Das Ende der Zweiten Republik: Emil Hacha und der 15. März 1939

17-03-2007

Das tschechische Volk erlebte nach der Unterzeichnung des Münchener Abkommens am 29. September 1938 sehr schwierige Zeiten. Niemand in der Tschechoslowakei hatte damals nur eine annähernde Vorstellung davon, was für Pläne Hitler schon für die nahe Zukunft geschmiedet hatte. Über einige der dramatischen Momente, von denen die letzten Tage der Zweiten Tschechoslowakischen Republik geprägt waren, sprach Dana Martinova mit dem Historiker Robert Kvacek.

März 1939März 1939 Über das Schicksal der ab Oktober 1938 nur noch getrennt geschriebenen Tschecho-Slowakei, wurde damals vor allem in Berlin entschieden. Der Druck aus Berlin hatte unablässig zugenommen und die tschechoslowakische Regierung sah sich bald außerstande, diesem Druck die Stirn zu bieten. Ein Grund dafür war die ernste innenpolitische Lage. Diese Situation hatten vor allem die nationalistischen und faschistischen Politiker in der Slowakei und in Karpatenrussland ausgenutzt, um ihre Landesteile von der nunmehr Zweiten Republik abzuspalten.

"Für Hitler war der im Münchener Abkommen vom 29. September 1938 festgeschriebene Gewinn des Sudetenlands eigentlich nur ein halber Sieg. Hitler wollte nämlich schon im Jahr 1938 die Tschechoslowakei als Staat vollkommen liquidieren. Das war ihm aber nicht gelungen. Darum hat er gleich nach der Unterschrift von München Überlegungen angestellt, wie er dieses Ziel erreichen kann. Dazu hat er einige Male das Szenarium sowie seine Partner und Verbündeten gewechselt. Er wollte diese Angelegenheit aber nicht mit einem Militärschlag lösen, auch wenn die deutsche Wehrmacht in das Gebiet des tschechischen Reststaats einmarschieren sollte."

Bis Mitte März 1939 sollte die Sache erledigt sein. Hitler rechnete bei seinem Vorhaben mit keinem größeren Widerstand von Seiten der Weststaaten, weshalb er sich schließlich auch nicht an das Münchener Abkommen hielt. In den Märztagen von 1939 änderte sich auch grundlegend die Rolle des tschechoslowakischen Präsidenten Emil Hacha. Man kann sagen, dass Hacha in dieser Zeit zu einer tragischen Figur der Geschichte wurde. Er war nämlich im Oktober 1938 auf Geheiß der damaligen Parteien nur deshalb zum Präsidenten gewählt worden, weil er ein Mensch ohne machtpolitische Ambitionen war, der den Staat nur repräsentieren sollte. Mitte März 1939 aber hat Hacha dann doch politische Entscheidungen getroffen. Allerdings auf einer sehr diffizilen Grundlage, da die Möglichkeiten der Tschechoslowakei zu diesem Zeitpunkt schon sehr schwach waren.

"Hacha wollte zu dem Zeitpunkt zu Hitler fahren, als sich der deutsche Druck auf die Slowakei, sich vom tschechoslowakischen Staat zu trennen, verstärkte. Am 13. März bot Hacha dem Reichskanzler an, zu ihm nach Deutschland zu kommen. Aber sein Vorschlag blieb ohne Antwort. Erst am Nachmittag des 14. März sagte Hitler zu. An diesem Tag hatte Hitler schon aus Bratislava erfahren, dass sich die Slowakei von Tschechien getrennt hatte. Er konnte so sein vorbereitetes Szenarium nochmals modifizieren und um eine direkte Verhandlung mit Hacha ergänzen."

Auch die Zweite Republik hörte auf zu existieren. Am Mittag des 14. März rief das slowakische Parlament den selbständigen Slowakischen Staat aus, das Gebiet des ehemaligen Karpatenrusslands wurde von der ungarischen Armee besetzt. Der Weg zur deutschen Okkupation von Böhmen und Mähren war somit frei.

"Hacha war am 14. März kurz vor Mitternacht in Berlin eingetroffen und wurde nur wenig später von Hitler empfangen. Hier aber bekam Hacha die Ultimaten zu hören, die Hitler ursprünglich nach Prag senden wollte. Wie Hitler mit Hacha verhandelte, das wissen wir aus dem Zeugnis des Dolmetschers Paul Schmidt. In seinen Memoiren hat Schmidt geschrieben: ´Das, was Hitler vorgeführt hat, war eine große und heftige Anklage gegen die Tschechen. Nichts habe sich im Vergleich zum Benes-Regime geändert. ... Das sei aber Hacha nicht zum Vorwurf zu machen, ihn halte er für loyal´. Über die Tschechen und über Benes konnte Hitler offenbar nie in einem ruhigen Ton sprechen. Und Schmidt setzt fort: "Hacha und (der damalige Außenminister) Chvalkovsky saßen wie versteinert in ihren Sesseln. Nur ihre Augen verrieten, dass sie noch am Leben waren. Für beide musste es ein großer Schock gewesen sein, direkt von Hitler zu erfahren, dass das Ende ihres Landes gekommen war. Es war also kein Gespräch, sondern lediglich die gehäufte Ansammlung von ultimativen Drohungen mit eventuell geäußerten Versprechen."

