Das Ende des Zusammenlebens: Vertreibung und Aussiedlung der Deutschen

06-02-2016

Es ist bis heute eines der kontroversesten Themen in der tschechisch-deutschen Geschichte. In Tschechien ist vom „odsun“ die Rede, also von der Abschiebung der deutschsprachigen Bevölkerung. In Deutschland und Österreich heißt es Vertreibung. Vor 70 Jahren begann der sogenannte „organisierte Transfer“ der deutschsprachigen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei. Ende Januar 1946 fuhr ein Zug mit über 1000 Menschen von Marienbad in die amerikanische Besatzungszone auf deutschem Boden. Bis Herbst des Jahres waren die meisten Deutschböhmen und Deutschmährer ausgesiedelt. Doch begonnen hatte die Vertreibung unmittelbar mit Kriegsende. Ein Beitrag über Schicksale und Mythen.

Helmut Schöler (Foto: Archiv der Firma Brand)Helmut Schöler (Foto: Archiv der Firma Brand) Helmut Schöler wurde in Haida (Tschechisch: Nový Bor) in Nordböhmen geboren. Sein Vater leitete eine Glasfabrik. Nach Kriegsende war Helmut Schöler 15 Jahre alt. Noch im Sommer 1945 wurde seine Familie aus ihrer Heimat vertrieben. Der Vater war aber kurz zuvor von einem tschechischen Bekannten gewarnt worden. Am 10. August kam das Vertreibungskommando. Am Abend vorher hatten die Schölers alle Wertsachen schon bereitgelegt für die Übergabe.

„Mein Vater hatte etwas Übergewicht. Und sein Ehering war eingewachsen, er konnte also nicht mehr vom Finger gezogen werden. Es waren vielleicht nur Gerüchte, aber ich fürchte, es waren nicht nur Gerüchte: Die Gefahr bestand, falls er bei der Kontrolle am Sammelplatz diesen Ring nicht abziehen konnte, dass dann eventuell sein Finger verloren gewesen wäre. Da habe ich damals an dem Abend den Ehering abgefeilt, und wir haben ihn zu den anderen, relativ wenigen Wertgegenständen und dem Bargeld gelegt.“

Nový Bor / HaidaNový Bor / Haida Diese Erinnerung habe sich ihm sehr eingeprägt, sagt Helmut Schöler. Als am Folgetag das Kommando kam, übergaben sie die Schlüssel, die Haustür wurde versiegelt. Dann gingen seine Eltern mit ihm, der jüngeren, sechsjährigen und der älteren, 20-jährigen Schwester zum Sammelplatz. Es war die Turnhalle an der Stadtgrenze in Richtung Böhmisch Leipa (Tschechisch: Česká Lípa). Dort waren bereits viele weitere Sudetendeutsche aus Haida versammelt. 30 Kilo Gepäck pro Person war ihnen erlaubt mitzunehmen, in der Turnhalle wurde ihnen davon aber noch ein guter Teil abgenommen.

Berüchtigtes Lager in Böhmisch Leipa

Česká Lípa / Böhmisch LeipaČeská Lípa / Böhmisch Leipa Die Schölers erwarteten, wie schon vorher andere über die Grenze nach Sachsen marschieren zu müssen. Doch stattdessen wurden sie bei glühender Hitze über die Landstraße nach Böhmisch Leipa getrieben. Darunter viele alte Menschen und kleine Kinder. Dort kamen sie in ein berüchtigtes Lager nicht nur für die Aussiedler, in dem Lager war es auch zu Folterungen gekommen. Jene, die vertrieben werden sollten, wurden zwar anders behandelt – dennoch gab es viele Tote:

„Als Fünfzehnjähriger ist man – vielleicht kann man das so sagen – fast ein bisschen gefühllos. Ich selbst habe also keine schrecklichen Erinnerungen. Aber ich habe alles registriert, was um mich herum vorging – beispielsweise dass in der Nachbarbaracke, es war eine Waschbaracke, jeden Morgen zwanzig Leichen lagen. Das waren alte Menschen, die von der Rübensuppe und dem weiteren Essen nicht überleben konnten. Und innerhalb weniger Wochen alle Kleinkinder.“

Vertriebene (Foto: Bundesarchiv, Bild 146-1985-021-09 / CC-BY-SA)Vertriebene (Foto: Bundesarchiv, Bild 146-1985-021-09 / CC-BY-SA) Auch seine kleine Schwester erkrankte dort lebensgefährlich, hatte aber Glück.

