„Kompanie Nazdar“ - erste tschecho-slowakische Kampfeinheit im Ersten Weltkrieg

Ganz in der Nähe der Champs Elysées in Paris marschierten Anfang September rund 100 Männer in rot-blau-weißen Uniformen durch die Straßen. Es waren Mitglieder der sogenannten Tschechoslowakischen Legionärsgemeinde sowie tschechische Kriegsveteranen und Vertreter der heutigen Tschechischen Armee. Auch Mitglieder des Klubs für Militärgeschichte hatten sich angeschlossen. Dieser Klub nennt sich „Rota Nazdar“ (Französisch: „Compagnie Nazdar“) und beruft sich mit seinem ungewöhnlichen Namen auf die erste tschecho-slowakische Freiwilligeneinheit, die im Ersten Weltkrieg in Frankreich kämpfte.

Ende Juli 1914 rund 300 Tschechen demonstrierten in der Paris (Foto: Archiv des Militärhistorischen Instituts in Prag)Ende Juli 1914 rund 300 Tschechen demonstrierten in der Paris (Foto: Archiv des Militärhistorischen Instituts in Prag) Zum Zeitpunkt des Kriegsausbruchs 1914 waren die Böhmischen Kronländer und die Slowakei, damals Oberungarn, Teile der Donaumonarchie. Die angestaute Unzufriedenheit mit dem Vielvölkerstaat motivierte ihre Bewohner sehr schnell dazu, gegen den Staat zu kämpfen – und zwar in Frankreich, Russland und Italien. Die allererste tschecho-slowakische Freiwilligeneinheit formierte sich praktisch zeitgleich mit dem Kriegsausbruch in Frankreich. Zu der Zeit lebten dort rund 10.000 Tschechen und Slowaken. Es waren Handwerker, Geschäftsleute, Studenten und Künstler. Etwa 2 000 von ihnen waren in Paris. Als erste Bürger der Habsburger Monarchie demonstrierten Ende Juli 1914 rund 300 Tschechen in der französischen Hauptstadt. Unter dem Slogan „Weg mit Österreich!“ formierten sie sich vor der Statue der Stadt Straßburg sowie vor der österreichischen Botschaft. Ihr Protest fand große Resonanz in der Pariser Presse.

Miloš Borovička (Foto: Tschechisches Fernsehen)Miloš Borovička (Foto: Tschechisches Fernsehen) Binnen weniger Tage begannen die Vereinigungen der Tschechen und Slowaken in Frankreich einen freiwilligen Wehrdienst zu organisieren. Ende August wurde etwa die Hälfte von 600 interessierten Männern eingezogen. Allerdings in die französische Fremdenlegion und nur - wie es hieß - „für die Dauer des Krieges und für den Kampf gegen Deutschland“. In der Folge absolvierten die Rekruten eine zweimonatige Ausbildung im südfranzösischen Bayonne. Miloš Borovička ist Mitglied des Klubs für Militärgeschichte „Rota Nazdar“:

„Ausländische Soldaten durften laut französischen Gesetzen keine autonome Einheit aufstellen. Außerdem repräsentierten damals die Tschechen und Slowaken keinen selbstständigen Staat und konnten daher nicht in Frankreichs reguläre Streitkräfte, sondern nur in die Fremdenlegion eintreten. Viele von ihnen waren Mitglieder des traditionellen tschechischen Turnvereins ‚Sokol‘ (Falke, Anm. d. Red.). Der erste in Frankreich war ´Sokol de Paris´, gegründet 1892. Ihr typischer Gruß ‚Nazdar‘ ist gleichbedeutend mit ‚Ahoj‘ (auf Deutsch ‚Hallo‘, Anm. d. Red.) und war für die Einwohner von Bayonne nicht zu überhören. In der Stadt war bald von einer tschechischen ‚Compagnie Nazdar‘ die Rede. Letztlich übernahmen die Angehörigen der Kompanie diese Bezeichnung als Ehrennamen.“

