Die Thaya – Zeitreise an einem Grenzfluss (Teil 2)

Im 16. Jahrhundert befanden sich viele Kroaten auf der Flucht vor der osmanischen Expansion auf den Balkan. Ein Teil von ihnen fand Schutz in Südmähren – nördlich der Thaya.

Charvátská Nová Ves (Fotoarchiv von Miroslav Geršic)Charvátská Nová Ves (Fotoarchiv von Miroslav Geršic) Die ersten kroatischen Siedler gelangten 1533 in die Gegend um das damalige Feldsberg, das heutige Valtice. Die Region stand unter der Herrschaft des Adelsgeschlechts Liechtenstein. Die Menschen aus der kroatischen Provinz Slawonien wurden dort mit offenen Armen empfangen. Denn die Liechtensteiner suchten nach Arbeitskräften. Sie steckten mitten in den Arbeiten für ein breit angelegtes Teichsystem in der Umgebung ihrer Sommerresidenz Eisgrub, heute Lednice. Zu dem Zeitpunkt galten einige nahe Gemeinden seit mindestens 100 Jahren bereits als verödet. So zum Beispiel Teymenaw, das heutige Poštorná. Gerade dort gründeten die ersten Ankömmlinge aus Slawonien ihr neues Domizil mit dem Namen Unnder Krabatten. Einen Kilometer weit entfernt entstand Obern Krabatn, das heutige Charvátská Nová Ves (auf Deutsch in etwa: Kroatisch Neudorf). Krabatten war das damalige Wort für die Kroaten, auf Tschechisch Charváti.

Alte Kirche in Poštorná (Fotoarchiv von Miroslav Geršic)Alte Kirche in Poštorná (Fotoarchiv von Miroslav Geršic) Beide Siedlungen gehörten bald zur Pfarrei Valtice. Damit wurde faktisch auch die einst bestehende Filialpfarrei von Themenaw mitsamt einer Kirche erneuert. Das neue Gotteshaus spielte bis ins 19. Jahrhundert eine bedeutende Rolle bei der Erhaltung der kroatischen Sprache in der Region. Der Historiker Miroslav Geršic:

„Die Vorgängerin der vor 120 Jahren gebauten neugotischen Kirche in Poštorná wurde bis Ende des 18. Jahrhunderts in der Regel mit einem Pfarrer besetzt, der auch Kroatisch beherrschte. Seit dem Beginn des 17. Jahrhunderts bis zur Hälfte des 18. Jahrhunderts verlangten sowohl die Einwohner von Poštorná und Charvátská Nová Ves als auch das Haus Liechtenstein, wiederholt einen Pfarrer mit Kenntnissen der kroatischen Sprache. Schriftliche Dokumente mit ihren Forderungen befinden sich im Archiv der Wiener Diözese. 1711 beanspruchte zum Beispiel der Pfarrer Jarmitz die Entsendung eines tschechischsprachigen Kaplans mit der Begründung, die Angehörigen der Pfarrei kommunizierten untereinander überwiegend in einem von Tschechisch geprägten kroatischen Dialekt. Außerdem waren auch tschechischsprachige Bewohner des nahen Břeclav (auf Deutsch Lundenburg, Anm. d. Red.) an tschechischen Gottesdiensten in Poštorná interessiert. Die studierten Theologen beherrschten natürlich auch Latein und Griechisch. Wer in Wien studiert hatte, war zudem des Deutschen mächtig.“

Kroatischsprachige Pfarrer

Die neue u. die alte Kirche in Poštorná (Fotoarchiv von Miroslav Geršic)Die neue u. die alte Kirche in Poštorná (Fotoarchiv von Miroslav Geršic) Der Bedarf an kroatischsprachigen Pfarrern wurde bis Anfang des 19. Jahrhunderts wiederholt gegenüber höheren Kircheninstanzen bekundet, allerdings nicht immer zufriedengestellt. Der erste, der den Forderungen entsprach, war der katholische Pfarrer Martin Zstiepkowicz. Er wurde 1593 in der Diözese von Zagreb geboren. Aus seinem Lebenslauf geht hervor, dass Zstiepkowicz nach mehreren Stationen im Kirchendienst 1643 als Priester in die damals bereits selbständige Pfarrei von Poštorná, Charvátská Nová Ves und Hlohovec berufen wurde.

