Die jüdische Minderheit in den 1930er Jahren

Das jüdische Museum in Prag, das im kommenden Jahr seinen 100. Geburtstag feiern wird, ist wohl eines der bekanntesten Museen in Prag. Jährlich besuchen es Tausende von Touristen. Weniger bekannt ist, dass das Museum regelmäßig Sammelbände zur jüdischen Geschichte und Tradition herausgibt. Diese Woche erschien ein Band über die jüdische Minderheit in der Tschechoslowakei der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts. Die Zwischenkriegszeit wird hierzulande gerne verklärt dargestellt. Im Vergleich zu dem, was folgte, scheinen jene 20 Jahre zwischen 1918 und 1938 eine reine Idylle gewesen zu sein. Dass dies nicht immer stimmt, zeigt unter anderem auch der jetzige Sammelband des jüdischen Museums.

Laut der Volkszählung von 1921 lebten 354.300 Juden in der Tschechoslowakei, davon 127.000 in den Böhmischen Ländern. Damals existierten in Böhmen und Mähren 205 jüdische Gemeinden. Die Zahl der Gemeinden nahm im Verlauf der folgenden 10 Jahre ebenso ab, wie die Zahl der Juden. 1930 existierten nur mehr 172 jüdische Gemeinden in den Böhmischen Ländern, die Zahl der jüdischen Bevölkerung sank auf 117.000. Ein Grund für diese Abnahme war die zunehmende Assimilierung der Juden, die in Volkszählungen ihren Glauben nicht mehr angaben. Marie Zahradnikova, Mitherausgeberin des nun erschienenen Buches, bat ich, kurz die jüdische Minderheit in der Tschechoslowakei der Zwischenkriegszeit zu charakterisieren:

"Ich würde sagen, dass die Juden in der Zwischenkriegszeit einen unteilbaren Bestandteil der Gesellschaft bildeten, ab den 30er Jahren waren sie allerdings mehr und mehr antisemitischen Äußerungen ausgesetzt. Das Maß der Assimilierung war in den Böhmischen Ländern sehr hoch. Viele Schriftsteller, zum Beispiel, von denen wir heute als jüdische sprechen, haben sich selbst bereits als Tschechen betrachtet. Es existierte eine jüdisch-tschechische Assimilierungsbewegung, doch diese verlor in den 20er Jahren an Antriebskraft - die Assimilierung war soweit fortgeschritten, dass nur noch wenige ein Verlangen verspürten, sich zu irgendeinem Programm zu bekennen. Neben den assimilierten Juden existierte auch eine zionistische Bewegung, deren Einfluss in den 20er Jahren zunahm. Präsident Tomas Masaryk und später auch Edvard Benes haben sie wohlwollend begrüßt. So war die Tschechoslowakei 1920 weltweit das erste Land, in dem bei einer Volkszählung die jüdische Nationalität und nicht nur Religion angegeben werden konnte."

Rund 30 Prozent der Juden in den Böhmischen Ländern machten von diesem Recht Gebrauch und gaben die jüdische Nationalität bei der Volkszählung von 1921 an. In der Slowakei war es knapp die Hälfte der 136.600 Juden. In der zur Tschechoslowakei gehörenden Karpathoukraine gaben 1921 91.000 der insgesamt 102.400 Juden die jüdische Nationalität an. Doch nicht nur in dieser Hinsicht war die Tschechoslowakei Vorreiter, sie war auch der einzige Staat Mitteleuropas, in dem die Juden als nationale Minderheit anerkannt waren und entsprechende Rechte geltend machen konnten. Offizielle Zahlen sagen jedoch wenig über die genaue Größe und Zusammensetzung der jüdischen Minderheit aus. Den größten Teil bildeten in den Böhmischen Ländern tschechischsprachige Juden, die sich mit der Tschechoslowakei identifizierten, gefolgt von den deutschsprachigen Juden, die sich als Teil der deutschen Minderheit fühlten. Es gab Zionisten, die ihr Judentum als Nationalität ansahen, und schließlich auch Atheisten jüdischen Ursprungs. Sie alle gehörten in Böhmen vor allem der mittleren und höheren Gesellschaftsschichten an und bildeten einen festen Bestandteil der kulturellen und intellektuellen Elite des Landes. In Mähren, der Slowakei und der Karpathoukraine war das Judentum orthodoxer, die Landgemeinden konservativer und weniger assimiliert.

