Die Bombe in Böhmen: Lagerten sowjetische Nuklearwaffen in der Tschechoslowakei?

Der riesige Truppenübungsplatz der tschechischen Armee in Brdy soll geschlossen werden. Die Streitkräfte nutzen ihn kaum noch, daher soll das Gebiet in einen Naturschutzpark umgewandelt werden. Gerade dort aber sollen im Kalten Krieg auch sowjetische Atomwaffen stationiert gewesen sein. Bis heute konnte aber nie abschließend bewiesen werden, dass sich tatsächlich atomare Sprengköpfe auf dem Gebiet der Tschechoslowakei befunden haben.

Foto: Archiv des Tschechischen RundfunksFoto: Archiv des Tschechischen Rundfunks Mitten zwischen den Bäumen schauen Metallröhren aus dem Boden, vereinzelt entdeckt man zwischen dem Gestrüpp grün lackierte Kästen: Wandert man durch den Wald auf dem Truppenübungsplatz Brdy, bekommt man dort die äußeren Anzeichen eines Bunkers zu sehen. Javor 51 heißt die Anlage bei der Gemeinde Míšov, sie wurde im Jahr 1966 offiziell als Lager für Luftabwehrwaffen errichtet.

„Was hier an der Oberfläche zu sehen ist, diente als Tarnung. Nachdem der Bunker fertig gestellt war, hat man darauf bereits ausgewachsene Bäume gepflanzt. Und diese Metallröhren, die hier überall zu sehen sind, dienten zum Lüften des Bunkers, denn dort unten steht ein Dieselaggregat, das die Anlage bei einem Stromausfall mit Energie versorgen sollte. Auf der anderen Seite sehen wir einige Verteilerkästen.“

Václav Vítovec ist Chef der Stiftung „Eiserner Vorhang“. Sie unterhält den Bunker und hat ihn zum Museum ausgebaut. Er ist sich 100-prozentig sicher, dass im Bunker Javor 51 und damit auch in der damaligen Tschechoslowakei Atomwaffen lagerten:

„Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass im Depot in Míšov im Durchschnitt etwa 85 bis 131 Sprengköpfe gelagert haben müssen. Es könnte sich aber auch um nukleare Granaten oder Bomben für Flugzeuge gehandelt haben.“

Vitovec gründet seine Annahme auf Dokumente des amerikanischen Geheimdienstes CIA. Auf einer Karte seien drei Atomwaffendepots in Polen, zwei in der ehemaligen DDR, drei in Bulgarien, eines in Ungarn und eben drei in der Tschechoslowakei eingezeichnet. Ein wissenschaftlicher Aufsatz aus dem Jahr 1991 gibt an, dass insgesamt 3000 Atomwaffen im Ostblock verteilt gewesen seien. Und so habe er errechnet, wie viele Sprengköpfe sich in etwa im Bunker Javor 51 befunden hätten, erklärt Vitovec seine Theorie.

Auch die professionellen Historiker sind sich sicher, dass es auf dem Boden der Tschechoslowakei Atomwaffen gegeben hat. Aber selbst sie müssen dabei auf Interpretationen zurückgreifen. Petr Luňák ist Historiker an der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Prager Karlsuniversität:

„Es existieren Gründe für die Annahme, dass in der Tschechoslowakei Kernwaffen lagerten. Wir haben aber keinen stichhaltigen Beweis, zum Beispiel Dokumente, in denen das direkt niedergeschrieben wurde. Nichtsdestotrotz geht aus dem Kontext der sowjetischen Strategien und den Plänen der tschechoslowakischen Volksarmee zweifelsfrei hervor, dass hier etwas über 20 Jahre lang sowjetische Kernwaffen vor Ort waren.“

Foto: Archiv des Tschechischen RundfunksFoto: Archiv des Tschechischen Rundfunks Dies fällt ziemlich genau mit dem Einmarsch der sowjetischen Truppen nach dem Prager Frühling zusammen. Den tschechoslowakischen Streitkräften wollte die sowjetische Führung nämlich vor 1968 keine atomaren Waffen anvertrauen. Petr Luňák:

„Die tschechoslowakische Volksarmee war die einzige Armee des Ostblocks, die eine eigene Front mit konkreten Kriegszielen bilden sollte. Sie hatte auch Trägerraketen, wie die R-11 Scud und die späteren, modernisierten Systeme R-17. Aber bis zum Einmarsch 1968 war immer unklar, wie die Gefechtsköpfe in die Tschechoslowakei gelangen sollten. Das Problem wurde dann durch die Invasion gelöst, als die sowjetischen Truppen direkt hierzulande stationiert wurden. Aber bereits seit der zweiten Hälfte der 1950er Jahre war die tschechoslowakische Armee mit Raketentechnik ausgerüstet, um Kernwaffen zu verschießen. Aber die Debatte drehte sich immer darum, wie man die Kernwaffen der tschechoslowakischen Armee zugänglich machen könnte, ohne das die Sowjetunion die Kontrolle über die Gefechtsköpfe verlöre.“

