Elend der 1920er – Reportagen von Wenzel Jaksch

Er war sudetendeutscher Politiker und stammte aus dem Böhmerwald: Wenzel Jaksch. Vor seiner Karriere bei den Sozialdemokraten hat er aber viele Jahre lang als Journalist gearbeitet. Eindrücklich sind dabei seine Sozialreportagen. Nun sind sie zusammengefasst in einem Buch auf Deutsch erschienen.

Wenzel Jaksch (Foto: Tschechisches Fernsehen)Wenzel Jaksch (Foto: Tschechisches Fernsehen) „Ostwärts von Komotau beginnt der Herrschaftsbereich des Königs Kohle. Dem Fuße des Erzgebirges entlang reiht sich Schacht an Schacht. Die Essen und Fördertürme drängen sich bis knapp an die Bahngleise der ehemaligen A.T.E. und der Dux-Bodenbacher Bahn heran. Schwere Rauch- und Dunstschwaden lagern über den Fluren der alten Bauerndörfer und Kleinbürgerstädte, die vor einigen Jahrzehnten von den Pionieren des Frühkapitalismus überfallen und dem König Kohle untertan gemacht wurden.“

So lauten die ersten Sätze einer Reportage über das nordböhmische Braunkohlerevier, veröffentlicht 1926. Wie viele andere erscheint dieser Text von Wenzel Jaksch im „Sozialdemokrat“. Es ist die Zeitschrift der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der Tschechoslowakischen Republik (DSAP).

Jaksch heuert 1921 bei dem Blatt an, das gerade neu entsteht. Zunächst ist er bei der Lokalredaktion im nordböhmischen Chomutov / Komotau beschäftigt. 1924 wechselt er dann aber in die Zentralredaktion nach Prag. Bis 1928 schreibt er ganze Reportagen-Reihen. Danach startet er seine politische Karriere, die ihn 1937 sogar an die Spitze der DSAP führt.

Wenzel Jakschs Reportagen sind nun erstmals in einem Buch auf Deutsch zusammengefasst worden. Im vergangenen Jahr sind die Texte allerdings schon auf Tschechisch erschienen. Der Journalist Ulrich Miksch ist Mit-Herausgeber beider Bücher:

„Es war ungewöhnlich, dass der deutsche Originaltext erst einmal auf Tschechisch erschienen ist. Beeindruckend war die Erkenntnis, dass der Name Wenzel Jaksch immer noch im Wissen und Denken der Tschechen eine Rolle spielt. Einige Rezensionen in wichtigen tschechischen Zeitungen waren der Veröffentlichung zugeneigt. So etwa in der ‚Lidové noviny‘, im Magazin ‚Respekt‘ und in der Hospodářské noviny‘. Die Reportagen schildern ja auch sehr faktenreich die damalige politische und soziale Situation. Und den Rezensionen ist anzumerken, dass sie die Realität der 1920er Jahre in den sudetendeutschen Gebieten stark reflektieren.“

Wohnungsnot und Arbeitslosigkeit

Jaksch wird in seiner journalistischen Arbeit bereits früh geprägt. Ab 1910 macht er in Wien eine Maurerlehre. In der Hauptstadt der k. u. k. Monarchie kauft er sich regelmäßig die „Arbeiter-Zeitung“, auch wenn er sich diese Lektüre vom Mund absparen muss. Es sind unter anderem die Sozialreportagen von Max Winter, die seinen Stil beeinflussen. In den 1920er Jahren ist er dann selbst unterwegs, um soziale Missstände anzuprangern – und zwar vornehmlich in den deutsch besiedelten Gebieten der Tschechoslowakei.

Ulrich Miksch (Foto: Miloš Turek)Ulrich Miksch (Foto: Miloš Turek) „Die vordringliche Motivation für die Reportagen sind aktuelle politische Probleme wie Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit und auch zum Teil nationale Zurücksetzung. Aber man entdeckt in Jakschs Texten immer noch mehr. Es gibt zum Beispiel sehr genaue Landschaftsbeschreibungen oder historische Einordnungen. Man erhält wirklich auch ein Bild der Orte, die er aufsucht. Das macht die besondere Qualität seiner Texte aus“, findet Miksch.

