Josef Pfitzner – vom anerkannten Historiker zum fanatischen Nazi

05-09-2015

Am 6. September 1945 spielte sich vor dem Gerichtsgebäude in Prag-Pankrác die letzte öffentliche Hinrichtung eines Nazi-Verbrechers in der Tschechoslowakei ab. Am Galgen endete Josef Pfitzner, der Stellvertretende Bürgermeister von Prag aus der Zeit des Protektorats Böhmen und Mähren. Obwohl er immer nur der „Zweite“ in der Stadtverwaltung war, leitete er faktisch die Politik der Nazis in der Protektoratshauptstadt.

Josef PfitznerJosef Pfitzner Man schrieb das Jahr 1935, als an der Deutschen Universität in Prag ein neuer Professor der mittel- und osteuropäischen Geschichte ernannt wurde. Er war erst 34, aber in den Fachkreisen schon ziemlich bekannt und geschätzt. Sein Name: Josef Pfitzner. Selbst Staatspräsident Tomas Garrique Masaryk würdigte ihn als einen Sudetendeutschen, der zur Verständigung zwischen Tschechen und Deutschen und zur Stabilisierung der Tschechoslowakei beiträgt. Pfitzner pflegte Kontakte mit seinen tschechischen Kollegen, unter anderem mit dem damals prominenten Historiker Josef Pekař. Übrigens sprach er auch selbst perfekt tschechisch. Als einer von wenigen deutschsprachigen Wissenschaftlern besuchte er auch Vorträge an der tschechischen Karlsuniversität in Prag. Pfitzner befasste sich zunächst mit der mittelalterlichen Geschichte seiner Heimatregion Schlesien, dann auch mit der Geschichte von Polen und Litauen. Nach und nach rückte bei Pfitzner das „Deutschtum“ in den Vordergrund, sagt Jaroslav Šebek, Historiker an der tschechischen Akademie der Wissenschaften.

Jaroslav Šebek (Foto: Vendula Kosíková, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Jaroslav Šebek (Foto: Vendula Kosíková, Archiv des Tschechischen Rundfunks) „Pfitzner war Historiker, der die nationalen Fragen in Mittel- und Osteuropa stark betont hat. In seinen Werken ist eine gezielte, manchmal unkritische Hervorhebung des deutschen Elements erkennbar. Die Verdienste der Deutschen um die mittelalterliche Kolonisation, der deutsche Beitrag zur Entwicklung der Städte, das war sein Thema. Damals waren solche Tendenzen aber nichts außergewöhnliches, eine nationalistische Geschichtsdeutung war auch bei anderen Völkern üblich. In politischen Fragen mäßigte sich Pfitzner aber, daher wurde er von tschechischen Historikern und auch einigen Politikern geschätzt.“

Vertrauensmann von Henlein

Konrad HenleinKonrad Henlein Das ändert sich 1935 als Pfitzner Professor wurde. In diesem Jahr tritt er der Sudetendeutschen Partei (SdP) bei, die für die politische Vereinigung aller Sudetendeutschen in der Tschechoslowakei eintritt. Bei den Parlamentswahlen 1935 bekommt die Partei den höchsten Prozentanteil und wird praktisch Sieger der Volksabstimmung. Viele Tschechen sind schockiert, die Deutschen aber begeistert. Josef Pfitzner wird enger Mitarbeiter des Parteiführers Konrad Henlein. Er widmet ihm die Abhandlung „Sudetendeutsche Einheitsbewegung“. Darin heißt es, seine wissenschaftliche Arbeit solle „der lebendigen Politik als taugliches Hilfsmittel, notfalls als Waffe dienen“. Im Mai 1938 wird Pfitzner Fraktionsvorsitzender der Sudetendeutschen Partei in Prag. Im selben Jahr verhandelt er als Henleins Vertrauensmann mit dem Chef der deutschen Sozialdemokraten in der Tschechoslowakei Wenzel Jaksch über eine Vereinigung beider Parteien, jedoch vergeblich. Als Historiker folgt er ganz offen der nationalsozialistischen Linie.

„Pfitzner gibt zum Beispiel ein sehr kontroverses Buch über die tausendjährige Geschichte von Prag heraus. Darin behauptet er, die Hauptstadt Böhmens sei von Beginn an eine deutsche Stadt gewesen, die zum deutschen Lebensraum gehöre. Die Deutschen sind bei ihm die einzigen Träger des kulturellen und zivilisatorischen Fortschrittes in Böhmen. Die Tschechen hält er dagegen für unfähig, eine selbständige Kultur zu entwickeln. Die gleiche These wiederholte 1942 auch der Stellvertretende Reichsprotektor Reinhard Heydrich, ergänzt noch mit der Bemerkung, dass ein Tscheche im böhmischen Raum eigentlich nichts zu suchen habe. Pfitzner wechselte also aus der Position eines relativ objektiven Historikers hin zu einem politischen Aktivisten.“

