10. Todestag von Kardinal Frantisek Tomasek

Als Kardinal Frantisek Tomasek am 4. August 1992 verstarb, erschienen nicht nur in tschechischen Zeitungen Nachrufe, auch in den führenden europäischen Blättern gedachte man des Prager Erzbischofs, der in Europa als eine der Symbolfiguren kirchlichen Widerstands hinter dem eisernen Vorhang bekannt war. Zunächst war seine Stimme zögerlich gewesen, doch mit dem Alter wuchs der Mut - Ende der 80er Jahre gehörte der greise Prager Erzbischof zu den wenigen lauten, kritischen Stimmen, die die herrschenden Verhältnisse in der damaligen Tschechoslowakei anprangerten. Unermüdlich setzte er sich für die Einhaltung der Religionsfreiheit und Menschenrechte ein. Vielen Tschechen ist sein Auftreten während der Samtenen Revolution heute noch im Gedächtnis, als sich Tomasek unmissverständlich auf die Seite der Demonstranten stellte. Der 10. Todestag des Prager Erzbischofs soll Grund für uns sein, an sein Leben und Wirken zu erinnern.

Frantisek Tomasek kam am 30. Juni 1899 im mährischen Studenka zur Welt. Der Sohn eines Lehrers begann nach dem Ersten Weltkrieg mit seinem Theologiestudium. Als 23jähriger wurde er 1922 zum Priester geweiht und wirkte 10 Jahre lang als Religionslehrer in Mähren. Dann begann Tomasek seine Karriere an der theologischen Fakultät in Olomouc-Olmütz. Bis zu deren Schliessung durch die deutschen Besatzer im November 1939 war er dort Assistent, nach der Wiedereröffnung 1945 arbeitete er als Dozent, 1947 ernannte ihn der damalige Staatspräsident Edvard Benes zum Professor für Pädagogik und Katechismus. In jenen Jahren verfasste der spätere Prager Erzbischof rund 30 theoretische Schriften und gab eine Zeitschrift über Erziehungsfragen und Schulwesen heraus.

Vielleicht hätte Frantisek Tomasek sein Leben als Theologieprofessor verbracht, hätten die Kommunisten nicht im Febraur 1948 die Macht in der Tschechoslowakei übernommen. Die theologischen Fakultäten im Lande wurden geschlossen und Tomasek teilte das Schicksal tausender Priester und Mönche in einem sozialistischen Staat: im Juli 1951 wurde er verhaftet und verbrachte drei Jahre in einem Arbeitslager für Geistliche in Zeliv. In dem ehemaligen Kloster waren bis zu 400 Priester und Mönche inhaftiert, die in Steinbrüchen und auf Feldern arbeiten mussten. Während des politischen Tauwetters nach Stalins Tod wurde Tomasek 1954 aus der Haft entlassen. Im Gegensatz zu vielen anderen Priestern durfte der Theologieprofessor in einem mährischen Dorf als Priester arbeiten.

Noch vor seiner Verhaftung war Frantisek Tomasek heimlich zum Bischof geweiht worden. Papst Pius XII. hatte Ende der 40er Jahre die Bischöfe in den entstehenden Volksdemokratien aufgefordert, für den Fall ihrer Verhaftung, Nachfolger zu weihen. Der Olomoucer Bischof hatte sich Frantisek Tomasek als Nachfolger und Vertreter ausgesucht. In einer geheimen Nacht- und Nebelaktion, bei der der zukünftige Bischof über Zäune klettern musste, wurde Tomasek zum Bischof geweiht. Kurz darauf wurde nicht nur der Olomoucer Weihbischof verhaftet, sondern auch Frantisek Tomasek. Noch Mitte der 60er Jahre verwehrte ihm allerdings die kommunistische Regierung die Ausübung seiner bischöflichen Funktionen. Tomasek durfte in den 60er Jahren lediglich als Dorfpfarrer tätig sein.