Bis 1782 war die Pfarrei dem Bistum Passau unterstellt. Danach kam sie aufgrund einer Reform von Kaiser Josef II. zur Erzdiözese Wien. Wie war die Position der römisch-katholischen Kirche in der Region?

„Die Pfarrei Poštorná wurde immer nur mit katholischen Pfarrern besetzt. Allgemein gesagt: In Südmähren hatte die katholische Kirche schon immer eine starke Stellung. Eine spezielle Situation bestand für eine Zeitlang jedoch in Valtice. Bis ungefähr in die 1580er Jahre fanden die nach Mähren geflüchteten Täufer Schutz auf Gütern des Adels, darunter auch bei den Liechtensteinern dreier Generationen. Als zum Beispiel Georg Hartmann I. und Hartmann II. protestantische Strömungen unterstützen, verließen katholische Geistliche Valtice, den Hauptsitz der Familie“, so Geršic.

Franz von Stampart: Josef Johann Adam von Liechtenstein (Quelle: Wikimedia Commons, Public Domain)Franz von Stampart: Josef Johann Adam von Liechtenstein (Quelle: Wikimedia Commons, Public Domain) 1724 schlug Pfarrer Jarmitz dem Passauer Konsistorium in Wien vor, die Pfarrkirche von Poštorná im Barockstil umzubauen. Das finanziell anspruchsvolle Umbauprojekt wurde letztlich nicht umgesetzt. Der Schirmherr des Gotteshauses, Fürst Josef Johann Adam, ließ nur die notwendigen Reparaturen am Gebäude durchführen.

Erst 1816, also ungefähr 80 Jahre später, ließ sein Nachfahre Johann I. Josef die Kirche auf eigene Kosten erneuern. Sie war während der Napoleonischen Kriege schwer beschädigt worden. Die Pfarrei selbst konnte die Reparaturen an der fast 400 Jahre alten Kirche nicht aus ihren eigenen Erträgen finanzieren. Kurz darauf, in den 1820er Jahren, wurde die Pfarrei von einer Pestepidemie schwer heimgesucht. Von 300 Erkrankten starben insgesamt 100 Bewohner der beiden Gemeinden. Zur Mitte des Jahrhunderts schlug die Pest erneut zu.

Der Kirchenneubau

Trotz wiederholter Epidemien und der Kriege, die das Gebiet Südmährens heimsuchten, stieg die Bevölkerungszahl kontinuierlich an. Um das Jahr 1880 lebten in Poštorná und Charvátská Nová Ves insgesamt 2758 Menschen, davon 1710 in Poštorná.

Miroslav Geršic (Foto: YouTube)Miroslav Geršic (Foto: YouTube) Schon bald zeigte sich, dass die Kapazität der Pfarrkirche nicht mehr ausreichte. Darüber hinaus verschlechterte sich unaufhaltsam der bauliche Zustand. Damit wuchs die Überzeugung, dass der Bau einer neuen Kirche vor Ort notwendig war. Dafür setzte sich auch der einflussreiche Beamte Rudolf Borowitzka ein. 1883 verhandelte er mit Fürst Johann II. über die Lage. Miroslav Geršic:

„Der in Poštorná geborene Rudolf Borowitzka, Freiherr von Themau, hatte damals einen der höchsten Dienstgrade im kaiserlichen Heer inne. Er hatte Jura in Wien studiert und trat nach seinem Abschluss in die Armee ein. Nach einiger Zeit wurde er zum Generalauditor befördert und leitete damit die Militärjustizverwaltung der k.u.k. Monarchie. Als ranghoher Staatsbeamter hatte er Zugang zu Fürst Johann II. von Liechtenstein. Nach elf Jahren, als ihm ein Bauplan für die neue Pfarrkirche vorgelegt wurde, stimmte der Fürst zu. Gleichzeitig verpflichtete sich Johann II. schriftlich, die Baukosten in Höhe von 250.000 Gulden selbst zu tragen. Im Gegenzug erteilten ihm die Landwirte von Poštorná und Charvátská nová ves die Erlaubnis, 15 Jahre lang unentgeltlich auf ihren Feldern jagen zu gehen.“