Das strategische Ziel der tschechoslowakischen Armee zu Beginn der 1960er Jahre war es, innerhalb mehrerer Tage bis in das östliche Frankreich vorzudringen, nach einem atomaren Erstschlag. Um diesen Plan erfüllen zu können, wurde 1965 ein geheimer Vertrag zwischen der Tschechoslowakei und der Sowjetunion abgeschlossen. Ziel war es, bis 1967 drei Depots hierzulande zu bauen, in denen sowjetische Kernwaffen unter sowjetischer Kontrolle für den Ernstfall gelagert werden sollten. Wäre ein Krieg ausgebrochen, hätten die sowjetischen Truppen dann die Gefechtsköpfe an die Tschechoslowakische Armee übergeben. Der Javor-Bunker war Teil dieses Plans, sagt Prokop Tomek vom Militärhistorischen Institut:

„Das Abkommen über diese drei Bunker war sehr geheim, vollständig eingeweiht waren zu jener Zeit nur ein paar Dutzend Leute. Es ist dann auch sehr gut gelungen, dieses Abkommen geheim zu halten. Interessant ist außerdem, dass diese sowjetischen Soldaten bis 1968 illegal im Land waren, ohne Wissen des Parlaments oder der Gesellschaft.“

Es reichte, dass die Führung der Kommunistischen Partei ihre Zustimmung gegeben habe. Und da die Soldaten und wahrscheinlich auch die Sprengköpfe bereits vor 1968 im Lande gewesen seien, würden auch die Spekulationen darüber, dass der Prager Frühling stattgefunden habe, um die Atomwaffen in der Tschechoslowakei zu stationieren, ins Reich der Verschwörungstheorien gehören, glaubt Historiker Tomek.

Doch obwohl die Sprengköpfe und die zugehörigen Wartungsmannschaften sich nach 1968 „offiziell“ in der Tschechoslowakei aufhielten, herrschte weiterhin eine hohe Geheimhaltungsstufe, so Tomek:

Prokop Tomek (Foto: Jana Chládková)Prokop Tomek (Foto: Jana Chládková) „Diese Depots waren sogar außerhalb der Befehlsstrukturen der sowjetischen Zentralarmee. Sie wurden geheim gehalten wie eine Spezialeinheit, der ganze Stützpunkt Javor-51 war ein abgeschlossener Komplex mit eigenen Wohnungen, Geschäften und Sportplätzen. Diese Einheit führte also ein Eigenleben auch innerhalb der sowjetischen Verbände.“

Um festzustellen, welche atomare Waffen denn nun genau in der Tschechoslowakei lagerten, müsse man die Trägersysteme der tschechoslowakischen und russischen Einheiten betrachten, erklärt Tomek:

„Für die Scud-Raketen waren Sprengköpfe mit einer Stärke von etwa 50 Kilotonnen vorgesehen. Die Bombe von Hiroshima hatte eine Stärke von 11 Kilotonnen, die Gesamtkraft dieser Kernwaffen war also sehr viel stärker als alles, was man bisher erlebt hatte.“

Die in der Tschechoslowakei stationierten Kurzstreckenraketen Frog hatten eine Reichweite von etwa 70 Kilometern, die Scud-Raketen von vielleicht 300 Kilometern. 1984 erhielt die tschechoslowakische Volksarmee dann aber modernere Systeme vom Typ SS-23 mit einer Reichweite von 500 Kilometern. Die vom Westen gefürchteten SS-20-Raketen, die den berühmten Nato-Doppelbeschluss zur Folge hatten, waren indes nie in der Tschechoslowakei im Einsatz. Prokop Tomek:

„Sie hatten eine Reichweite von 5.000 Kilometern, es wäre also unnütz gewesen, sie an die Front zu verlegen. Diese Raketen blieben in der Sowjetunion, auch weil sie sehr geheim waren.“

Viele Dinge lassen sich nicht mit endgültigen Fakten beweisen. Die Historiker sind sich jedoch sicher, die Geschichte der Atomwaffen hierzulande gut rekonstruieren zu können. Letztlich brauche man die Akten aus den russischen Archiven dazu nicht unbedingt, meint Petr Luňák:

„Wie das Herrschaftssystem im Ostblock funktionierte, wissen wir recht genau. In der Tschechoslowakei versuchte man ja alles zu verheimlichen, aber in der Veröffentlichung von Dokumenten waren wir nach der Wende Pioniere. Mittlerweile sind ebenso Dokumente aus polnischen und aus ehemals ostdeutschen Archiven zugänglich. Aus russischen Archiven haben wir dagegen nicht sehr viel, lediglich einen strategischen Plan aus dem Jahr 1946.“

Die Nato habe die tschechoslowakische Volksarmee immer als vollwertige und kampfstarke Truppe eingestuft, ist sich Luňák sicher. Selbst dann, als sie noch keinen Zugriff auf Kernwaffen aus dem sowjetischen Areal hatte.