Der Rekordsturz von Vesna Vulović. Ein erfundenes Wunder?

War es tatsächlich eine Bombe kroatischer Nationalisten, wie die jugoslawischen Behörden rasch verkündeten? Oder hat ein technischer Defekt zu der Explosion in 10.000 Metern Höhe geführt? Auch 37 Jahre nach dem Absturz von Flug JU 367 über dem nordböhmischen Srbská Kamenice gibt es darüber nur Vermutungen. Klar hingegen scheint, dass die DC9 der jugoslawischen Fluggesellschaft JAT, die auf dem Weg von Kopenhagen nach Zagreb war, erst wenige hundert Meter über dem Boden auseinander gebrochen ist. So belegen es jedenfalls die Recherchen von Peter Hornung, dem scheidenden ARD-Korrespondenten in Prag. Seine Theorie: Die Maschine könnte irrtümlich abgeschossen worden sein, die Geschichte von der überlebenden Stewardess wurde nachträglich zum Wunder stilisiert. Vor kurzem wurde Hornungs Reportage in der ARD ausgestrahlt – und sorgte auch in tschechischen Medien für Widerhall.

Peter, du warst jetzt vier Jahre lang als ARD-Korrespondent in Prag. Während dieser Zeit hast du hauptsächlich aktuelle Berichterstattung aus Tschechien gemacht. Aber du hast auch lange an einem Stück recherchiert, das vor einigen Tagen von der ARD ausgestrahlt wurde und sich auf ein Ereignis vom 26. Januar 1972 bezieht. Worum geht es dabei genau?

„Die Geschichte, die ich erzähle, handelt von einem erfundenen Wunder. Am 26. Januar 1972 ist an der Grenze der damaligen Tschechoslowakei zur DDR ein jugoslawisches Flugzeug abgestürzt, angeblich aus zehn Kilometern Höhe. Eine Stewardess hat den Absturz überlebt. Die Frau steht im Guinness Buch der Rekorde, weil nie zuvor und nie danach ein Mensch einen solchen Sturz überlebt hat. Das ist eine faszinierende Geschichte, aber auch eine Geschichte, zu der es schon immer mehrere Versionen gab. Ich habe angefangen zu recherchieren, zu schauen, wie dieses Unglück eigentlich abgelaufen ist. Dabei bin ich relativ bald auf die Idee gekommen, dass die Erklärung, wie diese Frau überlebt hat, eigentlich gar nicht stimmen kann. Jemand, der aus zehn Kilometern Höhe zu Boden fällt, kann das nicht überleben. Ich bin also in die Archive gegangen, habe mit Zeugen gesprochen, und habe schließlich festgestellt, dass dieses Wunder erfunden wurde. Dass die Maschine nicht in zehn Kilometern Höhe auseinander gebrochen ist, sondern viel weiter unten.“

Jugoslawische Maschine DC-9 (Foto: ČTK)Jugoslawische Maschine DC-9 (Foto: ČTK) Die Überlebende heißt Vesna Vulović und lebt heute in Belgrad. Du hast sie dort besucht und mit ihr gesprochen. Sie kann sich an den Absturz selbst aber nicht erinnern, sie hat lediglich bruchstückhafte Erinnerungen an ihre Rettung. Wie viele Menschen waren insgesamt an Bord?

„28 Personen waren an Bord, 27 Tote waren zu beklagen.“

Was hast du nun über die Ursachen des Absturzes herausgefunden?

