Deutsche, böhmische und mährische Missionare gemeinsam in Südamerika

Die Amerika-Reisen der Jesuiten im 17. und 18. Jahrhundert verfolgten die Aufgabe, die dort lebenden Völker zur christlichen Religion zu bekehren. Der Heilige Stuhl in Rom war dem alleine nicht gewachsen. Daher wurden mehrere europäische Länder in das breit angelegte Projekt einbezogen. In der Neuen Welt trafen auch deutsche, böhmische und mährische Missionare aufeinander. Darüber erzählte kürzlich in einem „Kapitel aus der tschechischen Geschichte“ der deutsche Historiker Michael Müller von der Universität Mainz, der nach Informationen und Dokumenten in tschechischen Archiven suchte. Diesmal kommt eine tschechische Forscherin zu Wort.

Mit der Bekehrung der heidnischen Indios wurden zunächst die spanischen Könige beziehungsweise die spanische Kirche vom Papst beauftragt. Bald begann man damit, Missionare auch aus weiteren katholischen Ländern in das Projekt einzubeziehen. Für die Bewohner jener Länder, die nicht von den Habsburgern regiert wurden, war es allerdings offiziell untersagt, Gebiete der neuen spanischen Kolonien in Südamerika zu betreten. Markéta Křížová ist Dozentin am Institut für ibero-amerikanische Studien der Karlsuniversität in Prag und befasst sich seit Jahren mit diesem Kapitel der europäischen Geschichte. Zum Teil mit dem Fokus auf Böhmen und Mähren, die sich einst als Missionare in Südamerika betätigten. Von Tschechen konnte damals noch nicht die Rede sein:

„Ich spreche in der Regel über ´Missionare aus den Böhmischen Ländern“ oder ´Missionare aus der böhmischen Provinz der Gemeinde Jesu´. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kam es zu heftigen Streitereien zwischen tschechischen und deutschen Historikern. Auf beiden Seiten hat man die Missionare für sich reklamiert, um nachzuweisen, dass es gerade Angehörige der einen oder der anderen Nation waren, die die größten Erfolge bei ihren Missionsaktivitäten in Übersee erreichten. Dabei ist es sehr schwer, ihre Nationalität eindeutig zu definieren. Die allermeisten sprachen fließend beide Landessprachen.“

Dass sie sich als Böhmen oder Mährer bezeichneten, habe ihrem Gefühl der Landeszugehörigkeit beziehungsweise der Zugehörigkeit zu einem Verwaltungsgebiet entsprochen, behauptet Markéta Křížová. Interessant sei, dass sich die aus Böhmen oder Mähren stammenden Missionare prinzipiell spanisch schrieben. Zwar mit Fehlern und Germanismen, man habe sich aber auch sprachlich mit dem neuen Standort in Übersee identifizieren wollen. An einem konkreten Beispiel illustriert Křížová, wie schwierig es ist, die Nationalität der Missionare zu bestimmen:

„Als Böhme hat sich zum Beispiel Jan Neumann deklariert. Er wurde zwar in Prag geboren, seine Eltern waren aber Belgier. Sein Böhmertum leitete er von der Zugehörigkeit zur Böhmischen Provinz des Jesuitenordens ab und sah sich daher als einen Böhmen an.“

Josef Neumann wirkte auf dem Gebiet des heutigen Mexiko. Nun, wer waren die Missionare aus Böhmen, Mähren und Schlesien, die sich im Lauf von rund 250 Jahren nach Übersee versetzt haben? Markéta Křížová:

Zdeněk Kalista: „Reisen im Zeichen des Kreuzes“Zdeněk Kalista: „Reisen im Zeichen des Kreuzes“ „Nicht alle waren nur Priester. Außer diesen gingen auch so genannte Laienbrüder nach Übersee, die die Rolle des – sagen wir – technischen Personals übernahmen. Zu den bekanntesten gehörte zum Beispiel Šimon Boruhradský, der sich später auf Simon de Castro umbenannte. Als Architekt half er zum Beispiel in der Hauptstadt der Kolonie ´Neu-Spanien´, im heutigen Mexiko also, bei der Renovierung des königlichen Verwaltungsschlosses. Andere Ordensbrüder wirkten wiederum als Ärzte oder Apotheker, die Abhandlungen über amerikaniche Heilpflanzen verfassten.“

Man weiß relativ viel über die Missionare und ihr Leben, weil ein Teil von ihnen sehr fleißig im Schreiben war. Zu diesen gehörte zum Beispiel Jindřich Václav Richter:

„Seine Briefe hat der tschechische Historiker Zdeněk Kalista bereits in den 1940er Jahren in einem Sammelband mit dem Titel „Cesty ve znamení kříže“, (auf Deutsch: „Reisen im Zeichen des Kreuzes“) herausgegeben. Es ist interessant zu beobachten, wie sich Richters Wahrnehmung seiner Missionsaufgaben seit seiner begeisterten Ankunft in Amerika änderte. Er hat zunächst die Indios sehr idealisiert. Nach einigen Jahren schrieb er zunehmend über ihre eher negativen Eigenschaften. Letztlich wurde er - ich will nicht direkt sagen - ein Rassist, aber es ist ein sehr negatives Bild der Indios in seiner Darstellung.“

