Charta 77

19-01-2002

Von Kathrin Bock.

1977 - das ist nicht nur das Jahr, in dem die bekannteste tschechoslowakische Oppositionsbewegung entstand, sondern auch das Jahr, in dem in Prag fleissig an der Metro gebaut wurde, in dem die tschechoslowakische Eishockeymannschaft wieder einmal Weltmeister wurde, die Autobahn zwischen Prag und Brünn gebaut wurde und der 60. Jahrestag der russischen Oktoberrevolution gefeiert wurde.

Das Jahr 1977 begann in der Tschechoslowakei mit einem Paukenschlag: der ersten Erklärung der Charta 77. Am 7. Januar hatten sie führende europäische Zeitungen wie die Times, Le Monde und die Frankfurter Allgemeine Zeitung veröffentlicht. In ihrer Erklärung forderten die ersten 242 Unterzeichner im Grunde genommen nichts anderes als die Einhaltung der von der tschechoslowakischen Regierung unterzeichneten und verabschiedeten internationalen Verträge. Dies betraf insbesondere die Menschen- und Grundrechte, die Bestandteil der Schlussakte von Helsinki waren, die Ende 1976 von der Prager Regierung verabschiedet worden war und nun in Kraft trat. Die tschechoslowakische Regierung reagierte panisch. Im Parteiblatt Rude Pravo erschien am 12. Januar 1977 der erste Hetzartikel gegen die Chartisten. Unter der Überschrift "Schiffbrüchige und Selbsterwählte" hiess es unter anderem:

"...Die sog. Charta 77 hat eine Gruppe von Leuten aus den Reihen der verkrachten Existenzen der tschechoslowakischen reaktionären Burgeoisie sowie aus denen der Organisatoren der Konterrevolution von 1968 auf Bestellung antikommunistischer und zionistischer Zentralen gewissen westlichen Agenturen überreicht. Dabei handelt es sich um eine antistaatliche, antisozialistische, gegen das Volk gerichtete, demagogische Hetzschrift, die in grober und verlogener Weise die Tschechoslowakische sozialistische Republik und die revolutionären Errungenschaften des Volkes verleumdet."

Die Kampagne gegen die Charta 77, deren Erklärung in der Tschechoslowakei erstmals erst Ende 1989 veröffentlicht wurde, nahm im Januar und Februar 1977 gigantische Formen an - nicht nur in den Zeitungen wurde gegen die Intellektuellen gehetzt, die es gewagt hatten, das Regime zu kritisieren. Auch im Fernsehen war man nicht untätig. Täglich wurden in den Nachrichten Resolutionen von Fabriken, Schulen, Krankenhäusern vorgelesen, in denen die Charta 77 verurteilt wurde. Bekannte Künstler wurden tagelang von der Partei bedrängt, sich gegen die Charta auszusprechen. Am 28. Januar versammelte sich dann im Prager Nationaltheater die Elite der tschechoslowakischen Kultur: Schauspieler, Sänger, Musiker. Auf Geheiss der Kommunistischen Partei wetterten sie gegen die Chartisten und unterschrieben die sog. Anticharta. Wer weiterhin in der Tschechoslowakei ohne Probleme auftreten bzw. veröffentlichen wollte, der musste dieses Pamphlet der Kommunistischen Regierung unterzeichnen. Diese peinliche Vorstellung wurde live im Fernsehen übertragen -- da das ganze am Vormittag stattfand, sahen es nur 17 Prozent.

Nicht mehr live übertragen wurde die Versammlung der beliebtesten Popmusiker Anfang Februar, die ebenfalls die Anticharta unterzeichnen mussten. Unter ihnen war auch Karel Gott:

"Es gibt Zeiten und Situationen, in denen es nicht reicht, nur zu singen. Darum reiht sich auch meine Stimme ein in den grossen Strom der Künstler, die sich zu Sozialismus und Frieden bekennen: für ein noch schöneres Lied und eine noch schönere Melodie, für ein noch glücklicheres und freudigeres Leben dem Volke dieses Landes."

