Die „bewegte“ Geschichte der Dekanatskirche in Most

Es hört sich unglaublich an, aber es ist wahr. Im Jahr 1975 wurde im nordböhmischen Most eine fast 500 Jahre alte spätgotische Kirche mehrere hundert Meter weit versetzt. Die Aktion war spektakulär und wurde dementsprechend von der kommunistischen Propaganda ausgeschlachtet. So unglaublich, wie die Versetzung der 10.000 Tonnen schweren Kirche, scheint auch der Grund dafür zu sein. Doch auch er ist wahr. Um an die Kohlevorkommen unter der historischen Stadt zu gelangen, ließ das kommunistische Regime das alte Most kurzerhand wegsprengen. Nur die Kirche wurde gerettet.

Die erste Erwähnung einer Siedlung auf dem Gebiet des heutigen Most stammt aus dem 10. Jahrhundert. Eine Stadt wurde zu Beginn des 13. Jahrhunderts von einem deutschböhmischen Adelsgeschlecht angelegt. Der Name der Stadt geht auf eine hölzerne Brücke zurück, die hier gestanden haben soll. Brüx hieß daher diese deutsche Stadt. Das tschechische Wort Most bedeutet Brücke.

Most/BrüxMost/Brüx In den Hussitenkriegen war Brüx eine Hochburg der Katholiken. Nach einer Reihe verheerender Großbrände zwischen 1455 und 1515 wurden weite Teile der alten Stadt modernisiert. Die zerstörte dreischiffige Basilika aus dem 13. Jahrhundert wurde ab 1517 im spätgotischen Stil als Hallenkirche neu errichtet. Stark umkämpft war Brüx während des Dreißigjährigen Krieges. Schwedische Truppen eroberten die Stadt mehrmals. In den folgenden Jahrhunderten sank jedoch die wirtschaftliche und politische Bedeutung. Dies änderte sich erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der Grund war die Braunkohle. Für den expandierenden Kohlebergbau in Nordwestböhmen wurden viele vorwiegend tschechische Arbeiter in die bis dahin rein deutsche Stadt geholt. Bereits 1930 stellten die Tschechen die knappe Mehrheit der Einwohner. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde fast die gesamte sudetendeutsche Bevölkerung vertrieben. Um den Aderlass auszugleichen siedelte das kommunistische Regime hier Tschechen aus allen Teilen des Landes an, vor allem Arbeiter. Man setzte voll und ganz auf die Schwerindustrie, auf Kohlebergbau und Hüttenwesen.

 

Foto: www.muzeum-most.czFoto: www.muzeum-most.cz Der Kohle in Nordböhmen war einer der Motoren für die Wirtschaft der Tschechoslowakei. Der alten Stadt Most mit ihrer etwa 1000-jährigen Geschichte wurde die Kohle zum Verhängnis. Denn die Stadt stand genau darauf.

„Die Logik war folgende: Unter der Stadt gibt es die Kohle. Die Kohle ist wichtig für die Gesellschaft, für das Volk und so weiter und so weiter. Und die Kohle hat eine größere Bedeutung als eine Stadt“, so umreißt Martin Myšička vom Staatlichen Gebietsarchiv Most die Argumentation der kommunistischen Machthaber. Aus ihr folgerte: Die alte Stadt Most, mit etwa 50.000 Einwohnern, muss dem Kohletagebau weichen, das heißt man müsse sie zerstören. Man sollte meinen, dass sich die Bevölkerung von Most gegen die drastische Entscheidung zur Wehr setzte. Dem war jedoch nicht so, wie Martin Myšička erzählt:

Foto: www.muzeum-most.czFoto: www.muzeum-most.cz „Aus heutiger Sicht reagierten die Menschen sehr passiv. Das heißt, es gab keine Petitionen, keine öffentlichen Proteste wie Demonstrationen oder Streiks. Der Hauptgrund war die politische Situation damals. Die Entscheidung über die Zerstörung der Stadt gab die tschechische Regierung aus. Das war im Jahre 1964. Eine Diskussion über die Regierungsentscheidung kam nicht in Frage.“

Zudem war ein Großteil der Bevölkerung in und um Most erst nach dem Zweiten Weltkrieg hier angesiedelt worden. Viele von ihnen hatten keine oder nur eine geringe emotionale Bindung zu der Gegend, in der sie lebten. Dies sei aber laut Myšička nicht der einzige Grund für die ausbleibenden Proteste gewesen:

„Dazu funktionierte die Staatspropaganda, die sagte, wir bauen eine neue Stadt und nicht, wir zerstören eine alte Stadt. Wir bauen eine ganz neue, moderne, sehr sympathische Stadt mit neuen Schulen, neuen Parkanlagen und so weiter und wir haben keine andere Möglichkeit. Die Gesellschaft braucht die Kohle. Und die Einwohner bekommen neue Wohnungen mit Zentralheizung, mit fließendem Wasser und Gas und so weiter. Die Leute waren damit einverstanden.“

 

