Angst vor Veränderungen – ČSSR im Herbst 1989

28-10-2019

Im Oktober 1989 standen in einigen Ländern des damaligen Ostblocks die Zeichen schon in Richtung eines Wandels. Anders war das jedoch in der Tschechoslowakei, die kommunistischen Machthaber wollten keinerlei Zugeständnisse machen. Warum das so war, und weshalb die sogenannte Samtene Revolution erst Mitte November begann, dazu ein Interview mit dem Politologen Robert Schuster.

Robert Schuster (Foto: Khalil Baalbaki, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Robert Schuster (Foto: Khalil Baalbaki, Archiv des Tschechischen Rundfunks) Herr Schuster, am 28. Oktober 1989 war hierzulande von einer politischen Wende noch nichts zu spüren. Warum war die Tschechoslowakei damals eines der letzten Länder im früheren Ostblock, in dem es zu Veränderungen kam?

„Ich würde sagen, in erster Linie hängt es damit zusammen, dass die damalige Partei- und Staatsführung sehr rigide war. Das waren wirklich orthodoxe Kommunisten, teilweise Stalinisten, die nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 an die Macht gekommen sind. Sie befürchteten, wenn sie die Schrauben – sprichwörtlich gesagt – ein bisschen lockern, dass die nachfolgende Welle die gesamte politische Elite wegschwemmen würde. Deswegen haben sie geglaubt, sie könnten so weitermachen wie bisher, das heißt, alles zubetoniert lassen. Andererseits galt es darauf zu schauen, dass rechtzeitig immer vor Weihnachten die Geschäfte voll sind mit Bananen, Mandarinen und anderen Besonderheiten, damit die Menschen ihre Grundbedürfnisse an Konsum stillen können. So sollte niemand auf die Idee kommen, vielleicht auch irgendwelche politische Forderungen zu stellen, zum Beispiel dass das System etwas liberaler wird. Dass es den Kommunisten bis dahin gelang, eine gute Versorgungslage aufrechtzuerhalten, ist meiner Meinung nach einer der Gründe, warum es mit der Umwälzung hierzulande relativ lange gedauert hat. Das war kein Vergleich zu Polen, wo aufgrund der jahrzehntelangen Mangelwirtschaft das ganze System viel früher in sich zusammenfiel. In den anderen Ostblockländern war es genauso, die Tschechoslowakei aber konnte sich eben auf diese Weise halten. Der zweite Punkt war vielleicht noch wichtiger, und zwar wenn man die Informiertheit der DDR-Bürger mit jener der Tschechen und Slowaken vergleicht. In der DDR hat man ja eigentlich zwei Leben geführt: Tagsüber war man offiziell linientreu, am Abend aber guckte man im Westfernsehen die Tagesschau sah daher auch, wie die Wirklichkeit ist. In der Tschechoslowakei gab es diese Möglichkeit nicht. Der Zugang zu freien Informationen durch Westmedien war sehr begrenzt. Insofern hatte man auch keine unabhängige Informationsquelle darüber, was in den Ländern um die Tschechoslowakei herum passiert oder schon geschehen ist.“

Im Gegensatz beispielsweise zu Polen oder Ungarn hatten die tschechoslowakischen Kommunisten auch nicht den Mut, in einen Dialog mit den Andersdenkenden zu treten. Sie haben vielmehr versucht, sich an der Macht zu halten. Warum ist es so gelaufen?

„Vor dem Dialog mit den Bürgern hatte man Angst. Man befürchtete, er könnte in einer offenen Revolte münden.“

„Zu den polnischen Kommunisten muss man sagen: Ihnen blieb gar nichts anderes übrig, als den Dialog aufzunehmen. Denn sie standen der Gewerkschaft Solidarnosc und damit einer eine Million starken Opposition gegenüber. Die Ungarn waren in einer etwas anderen Situation. Aber sie hatten schon vorher den eigenen Bürgern zumindest ermöglicht, zum Beispiel teilweise in Österreich zu arbeiten oder auch in gewisser Form unternehmerisch tätig zu sein. In der Tschechoslowakei war das nicht so, hier war alles zubetoniert. Und der Dialog mit den Bürgern war natürlich etwas, wovor man Angst hatte. Man befürchtete, dass er in einer offene Revolte münden könnte, so wie das 1968 der Fall gewesen war. Ich denke, viele der Kommunisten wollten nicht, dass sich dies wiederholt. Und diesem Ziel haben sie alles untergeordnet.“

Manifest „Několik vět“ (Foto: Marián Vojtek, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Manifest „Několik vět“ (Foto: Marián Vojtek, Archiv des Tschechischen Rundfunks) Trotz dieser rigiden Führung ist die Position der tschechoslowakischen Kommunisten ab dem 21. August 1988 aber sichtlich schwächer geworden. Dies äußerte sich zum Beispiel in dem Manifest „Několik vět“ (deutsch: Einige Sätze), das von Zehntausenden unterschrieben wurde, oder aber in den mächtigen Kundgebungen, die von da ab an bedeutenden historischen Tagen stattfanden. Doch der 28. Oktober gehörte eben nicht dazu. Im Gegenteil, schon 1988 wurden an dem Tag präventiv 50 führende Dissidenten festgenommen. Und die Polizei griff hart gegen die Demonstranten durch. Warum hatten es die Widersacher des Regimes gerade an diesem Tag so besonders schwer?