Bis Anfang November blieb die Familie im Lager von Böhmisch Leipa. Dann kamen die Schölers nach Sachsen als Vertriebene. Vater Schöler schaffte es aber, im Ort Gehren bei Ilmenau in Thüringen eine neue Existenz aufzubauen. Und zwar, indem er die Glasindustrie aus seiner nordböhmischen Heimat dort hinbrachte. Er stellte frühere Arbeiter ein, die ebenfalls vertrieben worden waren.

Erste Pläne in der Sudetenkrise

Tomáš Dvořák (Foto: Archiv der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik)Tomáš Dvořák (Foto: Archiv der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik) Es sind rund drei Millionen Deutsche, die 1945/46 aus der Tschechoslowakei vertrieben wurden. Die Idee, diesen Teil der Bevölkerung auszusiedeln, kam aber nicht erst mit dem Ende des Kriegs auf. Sie entstand schon 1938, als beide Völker am Ende der Verständigung angelangt waren. Tomáš Dvořák ist Historiker an der Brünner Masaryk-Universität:

„Den ersten Plan, einen Teil der Bevölkerung aus den sogenannten Sudetengebieten abzuschieben, gab es bereits während der Krise rund um das Münchner Abkommen. Damals überlegten die tschechoslowakische Regierung beziehungsweise Präsident Beneš, einen Teil des Staatsgebietes abzutreten und damit auch einen Teil der deutschen Bevölkerung. Während des Zweiten Weltkriegs wurde dieser Plan nach und nach abgeändert. Je stärker die Position der Tschechoslowakei im Exil wurde, desto größer und umfassender wurden die Aussiedlungspläne. Bis daraus zum Schluss die Aussiedlung der gesamten deutschen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei wurde.“

Edvard Beneš (Foto: Library of Congress, Public Domain)Edvard Beneš (Foto: Library of Congress, Public Domain) Als Staatspräsident Edvard Beneš zurückkehrte in die Tschechoslowakei, hielt er seine erste Rede am 12. Mai 1945 in Brno / Brünn. Beneš sagte, dass die Regierung in Prag sich 1938 bemüht habe um eine Übereinkunft mit der deutschsprachigen Bevölkerung. Doch stattdessen habe diese den tschechoslowakischen Staat verraten. Nach jener Erfahrung und der Erfahrung der Kriegsgräuel erschienen die Deutschen den Tschechen wie Ungeheuer, so Beneš. Und weiter:

„Glauben Sie, dass es möglich ist, mit den Deutschen noch einmal übereinzukommen? Um dann in zehn oder zwanzig Jahren erneut die fürchterlichen Kriege zu erleiden, die fürchterlichen Katastrophen? Nein, diese alte Politik, die alten Erfahrungen werden wir nicht wiederholen. Wir haben uns daher gesagt, dass wir das deutsche Problem in unserer Republik definitiv beseitigen müssen.“

Der Mythos von Potsdam

Potsdamer Konferenz (Foto: Public Domain)Potsdamer Konferenz (Foto: Public Domain) Obwohl sich die tschechoslowakische Regierung also definitiv für die Vertreibung entschieden hatte, bestand keine wirkliche Rechtsgrundlage dafür. Historiker Dvořák:

„Eine Art Voraussetzung für die Aussiedlung bildete das Verfassungsdekret von Präsident Beneš vom 2. August 1945. Mit diesem Dekret wurde der deutschen Bevölkerung in der Tschechoslowakei en bloc die Staatsangehörigkeit entzogen. Damit unterlagen sie praktisch der Aussiedlung, ohne dass diese auch noch per Gesetz angeordnet wurde. Dadurch entstand in unserem Land der Mythos von Potsdam. In einem Teil der tschechischen Gesellschaft hält sich der Glauben, dass die Alliierten bei der Potsdamer Konferenz die Aussiedlung entschieden hätten. Das ist aber nicht wahr. Die tschechoslowakische Regierung war entschlossen, die Aussiedlung mit jeglichen Mitteln in größtmöglichem Umfang durchzuführen, und das auch ohne internationale Zustimmung.“

Vertreibung (Foto: Bundesarchiv)Vertreibung (Foto: Bundesarchiv) Die Aussiedlung der deutschen Bevölkerung verlief, grob gesagt, in zwei Phasen, beginnend mit der sogenannten „wilden Vertreibung“.