So schreibt Wenzel Jaksch zum Beispiel in seiner Reportage vom 21. Januar 1928 über den Erzgebirgsort Gottesgab, tschechisch Boží Dar:

„Gottes-Gabe nannten die frommen Bergleute den Ort, der Anfang des sechszehnten Jahrhunderts als reiche Fundstätte gediegenen Silbers bekannt wurde. Gottes Gaben flossen aber immer spärlicher, und als nach dem Sterben des Silberbergbaues auch der im achtzehnten Jahrhundert betriebene Eisenerzbergbau aufhörte, kehrten Not und Entbehrung in dem Städtlein mit dem bigotten Manne ein. Wie anderwärts suchten auch hier die Frauen mit Klöppeln, Nähen, Stricken ihr Leben fortzufristen, indes die Männer als Musikanten und Hausierer auf die Wanderschaft gingen. Auf unwirtlicher Höhe, 1028 Meter über dem Meeresspiegel, durch die Schneestürme des Winters oft tagelang von der Außenwelt abgeschnitten und den Elementen preisgegeben, lebte die tausend Einwohner von Gottesgab in freiwilliger Verbannung.“

Manche der Texte sind sicher auch eine Fundgrube für Wirtschafts- und Sozialhistoriker. Jaksch nennt dann etwa sehr genaue Zahlen zur Arbeitslosigkeit in bestimmten Gegenden oder rechnet zum Beispiel den Umfang des Braunkohleexports aus dem Revier in Sokolov / Falkenau nach.

Weltverlorene Walddörfer

Foto: Ondřej TomšůFoto: Ondřej Tomšů Bei seinen Reportagereisen kehrt Wenzel Jaksch auch ein ums andere Mal in seine Heimat zurück, den Böhmerwald. In den „weltverlorenen deutschen Walddörfern“, wie er schreibt, trifft der Sozialdemokrat auf die Armut der Wanderarbeiter, Zitat:

„Dort prallt das Wirtschaftselend zweier Staaten aufeinander, dort haust eine kleine Reservearmee von Arbeitsmenschen, die gemäß ihrer Herkunft und sozialen Stellung als das letzte Glied in den mitteleuropäischen Produktionsprozeß eingereiht wurden, so oft er zu voller Entfaltung kam.“

Im Ort Vollmau, heute ein Stadtteil von Česká Kubice, besucht der Journalist eine Arbeitslosenversammlung. Die Anwesenden berichten zunächst nur mit Scham von ihrem Leben. Erst als sie Vertrauen gefunden haben, kann er ihnen die Wahrheit entlocken:

„Der Gefragte klopft mit harten Knöcheln auf den Tisch: ‚Betteln muss ich gehen!‘ ‚Jawohl!‘ – bestätigt ein älterer Arbeiter – ‚wenn die Versammlung vorbei ist, müssen wir den Rucksack nehmen und auf die Jagd gehen.‘ Er hat 26 Jahre in Bayern gearbeitet, wurde von dort 1923 wegen ‚Kommunismus‘ ausgewiesen, nachdem er zuvor mit vier Kindern vier Wochen in der Festung Ingolstadt interniert war. Nun wohnt dieser Witwer mit den Seinen im Gemeindearmenhause, die Kartoffeln und ein wenig Milch, was sie zum Vegetieren brauchen, holt er auf der Bettelschleife.“

Zum Jahr 1929 hängt Wenzel Jaksch seine Karriere als Journalist an den Nagel. Denn erstmals zieht er ins tschechoslowakische Parlament ein, im Alter von 34 Jahren. Zuvor ist er schon in den Parteivorstand der DSAP gewählt worden. Ulrich Miksch:

„Jaksch war damit einer der jüngsten Abgeordneten im tschechoslowakischen Parlament. In der Folge rückte er immer mehr ins Zentrum der Parteiführung vor, wurde 1935 stellvertretender DSAP-Vorsitzender und im März 1938 zum Vorsitzenden gewählt. Damit löste er Ludwig Czech ab, den langjährigen Minister der DSAP in den tschechoslowakischen Regierungen.“

Foto: Ondřej TomšůFoto: Ondřej Tomšů Die Texte im neu erschienenen Buch stammen aus den Jahren 1924 bis 1928. Miksch und seine Mitstreiter haben dafür alle Reportagen von Jaksch zusammengetragen, die sie finden konnten.

