Agnes von Böhmen – Leben, Heiligenkult und Prophezeiung

Seit gut sieben Jahrhunderten wird nach dem Grab einer der beliebtesten böhmischen Heiligen, der Königstochter Agnes gesucht. Der Grund dafür mag eine Prophezeiung sein, dass nach dem Auffinden des Grabes Ruhe ins Land einkehren wird. Für uns Anlass, das Leben der Agnes und den Kult um die Heilige eingehender zu betrachten.

Es hätte die Sensation des Jahrhunderts werden können. Im November vergangenen Jahres informierten fast alle tschechischen Medien, dass ein Team von Restauratoren in der Kastulus-Kirche (kostel sv. Haštala) in der Prager Innenstadt vielleicht das Grab der Heiligen Agnes von Böhmen gefunden hat. Agnes war eine Königstochter aus dem Geschlecht der Přemysliden. Ihr Grab gilt seit gut sieben Jahrhunderten, also seit den Hussiten-Kriegen, als verschollen.

Schon in früheren Jahren war angenommen worden, dass sich die letzte Ruhestätte in der besagten Kirche befinden könnte. Schließlich gehörte die Kirche früher zeitweise zum nahe gelegenen und von Agnes gegründeten Spital. Auch hatte Agnes in der Kirche ihr Ordensgelübde abgelegt.

Doch bei umfangreichen archäologischen Arbeiten in den 80er Jahren konnte nichts gefunden werden. Erst die neuen Untersuchungsmethoden, die in der Kirche eingesetzt wurden und auf biophysikalischen Messungen basierten, gaben der früheren Hypothese neuen Antrieb. Mit Hilfe der neuen Methoden wurden im vergangenen Herbst unter dem Hauptaltar der Kirche gewisse Anomalien festgestellt, die auf eine Grabstätte hindeuteten. Konkret wurde vermutet, dass sich in der Tiefe der Kastulus-Kirche ein Sarg mit zwei metallenen Gegenständen – eventuell dem königlichen Siegel und dem Äbtissinnenstab - befinden könnten.

Jaroslav PodliskaJaroslav Podliska Da diese Meldung fast zeitgleich mit dem Jubiläum des zwanzigsten Jahrestags von Agnes´ Heiligsprechung zusammenfiel, war das öffentliche Interesse groß. In diesem Zusammenhang wurde auch immer wieder auf die alte Prophezeiung hingewiesen, wonach in Böhmen erst dann ruhige und glückliche Zeiten eintreten werden, wenn das Grab von Agnes gefunden wird.

Doch als die Ausgrabungsarbeiten am vermuteten Grab der Heiligen dann begannen, kehrte schnell Ernüchterung ein. Der Leiter der Abteilung Archäologie am Prager Denkmalamt, Jaroslav Podliska, fasst die Ergebnisse der Funde wie folgt zusammen:

„Es gibt keine Anhaltspunkte dafür, dass es sich hier um das Grab der Agnes von Böhmen handelt. Nichts deutet darauf hin: Weder konnte bisher ein Grabstein gefunden werden, noch irgendein Beweis oder Weiteres, das die Authentizität bekräftigen würde.“

Die Ausgrabungen in der Prager Kastulus-Kirche laufen weiter, nur um die Suche nach dem Grab der Agnes von Böhmen ist es derzeit wieder ruhiger geworden. Das ändert nichts an der Tatsache, dass die Heilige für Tschechien eine bedeutende historische Persönlichkeit ist und ihr Leben von vielen Legenden und Geheimnissen umrankt wird.

Geboren wurde Agnes vermutlich am 20. Januar 1211 als neuntes und jüngstes Kind des böhmischen Königs Otokar I. und dessen zweiter Frau Konstanze von Ungarn. Agnes wurde für den Machterhalt der Přemysliden schon im Alter von drei Jahren mit Boleslav von Schlesien verlobt. Sie wurde jedoch in Klöstern erzogen und bat später Papst Gregor IV. um Erlaubnis, ein Leben als Ordensschwester leben zu dürfen. Von ihrem Bruder, König Wenzel I. erhielt Agnes ein Grundstück unweit der Moldau, wo sie ein Kloster und ein Spital für Arme erbauen ließ.

