„In den Jahren 1965 bis 1970 war ich häufig Ihr Hörer…“

Alles hat mit einem Brief begonnen: „Sehr geehrte Damen und Herren, in den Jahren 1965 bis 1970 war ich häufig Ihr Hörer, damals Tschechoslowakischer Rundfunk, Sendungen für Deutschland, Radio Praha. Ich habe 1965 einen Tschechischkurs gehört über Ihr Programm, den ich heute noch vor mir liegen habe. Nach 8 Lektionen habe ich einen Test bestanden und als Geschenk von Ihnen ein Buch über Prag erhalten.“ Anfang April dieses Jahres war der Verfasser dieses Briefs in Prag. Seine Erzählung können sie im heutigen Hörerforum hören.

Eiserner Vorhang (Foto: Jan Rosenauer, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Eiserner Vorhang (Foto: Jan Rosenauer, Archiv des Tschechischen Rundfunks) Andreas Erber wollte die Gelegenheit seines Aufenthalts nutzen und sich von Angesicht zu Angesicht mit einem Redakteur von Radio Prag über seine Erfahrungen austauschen. Dabei hat er von seinen Aktivitäten erzählt, die er dem Menschenrechtskampf weltweit gewidmet hat: Er hat dabei Russland, China, Vietnam, Burma und weitere Länder besucht. Erber hat seine Geschichte aber damit begonnen, wie er in den 1960er Jahren den Weg zu Radio Prag gefunden hat. Jemand, der die Geschichte von damals heute nicht kenne, könne sich die Lage kaum vorstellen, stellte er fest:

„Bayern lag nah an Prag, trotzdem war die Reise nach Prag wie eine Reise auf den Mond, denn hinter dem Eisernen Vorhang lag einfach eine andere Welt. Vielleicht war das überhaupt das erste Land, für dessen fremde Sprache (außer Englisch in der Schule) ich mich interessiert habe, um einfach den Leuten hinter dem Eisernen Vorhang meine Sympathie zu zeigen. Ich konnte dann auch persönliche Kontakte mit Menschen in der Tschechoslowakei schließen. Das habe ich dann ausgeweitet, mit Radio Moskau, mit Radio Sofia, mit Radio Budapest, ich war ja Mitglied im Kurzwellenklub. Ich habe auch mehrmals die Tschechoslowakei besucht und hatte hierzulande auch einen Freund, den ich heute wiederfinden möchte.“

Sowjettruppen marschieren in die Tschechoslowakei ein (Foto: Dusan Neumann, Wikimedia Commons Free Domain)Sowjettruppen marschieren in die Tschechoslowakei ein (Foto: Dusan Neumann, Wikimedia Commons Free Domain) Von ganz besonderer Bedeutung waren für Erber die Ereignisse aus dem Sommer 1968:

„Ein ganz großer Höhepunkt war für mich das Jahr 1968. Damals, ich war wehrpflichtiger Soldat, marschierten die Sowjettruppen in die Tschechoslowakei ein. Das ist Ewigkeiten her, aber ich erinnere mich sehr genau: Um sechs Uhr früh – ich war Unteroffizier vom Dienst – habe ich Nachrichten gehört und mitbekommen, dass die Sowjettruppen in die Tschechoslowakei einmarschiert sind. Als junger Mensch war ich immer sehr revolutionär eingestellt, und auch natürlich sehr intensiv gegen den Kommunismus. Ich war empört und habe dann unserem Verteidigungsministerium geschrieben, dass ich als Soldat in die Tschechoslowakei einreisen möchte, um mir ein Bild zu machen, wie die Situation ist. Und ich wollte meinen Freunden Hilfe anbieten, damit sie das Land verlassen können. Das war ein ganz ungewöhnlicher Weg, da man ja normalerweise die hierarchische Linie nach oben beobachten muss. Das bedeutet, erst den Kompaniechef fragen, und wenn der nein sagt, dann den Bataillonskommandeur fragen und so weiter. Das war ganz empörend für das Verteidigungsministerium, dass sich dieser kleine Soldat so etwas traut. Ich musste mit dem Kompaniechef zur Anhörung und Bestrafung meiner Tat beim Bataillonskommandeur antreten. Der Kompaniechef war sehr intelligent und wollte mich verteidigen. Der Bataillonskommandeur aber hat gesagt, er wolle dessen Meinung nicht hören. Ich bin aber ohne Bestrafung davon gekommen.“

Illustrationsfoto: Joe Bartlett, Wikimedia Commons Free DomainIllustrationsfoto: Joe Bartlett, Wikimedia Commons Free Domain Andreas Erber ließ sich nicht entmutigen und unternahm eine abenteuerliche Reise nach Prag:

„Dann bin ich ohne Erlaubnis, in ziviler Kleidung und mit falschen Angaben in meinem Visa in die Tschechoslowakei gefahren. Das war natürlich strengstens verboten. Ich habe meine Freunde besucht und auch mit russischen Soldaten Kontakt aufgenommen. Ich habe sogar ein Foto gemacht, mit einem sowjetischen Besatzsoldaten aus Charkow. Aber ich habe mich auch in Deutschland zehn Jahre lang nicht getraut, darüber zu sprechen. Ich war schon als Soldat so: die Leute haben gewusst, dieser Mensch lässt sich nicht in eine Schablone pressen. Ich habe auch als Soldat hunderte Briefe aus Ostblockländern bekommen, auch von den Radio-Stationen.“

An seinen überhaupt ersten Kontakt mit Radio Prag kann sich unser Hörer heute aber kaum mehr erinnern:

LeninLenin „Ich habe überlegt, ob es 1965 war, als ich den Tschechisch-Kurs gemacht hatte. Das hieße, ich wäre damals 18 Jahre alt gewesen. Ich hab mit dem Hören ein oder zwei Jahr früher angefangen, es scheint also, dass mit 16 oder 17 Jahren. Radio Prag und die Tschechoslowakei die ersten waren. Später ist es dann ist es dann sehr schnell explodiert, denn ich habe gesehen, dass es etwas ganz Revolutionäres ist. Ich habe als junger Mensch zunächst an den Sozialismus geglaubt, habe dann aber sehr schnell erkannt, dass das ja etwas ganz Abscheuliches war. Die sozialistische Realität und Lebensumstände und die Theorie von Marx und Lenin, die haben überhaupt nicht übereingestimmt. Und viele Menschen in den unterdrückten Ländern waren überhaupt nicht mit der Realität dieses Systems einverstanden. Dann habe ich mir immer mehr Informationen organisiert und Kontakte geknüpft. Man muss diese Regime bekämpfen.“

Foto: digitalart, FreeDigitalPhotos.netFoto: digitalart, FreeDigitalPhotos.net Seit Anfang der 1970er hat Andreas Erber aber nur noch sporadisch die Sendungen von Radio Prag gehört. Den Kontakt mit dem Land hat er aber nicht verloren:

„Ich habe ja viele Briefkontakte in die Tschechoslowakei gehabt und diese Kontakte und persönlichen Besuche haben dann dominiert. Sicherlich habe ich sporadisch auch weiter die Sendungen gehört. Ich habe auch jede Menge gute Informationsmaterialien bekommen. Denn es war ja die einzige Möglichkeit, unter der Regimekontrolle. Die Länder sollten ja Radio-Kontakte aufbauen und Sprachkurse anbieten, um so etwas wie eine Brücke zu bauen. Die Radio-Stationen haben diese Möglichkeit ausgenutzt, um die Menschen im Rahmen des Möglichen zu verbinden, vielmehr war ja nicht möglich.“

Sorgfältig abgeheftet in einer Mappe hat Herr Erber auch mit der Maschine geschriebene Blätter jenes Tschechisch-Kurses mit nach Prag gebracht, den er vor fast 50 Jahren mit Radio Prag absolviert hat:

„Das ist ein einzigartiges Dokument: Ein Tschechisch-Kurs von Radio Prag von 1965. Ich habe etwa acht Lektionen und dann einen Test gemacht. Als Preis habe ich ein Buch bekommen. Danach habe ich nicht mehr weitergemacht, weil die slawischen Sprachen sehr kompliziert sind und viel Aufmerksamkeit erfordern. Ich musste damals für andere Prüfungen in der Schule sehr viel arbeiten, daher war Schluss mit dem Tschechisch-Kurs. Aber es hat dazu gereicht, auf der Straße mit hübschen Mädchen zu reden: Dobrý den. Prosím mluvíte německy nebo anglicky? Jak se máte? Kolik je hodin?“

Foto: Stuart Miles, FreeDigitalPhotos.netFoto: Stuart Miles, FreeDigitalPhotos.net Das war’s für heute. Am Mikrophon war der Radio-Prag-Hörer Andreas Erber. Danke, liebe Hörerinnen und Hörer, für Ihre Aufmerksamkeit. Wir freuen uns auf ein Wiederhören in zwei Wochen. Bis dahin können Sie uns schreiben an: Radio Prag, Vinohradská 12, 120 99 Prag 2, Tschechische Republik. Oder elektronisch an: deutsch@radio.cz.