Am 11. Oktober 1914 legte die Kompanie Nazdar in Bayonne das Gelöbnis ab (Foto: Archiv des Militärhistorischen Instituts in Prag)Am 11. Oktober 1914 legte die Kompanie Nazdar in Bayonne das Gelöbnis ab (Foto: Archiv des Militärhistorischen Instituts in Prag) Am 11. Oktober 1914 legte die 250-köpfige Kompanie Nazdar in Bayonne das Gelöbnis ab und wurde in ein Marschbataillon der Fremdenlegion eingegliedert. Als Teil der sogenannten „Marokkanischen Division“ waren sie über die Wintermonate im Grabenkrieg in der Region Champagne eingesetzt. Ab Anfang Mai 2015 ging es nach Nordfrankreich. Von dort aus sollten mehrere Formationen in die westliche Flanke der deutschen Truppen hineinstoßen. In der Schlacht, die sich am 9. Mai bei Artois etwa sieben Kilometer von Arras abspielte, siegten die Franzosen. Die Verluste an Menschenleben waren aber enorm. Binnen weniger Stunden verlor das ganze Bataillon, dem auch die Kompanie Nazdar angehörte, zwei Drittel seiner 925 Soldaten. Von den Offizieren überlebte kein einziger. Ebenso tragisch war die Bilanz der tschecho-slowakischen Einheit: 42 Gefallene und 90 Verletzte. Wegen fehlender Reservisten wurde das Bataillon mit der Bezeichnung „C“ offiziell aufgelöst. Die Überlebenden wurden dann in andere Formationen integriert.

Jiří Šetlík (Foto: Tschechisches Fernsehen)Jiří Šetlík (Foto: Tschechisches Fernsehen) Allerdings wurde nicht allen erlaubt, weiter zu kämpfen. Verwehrt wurde dies zum Beispiel dem Künstler Otto Gutfreund. Er hatte an der Pariser Académie de la Grande Chaumière bei dem namhaften Bildhauer und Maler Antoine Bourelle studiert, ehe er der Kompanie Nazdar beigetreten war. Jiří Šetlík ist Autor mehrerer Studien und Bücher über Gutfreunds Leben und Werk:

„Für Frankreich war selbstverständlich jede Hand willkommen, die bereit war mit einer Waffe für die Alliierten zu kämpfen. Gutfreund verbrachte zwei Jahre an der Front und wurde für seine Leistungen zum Gefreiten erhoben. Als sich die Freiwilligen aus der Tschechoslowakei, Jugoslawien und Polen sowie anderen Ländern in einem Erholungslager befanden, hat ein Teil von ihnen ein Manifest verfasst. Darin verlangten sie, aus der Fremdenlegion, in der aus ihrer Sicht triste Verhältnisse herrschten, in die regulären französischen Streitkräfte überführt zu werden. Die französische Militärbürokratie empfand dies allerdings als Verschwörung und ließ alle Protestierenden internieren.“

Otto Gutfreund schrieb dazu später:

„1915 habe ich gemeinsam mit anderen Mitkämpfern – Tschechen und weiteren österreichischen Staatsbürgern – ein Eingliederungsgesuch in die französische Armee unterzeichnet. Wir taten es im Namen aller tschechischen Freiwilligen, auch der toten. In der Schlacht bei Arras sind viele gefallen.“