Jugoslawische Maschine DC-9 nach dem Absturz (Foto: ČTK)Jugoslawische Maschine DC-9 nach dem Absturz (Foto: ČTK) „Zunächst einmal habe ich festgestellt, dass das Flugzeug nicht in zehn Kilometern Höhe auseinander gebrochen ist, was die offizielle Version war. Diese Version stand auch im offiziellen Unfallbericht, der später der internationalen Zivilluftfahrtbehörde übersandt wurde. Das Flugzeug ist durch eine Verkettung unglücklicher Ereignisse und fataler Irrtümer abgestürzt. Auf zehn Kilometern gab es eine Explosion an Bord, ein Ereignis, das das Flugzeug aber nicht zerstört hat, sondern lediglich zwang, in den Sinkflug zu gehen. Die Piloten mussten eine Notlandung versuchen. Sie waren in diesem Moment nicht mehr in der Lage zu funken. Der Funkverkehr war gestört, die gesamte Bordstromversorgung war ausgefallen. Sie haben möglicherweise versucht, in Mimoň notzulanden. Darauf deutet zumindest die Flugbahn der Maschine hin. In Mimoň, ungefähr zwei bis drei Flugminuten von der Absturzstelle entfernt, gab es einen sowjetischen Militärflughafen. Das Flugzeug war im Anflug auf die Landebahn, es ist genau in diese Richtung geflogen. Aber im letzten Moment gab es ein zweites Ereignis, direkt über Srbská Kamenice, dem Absturzort. Die Zeugen haben auch gesagt, sie hätten zuerst die Triebwerke eines Flugzeugs gehört und dann einen Knall. Ein Zeuge, der relativ nah dran war, berichtet außerdem, dass er noch ein zweites Flugzeug gehört hat. Das führt uns zu der Annahme, dass diese Maschine im letzten Moment von einem Kampfjet abgeschossen wurde, möglicherweise von einem Kampfjet der tschechoslowakischen Luftwaffe. Aber das ist wie gesagt nur eine Annahme, es steht so nicht in den Akten.“

Vesna Vulović (Foto: ČTK)Vesna Vulović (Foto: ČTK) Um diese Zeit gab es ja ein Gipfeltreffen des Warschauer Paktes in Prag.

„Ja, am 25. und 26. Januar 1972 trafen sich in Prag alle Warschauer-Pakt-Führer. Bei dem Treffen ging es um die zukünftige Sicherheitsordnung Europas. Das war im Vorfeld der SALT-Verhandlungen zur Rüstungsbegrenzung. Alle Staatschefs waren am Nachmittag des 26. Januar 1972 auf Heimreise, außer Leonid Breschnew, der erst zwei Tage später in Moskau angekommen ist. Die tschechoslowakische Luftwaffe war in diesem Moment höchst nervös. Das haben uns auch ehemalige Piloten bestätigt. Immer wenn Staatschefs in der Luft waren, war das eine Ausnahmesituation. Und wenn alle Staatschefs gleichzeitig in der Luft waren, dann war das ein absoluter Ausnahmefall.“

Vesna Vulović im Krankenhaus nach dem Flugzeugabsturz 1972 (Foto: ČTK)Vesna Vulović im Krankenhaus nach dem Flugzeugabsturz 1972 (Foto: ČTK) Einen schlagenden Beweis dafür, dass das Flugzeug abgeschossen wurde, hast du nicht. Bist du im Zuge deiner Recherchen auch mit Versuchen konfrontiert worden, das Gegenteil zu behaupten oder zu beweisen?

„Nein. Es gibt zwar Leute, die das allgemein anzweifeln, aber wir haben für unsere Geschichte Beweise. Nämlich für die Geschichte, dass dieses Wunder erfunden wurde, und dass die Maschine erst über Srbská Kamenice auseinander gebrochen ist. Einige Zeugen sagen, sie haben das ganze Flugzeug gesehen. Einer sagt sogar, er habe gesehen, wie es auseinander gebrochen ist. Außerdem gibt es eine Karte des Trümmerfeldes. Dieses Trümmerfeld ist viel zu klein für einen Absturz aus großer Höhe. Die drei Hauptteile liegen in einem Dreieck, dessen Schenkel jeweils nur einen Kilometer lang sind. Das ist ein sehr enger Bereich. Flugunfallexperten sagen, dass das Flugzeug eindeutig aus niedriger Höhe abgestürzt ist. Auch die Verletzungen der Opfer ähneln denen von Menschen, die von einem Hochhaus gefallen sind, und nicht aus zehn Kilometern Höhe. Und es gibt noch zahlreiche andere Beweise und Indizien, die zeigen: Der Hergang des Absturzes war ein ganz anderer.“