Ludwig Hofbauer: Wiener Pfarrkirche Maria vom Siege (Quelle: Wikimedia Commons, Public Domain)Ludwig Hofbauer: Wiener Pfarrkirche Maria vom Siege (Quelle: Wikimedia Commons, Public Domain) Darüber hinaus beschloss die Gemeindeverwaltung, das für die Bauzwecke notwendige Grundstück mit einer Fläche von rund viereinhalbtausend Quadratmetern unentgeltlich in den Besitz der Kirche zu überführen. Am 24. Juli 1895 wurde in Poštorná der Grundstein für das neue Gotteshaus gelegt. Innerhalb von drei Jahren entstand die neugotische Mariä-Heimsuchung-Kirche. Die Pläne für den Bau stammten von Karl Weinbrenner. Er war Chefarchitekt der Familie Liechtenstein, als Vorbild nutzte er die Wiener Pfarrkirche Maria vom Siege von Friedrich Schmidt.

Am 3. Juli 1898 fand die feierliche Einweihung der neuerbauten Kirche durch den Weihbischof der Wiener Erzdiözese, Johann Schneider, im Beisein von mehreren Dutzend Priestern statt. Unter den Ehrengästen war auch der Hauptmann von Niederösterreich. Zwei jüngere Geschwister vertraten Fürst Johann II., weil dieser verreist war. Auch viele Bewohner der Gegend versammelten sich vor dem Neubau. Ein Jahr später wurde die alte Kirche abgerissen.

Fürst Johann der Gute

Fürst Johann II. Liechtenstein, genannt der Gute, war bekannt als Mäzen von Kunst und Wissenshaft. Er war beliebt bei der mehrsprachigen Bevölkerung der Region Südmährens, die bis zur Gründung der Tschechoslowakei 1918 verwaltungsmäßig zu Niederösterreich gehörte. Historiker Geršic nennt einen der Gründe für das hohe Ansehen des Fürsten:

Mariä-Heimsuchung-Kirche in Poštorná (Fotoarchiv von Miroslav Geršic)Mariä-Heimsuchung-Kirche in Poštorná (Fotoarchiv von Miroslav Geršic) „Johann II. war bekannt für seine Hilfsbereitschaft. Neben seinem Ziegelwerk, gegründet 1867 in Poštorná, ließ er auch eine Wohnsiedlung für die Arbeiter bauen. Es handelte sich um bescheidene Wohnungen mit Küche, Speisekammer und zwei kleineren Wohnräumen. Jede der insgesamt 72 Wohnungen hatte eigenes Plumpsklo. Die Wasserleitungen gab es nicht. Trotzdem galt dies in der damaligen Zeit als positive Geste des Arbeitsgebers gegenüber der Belegschaft. Die Arbeiter lebten dort als Untermieter. Später konnten sie die Wohnung auch kaufen. Als einer der ersten Arbeitgeber führte Johann II. eine Sozialversicherung für seine Arbeiter ein. Wenn jemandem etwas zugestoßen war, erhielt die Familie aus einem Fonds wenigstens einen bestimmten Betrag für den elementaren Lebensunterhalt. Außerdem unterstützte er zum Beispiel die Entstehung eines Kindergartens, in dem die Kinder für die Schule vorbereitet wurden.“

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfasste die Industrielle Revolution auch die Region von Břeclav. Viele Bewohner aus den Dörfern, so auch aus Poštorná und Charvátská Nová Ves, fanden Arbeit in den sich rasch entwickelnden Branchen. Dazu gehörte der Eisenbahnbau, der die Stadt bald zu einem bedeutenden Verkehrsknotenpunkt machte, die Herstellung von Düngemitteln oder die Holzverarbeitung. Der Wandel schlug sich auch im Lebensstil nieder. So assimilierten die kroatischsprachigen Bewohner immer mehr mit der restlichen Bevölkerung. Heute halten sie sich für Mährer, wenn auch mit kroatischen Wurzeln. Ihre Gemeinden sind seit 1974 Stadtteile von Břeclav.