110. Geburtstag von Premysl Pitter

Am 21. Juni jährte sich der Geburtstag von Premysl Pitter zum 110. Male. Aus diesem Anlass erinnert Katrin Bock im nun folgenden Kapitel aus der tschechischen Geschichte an diesen bedeutenden tschechischen Pädagogen und Humanisten.

"Baut man mit Eisen, rostet das Metall. Baut man mit Holz, wird dieses morsch, sogar Marmor bekommt Risse. Aber unser Material, die Kinderseele, ist für die Ewigkeit." So lautete das Motto von Premysl Pitter, der sein Leben in den Dienst anderer stellte - insbesondere Kindern versuchte der Prager Pädagoge und Humanist zu helfen, ganz egal welcher Abstammung oder Nationalität sie waren.

Die Aktion Schlösser

Anlässlich des 110. Geburtstages von Premysl Pitter luden das Pädagogische Museum in Prag und die Premysl Pitter und Olga Fierz Stiftung Mitte Juni zu einer Konferenz sowie Ausstellung ein. Zu diesem Anlass reisten auch einige jener Kinder von nah und fern an, die Pitter nach Kriegsende gerettet hat. Damals war Premysl Pitter von der Regierung beauftragt worden, sich jüdischer Kinder anzunehmen, die aus Konzentrationslagern zurückkehrten und keine Familien mehr hatten. Die heute in Israel lebende Magda Baron erinnert sich:

"Wir sind auf der Strasse herumgeirrt und wussten nicht wohin, irgendwie sind wir ins Milic-Haus gekommen und haben dort unser erstes warmes Zuhause gefunden. Von dort sind wir dann zum Schloss Stirin. Dort sind wir bis Ende 1945 geblieben und dort sind wir wieder geboren worden."

Bald wurde Pitter auf ein anderes großes und verdrängtes Problem aufmerksam - das Schicksal deutscher Kinder, die in den Wirren der Vertreibung ihre Eltern verloren hatten. Pitter gehörte damals zu den wenigen Tschechen, die die Behandlung der Deutschen kritisierten, dazu Professor Wolf Olschies, der sich seit langem mit Leben und Wirken Premysl Pitters beschäftigt:

"Er spricht ja auch einmal expressiv verbis: Die, die sich Christen nennen, dürfen nicht schweigen, sie müssen jetzt das Gewissen ihrer Nation sein." Jetzt dass hieß im Frühsommer 1945, und Pitter stellte sich hin und sagte: "Ihr wollt Tschechen sein? Ihr kopiert die Nazis" - das war natürlich ganz knallhart, dass ihm damals nichts geschehen ist, das, abgesehen von einzelnen kleinen Denunziationen und größeren Kritiken in den Medien, ist eigentlich ein Wunder."

Pitter beschloss damals kurzerhand auch deutschen Kindern zu helfen. So entkam die damals 12jährige Brigitte Zarges einem der zahlreichen Sammellager in Prag, in denen grausamen Verhältnisse herrschten:

"Wir waren so 21 Kinder, die aus der Raisova-Schule geholt wurden. Ich war ohne meine Eltern, die hatte ich verloren in den Internierungslagern, wir kamen in die Schlösser und wurden betreut. Als ich hinkam waren noch jüdischen Kindern in einigen Schlössern und nach und nach wurde das dann ausgetauscht. Das war kein Problem, wir waren ja Kinder, ich war damals 12, wir waren so mit die ältesten Kinder, die meisten deutschen Kinder waren viel jünger."

Und so lebten in den Schlössern einige Wochen nach Kriegsende deutsche und jüdische Kinder friedlich zusammen. Bald war die Zahl der deutschen Kinder sogar höher als die der jüdischen. Insgesamt zwei Jahre dauerte die Aktion Schlösser. 200 jüdischen und 600deutschen Kindern hatten Pitter und seine Mitarbeiter geholfen. Die meisten deutschen Kinder fanden ihre Eltern wieder, dutzende jüdische Kinder emigrierten nach Palästina. Viele haben bis heute miteinander Kontakt und Premysl Pitter und Olga Fierz betrachten sie als ihre zweiten Eltern.

"Sie waren wie meine Familie, beide, Premysl Pitter und Olga Fierz. Wir hatten immer engen Kontakt und damals, das war, als wären wir aus der Hölle ins Paradies gekommen."

Die deutschen und jüdischen Kinder von 1945 sprechen noch heute mit tiefer Dankbarkeit, Verehrung und Liebe von ihrem einstigen Wohltäter. Dieser rettete ihnen damals nicht nur das Leben, sondern vermittelte ihnen für den weiteren Lebensweg wichtige Werte. Der positive Einfluss von Pitter und seinen Mitarbeitern begleitete die meisten Kinder ihr Leben lang.

"Das war so ein unglaublich menschlicher Mann, der hat eine solche Ausstrahlung gehabt und eine Ruhe. Nicht nur Premysl Pitter, auch die ganze Mannschaft, die dort war, die haben sich mit einer solchen Fürsorge um uns gekümmert, das kann man eigentlich gar nicht schildern."

