100. Geburtstag von Nicholas Winton – Gedenken an eine beispiellose Rettungsaktion

Er gilt als der britische „Schindler“ und hat fast 700 tschechoslowakische Kinder meist jüdischer Herkunft vor dem Tod bewahrt. Die Rede ist von Sir Nicholas Winton. Im Jahr 1939 ließ der damalige Börsenmakler die Kinder aus dem von den Nazis besetzten tschechoslowakischen Reststaat in Sonderzügen in seine britische Heimat bringen. Die Regierung in London hatte die Aufnahme versprochen, sie stellte aber Bedingungen. Vor kurzem ist Nicholas Winton 100 Jahre alt geworden. Viele Gratulationen, auch ungewöhnliche, kamen aus Tschechien.

Sir Nicholas Winton (Foto: ČTK)Sir Nicholas Winton (Foto: ČTK) Sir Nicholas Winton genießt in Tschechien fast schon den Status eines Stars. Zweimal wurde sie bereits verfilmt, die Rettungsaktion, die Winton am Vorabend des Zweiten Weltkriegs startete. Tschechische Studenten und Schüler haben den Briten sogar für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.

Um zu verstehen, was die Menschen so sehr fasziniert an Winton, muss man ins Jahr 1938 zurückgehen. Am 29. September setzt der britische Premierminister Neville Chamberlain seine Unterschrift unter das von Hitler verfasste Münchner Abkommen. Auch Chamberlains französischer Amtskollege Edouard Daladier sowie Benito Mussolini unterschreiben. Frankreich und England hoffen, durch das Abkommen den drohenden Krieg verhindern zu können; sie opfern dafür aber die Sudetengebiete in der Tschechoslowakei.

Hitlers Wehrmacht marschiert darauf in die Sudetengebiete ein und ist nun noch näher an Prag – das Ende des demokratischen und selbstständigen tschechoslowakischen Staates naht. Nicholas Winton ist wie viele andere britische Staatsbürger beschämt über das Einknicken seiner Regierung gegenüber Hitler. Zu dieser Zeit arbeitet er als Makler an der Börse in London. Im Winter 1938 will er wie die Jahre zuvor zum Skiurlaub in die Schweiz fahren. Doch ein guter Freund lädt ihn nach Prag ein. Dort sieht er die Flüchtlingsmassen aus den Sudetengebieten, die nur eins wollen: in ein sicheres Land. Winton beginnt sich über das Schicksal der Kinder Gedanken zu machen.

„Mir wurde gesagt, dass es eine Organisation gäbe, die versuche ältere Menschen aus dem Land zu bekommen. Sie hätten aber keine Erlaubnis von der britischen Regierung und auch kein Geld, um auch Kinder ausreisen zu lassen. Ich sagte also, dass ich dies machen könnte, wenn es möglich wäre. Und es war nicht wirklich schwer. Es war harte Arbeit, aber nicht schwer, weil die britischen Behörden keine Probleme machten bei der Erteilung von Visa.“

Die britische Regierung stellte nur zwei Bedingungen: Jedes Kind sollte in eine Ersatzfamilie kommen und für jedes der Kinder sollten 50 Pfund hinterlegt werden. Die Arbeit begann und lief gleichzeitig in Großbritanien und in einem provisorischen Büro im Hotel Europa am Prager Wenzelsplatz an. Eine Organisation musste gegründet werden, Listen mit Namen wurden angefertigt und die Unterlagen vorbereitet. Am 14. März 1939 verließ der erste Zug mit rund 200 meist jüdischen Kindern den Prager Hauptbahnhof in Richtung London. Der tschechoslowakische Reststaat stand indes vor seinem Untergang.

Am 15. März 1939 marschierte die Wehrmacht in Prag ein. Die Rettung der Kinder schien nun ein gefährliches Unterfangen zu werden. Doch es folgten acht weitere Züge nach London. Nicholas Winton:

„Es gab keinen Widerstand von den Nazis. Es gibt sogar Fotos, auf denen zu sehen ist, wie die Gestapo den Kindern beim Einsteigen in die Züge hilft.“

Insgesamt 669 Kinder konnten auf diese Weise gerettet werden. Doch dann begann Deutschland den Zweiten Weltkrieg und die Transporte mussten abrupt eingestellt werden. 250 Kinder, die am 1. September bereits in einem Zug saßen, gelangten nicht mehr über die Grenze. Keines von ihnen hat den Weltkrieg überlebt. 1000 Kinder standen zudem auf Listen für weitere Rettungstransporte, auch von ihnen wurden die meisten Opfer der Nazis.

