„Husáks Kinder“ und die Sozialpolitik der 1970er Jahre

Die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts galten in der damaligen Tschechoslowakei als Ära der „Normalisierung“. Den Begriff erfand die Kommunistische Partei selbst. Nach der zwischenzeitlichen Reformbewegung des „Prager Frühlings“ und ihrer Niederschlagung wollte die KPTsch zu den früheren Zuständen zurückkehren. Zugleich wurde eine neue Sozialpolitik lanciert. Die Generation, die zu dieser Zeit dann geboren wurde, heißt auch im offiziellen Sprachgebrauch heute Husáks Kinder. Benannt ist sie nach dem damaligen kommunistischen Parteichef und späteren Staatspräsidenten Gustáv Husák.

Anfang der 1970er Jahre war die Stimmung in der Tschechoslowakei sehr beklemmend. Waren die Menschen zuvor begeistert gewesen über den Prager Frühling mit seiner Meinungs- und Pressefreiheit sowie den offenen Staatsgrenzen, war ihnen 1968 mit dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes der Schreck in die Glieder gefahren. Die Pressezensur kehrte zurück, Reisen in den Westen waren wieder nur noch für einige wenige Privilegierte möglich und zehntausende Menschen mussten ihre Arbeit aufgeben, nur wegen ihrer politischen Orientierung. Opposition war nicht erlaubt. Der kommunistischen Regierung war jedoch klar, dass sie auf irgendeine Weise die Loyalität der Bevölkerung gewinnen musste. Als bestes Mittel dafür erschien ihr eine großzügige Sozialpolitik. Deshalb wurden 1971 bei einer Tagung der KPTsch zahlreiche Maßnahmen verabschiedet, um Familien mit Kindern zu unterstützen. Parteichef Gustáv Husák präsentierte die Beschlüsse höchstpersönlich:

Gustáv HusákGustáv Husák „Es geht in erster Linie darum, die Bevölkerungsentwicklung zu verbessern und die Familien mit Kindern zu fördern. Die verabschiedeten Maßnahmen bestehen in einer längeren Zahlung des Muttergeldes, und zwar von zwei Jahren anstatt einem Jahr - bei der Geburt eines zweiten oder weiteren Kindes. Zugleich wird die einmalige finanzielle Unterstützung bei der Geburt eines Kindes von 1000 auf 2000 Kronen erhöht. Diese Maßnahmen ermöglichen, im Einklang mit den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen, Kinder schon im zartesten Alter besser zu betreuen und den Lebensstandard von Müttern, die sie sich um ihre Familie kümmern müssen, zu erhöhen. Wir rechnen damit, dass wir in den nächsten Jahren, abhängig von den wirtschaftlichen Möglichkeiten, noch weitere Schritte zugunsten von Kindern und jungen Ehepaaren unternehmen.“

Škoda-Wagen (Foto: alofok, Wikimedia CC BY-SA 3.0)Škoda-Wagen (Foto: alofok, Wikimedia CC BY-SA 3.0) Die Erhöhung des Geburtsgeldes von 1000 auf 2000 Kronen war wirklich großzügig - der monatliche Durchschnittslohn lag damals bei etwa 1000 Kronen, aber in manchen Bereichen auch deutlich niedriger.

1973 setzte das Regime auch Husáks Ankündigung um und schuf ein weiteres Lockmittel: zinslose Darlehen für junge Ehepaare in Höhe von bis zu 30.000 Kronen. Zum Vergleich: Ein Škoda-Wagen kostete damals 50.000 Kronen. Die meisten Leute nutzten die Darlehen zum Kauf einer Wohnung oder eines Einfamilienhauses. Dazu waren noch weitere Kredite möglich, zum Beispiel für die Ausstattung der Wohnung.

Michal Stehlík (Foto: Martin Kutil, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Michal Stehlík (Foto: Martin Kutil, Archiv des Tschechischen Rundfunks) Das Regime erreichte auf diese Weise sein Ziel, die tschechoslowakische Bevölkerung freundlicher zu stimmen. Oppositionelle Aktivitäten wurden damals praktisch nicht verzeichnet. Für den Staatshaushalt bedeutete das jedoch eine enorme Belastung, sagt der Historiker Michal Stehlík von der Prager Karlsuniversität:

„In der Zeit zischen 1969 und 1972 ging die wirtschaftliche Leistung der Tschechoslowakei deutlich zurück. Das hatte mehrere Ursachen: die Inkompetenz der kommunistischen Planer, die weit verbreitete Unlust, mehr als nötig zu arbeiten, und nicht zuletzt die Emigration vieler Fachleute. Die großzügigen Kinder- und Familienzuschüsse waren aus wirtschaftlicher Sicht völlig unbegründet, es handelte sich um eine rein populistische Entscheidung. Besonders in den Jahren 1973 und 1974 lagen die Staatsausgaben weit über den Einnahmen. Trotzdem wurde an dieser Strategie festgehalten, bis sie etwa an der Wende zu den 80er Jahren definitiv scheiterte.“

