Königgrätz 1866: größte Schlacht auf dem Gebiet Böhmens

02-07-2016

Die Schlacht bei Königgrätz war die größte Schlacht auf dem Gebiet Böhmens. Zudem war sie ein Meilenstein auf dem Weg zur Vereinigung Deutschlands. Vor 150 Jahren, am 3. Juli 1866, trafen österreichische und die preußische Truppen unweit der ostböhmischen Stadt Hradec Králové / Königgrätz aufeinander.

3. Juli 1866

Schlacht bei Königgrätz (Quelle: Public Domain)Schlacht bei Königgrätz (Quelle: Public Domain) Chlum, Sadová / Sadowa, Probluz / Problus, Svíb/ Swieb – das sind heute unauffällige Orte in der Gegend um Königgrätz. Vor 150 Jahren waren sie aber die Schauplätze einer blutigen Auseinandersetzung. Hunderte Denkmäler und Kreuze erinnern heute in der Landschaft daran. Am frühen Morgen des 3. Juli 1866 stand dort die österreichische Armee in einer Halbkreisformation und wartete auf den Feind. Über das Schlachtfeld führt der Historiker Vojtěch Kessler:

„Die preußische Armee kam aus drei Richtungen. Von Westen rückte die sogenannte Elbearmee vor. Im Nordwesten stand der Kern des preußischen Heeres, nämlich die 1. Armee. Mit ihr zogen auch der preußische König und der Regierungsvorsitzende in den Kampf. Eine entscheidende Rolle in der Schlacht spielte aber die sogenannte 2. Armee, die von Norden kam. Sie machte sich um fünf Uhr morgens in Dvůr Králové / Königinhof auf den Weg und traf hier gegen Mittag ein.“

Foto: Ivana VonderkováFoto: Ivana Vonderková Die Soldaten stürmten direkt in den Kampf. Es gelang ihnen, die zentrale Stellung der Österreicher, also die Chlum-Anhöhe, in einem Zug zu erobern. Noch vor dem Krieg hat man in den Wettbüros in London 7:1 auf den Sieg Österreichs gesetzt. Was hat also den Ausgang der Schlacht zu Gunsten Preußens ermöglicht?

„Im Norden waren der 2. und der 4. Korps der österreichischen Armee positioniert. Sie sollten den Raum überwachen und verhindern, dass die preußische Armee dort durchkommt. Sie wurden aber in einen Kampf um den nahen Swieb-Wald verwickelt, und legten damit den ganzen nördlichen Raum offen. Nachdem sie zurückbefohlen wurden, waren sie nicht mehr imstande, ihre ursprüngliche Aufgabe zu erfüllen. Die preußische Armee eroberte die Chlum-Anhöhe.“

Foto: Ivana VonderkováFoto: Ivana Vonderková Eigentlich hatte Österreich nicht erwartet, dass der Feind bis nach Königgrätz vorrückt. Man wollte die Preußen früher aufhalten oder den Krieg jenseits der Grenze, in Preußen führen. Im Laufe einer Juni-Woche verloren die Österreicher jedoch zehn bis fünfzehn Gefechte. Auf ihrem Rückzug erkannten sie westlich von Königgrätz das am meisten zur Verteidigung geeignete Terrain.

Zweitgrößte Reiterschlacht und „Hohlweg der Toten“

Ein neues Denkmal wurde am Freitag nahe Střezetice / Stresetitz enthüllt. Es erinnert nicht nur an die gefallenen Soldaten, sondern auch an die gefallenen Pferde, erzählt Vojtěch Kessler:

