Das Lausitzer Seminar – ein bedeutendes Denkmal sorbisch-tschechischer Geschichte

02-05-2009

Im Stadtzentrum von Prag, nahe der Moldau, befindet sich die kleine Gasse „Zum Lausitzer Seminar“. Sie erinnert an ein Gebäude, das ein Symbol der sorbisch-tschechischen Freundschaft wurde. Diese Freundschaft besteht seit der frühen slawischen Geschichte und dauert bis heute an.

Die Tschechen und die Sorben, manchmal auch Wenden genannt, haben sich aus alten slawischen Stämmen entwickelt. Diese slawischen Stämme siedelten vor mehr als 1000 Jahren in Mitteleuropa. Ihre Sprachen waren anfangs sehr ähnlich, erst seit dem 14. Jahrhundert entstanden daraus schrittweise das Tschechische, Sorbische und Polnische. Im Mittelalter war das Siedlungsgebiet der Sorben, die Lausitz, sogar Bestandteil des böhmischen Königsreichs. Johann von Luxemburg nahm 1320 Bautzen ein. Sein Sohn Kaiser Karl IV. ordnete den deutschen Kurfürsten an, die slawische Sprache zu lernen und auch ihre Kinder in diesem Sinne zu erziehen. Dazu Petr Kaleta vom tschechischen Freundeskreis Lausitz:

„Diese Periode zeichnete sich durch einen engen kulturellen Austausch zwischen beiden Völkern aus. Viele Studenten aus der Lausitz gingen vor allem nach Prag, aber auch in andere böhmische Städte und erwarben dort ihre Ausbildung. Dies war nicht ungewöhnlich, weil Prag damals als Hauptstadt Mitteleuropas galt. Es kamen vor allem Priester, die nach dem Studium in ihre Heimat zurückkehrten und in der Lausitz dann die slawische Sprache verbreiteten.“

So oder so ähnlich blieb es fast bis Mitte des 17. Jahrhunderts. 1635 traten aber die Habsburger die Lausitz an das protestantische Sachsen ab. Bedingung war aber, dass das Gebiet westlich von Bautzen katholisch blieb und dass die dortigen Gemeinden dem wendischen Kloster Marienstern zufallen. Diese Katholiken blieben dem Prager Erzbischof untergeordnet. Für die Priester entstand jedoch ein Problem. Sowohl in Sachsen, als auch in Prag gab es keine theologische Schule, an der Sorbisch gelehrt wurde. Petr Kaleta:

„An der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert gründeten die wendischen Brüder Šimanec eine Stiftung, um zwölf jungen Männern das Studium der katholischen Theologie zu ermöglichen. 1726 wurde der Grundstein für das Gebäude des Lausitzer Seminars in Prag gelegt. Diese Schule diente jedoch nicht nur zum Unterricht, sondern auch als Treffpunkt für die bedeutenden nationalen Erwecker von damals. Stammgast war dort zum Beispiel Václav Hanka, ein gelehrter tschechischer Philologe und Sorabist, der in die Geschichte leider vor allem als Fälscher von Handschriften eingegangen ist. Dorthin kamen auch der tschechische Dichter Karel Jaromír Erben und der slowakische Philologe Martin Hatala. All diese Leute haben das sorbische Selbstbewusstsein sehr beeinflusst. Die bedeutende Mehrheit – vielleicht 80 bis 90 Prozent der sorbischen nationalen Erwecker - haben am Lausitzer Seminar in Prag studiert, zum Beispiel der Schriftsteller Jan Pietr Jordan, Jakub Barth Čišinski, Michal Hórnik, Jan Skala und viele andere.“

Das Seminar bestand bis 1923. Dann wurde das Bistum Meißen neu gegründet und der dortige Bischof Christian Schreiber sagte, er wolle mit den „slawischen Winkelzügen“ Schluss machen. Schreiber verkaufte das Gebäude des Seminars an die Stadt Prag. Er war nicht gerade ein Freund der Sorben, sagt Jurij Luščansky, Referent für kulturelle Angelegenheiten im sorbischen Verband Domowina:

„Bischof Schreiber wurde dafür bekannt, dass er nach seiner Anstellung zum Bischof der Lausitz bei seinem Antrittsbesuch in Crostwitz, also in einer der größten sorbischen katholischen Gemeinden, auf die Kanzel gestiegen ist und dort gesagt hat: ´Ich komme zu Ihnen als Deutscher.´ Das war er und das ist er geblieben. Da es Proteste gegeben hätte von den Sorben, hat er dies nicht weiter publik gemacht. Dies wurde erst bekannt, als das Seminar bereits verkauft worden war.“

Die Freundschaft zwischen Sorben und Tschechen wurde dadurch jedoch nicht berührt. Im Gegenteil: Die tschechoslowakische Regierung verpflichtete sich, jährlich einigen sorbischen Studenten das Studium an der Prager Universität zu finanzieren. Sie hielt diese Zusage bis 1938. Nach der Machtergreifung der Nazis in Deutschland im Januar 19333 flohen zudem mehrere Sorben in die demokratische Tschechoslowakei. Große Verdienste um die tschechisch-sorbische Kontakte hatte auch der erste tschechoslowakische Präsident Tomáš Garrigue Masaryk. Am Ende des Ersten Weltkriegs hatte er sogar die Idee, die Lausitz entweder der Tschechoslowakei anzuschließen oder sie als neuen selbständigen Staat zu schaffen. Nichts davon hat sich zwar erfüllt, aber Masaryk lagen die Sorben weiterhin sehr am Herz.

