Durchkämpfen bis Wladiwostok - Tschechoslowakische Legion in Russland

Viele Geschichten ranken sich um die Tschechoslowakische Legion, die im Ersten Weltkrieg in Russland kämpfte. Zum Beispiel jene um den Verbleib eines Teils des russischen Goldschatzes, den die Legionäre bewachten. Anlässlich der Feiern zur Gründung der Tschechoslowakei vor 90 Jahren sind diese und weitere Begebenheiten erneut aktuell.

LegionäreLegionäre Als im Sommer 1914 der Erste Weltkrieg begann, gehörten Böhmen, Mähren und die Slowakei zu Österreich-Ungarn. Die Bewohner dieser Gebiete mussten daher in der k.u.k. Armee kämpfen. Sie trafen aber an der Front auf Landsleute. Tschechen und Slowaken, die im Ausland lebten, meldeten sich häufig freiwillig auf der Gegenseite zum Kampf gegen Österreich-Ungarn.

„Die erste Einheit überhaupt war die Einheit unserer Landsleute in Russland; sie war zarenfreundlich und nannte sich česká družina. Erst in der Folge wurde daraus das tschechoslowakische Schützenregiment, eine Brigade und dann ein Armeekorps“, so der Historiker Július Baláž vom tschechischen Militärarchiv in Prag.

Ähnliches geschieht zu der Zeit auch in Italien, aber vor allem in Frankreich, wo sich der spätere Staatspräsident Tomáš Garrigue Masaryk und Edvard Beneš im Exil befanden. Im Lauf des Krieges formulieren beide das eigentliche Ziel der Truppen, die sich nun Tschechoslowakische Legion nennen: der Kampf für einen selbständigen Staat. Insgesamt umfasste die Legion 100.000 Soldaten. Allein über 60.000 kämpften gegen Ende des Krieges in Russland. Zu diesem Zeitpunkt galt die Einheit bereits als eine Art Elitetruppe. Die Anfänge der česká družina, also der tschechischen Gefolgschaft, wie die deutsche Übersetzung lautet, waren jedoch bescheiden. In einem älteren Radio-Interview erinnerte sich General Antonín Mikuláš Číla an die ersten beiden Kriegsjahre:

Mikuláš Číla (Foto: ČTK)Mikuláš Číla (Foto: ČTK) „Wir waren nicht alle als Soldaten ausgebildet, wir waren auch nicht mehr alle jung. Die Anstrengung bei den Märschen und im Gefecht war bedrohlich für die Existenz der tschechischen Gefolgschaft.“

1916 bessert sich die Lage jedoch. Gegen den Widerstand der russischen Militärs beginnen die tschechoslowakischen Legionäre vor allem nach der Brussilow-Offensive im Sommer 1916 gefangene Tschechen und Slowaken anzuwerben. Streit entsteht dabei um die Ränge der ehemaligen Soldaten der k.u.k. Truppen. General Číla war zur Ausbildung der neuen Rekruten in Kiew eingesetzt:

„Damals in Kiew, als die Schützenbrigade formiert wurde, sagten wir: Wer sich uns anschließen will, der soll das als Soldat in der Truppe tun. Die ehemaligen österreichischen Offiziere stellten jedoch die Bedingung, dass sie denselben Rang erhalten wie in den k.u.k. Truppen. Wir sagten aber: Wer in der österreichischen Armee gut war, muss dies nicht auch in der tschechoslowakischen Brigade sein. Seine Qualität muss jeder erst einmal an der Front beweisen. Wir nahmen also nur jene auf, die freiwillig auf ihre Ränge verzichteten.“

František Langer war an der galizischen Front in russische Gefangenschaft geraten und trat über. Er wurde später Chefarzt des ersten tschechoslowakischen Regiments in Russland und begründete in der Nachkriegszeit die so genannte Legionärsliteratur. In einer Aufnahme erinnerte er sich 1938 an den Ersten Weltkrieg, ein von tiefem Pathos getragener Monolog mit dem Thema „Weihnachten in der tschechoslowakischen Legion in Russland“. Dort heißt es unter anderem:

Tschechoslowakischer Panzerzug 'Orlík'Tschechoslowakischer Panzerzug 'Orlík' „Weihnachten 1917 ist bereits anders. Unter der Führung unseres großen Präsidenten und Befreiers Masaryk organisiert sich unsere neue Armee. Sie ist auf die Dörfer und Städte in der Ukraine verteilt und fühlt sich wie ein großes, unbesiegbares Ganzes.“