Foto: Kristýna MakováFoto: Kristýna Maková Die Wirkung dieser Sozialpolitik ließ indes nicht lange auf sich warten. Die Zahl der geborenen Kinder begann deutlich zu steigen, 1974 wurde zum Rekordjahr. Damals kamen im tschechischen Landesteil fast 200.000 Babys zur Welt – heute ist es knapp die Hälfte pro Jahr. Auch die Zahl der Eheschließungen erhöhte sich, und es heirateten immer jüngere Menschen. Die Bräute waren bei ihrer ersten Eheschließung damals etwa 21 Jahre alt, die Bräutigame im Schnitt nur um zwei Jahre älter. Viele dieser jungen Ehen scheiterten allerdings, auch weil die Paare den Aufgaben wie der Kindererziehung noch nicht gewachsen waren. Folglich stieg die Zahl der Scheidungen. Manchmal heirateten die jungen Männer sogar noch vor dem Militärdienst, also mit 18 Jahren. Trotzdem gelang es der Regierung, die Bevölkerung im Großen und Ganzen auf ihre Seite zu ziehen.

Foto: Archiv Radio PragFoto: Archiv Radio Prag „Wenn man so massiv in den Sozialbereich investiert, ändert sich notgedrungen die Einstellung der Gesellschaft. Manche Menschen fanden es positiv, dass sich der Staat so um sie kümmerte. Selbst diejenigen, die das Regime nicht mochten, nutzten dies für sich. ‚Wir heiraten, um einfach an Geld zu kommen’ – das war damals der übliche Gedanke. Die Medien sangen durchgehen ein Loblied auf die Familien und auf die sozialen Erfolge des Regimes - das prägte die öffentliche Meinung. Der Staat beeinflusste die Lebensentwürfe einer ganzen Generation, indem sie von der staatlichen Bevölkerungspolitik profitierte“, so Michal Stehlík.

Foto: Štěpánka BudkováFoto: Štěpánka Budková Außer Diskussion steht, dass sich der Lebensstandard gerade in den ländlichen Regionen deutlich verbesserte. Damals wurden in fast allen Städten große Plattenbausiedlungen geschaffen. Die Siedlungen waren zwar hässlich und meist fehlten dort zum Beispiel Geschäfte, Kindergärten und Schulen, aber sie boten für viele äußerst gute Wohnmöglichkeiten. Zugleich musste man manchmal jahrelang warten, bis einem ein so genanntes Wohnungsdekret zugewiesen wurde. Historiker Stehlík:

„Die Plattenbauten veränderten das Land, an zahlreichen Orten wurden sie zu neuen Dominanten im Landschaftsbild. In manchen Städten ließen die kommunistischen Stadtplaner sogar die alte Bebauung abreißen, um der neuen Platz zu machen. Städte und Gemeinden sollten im Sinne des so genannten sozialistischen Realismus neu gestaltet werden, dies war ein weiteres verborgenes Ziel der ‚Normalisierung’. Die meisten der so genannten Husák-Kinder sind in diesen Bauten aufgewachsen. Wie schon gesagt, das Regime wollte diese Sozialpolitik so lang wie möglich aufrecht erhalten, 1979 und 1980 geriet die Planwirtschaft aber in eine tiefe Krise. Die finanziellen Unterstützungen für Familien wurden durch eine Subventionierung von Preisen ersetzt, denn das Regime musste die starke Inflation aufhalten. Diese Änderung erfolgte relativ unauffällig und ohne Rebellion, aus dieser Sicht war die Regierungspolitik erfolgreich.“

Foto: Archiv OponaFoto: Archiv Opona Allerdings bleibt die Frage, ob der markante Bevölkerungszuwachs in den 70er Jahren wirklich der Sozialpolitik zu verdanken war. Heutzutage sind die Experten nicht mehr dieser Meinung. Sie weisen darauf hin, dass die Geburtenrate schon 1969 zu steigen begann. Der Grund läge demnach eher an den starken Jahrgängen aus der Nachkriegszeit. Die erhöhten Kinder- und Familienzuschüsse traten 1971 beziehungsweise 1973 in Kraft. 1974 war der Kinderboom aber schon auf dem Höhepunkt angelangt. Danach folgte ein langsamer, aber stetiger Rückgang. Die Experten vermuten daher, dass die staatliche Sozialpolitik die Bevölkerungsentwicklung nur teilweise beeinflusst hat. Nichtsdestotrotz handelte sich um ein anschauliches Beispiel für soziales Ingenieurswesens in einem totalitären Staat.

Chinaski: „1970“ (Foto: Vevo)Chinaski: „1970“ (Foto: Vevo) Der Begriff „Husáks Kinder“ ist jedoch bis heute haften geblieben. Er wird auch in Zusammenhang mit der gegenwärtigen Sozialpolitik oder Rentenreform benutzt. Das Fernsehen produziert erfolgreich TV-Serien über die Zeit der Normalisierung. Und die beliebte tschechische Band Chinaski landete vor einiger Zeit mit dem Song „1970“ einen großen Hit. Dort heißt es im Text:

„Die Zeit rennt, die Zeit stürmt, die Jahre holst du kaum zurück. Husáks Kinder sind nun in den Christusjahren. Ich gehör´ zum starken Jahrgang 1970, fang an zu rechnen…“