Vojtěch Kessler (Foto: Ivana Vonderková)Vojtěch Kessler (Foto: Ivana Vonderková) „Hier ist die Anhöhe Probluz. Sie war der südlichste Zipfel der österreichischen Verteidigung. Vor uns liegt eine große Ebene, auf der die österreichische Kavallerie-Reserve konzentriert war. Als die Anhöhe Chlum erobert wurde, und die österreichische Armee Richtung Königgrätz floh, hat der König der preußischen Kavallerie befohlen, aufzubrechen und die sich zurückziehenden Österreicher zu vernichten. Daraufhin rückte auch die österreichische Kavallerie vor, um das zu verhindern. Die beiden Kavallerien trafen an diesem Ort aufeinander. Übrigens, es war die zweitgrößte Kavallerie-Schlacht in der Geschichte überhaupt, und zwar nach der Völkerschlacht bei Leipzig 1813. Etwa 10.000 Reiter nahmen daran teil.“

Beim Zusammenstoß war die österreichische Kavallerie besser dran. Die preußischen Reiter zogen sich zu ihrer Infanterie zurück. Die Fußsoldaten begannen danach, die österreichischen Reiter zu beschießen. Viele Österreicher wurden durch Kugeln getötet. Ihr Ziel, die preußische Kavallerie aufzuhalten, erreichten sie aber: Die geschlagenen Truppen konnten sich ungestört in die Festung Königgrätz zurückziehen.

Foto: Ivana VonderkováFoto: Ivana Vonderková „Den im heldenmutigen Kampfe für Kaiser und Vaterland gefallenen Offizieren und Mannschaften des k. k. 1. Armeekorps.“ Diese Inschrift steht auf einem weiteren Denkmal. Es wurde Ende des 19. Jahrhunderts errichtet. Wie auch die meisten Denkmäler auf dem Schlachtfeld.

„Unten im Dorf Rozběřice / Rosberschitz warteten die österreichischen Reserven, zwei Korps mit hoher Schlagkraft. Sie erhielten am Nachmittag den Befehl, den Feind aus dem bereits eroberten Dorf Chlum zu verdrängen. Warum wird aber der Weg, den sie einschlugen, als ‚Hohlweg der Toten‘ bezeichnet? Denn die Preußen waren vorbereitet und haben die Österreicher, sobald sie erschienen, mit Schüssen begrüßt. Innerhalb von zwanzig Minuten schieden hier etwa 10.000 Soldaten aus dem Kampf aus. Unter diesem Denkmal liegen mehrere hundert Soldaten begraben. Man sagt, dass der Hohlweg voll von Leichen war und das Blut bis nach Rozběřice floss.“

Foto: Ivana VonderkováFoto: Ivana Vonderková Nach diesem vergeblichen Versuch ging die Schlacht mit der Niederlage Österreichs zu Ende. Die bessere Ausbildung und Ausrüstung der preußischen Soldaten gilt als Grund für ihren Sieg: Die Preußen nutzten die sogenannten Hinterlader, die sie wesentlich schneller und liegend nachladen konnten. Die mit Vorderladern ausgerüsteten Schützen Österreichs mussten zum Nachladen stehen oder knien und waren so beim Nachladevorgang meist ungedeckt. Es gab aber auch weitere Gründe:

„Wir haben ausgerechnet, dass man im österreichischen Heer bis zu 13 Sprachen gesprochen hat. Die sogenannte Dislokation war eine Eigenart der österreichischen Armee: Irgendwo, zum Beispiel in Böhmen oder in Slowenien, wurde eine Einheit gebildet, sie war aber in einem ganz anderen Teil der Monarchie stationiert. Dies führte bei den Verlagerungen des Heers zu Komplikationen, sie dauerten länger als nötig. Darüber hinaus wurde die preußische Armee mit der Eisenbahn zur Grenze Böhmens gebracht. Den preußischen Offizieren standen womöglich auch bessere Karten von Böhmen zur Verfügung.“

Foto: Ivana VonderkováFoto: Ivana Vonderková Doch wie viele Todesopfer gab es eigentlich am 3. Juli 1866?

