Die Konfrontation: Kriegel und Husák 1968

Der Prager Frühling wurde im August 1968 politisch durch das sogenannte Moskauer Protokoll beendet. Die Reformer um Alexander Dubček und Ludvík Svoboda kehrten nach den Verhandlungen in die Tschechoslowakei zurück. Gustáv Husák wurde jedoch zum Nutznießer der Lage. Ganz auf der anderen Seite stand František Kriegel, der sich als einziger weigerte, das Moskauer Protokoll zu unterschreiben. Im Folgenden mehr zu den beiden Protagonisten.

Alexander Dubček spricht auf dem Parteitag der KPTsch 1968 (Foto: Tschechisches Fernsehen)Alexander Dubček spricht auf dem Parteitag der KPTsch 1968 (Foto: Tschechisches Fernsehen) Am 21. August 1968 marschieren die Truppen des Warschauer Paktes in der Tschechoslowakei ein. Sie schlagen militärisch die Reformbewegung des Prager Frühlings nieder. Danach werden Alexander Dubček und weitere Mitglieder des Politbüros der KPTsch verschleppt. Letztlich zwingt der sowjetische Staats- und Parteichef Leonid Breschnew sie zu Gesprächen. Unter dem Druck des Kremls kapitulieren die Reformer und unterschreiben am 26. August das sogenannte Moskauer Protokoll. Das verlangt von der tschechoslowakischen Führung weitreichende politische Zugeständnisse. Der Begriff „Normalisierung“ wird in der Folge zum politischen Schlagwort. Es ist die Rückkehr zum Status quo ante – also zu einem moskautreuen Kurs in der Tschechoslowakei.

Im Laufe dieses Kurswechsels werden auf allen Ebenen die Führungskader ausgetauscht. An vorderster Stelle weiß vor allem Gustáv Husák, sich in Position zu bringen. Er wird später neuer Parteivorsitzender. Auf der anderen Seite steht František Kriegel, im August 1968 Vorsitzender des Politbüros der KPTsch. Er ist der Einzige, der seine Unterschrift unter das Moskauer Protokoll verweigert.

Ivan Fíla, foto: Socc82, CC BY-SA 2.0Ivan Fíla, foto: Socc82, CC BY-SA 2.0 Der Filmregisseur Ivan Fíla hat sich intensiv mit den Verhandlungen im Kreml und deren Protagonisten beschäftigt. Daraus ist ein populärwissenschaftliches Buch entstanden:

„Der Historiker Michal Macháček, der eine Monographie über Husák geschrieben hat, ist bis in die streng bewachten Archive in Moskau gelangt. Auf diese Weise habe ich die Informationen aus den Akten von Husák und von Kriegel erhalten. Außerdem haben wir völlig Neues über Breschnew erfahren.“

Freunde aus Studienzeiten

Gustáv Husák (Foto: Tschechisches Fernsehen)Gustáv Husák (Foto: Tschechisches Fernsehen) Zunächst hat Fíla daraus das Drehbuch für einen Film entworfen. Doch je mehr zusammenkam, desto stärker kristallisierte sich eine umfangreiche schriftliche Abhandlung heraus.

„In dem Buch geht es um den Zweikampf zwischen Kriegel und Husák. Beide kannten sich noch aus Studienzeiten und waren eigentlich Freunde. Das hielt bis zu den Verhandlungen in Moskau. Noch in der Nacht vom 20. auf den 21. August beeinflusste Husák die Abstimmung im Politbüro in der Richtung, das von einem Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes gesprochen wurde und nicht von einer Hilfeleistung. Auch in den Augen der Öffentlichkeit galt Husák als Reformer. Am 20. August hielt er sogar noch eine Rede in Žiar nad Hronom, in der er beim Reformeifer weit über Dubček hinausging. Man dachte also, dass er es ernst meint mit den Reformen“, sagt der Regisseur.

Ludvík Svoboda (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks)Ludvík Svoboda (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks) Alexander Dubček und weitere Mitglieder der engsten Parteiführung werden von den sowjetischen Militärs während des Einmarschs festgenommen. Man verschleppt sie in die Karpatenukraine, also auf das Gebiet der UdSSR. Dennoch lehnt es Staatspräsident Ludvík Svoboda ab, eine Marionetten-Regierung des Kremls zu ernennen. Die politischen Pläne Breschnews drohen zu scheitern. Deswegen kommt es zu den Verhandlungen in Moskau. An ihnen nehmen sowohl die verschleppten Mitglieder der KPTsch teil, als auch weitere wichtige tschechoslowakische Politiker. Gustáv Husák gehört aber eigentlich gar nicht in diese Riege, er ist damals nur stellvertretender Regierungsvorsitzender. Ursprünglich will der Slowake auch gar nicht mit nach Moskau fliegen, er lässt sich aber überreden. Und im Kreml kommt es zur Verwandlung von Husák, wie Ivan Fíla sagt:

„Seine Person ist aus psychologischer Sicht interessant. Vielleicht hat er nach den zehn Jahren, die er in den 1950ern im Gefängnis verbringen musste, so etwas wie eine letzte Chance gespürt. Nach diesem Strohhalm hat er wohl gegriffen. Und die Sowjets sahen in ihm den einzigen Pragmatiker aus der tschechoslowakischen Delegation, den sie umbiegen konnten. Deswegen haben sie mit Husák die Verhandlungen geführt und ihn sich für die Zukunft warmgehalten. Diese Wette ging auf. Denn Husák tat alles, was sie wollten und sogar noch darüber hinaus.“

Buch über František Kriegel (Foto: Verlag Universum)Buch über František Kriegel (Foto: Verlag Universum) Für Gustáv Husák bedeutet dies den Aufstieg innerhalb der KPTsch. Er ist zwar nicht der einzige Kandidat, doch letztlich gibt Breschnew seinen Segen, damit Husák im April 1969 Dubček an der Parteispitze ablöst.

Ganz anders hingegen der Weg seines Freundes František Kriegel. Dieser kommt aus einer jüdischen Familie in Galizien. Ende der 1920er Jahre geht Kriegel nach Prag, um an der dortigen deutschen Universität Medizin zu studieren. Als Arzt hilft er dann im Spanischen Bürgerkrieg den republikanischen Interbrigaden, im Ersten Weltkrieg ist er beim Roten Kreuz in Ostasien. Nach der kommunistischen Machtübernahme in der Tschechoslowakei gilt er als Gesundheitsexperte in der KPTsch. Doch die antisemitischen Säuberungen in der Partei stoppen seine weitere Karriere. In den 1960er Jahren berät er dann auf Kuba die neuen Machthaber um Fidel Castro. Da hat seine anfängliche Begeisterung für den sozialistischen Staat aber schon längst Risse bekommen.

„Kriegel war im Jahr 1948 wie viele andere Tschechen ein überzeugter Kommunist. Zu diesem Zeitpunkt war er stellvertretender Leiter der Volksmilizen, was ihm aus heutiger Sicht zu Recht vorgehalten wird. Auf der anderen Seite begriff er viel früher als andere, dass das Regime nicht reformiert werden konnte. Selbst bezeichnete sich Kriegel dann als kommunistisches Wesen ohne Bezug zu einer Partei“, so Fíla.

Im Flugzeug nach Sibirien

František Kriegel (Foto: Tschechisches Fernsehen)František Kriegel (Foto: Tschechisches Fernsehen) Kriegel sieht also ein, dass er sich getäuscht hat. Laut Fíla kämpft er zwanzig Jahre lang für eine Revision des Fehlers:

„Der Höhepunkt kam im Jahr 1968 bei den Verhandlungen in Moskau. Da weigerte sich Kriegel als einziger, die Kapitulation zu unterschreiben. Damit riskierte er sein eigenes Leben. Tatsächlich wurde er in ein Flugzeug gesetzt, dass ihn nach Sibirien bringen sollte. Er hatte sich sogar bereits damit abgefunden, im Gulag zu verschwinden oder erschossen zu werden. Und Breschnew weigerte sich zunächst auch, ihn wieder gehen zu lassen. Erst als Staatspräsident Svoboda den sowjetischen Staats- und Regierungschef abfing und ihm ins Gewissen redete, konnte Kriegel in die tschechoslowakische Regierungsmaschine umsteigen.“

In Moskau trennen sich damit aber die Wege von Kriegel und Husák. Letzterer lässt seinen früheren Freund als einen der ersten schon im Mai 1969 aus der Partei ausschließen. Kurz darauf wird František Kriegel pensioniert. Später unterschreibt er die Charta 77, das Manifest der Opposition während der Zeit der sogenannten Normalisierung. Kriegel stirbt Anfang Dezember 1979 an den Folgen eines Herzinfarkts. Da ist Husák bereits tschechoslowakischer Staatspräsident.

In der Konfrontation dieser beiden Charaktere sieht Ivan Fíla dann auch das Drama der Verhandlungen in Moskau:

„Es war der Kampf eines reinen Menschen, wie es Kriegel war, der sich geirrt hatte, aber nicht log, und des Advocatus Diavoli Husák, der seinen Freund überreden wollte, nur einen winzigen Kompromiss einzugehen. Man müsse nur einen kleinen Umweg nehmen, aber der Reformkurs würde weitergehen, sagte Husák. Und Kriegel antwortete ihm: ‚Wir werden nie mehr wieder auf den Weg zurückkehren, das alles endet im Gefängnis oder sogar auf dem Schafott, und wir befinden uns dann wieder in der dunklen Zeit wie in den 1950er Jahren‘. Letztlich sollte Kriegel Recht behalten.“