Gesangbuch von Žlutice: Warum das Werk des 16. Jahrhunderts die Nazis interessierte

Der Herbst 1938 verlief in der Tschechoslowakei sehr dramatisch. Anfang Oktober musste das Land seine Grenzgebiete, die so genannten Sudeten, an Hitler-Deutschland abgeben. Damit fiel den Deutschen auch eine ganze Reihe an wertvollen Kunstwerken in die Hände, die mit der tschechischen Geschichte verbunden waren. Manchmal versuchten mutige Tschechen, einige Relikte zu verstecken, was selbst die Nazi-Spitzen in Berlin zur Weißglut brachte. Das war zum Beispiel der Fall des Gesangbuchs von Žlutice / Luditz.

Žlutice (Foto: AHZ, CC BY-SA 3.0)Žlutice (Foto: AHZ, CC BY-SA 3.0) Žlutice ist ein kleines Städtchen in Nordwestböhmen, das Jahrhunderte lang durch deutsche und tschechische Einflüsse geprägt war. Die größte Blüte des Ortes fällt ins 16. Jahrhundert, also in die Zeit der Renaissance. Damals gehörte Žlutice den Herren von Plauen, sie waren zwar Katholiken, respektierten aber die protestantische Konfession der meisten örtlichen Bewohner. Auch die tschechische Sprache durfte sich trotz der deutschsprachigen Herrschaft frei entwickeln. Vor diesem Hintergrund entstand ein einzigartiges Gesangbuch. Jan Boněk ist Dokumentarist und Schriftsteller:

Jan Boněk (Foto: Archiv der Stadtbibliothek Prag)Jan Boněk (Foto: Archiv der Stadtbibliothek Prag) „Die Verwaltung dieser sehr reichen und mehrheitlich tschechischsprachigen Stadt beschloss, für ihren literarischen Verein ein Gesangbuch anzuschaffen. Die Mitglieder des Vereins sangen nämlich regelmäßig bei den Gottesdiensten. Bücher waren aber damals sehr teuer, und nicht jeder konnte sich ein eigenes leisten. Daher bestellte der Stadtrat ein großes Buch, das jeder Sänger sehen konnte. Beauftragt wurde damit die Prager Buchwerkstatt von Jan Táborský, sie war eine der bedeutendsten im ganzen Land. Das Geld kam von den Herren von Plauen, von den örtlichen Zünften und von etwa 30 Privatpersonen. Alle wollten daher auch im Buch abgebildet sein, dies bedeutete für sie eine Art Werbung.“

Das Werk wuchs so zu einem wirklich beachtlichen Umfang. 43 Zentimeter hoch, 40 Zentimeter breit und 16 Zentimeter dick wurde es. Das Gewicht lag bei 28 Kilogramm. Fast alle Lieder hatten einen tschechischen Text, nur eines war lateinisch. Außerdem enthielt das Buch zahlreiche Illustrationen.

Schlacht am Weißen BergSchlacht am Weißen Berg Nach der Schlacht am Weißen Berg von 1620 startete jedoch eine Welle der Germanisierung und Rekatholisierung in Böhmen. In der Folge verlor das Gesangbuch an Bedeutung und geriet fast in Vergessenheit. Im Frühling 1919, also ein paar Monate nach der Entstehung der selbständigen Tschechoslowakei, verbreitete sich plötzlich ein Gerücht: Das Gesangbuch sei verschwunden! Zu diesem Zeitpunkt überwog in Žlutice bereits die deutschsprachige Bevölkerung. Die Umstände beschrieb die Schriftstellerin und Historikerin Marie Šulcová in einem Zeitungsartikel im Jahre 1974:

Gesangbuch von Žlutice (Foto: Archiv des Žluticer Museumsverein)Gesangbuch von Žlutice (Foto: Archiv des Žluticer Museumsverein) „Die neugegründete Tschechoslowakische Republik betrachtete das Gesangbuch als nationales Eigentum und entschied daher, es nach Pilsen zu bringen. Der Direktor des Pilsner Heimatmuseums fuhr daher nach Žlutice und ließ das Werk in der Vitrine des Stadtmuseums versiegeln. Ein paar Tage später kam es jedoch zum Diebstahl des Buches.“

Wie sich bald herausstellte, waren die Täter drei örtliche Deutsche, geleitet vom Stadtrat und Klarinettenfabrikanten Hugo Liehm. Sie versteckten das Gesangbuch auf dem Areal eines Sägewerks. Ihre Motive sind bis heute unklar geblieben, im Hintergrund könnte auch die Ablehnung des neuen tschechoslowakischen Staates gestanden haben. Über Hugo Liehm soll übrigens später noch mehr zu hören sein. Das Ereignis löste jedoch großes Aufsehen aus.

Vlastimil TusarVlastimil Tusar „Man begann mit einer großangelegten Untersuchung des Falls. Einige Mitglieder des Stadtrats wurden verhaftet, die tschechoslowakische Armee besetzte die Stadt. Um die Lage zu beruhigen, entschied Ministerpräsident Vlastimil Tusar, Žlutice habe Anspruch auf sein Gesangbuch, und der Befehl zu seinem Abtransport müsse aufgehoben werden. Es kam auch zu einer heftigen Diskussion im Parlament in Prag, bei der Abgeordnete Tusar vorwarfen, vor den Deutschen kapituliert zu haben. Die Täter aber ließen das Werk wie zufällig erneut auftauchen. Letztlich beruhigte sich die Lage wieder, der Fall blieb aber allgemein in Erinnerung.“, so Jan Boněk.