„Das ist eine komplizierte Frage. In der Armee verwendet man nicht den Begriff Gefallene, sondern allgemein Verluste. Dazu zählt man nicht nur Verstorbene, sondern auch Verletzte und Gefangene, einfach alle, die sich nach der Schlacht nicht zum aktiven Dienst bei ihrer Einheit zurückmelden konnten. Ich würde die Zahl der direkt am Tag der Schlacht Verstorbenen auf 10 bis 15 Tausend schätzen. Aber ein größerer Teil war zunächst verletzt und starb in den folgenden Tagen.“

450.000 Soldaten treffen aufeinander

Foto: Ivana VonderkováFoto: Ivana Vonderková Die überhaupt beeindruckendste Zahl sei nach dem Militärhistoriker die der kämpfenden Soldaten:

„Hier trafen insgesamt etwa 450.000 Soldaten aufeinander. Zum Vergleich: Königgrätz hatte damals etwa 5000 Einwohner. Alle diese Soldaten mussten essen, trinken und irgendwo untergebracht werden. Bei den Kämpfen trampelten sie Getreidefelder nieder, weshalb es in jenem Jahr keine Ernte gab. Das war fatal für die Einwohner.“

Die Einwohner der betroffenen Dörfer flohen vor der Schlacht. Man fuhr zu Verwandten oder versteckte sich im Wald:

Foto: Ivana VonderkováFoto: Ivana Vonderková „Diejenigen, die geblieben sind, haben interessante Zeugenaussagen hinterlassen. Es gab hier auch Draufgänger, die sich etwa im Keller oder im Kirchturm versteckt und die Umgebung beobachtet haben. Sie haben dann beschrieben, was sie sahen. Es ist interessant, die Dorfchroniken zu lesen. Darin wird von einem Gewirr aus Rauch, Geschrei und Lärm gesprochen.“

Die Tschechen hätten aber paradoxerweise mit viel größerem Einsatz als andere Völker der Monarchie am Krieg teilgenommen, sagt Vojtěch Kessler:

„Der preußische König erwog, im Falle seines Siegs etwa zwei Drittel von Nordböhmen zu besetzen. Die Tschechen freuten sich nicht darüber, dass ein Teil Böhmens an Preußen fallen sollte. Daher zogen sie begeistert in den Krieg. Außerdem gab es hierzulande unangenehme Erinnerungen: Im 18. Jahrhundert betrat das preußische Heer fünfmal das böhmische Gebiet. Die Preußen galten als Erzfeinde, die alles leeressen, junge Mädchen wegführen oder junge Männer zum Heer einziehen. Ihr Kommen soll eine Katastrophe gewesen sein.“

Preußen übernimmt Führung im Deutschen Bund

Foto: Ivana VonderkováFoto: Ivana Vonderková Die Ursache des Kriegs lag in den Spannungen zwischen Preußen und Österreich, die im Kampf um die Vorherrschaft im Deutschen Bund immer größer wurden.

„Nach der Niederlage Österreichs übernahm Preußen die Führung im Bund. Fünf Jahre später wurde das Deutsche Kaiserreich als neuer Staat formal aus dem Deutschen Bund gegründet.“

Ende August 1866 wurde in Prag der endgültige Friedensvertrag unterzeichnet. Österreich verlor seine Führungsposition im Deutschen Bund, seine Gebietsverluste waren aber nicht so massiv, wie zunächst erwartet:

Foto: Ivana VonderkováFoto: Ivana Vonderková „Der damalige Ministerpräsident Preußens, Otto von Bismarck, überzeugte den Herrscher, dass es viel nützlicher wäre, Österreich nicht ganz in die Knie zu zwingen, sondern das Land nachsichtig zu behandeln und künftig zu einem Verbündeten zu machen. Seit 1866 datiert man also das Bündnis von Deutschland (das heißt zunächst Preußen und später dem Deutschen Reich) und von Österreich. Sie gingen dann gemeinsam in den Ersten Weltkrieg.“

Die Schlacht von Königgrätz habe zweifelsohne auch auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts Auswirkungen gehabt hat.

„Zweifelsohne. Denn dank diesem Krieg hat Deutschland entstehen können.“

02-07-2016