Das Milic-Haus in Prag

Zunächst wies nichts darauf hin, dass der am 21. Juni 1895 in Prag geborene Premysl Pitter ein herausragender Pädagoge und Humanist werden sollte. Eigentlich sollte er die Druckerei seines Vaters übernehmen. Doch der Erste Weltkrieg veränderte sein Leben. Entsetzt vom Frontgeschehen und wie durch ein Wunder dem sicheren Tod entkommen, stand für Premysl Pitter fest: dies war Gottes Fügung. Sein Leben wollte er fortan ganz in den Dienst anderer stellen. Als Christ und Pazifist kehrte Pitter aus dem Krieg in die neu gegründete Tschechoslowakei zurück und fand gleich sein neues Wirkungsfeld: im Prager Arbeitervorort Zizkov kümmerte er sich um Kinder aus armen Familien. Heute würde man seine Tätigkeit als sinnvolle Freizeitbeschäftigung gefährdeter Kinder und Jugendlicher bezeichnen - damals war es etwas ganz Neues, ja Revolutionäres. Viele nannten ihn einen Fantasten, doch Pitter gelang es immer wieder seine fantastisch anmutenden Pläne auch zu realisieren. Professor Olschies:

"Er stürmte los, es interessierte ihn nicht, wie die offizielle Politik war, wie die Meinung der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung war, er wusste, was richtig ist, er tat alles um diese Erkenntnisse des Richtigen auch in die adäquaten realen Schritte umzusetzen. Er hat gelegentlich fast etwas wie- ich bitte das nicht falsch zu verstehen - kriminelle Energie aufgebracht, um seine Pläne durchzusetzen. Alle legalen, halblegalen und illegalen Mittel genutzt, fantastisch und sich am Ende noch amüsiert darüber, wenn ihm mal wieder der Wind der Medien und der öffentlichen Meinung so richtig heftig ins Gesicht blies."

Weihnachten 1933 erfüllte sich ein Traum von Pitter: das Milicuv dum - das Milic Haus, das mit Hilfe von Spenden im Prager Arbeitervorort Zizkov gebaut wurde, öffnete seine Pforten. Blanka Sedlackova gehörte zu den Kindern, die es damals besuchten:

"Ich begann 1938 ins Milic-Haus zu gehen, da war ich 10 Jahre alt. Ich bin dann fast jeden Tag nach der Schule hingegangen. Es gab dort eine Bibliothek in der wir Hausaufgaben machten, ein Lesezimmer, verschiedene Werkstätten. Es war damals einfach eine schöne Einrichtung. 1938 da wurde zu Hause dauernd über Krieg gesprochen. Das Wort Krieg löste in mir als Kind Grauen aus. Aber wenn wir dann ins Milic- Haus kamen, ist alles von uns gefallen, das war ein Geschenk für mich. Ich glaube, dass war damals fantastisch für die Zeit und wohl einmalig in Europa, denn wir waren ja alles Kinder aus armen Familien."

Dass das Milic-Haus, das auch Olga Havlova, die verstorbene Frau von Ex-Präsident Vaclav Havel regelmäßig besuchte, etwas Besonderes, Einzigartiges war, sieht auch Professor Wolf Olschies so:

"Ich glaube, es hat in der Weltkulturgeschichte niemals eine humanitäre oder philanthropische Gründung gegeben in der Art Premysl Pitters - die Erziehungsgeschichte aller Völker kennt viele Beispiele - aber niemals wurde eines in späteren Erinnerungen mit einer solchen Begeisterung, Bewunderung, Hingabe beschrieben, wie das Milic-Haus in Prag. Und das von einfachen Leuten bis hin zu bewundernswerten Menschen, wie auch Olga Havlova, die sich ja auch mit dieser Begeisterung geäußert hat."

Nach der Okkupation der Böhmischen Länder im März 1939 öffnete das Milic-Haus seine Pforten für jüdische Kinder, die weder Schulen noch andere Einrichtungen besuchen durften. Hier konnten sie einige unbeschwerte Stunden am Tag verbringen. Abends besuchte Pitter dann mit Mitarbeitern jüdische Familien und verteilte Lebensmittel bis Ende 1941 die Deportationen begannen.

Nach 1945

Pitters wohl größtes und bewundernswertes Werk ist mit Sicherheit die bereits erwähnte Aktion Schlösser, die er zur Rettung jüdischer und deutscher Kinder nach Kriegsende startete. Nach der Machtergreifung der Kommunisten im Februar 1948 begann für ihn eine schwierige Zeit - mit seinen humanistischen und religiösen Ansichten war er den neuen Machthabern ein Dorn im Auge. Diese verstaatlichten 1950 das Milic-Haus und untersagten Pitter jegliche Tätigkeit. 1951 entschloss er sich zur Flucht, um einer drohenden Verhaftung zu entgehen. Zehn Jahre lang half Pitter dann im Flüchtlingslager Valka bei Nürnberg Emigranten aus dem Osten bei ihren ersten Schritten im Westen. 1962 zog er dann mit Olga Fierz in die Nähe von Zürich in der Schweiz, wo er unter anderem die Hus-Kirche für tschechoslowakische Emigranten gründete, in der er als Prediger wirkte. 1976 starb Premysl Pitter in der Schweiz im Alter von 81 Jahren.

In der Schweiz, Deutschland und Israel wurde Pitters Arbeit bereits zu seinen Lebzeiten mit Auszeichnungen gewürdigt. In seiner Heimat war er dank der Kommunisten lange vergessen, 1991 zeichnete ihn Präsident Vaclav Havel in Memoriam mit dem Tomas Garrigue Masaryk Orden aus.

Die überaus interessante Ausstellung im Pädagogischen Museum in der Prager Valdstejnska-Gasse ist noch bis zum 21. August geöffent.