Faktischer Oberbürgermeister von Prag

15. März 1939 in Prag15. März 1939 in Prag Die Sternstunde kam für Josef Pfitzner am 15. März 1939. An diesem Tag marschierten die Deutschen in Prag ein, das Prorektorats Böhmen und Mähren wurde ausgerufen. Pfitzner wurde zum stellvertretenden Bürgermeister von Prag. Zwar durfte das bisherige Stadtoberhaupt Otakar Klapka formell weiter im Amt bleiben. Dies sollte den Anschein erwecken, dass die Tschechen immer noch eine eigene Kommunalpolitik machen konnten. Faktisch regierte aber in der böhmischen Hauptstadt Pfitzner. Einer seiner Vorsätze war, Prag so schnell wie möglich „judenfrei“ zu machen, also die Deportationen der Prager Juden voranzutreiben und ihre konfiszierten Wohnungen an Deutsche zu verteilen. Außerdem wollte er alle tschechischen Elemente in Prag „liquidieren“. Dazu gehörte die Entfernung „ungehöriger“ Statuen und Denkmäler wie auch die Umbenennung vieler Straßen. Bereits am 31. Juni 1940 zog Pfitzner eine erfolgreiche Bilanz im Protektoratsrundfunk:

Karl Herrmann FrankKarl Herrmann Frank „Nun steht es eindeutig und streitlos fest, dass deutsche Geschlechter seit der Begründung der Stadt einen bedeutenden Anteil an dem Auf- und Ausbau dieser unvergänglich schönen Moldau-Stadt besitzen. Es war daher nichts anderes als ein Akt der Gerechtigkeit, wenn wir uns bemühten, nunmehr auch den Jahrhunderte alten deutschen Leistungsanteil entsprechend zur Geltung zu bringen.“

Der Oberbürgermeister Otakar Klapka bemühte sich nach Kräften, der rücksichtslosen Germanisierung Einhalt zu gebieten. Doch Pfitzner duldete keinen Widerstand. In zahlreichen Briefen an den Staatsminister für das Protektorat, Karl Herrmann Frank, beschwerte er sich über seinen formellen Chef, bis Klapka 1940 festgenommen und ein Jahr später hingerichtet wurde. Nach dem er Klapka aus dem Weg geräumt hatte, quartierte sich Pfitzner in dessen Dienstwohnung im Prager Rathaus ein. Den ersehnten Posten als Oberbürgermeister bekam er jedoch nicht. Stattdessen wurde der tschechische Alois Říha installiert, der bis Mai 1945 im Amt war. Als schließlich Reinhard Heydrich im September 1941 in Prag eintraf, begann er damit, die Sudetendeutschen im Protektoratsapparat gegen Reichsdeutsche auszutauschen. Das hätte auch Pfitzner betroffen, nach der Ermordung von Heydrich 1942 wurde der Plan jedoch eingestellt. Jaroslav Šebek:

Josef Goebbels (Foto: Bundesarchiv)Josef Goebbels (Foto: Bundesarchiv) „Man sieht, dass es Pfitzner trotz seines eifrigen Engagements für die nationalsozialistische Politik nicht gelungen ist, seine Karriere zu befördern. Er erhielt weder den Posten des Oberbürgermeisters, noch wurde ein anderes hohes Amt im Protektorat für ihn gefunden. Viele hohe Nazis mochten Pfitzner nämlich nicht. Josef Goebbels zum Beispiel ließ seine Monographie über die Geschichte Polens vernichten. Karl Herrmann Frank sollte ihm einen guten Posten an einer deutschen Universität besorgen, doch auch daraus wurde nichts.“

Geohrfeigt vom Henker

Nach Kriegsende versuchte Pfitzner in die amerikanische Besatzungszone zu fliehen. Er wurde jedoch verhaftet, und vor ein so genanntes „außerordentliches Volksgericht“ gestellt. Die Anklage lautete auf aktive Mithilfe bei der der Zerstörung der Tschechoslowakei und Mitgliedschaft in der NSDAP seit 1939. Nicht zuletzt wurde auch seine Rolle bei der Verhaftung und Hinrichtung von Otakar Klapka untersucht. Der einst anerkannte Universitätsprofessor Pfitzner wurde zum Tode verurteilt und am 6. September 1945 hingerichtet. 50.000, nach anderen Schätzungen bis 100.000 Zuschauer ließen sich das nicht entgehen. Pfitzner soll noch mit dem Strick um den Hals den Ruhm des Dritten Reiches verkündet haben, wofür er vom Henker eine Ohrfeige kassierte. In der Folge wurde auf weitere öffentliche Hinrichtungen von Naziverbrechern in der Tschechoslowakei verzichtet.

05-09-2015