In den heutigen Ohren klingen diese und andere Beteuerungen führender Künstler für eine bessere, sozialistische Welt zu singen und zu komponieren, sehr fremd - damals, vor 25 Jahren waren sie jedoch eine Frage der künstlerischen Existenz.

Dank Presse und Fernsehen kannte nun jeder im Land die Charta 77. Am 1. Februar konnte ein Verzeichnis weiterer 208 neuer Unterzeichner veröffentlicht werden. Im Verlaufe des Jahres veröffentlichte die Charta 77 weitere 28 Dokumente, in denen sie u.a. auf die Verstossung von Menschen- und Grundrechten in der Tschechoslowakei hinwies, über die wirtschaftliche und soziale Lage im Lande informierte sowie über die Diskriminierung von Unterzeichnern der Charta, die zum Grossteil ihre Arbeit verloren hatten. Registriert wurden diese Dokumente im Ausland. Bereits am 17. Januar war in Paris ein internationaler Ausschuss zur Unterstützung der Charta entstanden. Mitglieder waren unter anderem Heinrich Böll, Friedrich Dürrenmatt, Arthur Miller und Graham Greene.

Ende Februar 1977 kam der niederländische Aussenminister Max van der Stoel nach Prag. Neben seinem offiziellen Programm empfing van der Stoel auch Jan Patocka, einen der Sprecher der Charta 77. Die tschechoslowakische Regierung protestierte gegen diesen "groben Verstoss" der Gastfreundlichkeit. Für den Philosophen Patocka hatte der ausländische Besuch tragische Folgen: nach stundenlangen Verhören durch die Staatssicherheit brach der 69jährige zusammen. Am 13. März 1977 starb Patocka in einem Krankenhaus. Sein Begräbnis fand im Zeichen der Zeit statt: ein Hubschrauber kreiste die ganze Zeit über den Friedhof, jeder Trauergast wurde photographiert und mit einer Videokamera aufgenommen. 20 Unterzeichner der Charta 77 wurden bereits vor der Beerdigung vorläufig festgenommen, andere auf ihrem Weg zum Friedhof.

Nach diesem ungewöhnlichen Start in das neue Jahr, schien 1977 ein normales Jahr zu werden. Ende März gab es Grund zur Freude: erstmals überschritt die Einwohnerzahl der Tschechoslowakei die 15 Millionen-Grenze. Über ein Drittel der Bewohner, 6,5 Millionen, waren damals Mitglied des Gewerkschaftsbundes ROH. Zu dessen Kongress trafen im Mai 1.300 Delegierte in Prag ein. 2,6 Millionen junge Bewohner der Tschechoslowakei waren Mitglied der sozialistischen Jugendorganisation SSM, die im Oktober ihren Kongress in Prag abhielt. Bei dieser Gelegenheit versprachen die 1.100 Delegierten aus der ganzen Republik sich noch intensiver für die ideologische Bildung der Jugend einzusetzen, diese noch mehr für die Erfüllung der von der Kommunistischen Partei gesteckten Ziele zu gewinnen und den sozialistischen Aufbau des Landes zu unterstützen.

Nicht ganz so rosig sah die Versorgungslage aus. Aufgrund eines zu trockenen Sommers 1976 verdoppelten sich die Kartoffelpreise. In den ersten Monaten des Jahres 1977 gab es in den Geschäften keine Vollmilch. Auch Kakao suchten die Käufer vergebens. Die Preise von Kaffee und Schokolade stiegen drastisch, da der tschechoslowakische Export sank, nahm auch der Import ab und bei jenen Luxusgütern wurde zuerst gespart.

Im Oktober 1977 reiste Präsident Gustav Husak in die DDR, wo er einen Vertrag über Freundschaft, Zusammenarbeit und gegenseitige Unterstützung unterzeichnete. Auch mit Rumänien und Polen unterzeichnete die Tschechoslowakei Deklarationen zur Vertiefung der Zusammenarbeit. Während Prag seine Freundschaft mit den Ländern des Warschauer Paktes betonte, wetterte es gegen die Politik der kapitalistischen Staaten. Im Juni protestierte die Prager Regierung in einer offiziellen Note gegen das Stattfinden des Sudetendeutschen Tages. Im Juli protestierten tschechoslowakische Arbeiter gegen den Plan der US-Regierung, Neutronenbomben herzustellen.

