Das Tonarchiv des Tschechischen Rundfunks (Teil 2)

02-08-2003

Auch heute möchten wir Sie in das Archiv des tschechischen Rundfunks einladen und Ihnen die Arbeit sowie weitere Schätze aus diesem vorstellen. Erinnern Sie sich noch an Rusalka in Esperanto - eine der Kuriositäten, die sich im Prager Archiv finden lassen:

"1930 entstand das Schallplattenarchiv, in dem die Platten, von denen gesendet wurden, erfasst und gesammelt wurden. Vieles war reiner Zufall - so entstand z.B. das Archiv der Rundfunkvorlesungen deshalb, weil man die Manuskripte brauchte, um das Honorar auszuzahlen - deswegen ist der Rundfunk heute im Besitz zahlreicher Handschriften bedeutender Autoren der Zwischenkriegszeit."

Nur einige Aufnahmen sind von jenen Sendungen für die deutsche Minderheit erhalten, wie z.B. eine Weihnachtssendung mit der Ansprache des tschechoslowakischen Präsidenten Edvard Benes an die deutschen Mitbürger aus dem Jahre 1936:

"Wenn in diesem Augenblick der Weihnachtsbaum in allen Teilen unserer Republik erstrahlt, dann verbindet uns all die Freude eines der schönsten Feste des Jahres. Weihnachtsglocken erklingen über alle räumlichen Trennungen hinweg wie der Künder einer Friedensbotschaft, und wir sind glücklich, in dieser Stunde der Friedensklänge eine Ansprache unseres Staatsoberhauptes, des Präsidenten der Tschechoslowakischen Republik Dr. Edvard Benes senden zu können. (Moderator) Benes: Teure Mitbürger, wir haben ein bewegtes, sehr bewegtes Jahr durchlebt, vielleicht das bewegteste seit dem Kriegsjahr..."

Auch wenn kaum Aufnahmen der Sendungen für die deutsche Minderheit aus der Vorkriegszeit existieren, so sollen doch im schriftlichen Archiv die Texte und Sendebücher vorhanden sein.

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann man, Ordnung in all das Material zu bringen, das sich im Laufe der Jahre angesammelt hatte.

"Zunächst wurden Fonds getrennt in den einzelnen Abteilungen angelegt, z.B. Musikfonds, politische, literarische Fonds. In den 50er Jahren begann man dann, alles zu konzentrieren - man kann sagen, dass damals ein wirkliches Archiv entstanden ist. Das ist dann 1978 nach Prerov an der Elbe in ein wunderschönes Schloss umgezogen. Von dort ist es vor drei Jahren in das neue Studiohaus in Prag umgezogen, in dem in den Kellergeschossen neue, klimatisierte Räumlichkeiten für das Archiv entstanden sind. Genau 101 Kleinlastwagen haben wir beladen und in Prag wieder entladen!"

Der Umzug war von großem Vorteil für alle, die gerne Archivmaterial benutzen. Früher fuhr zwei Mal in der Woche ein Auto in das ca. 20km von Prag entfernte Prerov und brachte Tonbänder in die Stadt - bestellen konnte man nur telefonisch, wer den Katalog sehen wollte, musste nach Prerov fahren. Das hat sich heute geändert:

"Heute kann man jeden Tag etwas bestellen und abholen. Ausserdem gibt es im neuen Studiohaus einen Raum, in dem man bestelltes Material ansehen bzw. hören kann. Jeder Bürger der Tschechischen Republik kann sich hier Material bestellen, Ausländer brauchen dazu allerdings eine besondere Erlaubnis."

In der Tschechoslowakei kam es wiederholte Male zu politischen Kehrtwendungen - 1948 kamen die Kommunisten an die Macht, 1968 wurde der Prager Frühling gewaltsam beendet - wie hat das Archiv diese Wenden überlebt?

"Die Gerüchte darüber, das Tondokumente vernichtet wurden, habe ich nach dem November 1989 auch gehört. Aber ich kann sagen, das ist nie passiert: was einmal im Archiv war, das blieb auch dort. Natürlich gab es auch Bemühungen, dass einige Dinge erst gar nicht ins Archiv gelangten, aber das ist etwas anderes - im Archiv wurde nie etwas wissentlich vernichtet."

Soweit Frau Novakova. Und so sind nicht nur Aufnahmen der ruhmvollen Geschichte des Rundfunks erhalten - wie z.B. vom Mai 1945 oder August 1968, sondern auch der weniger ruhmvollen Geschichte der 50er oder 70er Jahre.

In den 50er Jahren wurde der Rundfunk dazu genutzt, politische Schauprozesse live zu übertragen, die dann landesweit von Arbeitern und Angestellten angehört werden mussten. In den 70er Jahren wiederum wurde auch im Rundfunk gegen die Charta 77 gewettert.

Vom 17. November 1989 und den nachfolgenden zwei Tagen existieren im Archiv abgesehen von offiziellen Nachrichten über öffentliche Unruhestörung und antisozialistische Elemente erstaunlicher Weise keine Aufnahmen.

"1989 spielte der Rundfunk keine so ruhmreiche Rolle wie 1945 oder 1968. Zunächst wurde nicht wahrheitsgemäß darüber berichtet, was passiert. Man kann nicht sagen, dass zensiert wurde, vielmehr existierte eine Autozensur. Außerdem hatten die Chefredakteure ihre Anweisungen, was gesendet werden durfte und was nicht und so existieren von den ersten Tagen im Archiv wirklich nur die offiziellen Meldungen."

Und wie sieht die Arbeit heute im Archiv aus? Dazu noch einmal Frau Novakova:

"Heute archivieren wir im Grunde genommen alle Nachrichten und publizistischen Sendungen- das sind genau sechs Stunden täglich. Eigentlich ist der Platz, der dem Archiv zugemessen wurde, schon voll. Nun beginnen wir mit der Digitalisierung nicht nur des Tonarchivs sondern auch der schriftlichen Materialien - neue Sendungen werden bereits auf diese Weise archiviert."

02-08-2003