Einladung zur Kundgebung am 28. Oktober 1988 (Foto: Archiv Paměť národa)Einladung zur Kundgebung am 28. Oktober 1988 (Foto: Archiv Paměť národa) „Das Problem mit dem 28. Oktober lag darin, dass er jahrzehntelang kein Feiertag war. Dazu wurde er erst im Jahr 1988 erkoren, anlässlich des 70. Jahrestags der Gründung der Tschechoslowakei. Denn dieses große Jubiläum konnte man nicht einfach stillschweigend übergehen. Die Folge war jedoch auch, dass die Menschen auch an diesem Tag zu Protesten auf die Straße gegangen sind. Man muss jedoch einschränken, dass die Proteste sich größtenteils auf Prag beschränkt haben, denn die Hauptstadt war das Zentrum des Widerstands. Deswegen wurde Prag vom Rest des Landes weitgehend abgeschottet. Das heißt, Informationen gelangten weder hinaus noch hinein. Weil es damals ja weder Internet noch Social Media gab, konnten die Kommunisten den Aufruhr noch ziemlich unter dem Deckel halten. Richtig ist jedoch auch, dass das Staatsgründungsjubiläum 1988 gerade bei vielen älteren Tschechen und Slowaken die Erinnerungen wachwerden ließ an die Erste Republik. Das heißt, an Präsident Masaryk und die Ideale der Demokratie in der Zeit von 1918 bis 1939. Das war auch der Grund, weshalb viele in Prag auf die Straße gingen, um gegen die totalitären Machthaber zu protestieren.“

In manchen Rückblicken wird dennoch behauptet, dass der 28. Oktober 1989 der letzte Mosaikstein vor dem Zerfall des kommunistischen Regimes war. Ist dem so?

Proteste am 28. Oktober 1989 (Foto: Tschechisches Fernsehen)Proteste am 28. Oktober 1989 (Foto: Tschechisches Fernsehen) „Ich bin mir nicht sicher, ob man das so sagen kann. Denn Tatsache ist, dass die Zahl der Demonstrierenden an dem Tag relativ gering war. Und vor allem: Außerhalb von Prag wusste fast niemand davon, dass in der Hauptstadt demonstriert wurde. Zwar wurde am Abend auf ‚Radio Free Europe‘ oder auf ‚Voice of America‘ eine entsprechende die Nachricht verlesen und auch kommentiert – aber wie gesagt: Die Breitenwirkung war relativ gering. Trotzdem spürte man, dass irgendetwas in der Luft liegt. Etwas musste sich tun, auch im Zusammenhang mit den DDR-Flüchtlingen, die zuvor nach Prag geströmt waren. Denn es war eine riesengroße Sache, dass auf einmal Tausende von Menschen, die in der westdeutschen Botschaft in Prag Zuflucht gesucht hatten, ausreisen durften. Da hatten mit der Tschechoslowakei und der DDR zwei kommunistisch geführte Staaten auf einmal nachgegeben. Allein das war für viele schon ein großes Ereignis. Und vielleicht war das letzten Endes sogar der ausschlaggebende Punkt, der einem sagte: Der Kommunismus geht vielleicht doch seinem Ende entgegen.“

DDR-Flüchtlinge in Prag (Foto: Blanka Lamrová, Archiv der deutschen Botschaft in Prag)DDR-Flüchtlinge in Prag (Foto: Blanka Lamrová, Archiv der deutschen Botschaft in Prag) Die Kommunisten hatten tatsächlich große Angst davor, dass das Geschehen rund um die westdeutsche Botschaft in Prag überschwappen und zu einem Fanal werden könnte für die junge Generation der Tschechoslowakei. Und das hat sich dann auch bestätigt…

„Das stimmt. Die meisten DDR-Flüchtlinge waren noch dazu junge Menschen, so dass sich die gleichaltrigen Tschechen und Slowaken zwangsläufig die Frage stellten: Warum dürfen die ausreisen und wir nicht? Das war auch ein sehr wichtiger Aspekt.“

„Prag war das Zentrum. Und alle haben darauf gewartet, dass hier etwas passiert.“

Sie haben erwähnt, dass die Kundgebungen und Proteste fast ausnahmslos in Prag stattfanden. War es damals auch so ein typisch tschechoslowakisches Merkmal, dass die Moldaustadt über allem stand, sehr gut informiert und strukturiert war, während die Menschen im übrigen Land noch vom staatlichen Funk und Fernsehen abgeholt und entsprechend beeinflusst wurden?

