala – der General, der den Präsidenten mit der Pistole bedrohte

29-03-2014

Soldaten sind meist keine guten Diplomaten, und wenn sie in die Politik wechseln, sind sie nur selten zu Kompromissen bereit. Diese Aussage passt ziemlich genau auf Lev Prchala, einen tschechoslowakischen General, der im Krisenjahr 1938 zum Politiker wurde. Er wollte sich nicht damit abfinden, dass die Tschechoslowakei damals die Sudetengebiete ohne jeden Schuss an Deutschland abtrat.

Lev PrchalaLev Prchala Ein Fantast, ein Radikaler und in bestimmten Punkten sogar ein Extremist, auf jeden Fall aber ein ehrlicher Mann und Patriot. So wird Lev Prchala heutzutage von den meisten Historikern bewertet. In der Zwischenkriegszeit gehörte er zur Elite der tschechoslowakischen Armee. Wie auch viele andere Offiziere erwarb er seinen Ruhm bereits während des Ersten Weltkriegs als Mitglied der tschechoslowakischen Legionäre. In Russland kämpfte er zunächst gegen deutsche Truppen und nach der bolschewistischen Revolution auch gegen die Rote Armee. Die Bolschewiken setzten auf seinen Kopf eine Belohnung in Höhe von einer Million Rubel aus, jedoch vergeblich. Als er 1919 Befehlshaber wurde, war er erst 27 Jahre alt. Pavel Hlavatý ist Historiker und Publizist:

„General Prchala führte den Befehl bei einigen Rückzugsgefechten, was zwar nicht populär, aber umso wichtiger und mühsamer war. Zweimal wurde er dafür ausgezeichnet, von den Franzosen und von den Briten. Daneben hatte er aber auch Zeit für sein Privatleben: In Russland heiratete er, und zwar die Tochter des letzten russischen Ministerpräsidenten Alexander Kerenski. In der Nähe des Baikalsees kam ihr Sohn zur Welt.“

Tomáš G. Masaryk (Foto: Josef Jindřich Šechtl, Wikimedia CC BY-SA 3.0)Tomáš G. Masaryk (Foto: Josef Jindřich Šechtl, Wikimedia CC BY-SA 3.0) In seine Heimat kehrte Prchala erst 1920 zurück, gleich danach wurde er zum Studium an der Kriegsakademie in Paris geschickt. In den 1920er Jahren hatte er verschiede Posten inne und sollte 1933 sogar Leiter des Generalstabs der tschechoslowakischen Armee werden. Dazu kam es aber nicht mehr, so Hlavatý:

„Staatspräsident Tomáš G. Masaryk wollte ihn schon ernennen, als plötzlich eine denunzierender Artikel in der Presse erschien. Unter anderem wurde ihm vorgeworfen, dass sein Sohn Mitglied der Sudetendeutschen Partei sei. Es handelte sich offensichtlich um üble Nachrede, denn sein Sohn war erst 13 Jahre alt. Damals wurde spekuliert, hinter dieser Kampagne stecke Außenminister Edvard Beneš, beweisen konnte man dies jedoch nicht. Da Beneš rechte Hand von Masaryk war, hätte er seine Einwände gegen Prchala ihm ja auch direkt mitteilen können, ohne Zeitungsartikel bestellen zu müssen. Es war jedenfalls das erste Mal, dass Prchala auf Edvard Beneš stieß und Druck der Politik auf die Armee erfahren musste.“

Józef Piłsudski (Foto: United States Library of Congress, Free Domain)Józef Piłsudski (Foto: United States Library of Congress, Free Domain) Prchala verzichtete schließlich selbst auf seinen neuen Posten. Offiziell tat er das mit der Begründung, er hätte „andere Vorstellungen von der Außenpolitik der Tschechoslowakei“. Konkret ging es ihm um die tschechoslowakisch-polnischen Beziehungen, die in der ganzen Zwischenkriegszeit angespannt waren. Prchala forderte mehr Zusammenarbeit mit dem Nachbarstaat, sicher auch, weil er aus Schlesien stammte und sehr gut Polnisch sprach. Darüber hinaus hatte er sich an einer heute schon fast vergessenen politischen Initiative beteiligt: Nachdem Hitler 1933 in Deutschland an die Macht gekommen war, forderten einige Politiker, die Tschechoslowakei und Polen müssten Deutschland militärisch angreifen.

„Das war nicht nur ein Gedankengebäude, das vom damaligen polnischen Verteidigungsminister und faktischem Staatsführer Josef Pilsudski formuliert wurde. Er forderte die Tschechoslowakei und Frankreich dazu auf, gemeinsam Deutschland zu überfallen und das Nazi-Regime im Keim zu ersticken. Heute lässt sich nur noch spekulieren, ob dies erfolgreich gewesen wäre, aber Pilsudskis Vorschlag wurde sowohl von der tschechoslowakischen, als auch von der französischen Seite abgelehnt“, sagt Pavel Hlavatý.