Misionare in AmazonienMisionare in Amazonien Zu den wohl bekanntesten Missionaren gehört Křížová zufolge Samuel Fritz, der die neuen Gebiete auf dem südamerikanichen Kontinent in Landkarten zu erfassen versuchte. Als überhaupt erster Kartograf zeichnete er eine Landkarte des Amazonas-Gebiets. Dabei versuchte er auch, die Quelle dieses Flusses zu lokalisieren. Das war aber ein Problem, weil der Amazonas-Strom durch den Zusammenfluss von mehreren Flüssen entsteht. Daher war es überhaupt nicht leicht zu bestimmen, welcher der relevante längste Hauptzufluss ist. Erst vor einigen Jahren haben tschechische Forscher von der Naturwissenschaftlichen Fakultät der Prager Karlsuniversität dasselbe versucht und waren erfolgreich. Der Expedition gelang es, die Fehler im Bericht, den Samuel Fritz um die Wende des 17. und 18. Jahrhunderts verfasst hatte, zu idenfizieren und die Amazonas-Quelle genau zu orten.“

Landkarte des Amazonas-Gebiets von Samuel FritzLandkarte des Amazonas-Gebiets von Samuel Fritz Für einige der aus Böhmen gen Amerika ausgewanderten Missionare ist auch der Wunsch in Erfüllung gegangen, den wohl viele - ungeachtet ihres geografischen Ursprungs - hegten, nämlich als Märtyrer zu sterben. Für Missionare aus den böhmischen Ländern habe die Entsendung nach Amerika noch eine weitere besondere Bedeutung gehabt, behauptet Markéta Křížová:

„Im Zusammenhang mit ihrer hussitischen Tradition haben die böhmischen Länder der frühen Neuzeit europaweit einen schlechten Ruf gehabt. Gerade ihr Gebiet gehörte zu den ersten, wo die Gemeinde Christi, der Jesuitenorden also, ihre Wurzeln schlug. Die Ordensbrüder kamen bereits zu Lebzeiten ihres Begründers, Ingatius von Loyola, nach Prag, von wo aus sie bald zur Mission in die ländlichen Gebiete Böhmens und Mährens aufbrachen. In ihren damaligen Berichten ist ähnliches Vokabular zu lesen wie in den Dokumenten der späteren Amerika-Missionen. Die Rede ist von einer ´Wildnis´ oder von ´Barbaren´, die die Grundprinzipien des christlichen Lebens nicht begriffen hätten. Für die Nachfahren derer, die damals hierzulande von Jesuiten zum Christentum bekehrt wurden, war es ein phantastisches Gefühl, selbst den wahren katholischen Glauben weiter verbreiten zu dürfen.“

Gedenktafel zu Ehren von Samuel FritzGedenktafel zu Ehren von Samuel Fritz Das war auch der Grund, warum böhmische und mährische Missionare oft das Angebot eines Universitätsamtes ablehnten. Viele von ihnen bewarben sich gezielt um eine Mission weit weg von den größeren Zentren der neuen Kolonien. Markéta Křížová:

„Uns steht eine ganze Reihe von Dokumenten zur Verfügung, die den spezifischen Wunsch beinhalten unter den härtesten Lebensbedigungen ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit aufopferungsvoll zu arbeiten. Eine Reihe von Missionaren ist tatsächlich an verschiedenen tropischen Krankheiten gestorben. Einer - das war eben Jindřich Václav Richter aus dem mährischen Prostějov - wurde bei einem Aufstand von Indios getötet. Außer den Märtyrern des Mittelalters und Jan von Nepomuk, die heilig gesprochen wurden, gilt Richter als der einzige böhmische Märtyrer seiner Zeit, dessen Name in verschiedenen in Europa, aber auch in Amerika veröffentlichten Huldigungsschriften erwähnt wurde.“

Amazonas-IndiosAmazonas-Indios Das Verhalten vieler Missionare war in der Tat nicht nur positiv. Es hatte auch seine Schattenseiten, räumt Markéta Křížová ein:

„Es war der kompromisslose Umgang eines Teils der Südamerika-Missionare mit den Einheimischen, namentlich mit Schamanen und Naturheilern. Aber auch ihre kompromisslose Position zu jedem Verstoß gegen den christlichen Moralkanon wie zum Beispiel in Frage der Polygamie. Kompromisslos war man zum Beispiel auch, wenn Einheimische nicht auf den Grundstücken der jeweiligen Mission arbeiten wollten. Das alles wurde sehr streng bestraft. In jedem Missionsstandort stand neben der Kirche auch ein Pranger als Symbol sowohl der geistlichen als auch der physischen Macht der Missionare.“

Dafür werden die Missionare, und natürlich nicht nur die aus den böhmischen Ländern, bis heute in der Fachliteratur sowie in der Publizistik gerügt. Das müsse man aber aus der Sicht der damaligen Zeit sehen, also im Kontext eines harten Wettstreits zwischen dem Katholizismus und dem Protestantismus, sagt die Expertin Křížová. Es ist auch zu bedenken, dass sich die Europäer damals selbst als Maßstab für alles betrachteten. Und auch die Missionare konnten nicht aus ihrem eigenen Schatten treten und die Grenzen der Gesellschaft, aus der sie hervorgegangen waren, überschreiten.