So idyllisch das Zusammenleben von Tschechen und Juden auch geschildert werden mag - auch in der Tschechoslowakei gab es Antisemitismus. Eine erste antisemitische Welle erlebte das Land gleich nach seiner Gründung 1918, als es in einigen Kleinstädten zu pogromartigen Ausschreitungen kam. Diese hatten ähnliche Gründe wie in Deutschland, erläutert Dr. Blanka Soukupova, die sich in dem nun erschienenen Sammelband mit dem Phänomen des Antisemitismus in der Tschechoslowakei befasst.

"Natürlich waren die Gründe für den Antisemitismus ähnlich wie z.B. in Deutschland - der Verlust der alten Identität, Unsicherheit, Angst, eine unsichere soziale Lage, wirtschaftliche Probleme, hohe Arbeitslosigkeit. Im Gegensatz zu Deutschland hat die tschechische Gesellschaft den Antisemitismus relativ schnell überwunden. Dabei spielte die Autorität von Präsident Tomas Masaryk eine große Rolle und das so genannte "nationale Interesse". Man muss bedenken, dass damals in Versailles noch über die Grenzen der Tschechoslowakei verhandelt wurde und sich das Land als ein ruhiger Staat präsentieren wollte - jegliche antisemitische Erscheinungen wären dabei störend gewesen."

Ein weiterer großer Unterschied zu Deutschland bestand darin, dass die Tschechoslowakei auf der Siegerseite stand - man musste also keinen Schuldigen für die Niederlage im Krieg suchen. Auch erholte sich die Tschechoslowakei wirtschaftlich schneller als Deutschland.

Nach den ruhigen 20er Jahren nahm der Antisemitismus in der Tschechoslowakei in den 30er Jahren unter dem Einfluss der Ereignisse in Deutschland zu. Bastionen des Antisemitismus wurden die überwiegend von Deutschen bewohnten Grenzgebiete in Nord- und Westböhmen, aber es existierten auch tschechische faschistische und antisemitische Bewegungen, die in den Parlamentswahlen von 1935 immerhin 23 der insgesamt 300 Sitze erhielten. Dazu noch einmal Dr. Blanka Soukupova:

Pinkas-Synagoge heutePinkas-Synagoge heute "Schon im Verlauf der 30er Jahre wirkten hier bereits ausgesprochen antisemitische Subjekte, wie die 1930 gegründete Vlajka, ein Club rechts orientierter Intellektueller - in ihren Organen verbreiteten sie rassistischen Antisemitismus im tschechischen Milieu. Ein Unterschied zu Deutschland besteht darin, dass im Deutschland der Weimarer Republik der Antisemitismus ein Phänomen der Mittelschicht war, in der Tschechoslowakei aber sind es Intellektuelle - leider. Die tschechische rechts orientierte Intelligenz stand an der Spitze des Antisemitismus."

Der tschechische Antisemitismus richtete sich zunächst gegen die deutschsprachigen Juden. Anfang der 30er Jahre forderten sowohl Tschechojuden als auch Zionisten alle Juden in Lande auf, tschechisch zu reden und sich von der deutschen Tradition zu distanzieren. Bis 1938/39 war der Antisemitismus in der Tschechoslowakei eine Randerscheinung, die sich nur verbal und in der Presse äußerte. Zu tätlichen Angriffen auf Juden oder dem Boykott jüdischer Geschäfte und Ärzte kam es in den 30er Jahren nur in den deutschen Siedlungsgebieten. Dies änderte sich nach dem Münchner Abkommen und der Entstehung der zweiten Tschechoslowakischen Republik im Oktober 1938, in der der Antisemitismus bereits zum Regierungsprogramm gehörte.

Einer der nächsten Sammelbände des jüdischen Museums in Prag wird sich gerade mit der Geschichte der jüdischen Minderheit in dieser für die Tschechen nicht gerade ruhmreichen Zeit der zweiten Republik von Oktober 1938 bis März 1939 befassen.