Es kam das Krisejahr 1938. Unter den Sudetendeutschen wurden die Forderungen nach einem Anschluss ihrer Heimat an Nazi-Deutschland immer lauter. Das so genannte Münchner Abkommen zwischen Deutschland, Italien, Frankreich und Großbritannien erfüllte ihren Wunsch. Auch Žlutice lag auf dem abgetretenen Gebiet. Kurz vor dem Einmarsch der Wehrmacht drehte sich die Geschichte um das Gesangbuch um. Václav Karásek war Verwalter des örtlichen Stadtgefängnisses und entschloss sich, den Deutschen in keinem Fall das alte Meisterstück zu überlassen. Er entwendete das Buch aus dem Museum. Karásek stammte aus Manětín / Manetin bei Plzeň / Pilsen, das weiterhin zur Tschechoslowakei gehörte, und er nutzte seine guten Kontakte. Jan Boněk:

Gesangbuch von Žlutice (Foto: Archiv des Museums Karlovy Vary)Gesangbuch von Žlutice (Foto: Archiv des Museums Karlovy Vary) „Karásek ersuchte die Polizisten in Manětín um Hilfe. Diese weigerten sich zunächst, schließlich willigten sie aber ein, ihm zu helfen. Karásek nahm das Fahrrad, um das Buch von Žlutice aus nach Pilsen zu bringen. Unterwegs traf er sich wie verabredet mit den Polizisten, die ihn und das Buch auf ihr Auto aufluden. Man muss immer in Betracht ziehen, dass es sich um einen sehr schweren Gegenstand von 28 Kilogramm Gewicht handelte. Alle gemeinsam steuerten das Pilsner Rathaus an, und dort wurde eine Weile diskutiert, wo das Buch am besten zu verstecken wäre.“

Gesangbuch von Žlutice (Foto: Archiv des Museums Karlovy Vary)Gesangbuch von Žlutice (Foto: Archiv des Museums Karlovy Vary) Karásek schnappt mit dieser Aktion das Gesangbuch den Nazis wortwörtlich vor der Nase weg. Nur ein paar Stunden später wird Žlutice von der Wehrmacht besetzt. Die Stadträte einschließlich des Fabrikanten und bereits ehemaligen Abgeordneten der Sudetendeutschen Partei im tschechoslowakischen Parlament, Hugo Liehm, führen die Delegierten der neuen Macht ins Stadtmuseum. Sie wollen ihnen das bedeutendste Stück ihrer Sammlungen zeigen, doch sie müssen schockiert feststellen: Das Gesangbuch ist weg. Für die Sudetendeutschen in Žlutice bedeutet dies eine außerordentliche Schmach. Deswegen beginnen sich damals sogar die Nazi-Spitzen in Berlin für den Fall zu interessieren, wie Jan Boněk schildert:

„Deutschland startete eine Monsteraktion, die Adolf Hitler selbst überwachte. An der Untersuchung beteiligte sich das Innenministerium in Berlin, die deutsch-tschechoslowakische Schadenskommission, die Gestapo und andere Organisationen. Der Grund war meiner Meinung nach das reine Prestige: Im Münchner Abkommen stand unter anderen, dass jegliches mobiles und immobiles Eigentum an Ort und Stelle bleiben müsste. Das Verschwinden des Buches diente den Nazis dann als Beweis dafür, dass die Tschechen niederträchtige Bestien seien, die alles stehlen würden, was sie nur könnten.“

Václav VojtíšekVáclav Vojtíšek Das Gesangbuch wurde inzwischen beim Archivar des Stadtmuseums in Prag, Václav Vojtíšek, versteckt. Die deutschen Behörden suchten zunächst vergeblich nach dem wertvollen Stück. Nach der Besetzung von Prag und der Errichtung des Protektorats Böhmen und Mähren im März 1939 nahmen sie aber eine neue Spur auf. Hugo Liehm leitete persönlich die Fahndung. Da er viele Menschen in seiner Heimat sehr gut kannte, gelang es ihm, die Abfolge der Ereignisse aufzudecken. Angeblich hatten sich die Polizisten aus Manětín in einen Gasthaus verplappert. Der Prager Stadtarchivar Václav Vojtíšek übergab schließlich der Gestapo das wertvolle Buch, trotzdem wurde er verhaftet und angeklagt. Nach dem Krieg sagte er in einem Zeitungsinterview:

Gesangbuch von Žlutice (Foto: Archiv des Museums Karlovy Vary)Gesangbuch von Žlutice (Foto: Archiv des Museums Karlovy Vary) „Ich wurde wegen Hochverrats angeklagt, wie mir nach einigen Monaten im Gefängnis mitgeteilt wurde. Die Gestapo verlangte ständig die Namen derjenigen, von denen ich das Buch erhalten hatte, ich verriet ihnen diese aber nicht. Dann warfen sie ein Verhörprotokoll vor mir auf den Tisch und sagten: ‚Schau mal, wer dich verraten hat!‘ Als ich das Protokoll durchschauen wollte, bekam ich zwei Ohrfeigen, daher habe ich lieber keine Fragen mehr gestellt.“

Václav Vojtíšek hatte Glück: Er wurde aus dem Gefängnis entlassen und starb 1974 im Alter von 94 Jahren. Václav Karásek, der das Gesangbuch entwendet hatte, wurde hingegen für seine Tat ins Konzentrationslager verschleppt. Zwar überlebte er den Krieg, doch starb er an den Folgen seiner Inhaftierung bereits wenig später. Hugo Liehm gründete nach seiner Vertreibung nach Deutschland eine neue Klarinettenfabrik, bis zu seinem Tod 1958 engagierte er sich in der Sudetendeutschen Landsmannschaft.