Die tschechoslowakische Legion ist Ende 1917 also gefestigt. Eben nicht trifft dies auf die politische Lage in Russland nach der Oktoberrevolution zu. T.G. Masaryk gibt nun den Befehl aus, dass sich die tschechoslowakische Legion nicht in innerrussische Angelegenheiten einmischen soll. Im Gegenzug garantieren die Bolschewiki einen sicheren Abzug der tschechischen und slowakischen Soldaten. Da nur der Weg über Sibirien Sicherheit frei ist, sind die Soldaten im Frühjahr 1918 auf einer Länge von 9000 Kilometern an der Eisenbahnstrecke zwischen Pensa und Wladiwostok verteilt. In dieser Situation kommt es im Mai 1918 zu einem Zwischenfall in der westsibirischen Stadt Tscheljabinsk. Tschechische Legionäre lynchen einen Kriegsgefangenen und müssen nachher mit der Besatzung der Stadt ihre Lage gegen den örtlichen Sowjet sichern. Leo Trotzki gibt als Reaktion folgenden Befehl aus:

„Alle Sowjets an den Eisenbahnstrecken werden bei Androhung schwerer Verantwortlichkeit verpflichtet, die Tschechoslowaken zu entwaffnen. Jeder Tschechoslowake, der mit der Waffe an der Einsenbahnlinie angetroffen wird, wird auf der Stelle erschossen.“

LegionäreLegionäre Damit war das geschehen, was Masaryk unter allen Umständen vermeiden wollte: Die Legion war mitten in den russischen Bürgerkrieg verwickelt. Unter den Tschechen und Slowaken tun sich nun auch Sympathien für die Bolschewiki auf. Der Historiker Július Baláž:

„Zur bolschewistischen Seite übergelaufen sind durchaus einige ehemalige Angehörige der tschechoslowakischen Legion wie zum Beispiel Jaroslav Hašek. Es waren aber nur ziemlich wenig. Die Russen geben heutzutage selbst zu, dass die Tschechoslowaken, die in der Roten Armee gekämpft haben, nur einige Hundert waren.“

Die über 60.000-köpfige Mehrheit der der tschechoslowakischen Armee nimmt hingegen den Kampf gegen die Bolschewiki auf. Bis September 1918 gelingt es ihr, die gesamte Strecke der Transsibirischen Eisenbahn von der unteren Wolga bis Wladiwostok unter ihre Kontrolle zu bringen. Die Versorgung der Roten Armee aus Sibirien war damit empfindlich gestört. In dieser Zeit erobern Tschechen und Slowaken auch die Stadt Kasan, wo die Bolschewiki die Hälfte des russischen staatlichen Goldschatzes aus Angst vor deutschen Offensiven in Sicherheit gebracht hatten. Der Wert: über eine halbe Milliarde Rubel. Bis heute bestehen Gerüchte, dass die Legion sich am Goldschatz bereichert haben soll. Bei der Rückgabe des Goldes an die Sowjets im Februar 1920 soll ein Drittel gefehlt haben. General Číla leitete damals die Übergabe und wies die Anschuldigungen von sich:

Feierlicher Eid und Fahnenweihe der Tschechischen Truppe in KiewFeierlicher Eid und Fahnenweihe der Tschechischen Truppe in Kiew „Ich selbst habe als Leiter des zehnten Regiments in Irkutsk den Goldschatz dem örtlichen Sowjet übergeben. Es ist nichts verloren gegangen, nicht ein Körnchen Gold.“

Diese Darstellung oder dieses Bekenntnis von General Číla haben die Historiker jedoch widerlegt – und zwar anhand des Übergabeprotokolls. Es ist damals durchaus etwas von dem Schatz verloren gegangen, aber es war wohl nicht viel:

„Aus dem Protokoll geht hervor, dass nur etwa vier Beutel mit Goldmünzen verloren gingen. Wo das geschehen ist, lässt sich jedoch kaum beantworten“, sagt Július Baláž vom Militärgeschichtlichen Archiv.

Tatsache ist, dass die Legionäre umfangreiche Besitztümer nach Hause in die neu entstandene Tschechoslowakei schickten. Baláž glaubt aber, dass sie auf rechtschaffene Weise über den Handel zu Wohlstand gekommen waren. Zeit dazu hatten sie jedenfalls. Schließlich kehrten viele von ihnen erst zwei Jahre nach Kriegsende in ihre Heimat zurück.

Von Januar bis September 1920 lief die Ausschiffung der tschechischen und slowakischen Legionäre aus dem Pazifikhafen in Wladiwostok. Zurückgekehrt in ihre Heimat bildeten die Legionäre dann das Rückgrat der Armee des neuen Staates. Sie stellten fast die gesamte Offiziersriege.