„Masaryk war gut bekannt bei den Sorben. Er hat in Leipzig studiert und ein Kommilitone, der Sorbe Pech, begleitete ihn auch in die Lausitz. Er kannte also die Sorben aus seiner Studentenzeit. Und den einzigen Staatsakt, den die Sorben je erlebt haben war, war die Einladung von Masaryk auf die Parger Burg an eine sorbische Delegation. Und eine kleine sorbische Abordnung nahm auch an dem Sokol-Treffen 1923 teil und zog in das Stadion in Prag ein. In diesem Moment ist wohl der deutsche Botschafter sitzen geblieben und Masaryk hat seinem Adjutanten gesagt, er solle sofort hingehen und dem Botschafter sagen, er habe aufzustehen“, schildert Luščansky.

Masaryks Absicht, die Lausitz als Präsident offiziell zu besuchen, zeigte sich bald als unrealistisch. Doch seine große Autorität unter den Tschechen ermöglichte ihm, viele Sachen zugunsten der Lausitz durchzusetzen. Er hat sich beispielsweise dafür eingesetzt, dass das tschechische Nationalmuseum in Prag die Bilder von Ludvík Kuba kaufte. Dieser Maler verbrachte in den 20er Jahren einige Zeit in der Lausitz und hat dort viele Bilder mit sorbischen Motiven geschaffen. Die Sorben waren in der Zwischenkriegszeit allgemein sehr populär, sagt Jurij Luščansky:

„Zu Tausenden wurden Tschechen Mitglieder im ´Freundeskreis Lausitz´ – es war eine Bewegung mit mehreren Ortsgruppen in der Tschechoslowakei. 1937 wurde in Jabkenice eine große Ausstellung der sorbischen Kunst gezeigt. Diese Ausstellung beschäftigte sogar die ´Wendenabteilung´ in Bautzen und die Regierung in Berlin, weil dort auch zwei gegen die Nazis gerichtete Karikaturen gezeigt wurden. Diese Karikaturen mussten dann entfernt werden.“

Dass die Tschechen den Sorben wirklich am nächsten stehen, das zeigte sich auch nach dem Zweiten Weltkrieg. Damals kamen viele Sorben in die Tschechoslowakei, vor allem nach Nordböhmen. 1945 gründete die Regierung für die Kinder dieser Zuwanderer das wendische Gymnasium. In den nächsten fünf Jahren eröffnete das Gymnasium Klassen in Česká Lípa / Böhmisch Leipa, Varnsdorf / Warnsdorf und Liberec / Reichenberg. Die Mehrheit der Schüler kehrte später in die Lausitz zurück und wurde Kern einer neuen Generation der sorbischen Intelligenz. Auch das Gebäude des ehemaligen Seminars in Prag wurde teilweise seinem ursprünglichen Zweck wieder zugeführt, sagt Petr Kaleta vom „Freundeskreis Lausitz“.

„Das Haus wurde 1945 Sitz des ´Freundeskreises Lausitz´ und diente bis 1956 als Studentenwohnheim für die in Prag studierenden Sorben. Die kommunistischen Politiker entschieden aber dann, das Studium der Sorabistik von Prag nach Leipzig zu verlagern. Die einzigartige sorbische Bibliothek blieb allerdings im ehemaligen Seminargebäude. Dort fanden zudem Vorträge, Ausstellungen und andere Veranstaltungen zu sorbischen Themen statt. So konnte der 1907 gegründete „Freundeskreis Lausitz“, einer der ersten slawischen Verbände, seine Tätigkeit fortsetzen.“

Erst 2002 geriet die sorbische Bibliothek in eine Notlage. Das Hochwasser im August beschädigte viele Bücher, und weitere Werke mussten provisorisch an verschiedenen Orten in Prag untergebracht werden. Das Schulministerium als Eigentümer des Gebäudes zeigte danach kein Interesse, die Bibliothek wieder aufzubauen. Erst in diesem Jahr hat sich dies geändert. Die Wiedereröffnung der Bibliothek und die Rückkehr des Freundeskreises ins ehemalige Lausitzer Seminar soll im Juni stattfinden.

02-05-2009