Doch der scheinbar unwichtige Dorfpfarrer führte in jenen Jahren eine Art Doppelleben. Das Regime hatte ihn wegen seiner Friedfertigkeit und ruhigen Art wohl als verlässlich eingestuft, eine andere Erklärung gibt es eigentlich nicht dafür, dass gerade Tomasek als einziger tschechischer Bischof zwischen 1962 und `65 an den Sitzungen des II.vatikanischen Konzils teilnehmen durfte. Die Reisen des Dorfpfarrers nahmen mitunter bizare Formen an: In seinem Pfarrhaus holten ihn staatliche Organe ab, die ihn zum Flughafen brachten. Dort wurden ihm seine bischöflichen Insignien überreicht. Spitzel begleiteten Tomasek nach Rom, wo er als offizieller Bote "sich verbessernder Beziehungen zwischen Prag und dem Vatikan" auftrat.

Als 1965 der damalige Prager Erzbischof Kardinal Josef Beran von einer Reise in den Vatikan nicht wiederkehren durfte, wurde Tomasek zum Verwalter der Prager Erzdiozöse bestimmt. Über ein Jahrzehnt dauerte der Kampf mit den Kommunisten, bis der mährische Bischof zum Prager Erzbischof ernannt und geweiht werden durfte. Es scheint, dass Tomasek wegen seines weichen, scheinbar leicht manipulierbaren Gemüts, aber auch wegen seines hohen Alters - er war bereits weit über 70 Jahre alt - für die Kommunisten akzeptabel war. Im Vatikan galt Tomasek als zutiefst gläubiger und zuverlässiger Katholik. Als 79jähriger wurde Tomasek nach 13jährigem Warten 1978 endlich geweiht und zum Primas der tschechischen katholischen Kirche ernannt. Bereits 1977 hatte ihn der Papst im Geheimen zum Kardinal erhoben - eine Tatsache, die viel über die damals in der Tschechoslowakei herrschenden Verhältnisse aussagt. Als ältester Kardinal hatte Tomasek 1978 an den beiden Papstwahlen teilgenommen und sich auch dafür eingestzt, dass das erste mal seit Jahrhunderten mit Karol Wotyla ein Nichtitaliener zum Papst gewählt wurde.

In Prag soll sich der mährische Priester zunächst sehr unwohl gefühlt haben. In diese ersten Prager Jahre fällt auch eine Tatsache, die ein dunkles Licht auf das Leben und Wirken des Prager Erzbischofs wirft: Frantisek Tomasek soll mit seiner Unterschrift die Zusammenarbeit mit der Stasi bestätigt haben. Über eine mögliche Mitarbeit des Geistlichen mit der kommunistischen Geheimpolizei liegen allerdings keine Akten vor. Leicht hatte es der Kardinal nicht, der bespitzelt und beschattet wurde und in dessen Amtsräumen Abhöranlagen installiert waren. Zudem bemühten sich die kommunistischen Machthaber, Tomasek für ihre Zwecke einzuspannen. Doch mit den Jahren gelang ihnen dieses immer weniger - im Gegenteil. Anfang der 80er Jahre forderte Tomasek alle Priester im Lande auf, nicht in regimefreundlichen Priesterorganisationen mitzuarbeiten. Kurz darauf warnte er vor der Lektüre der offiziellen katholischen Kirchenzeitung, da diese dem Regime näher stehe als dem Vatikan. Schliesslich scheute sich der Prager Erzbischof nicht mehr, öffentlich die Respektierung der Glaubensfreiheit und Menschenrechte in der Tschechoslowakei zu fordern. 1984 lud er zum Entsetzen der Machthaber, Papst Johannes Paul II. in die Tschechoslowakei ein.