„Es ist aber nicht wahr, dass es sich dabei nur um spontane Vertreibungsaktionen gehandelt hat. Die meisten Deutschen, die 1945 vertrieben wurden, kamen in Transporte, die von der tschechoslowakischen Armee organisiert waren. Und das aufgrund zentraler Befehle. Ab Januar 1946 begann dann der sogenannte geregelte Transfer, beendet wurde er zu Ende des Jahres. Symbolisch geschah dies am 28. Oktober 1946, obwohl noch einige Transporte nach diesem Datum erfolgten. Danach wurde die Aussiedlung offiziell unterbrochen, und das vor allem von amerikanischer Seite, obwohl sie nach den Berechnungen eigentlich noch eine gewisse Zahl Deutscher aufnehmen sollte. Das Kontingent der sowjetisch besetzten Zone war bereits ausgeschöpft. Es ging dann um eine Wiederaufnahme der Aussiedlung ab Frühjahr 1947, aufgrund der internationalen politischen Lage kam es aber dazu nicht mehr. Es kam nur noch zu ergänzenden Teilabschiebungen“, so Tomáš Dvořák.

Todesfälle in jeder Ortschaft

Vertreibung (Foto: Bundesarchiv)Vertreibung (Foto: Bundesarchiv) Gestritten wird bis heute über die Zahl der Vertreibungsopfer. Die Historiker sind sich mittlerweile sicher, dass die wenigsten Toten direkt mit der Vertreibung zusammenhängen – sondern eher mit Racheaktionen in den unmittelbaren Nachkriegsmonaten. Historiker Dvořák:

„Ich glaube, man liegt nicht weit von der Realität entfernt, wenn man sagt, dass in jeder Ortschaft im Grenzgebiet im Jahr 1945 jemand aus der Zivilbevölkerung ums Leben gekommen ist. Das waren einzelne Todesfälle genauso wie Morde an einer ganzen Gruppe Menschen.“

Massaker in PostelbergMassaker in Postelberg Opfer der Morde waren auch viele Zivilisten. Das vielleicht bekannteste Massaker ist das in Postelberg (Tschechisch: Postoloprty) mit fast 800 Ermordeten. Auch Helmut Schöler hat eine solche Mordtat mitbekommen:

„Es gab in Haida am 2. Juli ein Massaker, bei dem acht Deutsche in aller Öffentlichkeit erschossen wurden.“

Tomáš Dvořák glaubt, dass die Exzesse den tschechoslowakischen Politikern eine gewisse Zeit lang sogar in die Karten gespielt haben – um die deutsche Bevölkerung in die Flucht zu schlagen.

Foto: Bundesarchiv, Bild 183-W0911-501 / CC-BY-SAFoto: Bundesarchiv, Bild 183-W0911-501 / CC-BY-SA „In den ersten Tagen und Wochen versuchte kaum einer der Verantwortlichen, der Politiker, den Exzessen Einhalt zu gebieten. Dabei ist belegt, dass die Spitzenpolitiker über die Lage in Kenntnis waren. Erst aufgrund internationaler Reaktionen begannen Stimmen laut zu werden, die die Grausamkeiten verurteilten und sie versuchten zu verhindern.“

Der Weg in den Westen als glückliche Fügung

Gewalt hatte also Gegengewalt geboren. Und wie immer litten auch viele Unschuldige darunter. Doch das Schicksal der Menschen ist individuell. Was denkt also Helmut Schöler heute über die Vertreibung?

SudetengebieteSudetengebiete „Vieles aus der Zeit ist ambivalent. Ich war 15 Jahre alt, war noch beim Volkssturm und sollte die Russen bekämpfen. Wir wurden an der Panzerfaust ausgebildet. Glücklicherweise ist der Krieg einen Tag, bevor wir eingesetzt werden sollten, zu Ende gegangen. Ich hätte den Krieg also wohl nicht überlebt. Mir ist voll bewusst, welche Verbrecher uns damals missbraucht haben, uns Kinder, uns 15-Jährige. Und mir ist bewusst, dass die Reaktion der Tschechen nicht aus heiterem Himmel kam, sondern dass das alles eine intensive Vorgeschichte hat, die mir sehr bewusst ist und weit ins 19. Jahrhundert hineinreicht.“

Helmut Schöler hatte übrigens Glück. Bereits 1947 setzte er sich aus der Sowjetzone in den Westen ab – und der Rest der Familie nutzte später die Möglichkeit zur Flucht über Westberlin. Deswegen sagt Helmut Schöler sogar:

„Für uns war die Vertreibung letztendlich ein Segen. Ich kam nach Westdeutschland, die Welt war offen, ich konnte Unternehmer werden und war erfolgreich. Ich habe inzwischen hier 70 gute Jahre gehabt. Andererseits ist Nordböhmen immer noch meine Heimat.“

06-02-2016