Foto: www.muzeum-most.czFoto: www.muzeum-most.cz Im Jahre 1967 begann die Zerstörung des alten Most. Bereits drei Jahre zuvor, unmittelbar nach der Regierungsentscheidung, hat man begonnen wenige Kilometer südöstlich ein neues Most aufzubauen: die Stadt hat mittlerweile etwa 70.000 Einwohner. Dass dieses neue Most eine „sehr sympathische“ Stadt sei, wie die Kommunisten versprochen hatten, wird heute kaum jemand behaupten. Plattenbauen soweit das Auge reicht, in mehr oder weniger gutem Zustand. Am nördlichen Stadtrand steht das einzige erhaltene Gebäude des historischen Stadtkerns: die spätgotische Dekanatskirche. Die Dekanatskirche ist vor allem wegen ihres Stützsystems von kunsthistorischem Wert. Anders als bei den meisten gotischen Kirchen sind die statisch wichtigen Pfeiler nicht außen, sondern vollständig in den Innenraum integriert. Damit ist die Kirche in Tschechien einzigartig, und damit qualifizierte sie sich für ihre Rettung. Martin Myšička:

Foto: www.muzeum-most.czFoto: www.muzeum-most.cz „Das ist wirklich ein Kuriosum, dass das kommunistische Regime mit seinem starken Atheismus aus der alten Stadt gerade eine Kirche gerettet hat. Aber die Kirche diente als ein Symbol der Staatspflege über die Kulturdenkmäler.“

In einem Propagandafilm aus dem Jahr 1988 klingt das so:

„Und die tschechoslowakische Regierung beschloss, dass die Dekanatskirche erhalten bleibt, hier im Norden Böhmens, in der alten Stadt Most / Brüx, die dem Untergang geweiht wurde.“

Der Archivar Myšička hat über die Dekanatskirche publiziert. So sehr er den historischen Wert des Gebäudes zu schätzen weiß, so sehr verurteilt er die kommunistische Propaganda:

„Ich finde das ziemlich heuchlerisch, denn alleine in Most wurden etwa sechs Kirchen und zwei Klöster zerstört und dazu rechne ich noch nicht einmal die Kirchen in den Dörfern rings um die Stadt. Niemand sprach davon, dass hunderte andere Objekte zerstört wurden“, so Myšička.

Zur Rettung der Kirche kamen mehrere Alternativen in Frage. Die Kirche in Einzelteile zu zerlegen und an neuer Stelle wieder aufzubauen wäre jedoch außerordentlich kostspielig gewesen, zudem wäre der Denkmalswert des historischen Gebäudes rapide gesunken. Die zweite und einfachste Variante sah vor, die Kirche an Ort und Stelle zu belassen, auf einem Kohlepfeiler inmitten des Tagebaus. Damit wäre sie jedoch für die Öffentlichkeit auf Jahrzehnte hinaus unzugänglich geblieben. Man entschied sich deshalb im Jahre 1970 für eine Verschiebung des 10.000 Tonnen schweren Bauwerks auf einer Bogenstrecke um genau 841, 1 Meter. Fünf Jahre dauern die Vorbereitungen. Die Einrichtung, die Fenster und der Turm werden für den Transport entfernt. Alle statisch wichtigen Teile werden in riesige Stahlklammern gefasst. Dann wird das ganze Gebäude von seinem historischen Fundament abgeschnitten und mit Schienen unterlegt. 53 hydraulische Wagen werden eigens für die aufwändige Aktion konstruiert. Die Kommunisten warfen abermals die Propagandamaschine an: die Kirchenverschiebung als herausragendes Beispiel sozialistischer Ingenieurskunst.

„Denn alles geschieht zum ersten Mal. Man schreibt den 30. September 1975. Der Transport hat begonnen. Zum Gedenken für die Nachwelt bemerken damalige Urkunden die Beteiligung an diesem außerordentlichen Vorhaben und somit auch Daten über Meriten.“

Es folgt eine Auflistung aller beteiligten Unternehmen, die - koordiniert vom tschechoslowakischen Kulturministerium - die Kirche an einen sicheren Ort brachten, also weg von der begehrten Kohle. Bei einer Geschwindigkeit von 2,16 Zentimetern in der Minute dauert der Transport auf Schienen 28 Tage. 28 Tage, in denen die Medien des Landes jede Bewegung der Kirche genauestens dokumentierten. Bewegt ist die Geschichte der Dekanatskirche also im wahrsten Sinne des Wortes. Ein geübtes Auge sieht sofort, dass der Platz, an dem die Kirche seit dem 27. Oktober 1975 steht, ist nicht der Platz sein kann, an dem sie ab 1517 erbaut wurde. Denn sie ist nicht, wie die meisten Kirchen nach Osten in Richtung Jerusalem ausgerichtet, sondern nach Süden. Die Kommunisten hatten ohnehin vor, ihr die religiöse Funktion für immer zu nehmen. Nach der Restaurierung diente sie ab 1988 nur noch als Gemäldegalerie. Dann kam die politische Wende. 1993 wurde die Dekanatskirche erneut geweiht und dient seitdem wieder als Gotteshaus. Sie ist zwar gerettet, wirklich optimal sei ihr neuer Standort aber nicht, findet Martin Myšička:

„Die Kirche befindet sich jetzt ganz am Rande der neuen Stadt und sie ist von der Stadt durch den Fluss, die Eisenbahn und die Straßenbahn abgetrennt. Auf der anderen Seite hat die Umgebung ein Potential in der Zukunft, zum Beispiel eine Parkanlage zu werden. Das wäre schön, aber jetzt steht sie sehr allein. Das gefällt mir nicht.“

Aber wer weiß schon, ob die Dekanatskirche in den kommenden Jahrhunderten nicht noch einmal umzieht.

 

Dieser Beitrag wurde am 12. Dezember 2009 gesendet. Heute konnten Sie seine Wiederholung hören.