Adolf Hitler auf der Prager BurgAdolf Hitler auf der Prager Burg Während der nächtlichen Verhandlungen erhielt Hacha von Hitlers Leibarzt eine Injektion mit Traubenzucker als Aufmunterung, obwohl er ihrer gar nicht bedurfte. Dazu bekam Hacha das Telefon der Reichskanzlei in die Hand gedrückt, um damit die Regierung in Prag zu informieren, dass die deutsche Wehrmacht schon in wenigen Stunden in Böhmen einmarschieren werde und ihr kein Widerstand zu leisten sei. Hacha hat Hitlers Befehle befolgt, denn ein Widerstand war zwecklos. Der gestresste und verängstigte Hacha hatte in dem Moment nicht den Mut zu sagen, dass er sich zwar beugen werde, aber nur unter Protest.

"Hitler war nach dem Abgang von Hacha begeistert davon, was er erreicht hatte. Davon spricht auch das Zeugnis seiner Sekretärinnen: ´Nachdem Hacha und Chvalkovsky gegangen sind, lief Hitler auf den Gang, von dem aus man hören konnte, wie er freudig in die Hände klatschte. Und als er in das Zimmer seiner Sekretärinnen trat, begann er voller Begeisterung zu schreien: Hacha hat unterschrieben. Das ist der größte Tag meines Lebens. Gebt mir jeder ein Küsschen. Ich gehe als größter Deutscher in die Geschichte ein. Und er ergänzte: Der Greis hat sich etwas gesträubt, aber sehr schnell aufgegeben. In Zukunft werde ich jeden Staatsmann auf die gleiche Weise einschüchtern. Das heißt, ich werde jeden genauso einschüchtern, zum Schweigen bringen, ihm drohen und ihn letzten Endes demütigen´. Das ist Hitler am 15. März 1939 gelungen."

Hacha ist erst bei seiner Ankunft in Prag so richtig bewusst geworden, was in jener Nacht geschehen ist. Sein Zug von Berlin nach Prag hatte mehrere Stunden Verspätung, und das offenbar nicht ohne Grund. Als er in der Moldaustadt ankam, war Hitler schon auf der Prager Burg. Und die Burgwache war bereits durch SS-Einheiten ersetzt worden.

"Hacha selbst hat erst am 20. März wieder Aufzeichnungen gemacht, oder besser gesagt: zu Protokoll gegeben, wie seine Verhandlung in der Reichskanzlei verlaufen sei. Dieses Protokoll ist schon deswegen interessant, weil es auch Hachas Denkweise verrät. Und seine Gedanken lassen ihn nicht wie einen Staatsmann und Politiker von Format erscheinen, sondern eher als einen gebrochenen Menschen, der für die Geschichte und für sich selbst eine Rechtfertigung dafür sucht, was geschehen ist, wessen er zur Schau gestellt wurde, wem er sich beugen musste und weshalb er deprimiert ist."

Emil Hacha blieb weiter in seiner Funktion, nun aber als Präsident des Protektorats Böhmen und Mähren.

"Man kann sagen, dass Hitler Emil Hacha für die ganze Zeit des Krieges gebraucht hat. Deshalb hielt er ihn auch in seiner Funktion, als dessen Kräfte und intellektuellen Fähigkeiten altersbedingt merklich schwanden. In seinen Erinnerungen hat sich Hacha mehrfach mit den Ereignissen des 15. März 1939 auseinandergesetzt. Nur ein paar Tage nach seiner Rückkehr aus Berlin hat er unter anderem zu seinem Arzt gesagt, er solle ihm für alle Fälle ein Gift vorbereiten, denn es könne die Situation eintreten, in der er nach ihm greifen werde. Später aber hat sich Hacha wiederholt versichert, dass er nicht anders habe handeln können. Die Nacht in der Reichskanzlei kam ihm immer wieder ins Gedächtnis, und zwar dann, wenn er die Brutalität der deutschen Okkupation hautnah miterleben musste, wie zum Beispiel die Racheakte auf das Heydrich-Attentat. Die Wellen der Gewalt haben das tschechische Volk und besonders seine Elite schwer getroffen. Hacha betonte, der 15. März 1939 habe gezeigt, dass der Einmarsch der Deutschen ohne einen drastischen Übergriff auf die Bevölkerung vonstatten ging und dass er somit nicht anders handeln konnte. Letzten Endes habe er das Volk vor einem solchen Übergriff bewahrt."

17-03-2007