Aussenminister Bohuslav Chnoupek lobte im Oktober 1977 den Einsatz der Tschechoslowakei für Frieden, Sicherheit, Zusammenarbeit und Abrüstung in aller Welt. Stolz konnte der Aussenminister dem tschechoslowakischen Parlament mitteilen, dass die CSSR für die Jahre 1978 und `79 zum Mitglied des Sicherheitsrates der UNO gewählt worden war. Ausserdem hatte das Land zu jenem Zeitpunkt 1.942 internationale Verträge und Deklarationen unterzeichnet und war Mitglied von 60 internationalen Organisationen - zu Beginn des Jahres hatte allerdings die Charta 77 darauf aufmerksam gemacht, dass nicht alle von der Prager Regierung unterzeichneten internationalen Verträge und Abkommen auch wirklich eingehalten wurden - doch dies erwähnte der Aussenminister in seiner Rede vor dem Parlament natürlich nicht.

Das Jahr 1977 brachte neben dem Erfolg der tschechoslowakischen Eishockejmannschaft weitere erfreuliche Nachrichten: Die Vorbereitungen der Astronauten aus Polen, der Tschechoslowakei und DDR liefen auf Hochtouren. Stolz berichtete die Presse über den ersten tschechoslowakischen Astronauten: in der Tat flog Vladimir Remek im März 1978 als erster Tschechoslowake ins Weltall.

Das Prager Zentrum glich zuweilen einer grossen Baustelle: Fleissig wurde an der Metro weitergebaut, im Sommer 1978 konnte die zweite Linie, die durch das Stadtzentrum führt, eingeweit werden. Am 1. April 1977 fand mit dem historisierenden Drama "Lucerna" von Alois Jirasek die vorerst letzte Vorstellung im Prager Nationaltheater statt. Im Mai begannen die Bauarbeiten der sechsjährigen Generalrenovierung des Gebäudes. 1977 wurde auch die neue Schalterhalle des Prager Hauptbahnhofes fertiggestellt sowie das bis dahin höchste Prager Hochhaus mit 27 Stockwerken und einer Höhe von 104 Metern.

Im Oktober 1977 fand dann der erste Prozess gegen Unterzeichner der Charta 77 statt. Den vier Angeklagten wurde vorgeworfen, Literatur von in der Tschechoslowakei verbotenen Schriftstellern ins Ausland geschmuggelt zu haben. Die höchste Strafe betrug 3 1/2 Jahre - mit einer auf Bewährung ausgesetzten Strafe kam damals einer der ersten drei Sprecher der Charta davon - Vaclav Havel. Der hatte bereits in Zusammenhang mit der Entstehung der Charta einige Monate in Untersuchungshaft verbracht und war im Mai 1977 entlassen worden. Aller Repressalien und Kampagnen zum Trotz unterzeichneten bis Ende 1977 über 800 Unzufriedene die Charta. Ministerpräsident war in jenem Jahr übrigens Lubomir Strougal, gegen den Ende letzten Jahres ein Prozess wegen Amtsmissbrauchs begonnen hat.

Natürlich wurde auch in der Tschechoslowakei der 60. Jahrestag der grossen Oktoberrevolution gebührend gefeiert. Im November, dem Monat der tschechoslowakisch-sowjetischen Freundschaft beherrschten sowjetische Filme den Fernsehbildschirm und die Kinos, in den Theatern dominierten Stücke russischer Autoren und die Bewohner der Tschechoslowakei konnten den Eindruck gewinnen, dass die Feierlichkeiten in Moskau das Ereignis des Jahres sind, auf das die Augen aller Welt gerichtet sind. Und auch der tschechoslowakische Präsident durfte in Moskau einen Toast auf die Sowjetunion aussprechen.

Und damit sind wir am Ende unseres Ausfluges in das Jahr 1977.

19-01-2002