Während des Ersten Weltkriegs dienten die Gebäude des Klosters Saint-Michel de Frigolet als Gefangenenlager (Foto: Aleks, Wikimedia CC BY-SA 3.0)Während des Ersten Weltkriegs dienten die Gebäude des Klosters Saint-Michel de Frigolet als Gefangenenlager (Foto: Aleks, Wikimedia CC BY-SA 3.0) Am 16. Juni 1915 wurde in Frankreich das sogenannte Béranger-Gesetz verabschiedet. Ihm zufolge durften die Bürger der Staaten, die auf der Seite von Frankreichs Feinden kämpften, keinen Wehrdienst in der französischen Armee leisten. Das Gesetz bezog sich auch auf die Bürger der Habsburger Monarchie. Die Unterzeichner des besagten Manifests wurden in der Folge zum 24. April 1916 aus der Armee entlassen und im streng geführten Gefangenenlager Saint-Michel de Frigolet interniert. Offiziell galten sie als Feinde Frankreichs. Am 25. Oktober 1916 schreibt der zutiefst enttäuschte und deprimierte Gutfreund an den französischen Kriegsminister:

„Herr Minister, als Tscheche und ehemaliger Kriegsfreiwilliger, der zehn Monate als Gefreiter in der Fremdenlegion diente und derzeit als Zivilhäftling interniert ist, bitte ich Sie dringend um die Freilassung. Als ich zum Kriegsfreiwilligen in Frankreich wurde, nahm ich alle möglichen persönlichen Risiken in Kauf und bot Frankreich mein Leben an. Jetzt aber habe ich keine Möglichkeit zu erfahren, wessen ich verdächtigt werde und warum man mich wie einen Feind behandelt. Ich bin mir sicher, Herr Minister, dass Sie mit meiner Internierung nicht im Sinn hatten, den österreichischen Stellen eine Gelegenheit zur Rache zu geben. Und ebenso wenig die zu Hause lebenden Tschechen darauf aufmerksam zu machen, dass ihre Landsleute, die auf Frankreichs Seite kämpfen, hierzulande gefangen gehalten werden.“

Die Adressaten auf französischer Seite ignorierten Gutfreunds Gesuch. Die zwei darauffolgenden Jahre verbrachte Otto Gutfreund praktisch im Gefängnis. Später erzählte er seinem Freund, dem Prager Kunsthistoriker Václav Štech:

„Morgens hat man uns in den Hof gejagt, abends wieder zurück in das vollgestopfte Lager. Zwischendurch standen wir im Hof dicht beieinander mit gesenkten Händen, ohne etwas tun oder an etwas denken zu können. Man ist mit den Nerven fertig, aus dem Menschen wird dann eine lebende Maschine. Ich ließ mir einen Zahn ziehen, nur um in die Stadt zu kommen - nach Arles, wohin man uns zum Arzt brachte. Dort habe ich mir ein paar Holzklötzchen beschafft, um etwas zu schnitzen. Die anderen Mitgefangenen und Wächter schauten mich jedoch an wie einen stillen Narren.“

Tschechoslowakische LegionenTschechoslowakische Legionen 1916 konstituierte sich in Paris der „Tschechoslowakische Nationalrat“ mit dem späteren tschechoslowakischen Präsidenten Tomáš G. Masaryk an der Spitze. Auf Initiative des Rates konnten ab 1917 tschechoslowakische Legionen auf französischem Boden entstehen. Um die Jahreswende 1917/1918 erhielten sie Unterstützung durch 3000 Freiwillige, die aus Russland anreisten. Dort hatten sie ursprünglich in der österreichischen Armee gekämpft. Hinzu kamen noch mehrere tausend Tschechen und Slowaken aus den USA. Die neu gegründete „Tschechoslowakische Brigade“ nahm 1918 in der Stadt Cognac ihr Banner aus den Händen des französischen Präsidenten entgegen. Ihre drei Bataillone beteiligten sich an wichtigen Kämpfen von Vouziers und Terron.

Otto Gutfreund und viele andere verbrachten allerdings die Zeit bis 1918 in Frankreich als Gefangene. Er selbst wurde im dritten Jahr ins Zivillager versetzt. Erst nach dem Ende des Krieges setzte er sein Studium in Paris fort. Er gilt heute als einer der bedeutendsten Künstler der tschechischen Moderne, der in der Zwischenkriegszeit auch internationale Anerkennung erhielt.