Seinen ersten aufsehenerregenden Erfolg verbuchte Frantisek Tomasek 1985. Anlässlich des 1100. Todestages des Slawenapostels Method fand im mährischen Velehrad eine Wallfahrt statt, an der über 200.000 Menschen teilnahmen. Die Prager Regierung wollte diese Massenkundgebung als offizielle Friedensmanifestation ausgeben, doch der Kardinal machte ihnen einen Strich durch die Rechnung. Einer der Teilnehmer fasste dies wie folgt zusammen:

"Für den Erzbischof war dieser Tag ein Tag des Triumpfes, des menschlichen, des priesterlichen - und des politischen Triumpfes."

Die tschechoslowakische katholische Kirche und ihr Oberhaupt waren nun endgültig aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht: über 600.000 Menschen unterzeichneten Anfang 1988 eine Petition, in der eine bessere Stellung der Kirche gefordert wurde. Kardinal Tomasek unterstützte die Petition nicht nur, sondern reichte sie auch an die Prager Regierung weiter. Der greise Kardinal setzte sich nicht nur für Religionsfreiheit ein, sondern auch für die Respektierung der Menschenrechte. Er hatte nicht nur zur Untergrundkirche Kontakt, sondern auch zu Regimekritikern und Unterzeichnern der Charta 77.

Im Januar 1989 kritisierte Tomasek in einem offenen Brief an die Regierung das Vorgehen von Polizisten. Diese hatten eine Demonstration, die anlässlich des 20. Todestages von Jan Palach in Prag stattgefunden hatte, brutal aufgelöst. Damals schrieb der Prager Erzbischof unter anderem:

"Grobe Gewalt kann die berechtigte Sehnsucht der Bürger, in Freiheit zu leben, wie sie im 20. Jahrhundert selbstverständlich geworden ist, nicht ersticken. ... Die Ursachen dieser Äusserungen zivilen Ungehorsams sind in Fehlern der Regierung während der letzten Jahrzehnte zu suchen."

Bereits zuvor hatte Kardinal Frantisek Tomasek die Lage im Land in einem offenen Brief an die Regierung kritisiert und die Machthaber aufgefordert, die von ihr unterzeichnete Menschenrechtserklärung der KSZE einzuhalten:

"Es ist an der Zeit, dass die Zeit der Nichtgleichberechtigung beendet wird. Wir erwarten, dass eine grundlegende Reform des tschechoslowakischen Rechts gerade die Verpflichtungen berücksichtigt, die in Helsinki und Wien angenommen und von unserer Regierung akzeptiert wurden."

Am 12. November 1989 erfüllte sich ein erster Traum von Frantisek Tomasek: die selige Agnes von Böhmen wurde in Rom heilig gesprochen. 10.000 tschechosloakische Katholiken durften gemeinsam mit dem Prager Erzbischof zur Heiligsprechung der böhmischen Fürstin in den Vatikan reisen. Einer Legende zufolge, soll es in Böhmen zu grossen Ereignissen kommen, sollte die selige Agnes heiliggesprochen werden - die Legende erfüllte sich. Als Kardinal Frantisek Tomasek am 26. November 1989 im überfüllten Prager Veitsdom einen Dankgottesdienst für die Heiligsprechung hielt, war die Samtene Revolution bereits im vollen Gange. Tomasek sicherte den Demonstraten seine Unterstützung zu:

"In dieser wichtigen Stunde des Kampfes für Wahrheit und Gerechtigkeit in unserem Land stehe ich und die katholische Kirche auf der Seite des Volkes!"

1990 erfüllte sich ein weiterer Traum den Prager Erzbischofs: Papst Johannes Paul II. besuchte die Tschechoslowakei. Staatspräsident Vaclav Havel hatte diese Tatsache damals als ein Wunder bezeichnet. Als erster tschechischer Primas überhaupt konnte Tomasek einen Papst in seinem Lande begrüssen.

Im März 1991 trat der inzwischen 92jährige Prager Erzbischof aus gesundheitlichen Gründen von seinem Amt zurück. Am 4. August 1992 verstarb Kardinal Frantisek Tomasek. Wohl nur wenige Menschen haben wie er das Glück, die Erfüllung der gewagtesten Träume erleben zu dürfen.