Die Ausgrabungen in der Prager Kastulus-Kirche (Foto: Barbora Kmentová)Die Ausgrabungen in der Prager Kastulus-Kirche (Foto: Barbora Kmentová) Agnes starb am 2. März 1282. Schon bald nach ihrem Tod wurde sie als Heilige verehrt. Seit wann kann man bei ihr von einem Heiligenkult sprechen? Petr Kubín ist Historiker und Experte für das Leben von mittelalterlichen Heiligen an der Katholischen Fakultät der Karlsuniversität in Prag:

„Der Kult ist im Mittelalter entstanden, aber es ist immer schwieri,g den genauen Zeitpunkt zu bestimmen und welche Umstände dazu geführt haben. Zur Heiligen Agnes von Böhmen gibt es eine mittelalterliche Legende in Latein, die später auch ins Deutsche und Tschechische übersetzt wurde. Die lateinische Fassung beginnt mit den Worten ´Candor lucis aeterne´. Auf Deutsch: Der Glanz des ewigen Lichts. Die Legende entstand irgendwann im 14. Jahrhundert und im Verlauf der Zeit entwickelten sich mehrere Fassungen. Die letzte, die bis heute erhalten ist, stammt aus den 30er Jahren des 14. Jahrhunderts und wurde anlässlich des Gesuchs der Prager Minoriten und Klarissinen zur Heiligsprechung der Agnes von Böhmen an den damaligen Papst Benedikt XII. nach Avignon geschickt. In dieser letzten Fassung wurden auch die ältesten Wunder erwähnt, die bei der Anrufung von Agnes stattgefunden haben sollen und welche bis in die 90er Jahre des 12. Jahrhunderts zurückverfolgt werden können. Agnes starb im Jahr 1282, was bedeutet, dass der Kult schon bald nach ihrem Tode beginnt. Es gibt aber auch Überlieferungen dieser besagten lateinischen Legende, die bezeugen, dass die heilige Agnes schon zu ihren Lebzeiten zumindest in ihrem Kloster verehrt wurde.“

Mit Böhmen wird vor allem der Heilige Wenzel als Landespatron und somit wichtigster Heiliger assoziiert. Welchen Stellenwert hat heute Agnes unter den Heiligen hierzulande?

Foto: Barbora KmentováFoto: Barbora Kmentová „Ich würde sagen, dass sie an herausragender Stelle steht. Sie kommt sogar gleich nach dem Heiligen Wenzel, dem Hauptpatron Böhmens. Das kann man auch heute gut am großen öffentlichen Interesse sehen, welches der vermeintliche Fund ihrer Grabstätte geweckt hat. Die Heilige Agnes ist allgemein relativ populär. Als vor einigen Jahren im Rahmen einer Fernsehshow der größte Tscheche in der Geschichte gesucht wurde, war sie unter den ersten hundert Namen. Ich würde sagen, dass Agnes heute sogar wichtiger ist als die anderen böhmischen Heiligen wie Prokop oder Adalbert, weil ihre Heiligsprechung im Jahr 1989 sogar noch vor der Samtenen Revolution stattfand. Der damalige Prager Erzbischof, Kardinal Tomášek, feierte dann die Messe im Veitsdom auf der Prager Burg gerade in der Zeit der Wende. Die Heilige Agnes wurde deswegen als eine Patronin der Samtenen Revolution angesehen. Heute ziert Agnes sogar die tschechischen Fünfzig-Kronen-Schein, was im europäischen Vergleich etwas Besonderes ist. Sie ist mittlerweile also eine sehr wichtige Heilige, was vorher nicht der Fall war. So wurde sie zum Beispiel erst 1874 selig gesprochen. Der Agnes-Kult war nicht offiziell verankert, auch wenn es viele Bemühungen gab, ihre Heiligsprechung zu erreichen. Es mag zwar seltsam klingen, aber sie ist jetzt wichtiger als in früheren Zeiten", so Kubín.

Es gibt eine Prophezeiung die besagt, dass erst dann Ruhe und Friede nach Böhmen einkehrt, wenn es gelingt, die Grabstätte der Heiligen Agnes zu finden. Wie kam es dazu? Dazu noch einmal der Historiker Petr Kubín:

Petr KubínPetr Kubín „Es ist eine alte Prophezeiung von Johann Papoušek aus Leitmeritz von der Hälfte des 15. Jahrhunderts. Sie wurde vom Jesuiten Bohuslav Balbín im 17. Jahrhundert wiederholt und spielt eine wichtig Rolle in der Barock-Zeit. Man versuchte schon damals das Grab der Heiligen zu finden, was jedoch bis heute erfolglos geblieben ist. Es gibt jedoch die Hoffnung, dass diese Prophezeiung gilt, und zuletzt wurde sie besonders während der Samtenen Revolution geäußert. In jener Zeit hat Pater Tomáš Halík folgende Paraphrase formuliert: Nicht das Auffinden ihrer Gebeine, sondern ihre Heiligsprechung werde dem Land gute Zeiten bringen. Jetzt, 20 Jahre nach der Revolution, ist man wieder auf der Suche nach glücklichen Zeiten - was vielleicht auch die große Sehnsucht erklärt, die Gebeine der heiligen Agnes von Böhmen zu finden. Das spielt eine wichtige Rolle, auch wenn dies nicht so sehr eine Frage an mich als Historiker ist, sondern eher an einen Psychologen oder Soziologen.“