 

Sir Nicholas Winton mit Gratulanten (Foto: ČTK)Sir Nicholas Winton mit Gratulanten (Foto: ČTK) Obwohl die Rettungsaktion ein jähes Ende erlebte, zieht sie viele Menschen in ihren Bann. So auch die Schüler aus der kleinen südböhmischen Gemeinde Kunžak. Sie haben sich unter anderem an der Petition beteiligt, die den Friedensnobelpreis für Winton fordert. Aber nicht nur das. Eva Krásková ist die stellvertretende Schulleiterin in Kunžak:

„Als Nicholas Winton im Oktober 2007 Tschechien besuchte, wurden auch wir zu dem Treffen eingeladen. Und dabei haben wir ihn persönlich gefragt, ob wir unserer Schule nicht seinen Namen geben dürften. Er stimmte zu, und so heißt sie seit Januar 2008 Sir Nicholas Winton Grundschule.“

Es ist bisher die erste und einzige tschechische Schule, die Wintons Namen trägt. Verständlich, dass sich die Schüler vor zwei Wochen eingereiht haben in die lange Liste der Gratulanten zum 100. Geburtstag von Nicholas Winton. Die Idee sei gewesen, ihm ein Geschenk zu geben, das von allen Kindern kommt, so Krásková. Dafür stellten sich alle rund 180 Kinder in einen Kreis und zwar mit bemalten Blättern in der Hand.

„Als sie dann die Blätter hochhoben, entstand eine große Torte in zwei Formen: Mit der einen Seite der Blätter wurde die Zahl einhundert geformt, mit der anderen die Aufschrift ´Happy birthday´. Das haben wir gefilmt und Nicholas Winton als DVD geschickt“, schildert Eva Krásková.

 

Michal FranklMichal Frankl Anders als Kinderaugen sehen jedoch Historiker die Geschichte. Sie ordnen sie in die Zusammenhänge der jeweiligen Zeit ein. So auch Michal Frankl, Historiker beim Jüdischen Museum in Prag:

„Einerseits ist es eine einzigartige Tat gewesen, mit der viele Menschen gerettet werden konnten. Dabei muss man auch die Persönlichkeit von Nicholas Winton hervorheben. Er war sein ganzes Leben lang im humanitären Bereich aktiv, für ihn war es selbstverständlich zu helfen – Juden wie Nicht-Juden. Zudem war er ein hervorragender Organisator. Andererseits war Winton nicht der Einzige und auch nicht der einzige britische Staatsbürger, der in Prag im Winter 1938/39 aktiv war. Als Beispiel lässt sich Doreen Warriner erwähnen.“

Doreen Warriner half vor allem politischen Flüchtlingen. Sie und Winton hätten aber auch eine ganze Reihe Mitarbeiter gehabt, ohne die die Rettungsaktionen nie hätten stattfinden können, betont Frankl. Und nicht zuletzt müsse man sich vergegenwärtigen, wer nicht gerettet wurde: die Eltern und weitere Familienmitglieder. Frankl plädiert deswegen dafür, Winton nicht zu heroisieren.

„Ich glaube, dass Leute sehr häufig die Tendenz haben, sich einen einzelnen Helden vorzustellen, der mit seiner tapferen Handlung die Welt ändert. Doch das war Nicholas Winton nicht. Er hat unter bestimmten historischen Bedingungen gehandelt.“

Nicholas Winton ist sich im Übrigen genau dessen immer bewusst gewesen. Selbst hat er sich nie als Helden gesehen. Aber nicht nur das: Jahrzehnte lang verschwieg er sogar seine Rettungstat. Vielleicht wäre sie sogar völlig in Vergessenheit geraten, hätte nicht Wintons Frau Greta zufällig auf dem Dachboden ihres gemeinsamen Hauses eine Kiste mit den Dokumenten zu den Kinder-Rettungszügen entdeckt. Und so wurde die Geschichte ein halbes Jahrhundert später weltbekannt. Und auch die noch lebenden Kinder aus den Rettungstransporten erfuhren erstmals von ihrem wahren Schicksal. Seitdem sind sie mit Winton bereits häufiger zusammengekommen. Am 1. September dieses Jahres soll aber auch an jene Kinder erinnert werden, die nicht gerettet werden konnten.