Samisdat (Foto: Archiv der Nationalbibliothek in Prag)Samisdat (Foto: Archiv der Nationalbibliothek in Prag) „Dieses Fixiert-Sein auf die Metropole ist nicht nur ein tschechisches oder tschechoslowakisches Phänomen. Das gibt es in vielen Ländern, vielleicht nur mit Ausnahme Deutschlands. Denn das ganze gesellschaftliche und politische Leben wie auch eine Rebellion oder Revolution spielte sich eben in der Hauptstadt ab. Sicherlich lag auch die Zahl der Regimekritiker in Prag am höchsten im ganzen Land. In Brünn zum Beispiel gab es maximal vielleicht 50 Unterzeichner der Menschrechtspetition Charta 77. Die vielen Menschen in Prag konnten zudem sehr rasch miteinander in Kontakt treten, sich sozusagen gut vernetzen. Überdies sind auch die meisten Samisdat-Zeitschriften hier erschienen, von wo aus sie auf zum Teil abenteuerliche Weise auf die anderen großen Städte des Landes verteilt wurden. Aber wie gesagt: Prag war das Zentrum, und alle haben darauf gewartet, dass hier etwas passiert.“

1989 in Ostrava (Foto: Archiv des Projektes Moderní dějiny)1989 in Ostrava (Foto: Archiv des Projektes Moderní dějiny) Prag war also so eine Art Barometer: Man wartete darauf, dass die Kurve ausschlägt und sich somit etwas bewegt, oder ob die Anzeige stehenbleibt und damit besagt, ihr müsst weiter mit diesem Regime leben…

„Zwei Dinge will ich dazu sagen. Zum einen ging es um die Frage: Wer brennt das Zündholz an? Das war Prag. Der zweite Aspekt aber war sogar noch wichtiger. Denn es musste eine Antwort darauf gegeben werden, ob dieses kleine Feuerchen dann auch auf das ganze Land übergreifen kann. Zum Beispiel ging es darum, ob von diesem Feuer eben auch die großen Industrieregionen in Nordmähren wie Ostrau und Vítkovice vereinnahmt werden können. Denn das waren die Stützen des Regimes, dort waren die Bergleute, die Stahlkocher und andere Industriearbeiter. Auf sie haben die Kommunisten jahrzehntelang gebaut. Man wusste eben nicht, was sie tun werden, ob sie die Botschaften annehmen, die aus Prag kommen. Sie haben sie akzeptiert, und das war das Schlüsselmoment.“

Kranzniederlegung am Grab von Masaryk in Lány (Foto: ČT24)Kranzniederlegung am Grab von Masaryk in Lány (Foto: ČT24) Das von Ihnen eben Gesagte gehört bereits zur Geschichte der Samtenen Revolution, die am 17. November 1989 begann. Ich möchte aber noch einmal auf den 28. Oktober zurückkommen. Die bisherigen Staatspräsidenten haben diesen Tag genutzt, um verdiente Vertreter des Volkes mit Orden und weiteren Auszeichnungen zu ehren. Wird dieser Tag Ihrer Meinung nach seitdem würdig begangen oder teilweise auch politisch instrumentalisiert?

„Sicherlich ist dieser Tag auch besonders identitätsstiftend für das Land und Volk. Das hängt mit dem ersten Staatspräsidenten Tomáš Garrigue Masaryk zusammen. Denn der Nationalfeiertag beginnt jeweils für den amtierenden Präsidenten am frühen Morgen mit einer Kranzniederlegung am Grab von Masaryk in Lány bei Prag und endet mit dem feierlichen Zeremoniell auf der Prager Burg. Mehrere dieser Veranstaltungen werden vom Tschechischen Fernsehen live übertragen. Der höchste Vertreter des Staates ist also wirklich präsent, wie man überhaupt versucht, diesen Tag ganz staatsmännisch zu begehen. Ich denke, dass dieses Prozedere bis heute so geblieben ist, unabhängig davon, ob das jeweilige Staatsoberhaupt mehr oder weniger beliebt ist. Der 28. Oktober bleibt davon ohnehin unbeeindruckt. Meiner Meinung nach ist er nämlich ein wesentlich weniger konfrontativer Feiertag als der 17. November. Denn am 28. Oktober sind alle zusammen, das ganze Volk, egal ob man jetzt kommunistisch, liberal oder konservativ ist. Am 17. November aber besteht eine klare Trennungslinie, weil an diesem Tag die einen quasi ‚verloren‘ haben und die anderen ‚gewonnen‘. Das ist also eine etwas andere Kategorie, und da geht es halt auch weit politischer zu als traditionell am 28. Oktober.“

28-10-2019