„Wir hoffen, dass es vollständig ist. Wir wissen es aber nicht genau, weil die Überlieferung der Zeitung nicht so ideal ist. Wir konnten auch nicht alles noch einmal überprüfen. Dazu muss man aber sagen: Die Reportagen sind auf Reisen entstanden. Es ist also immer ein ganzer Block von Texten gewesen, was leichter zu überschauen war. Die Reportagen sind dann im ‚Sozialdemokrat‘ und teilweise auch in weiteren sozialdemokratischen Tageszeitungen erschienen. Wir haben aber im Prozess der Herausgabe plötzlich noch etwas von 1935 gefunden. Das ist dann eine Ergänzung zur tschechischen Ausgabe. Das heißt, die deutsche Ausgabe ist etwas umfangreicher, und sie hat als Besonderheit auch die Illustrationen und Fotografien der damaligen Texte. Bei der tschechischen Ausgabe war man im Vergleich etwas sparsamer“, so der Herausgeber.

Radioreportage von 1930

Thomas Oellermann (Foto: Milan Rudik, Collegium Bohemicum)Thomas Oellermann (Foto: Milan Rudik, Collegium Bohemicum) Tatsächlich sind Ulrich Miksch und der Historiker Thomas Oellermann aber einmal noch unerwartet fündig geworden. Und zwar im Tschechischen Rundfunk:

„Es ist ein Radiovortrag, den Jaksch 1930 gehalten hat – es war eine regelrechte Rundfunkreportage, jedoch nicht mit sozialem Schwerpunkt. Der Titel lautet ‚Bei den Holzhauern im Böhmerwald‘. Damals wurde leider noch nicht aufgezeichnet, das war zu teuer. Jaksch hat sie aber am Mikrophon vorgetragen, und das Manuskript ist hier im Archiv des Tschechischen Rundfunks aufbewahrt. Wir haben es entdeckt und der Auswahl zugeführt.“

Das also ist eine weitere Ergänzung, die die deutsche Buchausgabe der tschechischen voraushat. Jaksch erzählt darin, wie er wegen schlechten Wetters bei den Holzhackern nahe der böhmisch-bayerischen Grenze um ein Nachtlager bitten muss. In der Hütte sind ein Mann – der alte Aschenbrenner – und seine „drei festen Buben“, wie es heißt, sowie „der alte Steingruber mit seinem kaum schulentwachsenen Sohn“. Während draußen der Sturm tobt, kommt man ins Erzählen:

„Vorsichtig lenkte ich die Unterhaltung auf ein anderes Gebiet hinüber und meinte beiläufig, hier an der Grenze sei doch das Scharfschießen nichts Neues bei den vielen blutigen Zusammenstößen zwischen Wildschützern und Jägersleuten. Der alte Aschenbrenner bestätigte, dass zu Zeiten die ‚Wildler‘ rudelweise aus der bayerischen Nachbarschaft herüber kamen. Die anderen erzählten sodann, wie sie oftmals schon auf dem Arbeitsweg auf Handlänge mit Raubschützen unversehens zusammen trafen. Es sei aber nicht ratsam, sie anzureden, denn mancher neugierige Prager hat die Antwort aus einer drohenden Gewehrmündung heraus lesen müssen. Angeberei sei höchst gefährlich, weil es schon oft vorkam, dass die Wildler den Verrat später blutig quittierten. Mancher ihrer Widersacher ist in seiner eigenen Sache durch das nächtlich erleuchtete Fenster erschossen worden. Und die Förster schlagen auch nicht leichten Herzens an. Sobald ihnen ein ‚Wilddieb‘ begegnet, kommt es darauf an, wessen Büchse schneller von der Achsel rutscht. Dann will sich keiner gerne zu den tödlichen Schüssen bekennen.“

 

Wenzel Jaksch musste nach der Besetzung der Tschechoslowakei vor Hitler fliehen. Im März 1939 gelangte er über Polen nach London. Nach dem Krieg kehrte er aber nicht mehr in seine Heimat zurück, sondern ging nach Westdeutschland. Dort war er bis zu seinem Unfalltod im Jahr 1966 in der Vertriebenenpolitik engagiert.