Bunker bei Šatov an der Staatsgrenze zu Österreich (Foto: Harold, Wikimedia CC BY-SA 3.0)Bunker bei Šatov an der Staatsgrenze zu Österreich (Foto: Harold, Wikimedia CC BY-SA 3.0) Lev Prchala blieb jedoch ein prominenter Offizier und erhielt 1936 den Rang eines Generals. Im Krisenjahr 1938, als Hitler der Tschechoslowakei offen mit Krieg drohte, leitete er die Verteidigung des am meisten exponierten Abschnitts: der ehemaligen Staatsgrenze zu Österreich, das im März 1938 ein Teil Deutschlands geworden war. Im Abschnitt der ursprünglichen tschechisch-deutschen Grenze hatte die Tschechoslowakei zuvor eine Festungslinie erbauen lassen, die südliche Grenze zu Österreich war aber völlig schutzlos. Im September befahl die Regierung die Mobilmachung, die Armee konnte jedoch nicht eingreifen: Nur wenige Wochen später fand in München eine internationale Konferenz statt, bei der Frankreich, Großbritannien und Italien der Tschechoslowakei anordneten, ihre Grenzgebiete an Deutschland abzutreten. Staatspräsident Beneš akzeptierte dies, die Generäle wollten jedoch gegen Deutschland kämpfen. In der erhitzten Atmosphäre besuchten sie den Staatspräsidenten auf der Prager Burg. Es gibt mehrere Versionen, wie die Verhandlung verlaufen sein sollen, sagt der Historiker:

Edvard Beneš (Foto: Library of Congress, Free Domain)Edvard Beneš (Foto: Library of Congress, Free Domain) „Laut einigen Quellen führte Prchala die Delegation an, gemäß anderen soll er mit einem Kollegen erst in der letzten Minute angekommen sein, als die Verhandlungen bereits zu Ende gingen. Auf jeden Fall hat er sich sehr radikal gegen die Kapitulation gestellt. Der Überlieferung nach soll er sogar mit einer Pistole auf Beneš gezielt und später bedauert haben, ihn nicht erschossen zu haben. Prchala hat dies selbst in sein Tagebuch eingetragen, und auch weitere Zeitzeuge haben sich in diesem Sinne geäußert. Man kann das natürlich für eine Legende halten, es wird aber von mehreren Seiten bestätigt.“

Bemerkenswert war die Begründung, warum Prchala auf einem Kampf gegen Deutschland bestand. Er argumentierte, dass 90 Prozent der eingezogenen Männer mit deutscher Nationalität den Befehl folgen würden und trotz eines Gewissenkonflikts bereit gewesen seien, für die Tschechoslowakei zu kämpfen. Auch diese Männer habe Beneš mit seiner Entscheidung verraten, erklärte Prchala später.

Karpaten-Ukraine (Quelle: Wikimedia CC BY 3.0)Karpaten-Ukraine (Quelle: Wikimedia CC BY 3.0) Ein Kommando erhielt er aber dennoch: Nach dem Münchner Abkommen wurde er Oberbefehlshaber der Truppen in der Karpaten-Ukraine, damals der östlichste Teil der Tschechoslowakei. Nachdem die Slowakei 1939 ihre Selbständigkeit erklärt hatte und die Karpaten-Ukraine von Ungarn überfallen wurde, verteidigte Prchala mit seinen Truppen das Gebiet und wurde sogar Mitglied der Karpaten-Regierung. Gegen die ungarische Übermacht hatte er jedoch keine Chance und musste drei Tage später kapitulieren. Mit seiner Familie flüchtete er über Polen, Rumänien und Syrien nach Frankreich und anschließend weiter nach London. Dort wurde Prchala dann Präsident des tschechischen Nationalrats, in dem sich diejenigen Emigranten sammelten, die mit der Politik von Edvard Beneš und seiner Exilregierung nicht einverstanden waren.

Pavel Hlavatý (Foto: Vendula Kosíková, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Pavel Hlavatý (Foto: Vendula Kosíková, Archiv des Tschechischen Rundfunks) „Zu diesen Personen gehörte der letzte Regierungschef vor der ‚Münchener Krise‘, Milan Hodža, der langjährige Botschafter in Paris, Štefan Osuský, und natürlich auch Lev Prchala. Alle mussten letztlich dafür büßen, dass sie versucht hatten, mit Beneš irgendwie zusammenzuarbeiten. Sie hatten auf diese Weise versucht, die Kräfte zu bündeln. Beneš stellte sie aber schrittweise alle kalt, manche auf ziemlich grobe Weise. Als erster war Prchala an der Reihe, 1940 entließ ihn Beneš aus dem Dienst und nahm ihm den Generalsrang ab. Interessant ist, dass Prchala in der Zeitschrift ‚Der Tschechoslowake‘ denunziert wurde. Die Publikation wurde vom Bruder von Edvard Beneš geleitet. Prchala ließ dies aber nicht auf sich sitzen und verklagte die Zeitschrift vor einem britischen Gericht. Seine Klage hatte Erfolg: Die Redaktion musste ihm, neben allen Gerichtskosten, auch moralische Satisfaktion zukommen lassen und eine Entschuldigung veröffentlichen“, so der Historiker Hlavatý.

Beneš und StalinBeneš und Stalin Der größte Streit zwischen Beneš und Prchala brach noch während des Krieges aus: Es ging um die politische Orientierung des zukünftigen tschechoslowakischen Staates. Prchala lehnte den Bündnisvertrag mit der Sowjetunion ab, den Beneš 1943 mit Stalin unterschrieb. Die wachsende Annäherung an Moskau war für ihn ebenso wenig akzeptabel wie das Nachgeben gegenüber Hitler. Er war ein konsequenter Anhänger des Selbstbestimmungsrechts der Völker und hatte daher mit einer selbständigen demokratischen Slowakei kein Problem. Großen Wert legte er auf die Zusammenarbeit mit den tschechoslowakischen Deutschen demokratischer Gesinnung, und die Vertreibungen der Nachkriegszeit hielt er für ein Verbrechen. Daher ist es kein Wunder, dass der frühere legendäre Offizier nach dem Krieg nicht in seine Heimat zurückkehrte. Er lebte in der Bundesrepublik Deutschland, wo er mit sudetendeutschen Organisationen zusammenarbeitete. 1958 erhielt er als erstes den Karlspreis der Sudetendeutschen Landsmannschaft.

29-03-2014